pn 6 2015

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Ein facettenreiches Pianistenleben

Lars Vogt

Von: Carsten Dürer

Es ist schon eigenwillig, dass der deutsche Pianist Lars Vogt hierzulande weniger wahrgenommen wird als in anderen Ländern. Zwar wird sein schon 1998 gegründetes Kammermusikfestival „Spannungen“, das jährlich im Eifeldorf Heimbach stattfindet, wahrgenommen, doch seine solistischen Verdienste werden anscheinend im Ausland mehr bejubelt als in den deutschsprachigen Ländern. Und das, obwohl es kaum eine vergleichbare Karriere eines deutschen Pianisten auf internationaler Ebene gibt. Mittlerweile hat Lars Vogt sich auch dem Dirigieren verschrieben. Doch das Zentrum scheint immer noch das Klavier zu sein. Seit er sich in Ausgabe 3/2008 von PIANONews besonders zu Schubert äußerte, hat sich viel getan. Soeben ist auch seine erste Bach-Einspielung mit den Goldberg-Variationen erschienen. Darüber und über vieles andere unterhielten wir uns mit Lars Vogt in seiner Berliner Wohnung.

Bach und die Säulenheiligen

PIANONews: Sie haben soeben zum ersten Mal in Ihrem Leben Bach eingespielt, die Goldberg-Variationen. Warum jetzt erst, im Alter von Mitte 40? War es nun die richtige Zeit, oder fühlten Sie sich zuvor noch nicht wohl genug mit Bach?

Lars Vogt: Ich weiß eigentlich gar nicht, wie es gekommen ist, dass ich damit so lange gewartet habe … [er denkt nach] Es war schon immer in meinen Gedanken und die Goldberg-Variationen fand ich „aus der Ferne“ immer schon interessant. Ich erinnere mich noch genau: Ich war 1997 eine Woche lang bei den Bamberger Symphonikern – ich ging in ein Notengeschäft und dann standen da die Goldberg-Variationen. Und da dachte ich mir: Die kaufe ich mir jetzt. Und so begann ich eine Variation nach der anderen zu üben. Aber es war immer eine Zu- und Abwendung – ein wenig damit beschäftigt, wieder liegen gelassen. Und so ging es sehr lange, ich bin eigentlich auch nie bis zum Ende gekommen. Vor zirka vier Jahren habe ich dann gedacht: Nun muss ich mal dabeibleiben und habe mich jeden Tag damit beschäftigt und eine Variation nach der anderen auch auswendig gelernt. Dann habe ich es auch das erste Mal für ein Rezital programmiert, das ich dann vor zwei Jahren spielte. Es war eine ziemlich langfristige Angelegenheit. Es sind nun 18 Jahre, nachdem ich das erste Mal durch die „Aria“ gespielt habe. [er lacht] Das hat einfach Zeit gebraucht, auch Zeit, dass ich wusste, was ich damit sagen möchte.

PIANONews: Aber andere Zyklen von Bach haben Sie schon gespielt, oder?

Lars Vogt: Nicht viel … im Konzert fast gar nichts. Die Englischen und die Französischen Suiten habe ich irgendwann mal gelernt, aber nie im Konzert gespielt. Jetzt reizt mich das allerdings mehr und mehr. Ich habe jetzt auch ein paar Suiten unterrichtet und habe entdeckt, was das für unglaubliche Kosmen sind … Da gibt es für mich jetzt einiges zu entdecken. Zumal ich eine unglaubliche Begeisterung für die historische Aufführungspraxis habe. Ich möchte zwar nicht auf einem alten Klavier spielen, finde aber, dass man so viel davon auf einem modernen Flügel anwenden kann: die Art des Phrasierens, das Non-Vibrato-Denken und so fort. Auch in Bezug auf die Pedalbenutzung. Bei den Goldberg-Variationen habe ich so gut wie gar kein Pedal benutzt, das war dann eine Art von Grundsatzentscheidung …

PIANONews: Wenn man über Ihre Konzertprogramme schaut, dann hat man beim solistischen Repertoire immerhin den Eindruck, dass es da feste Größen gibt: Mozart, Beethoven, Schubert, Schumann, Brahms …

Lars Vogt: … und Janácek und Schönberg, die auch immer wieder auftauchen.

PIANONews: Ja, richtig … sind das auch so etwas wie die Säulenheiligen für Sie?

Lars Vogt: Ja, schon. Wenn man sich die Frage stellt, wenn man etwas Neues einstudieren will: Was liebst du wirklich? Dann komme ich doch immer wieder zu diesen Komponisten zurück. Ich mag auch Rachmaninow gerne, aber wenn ich die Wahl zwischen Rachmaninows „Moments Musicaux“ und Beethovens „Hammerklaviersonate“ habe, dann gehe ich doch eher an Beethoven heran.

PIANONews: Chopin wäre vielleicht noch zu nennen, richtig?

Lars Vogt: Ja, aber auch wenig im Konzert. Jetzt vor kurzem habe ich mir den Jugendtraum erfüllt, eine CD mit Chopin einzuspielen. Die zweite Sonate habe ich jetzt häufiger im Konzert gespielt. Aber es gibt auch Stücke darauf, die ich noch nie im Konzert gespielt habe …

PIANONews: Ist das nicht mehr wichtig, dass man die Werke zuerst auf der Bühne spielt, bevor man sie im Aufnahmestudio für eine CD aufnimmt? Oder wird es heute eher üblich, dass man erst die CD einspielt und dann die Werke in den Konzerten präsentiert?

Lars Vogt: Nun, das freut natürlich die Schallplattenfirma … [er grinst] ist aber für die Aufnahme eigentlich nicht so gut … Ich denke, es kommt darauf an. Die Chopin-Sonate wollte ich schon genauso wie die Goldberg-Variationen auf der Bühne zuvor gespielt haben. Gerade bei dem Bach wollte ich auch die Dimensionen erlebt haben, denn diese 75 Minuten Spiel sind ja etwas vollkommen anderes als ein normales Rezital. Und genau das sollte man schon einmal erlebt haben. Beim Chopin hätte ich vielleicht auch einige Dinge dann anders gemacht, wenn ich sie zuvor im Konzert gespielt hätte, aber ich wollte sie aufnehmen und nicht notwendigerweise für ein Konzertprogramm vorbereiten. In einem Konzert muss man sehr spontane Dinge tun, man muss schnelle Entscheidungen treffen – das macht es ja auch so spannend. Eine Aufnahme ist etwas anderes: Man kann überlegen, wie man etwas aufbauen will, wie man eine Geschichte erzählen will, kann mit Dingen experimentieren. Es ist ein anderer künstlerischer Prozess.

PIANONews: Ist es denn heutzutage überhaupt noch wichtig, dass man CDs einspielt, oder ist dies eher ein Feld, das dem Ego des Künstlers geschuldet ist?

Lars Vogt: Ich denke, es ist durchaus schön für einen Musiker, bei dem sich ja alles beständig nach dem Spiel in Rauch verwandelt und einfach weg ist, mal etwas zu haben, was ein Statement ist – auch wenn das Statement einen Tag später schon wieder anders aussehen würde. Aber die Fotografie dieses Moments ist einfach einmal da. Ich denke aber, dass der Prozess wahnsinnig wichtig für uns ist. Nicht nur der Vorbereitungsprozess, sondern auch der Aufnahmeprozess, in dem wir unser eigener Lehrer werden, uns kritisch zuhören und abhören, und auch schockiert sein dürften über unser Spiel.

PIANONews: Spielt da auch der Druck eine Rolle, da man die Aufnahme normalerweise heutzutage in einer Zeit von höchstens drei Tagen hinbekommen muss? Denn ansonsten könnte man sich heutzutage ja auch beständig selbst aufnehmen und kritisch abhören.

Lars Vogt: Es ist schon etwas anderes im Studio … das ist dasselbe, wenn ich zu Hause sitze und ein Stück toll spiele, bedeutet das noch nicht, dass ich es auch auf der Bühne gut spielen kann. Im Studio hat man ein Aufnahmeteam, muss sich nicht um die Aufnahme kümmern, sondern ist wirklich allein für die künstlerische Deutung zuständig. Stimmung spielt aber auch dort eine Rolle. So habe ich beispielsweise oftmals bei den Aufnahmen im Deutschlandfunk in Köln in einem abgedunkelten Studio gesessen und gespielt, ganz für mich und vollkommen auf die Musik konzentriert. Diese Art von Stimmung hat auch eine Schönheit, wissend, dass man für sich ist, nur mit der Musik, und dass einem nur zwei gutgesonnene Menschen zuhören. Es ist ein schöner Prozess, den ich nicht missen will … und ich muss sagen, dass mir mittlerweile auch das ein oder andere gefällt, was ich da auf den Weg gebracht habe. Das liegt auch daran, dass ich dann doch ein wenig älter geworden bin, Entscheidungen nicht mehr aus dem Bauch heraus treffe, sondern aus einer Vielzahl aus Erfahrungen schöpfe, kammermusikalischen, sinfonischen, solistischen und aus Gesprächen.

PIANONews: Also kann man aufgrund dieser Erfahrungen im künstlerischen Prozess einer Aufnahme besser Entscheidungen treffen, die einen dann mehr befriedigen?

Lars Vogt: Nun, in einem Konzert können auch Dinge passieren, die einen sehr glücklich machen können. Es ist ein anderer Prozess, der sehr herausfordert.

PIANONews: Sind Sie denn mit dem Ergebnis zufrieden?

Lars Vogt: Immer häufiger. Natürlich denkt man immer an bestimmten Stellen: Da hätte ich noch dies mehr oder weniger stark spielen können und so weiter … Aber ich habe mir die Goldberg-Variationen in diesen Tagen nochmals angehört und bin sehr zufrieden. Ich habe dabei zu meiner ganz persönlichen Bach-Sprache gefunden. Denn ich will ja nicht Lars Vogt spielen, sondern ich will ja Bach spielen … [er lächelt] Und ich glaube auch, dass dabei etwas herausgekommen ist, das anders ist, als was es bisher so gibt. Auch aufgrund der intensiven Beschäftigung mit der historischen Aufführungspraxis. Das ist überhaupt etwas, was wir Pianisten viel mehr lernen müssen. Das sehe ich auch in meiner Arbeit mit meinen Studenten, denen ich immer wieder sage, dass sie sich Bach-Kantaten in Aufnahmen mit Ton Koopman und Neville Mariner anhören sollen, immer wieder. Damit man sich an die Art der Phrasierung, das Schwingen, die Leichtigkeit dieses Klangs einfach besser gewöhnt.

PIANONews: Wie sind Sie selbst dazu gekommen, durch das Dirigieren? Immerhin haben Sie auch L’arte del Mondo als Barockorchester dirigiert, richtig?

Lars Vogt: Natürlich ist es sehr angenehm, wenn ich zu solch einem Orchester komme, dass sie schon diese Art von Tonsprache beherrschen. Auch das Orchester, das ich nun als Chefdirigent leite, die Royal Northern Sinfonia in Newcastle in England, hat diese Art von Klang drauf. Ich glaube schon, dass durch das Dirigieren bei mir sich das Klavierspiel noch stark verändert hat. Ich merke das auch, wenn ich unterrichte, da spreche ich immer häufiger von Fagott-Stimmen und von anderen Dingen. Eigentlich spielen wir ja andauernd Orchester-Partituren …

PIANONews: Ist das nicht unterschiedlich, je nach Komponisten? Bei Chopin doch eher weniger …

Lars Vogt: Ja, sicher. Aber selbst bei solchen Werken gibt es dann auch Mittelstimmen, die ihr Eigenleben führen. Aber wenn man dann zu Brahms kommt, dann ist das alles vollkommen sinfonisch, ja! Eigenwillig ist es, dass viele Studenten diese Art der Phrasierung nicht nachempfinden können, sondern eine Phrase Note für Note spielen, anstatt daraus eine Geste zu machen.

PIANONews: Liegt dies nicht auch am recht wenig gelehrten Pedalspiel?

Lars Vogt: Pedal kann aber für uns Pianisten immens hilfreich sein, zum Beispiel, um Räume entstehen zu lassen. Ich glaube einfach nicht daran, dass manche Dinge dafür gedacht sind, dass man jede Note hören sollte. Es geht da vielmehr um Gesten, die da entstehen sollen. Das kann auch einmal eine Geste sein, die Trockenheit verlangt.

Musik und das Heute

PIANONews: Ist es denn heutzutage ein Problem, dass die jungen Pianisten durch die Perfektionierung des Hörens Angst davor haben, solche Gesten zu gestalten, und stattdessen versuchen, jede Nuance, jede Note hörbar zu spielen?

Lars Vogt: Das ist es. Und dann kommt noch hinzu, dass jeder junge Musiker Angst davor hat, anfechtbar zu werden, in einem Wettbewerb, auf der Bühne. Da kann man nur sagen: Wir sind schon anfechtbar, wenn wir morgens aufstehen! Wir müssen einfach dazu stehen, was wir machen. Es kann ja sein, dass wir in ein paar Jahren nicht mehr dazu stehen … aber genau dies ist es ja auch, was ein Publikum überzeugt – oder auch eine Wettbewerbs-Jury [er lacht] im optimalen Fall.

Das vollständige Interview lesen Sie in PIANONews 6-2015.

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