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„Ich bereue – selten etwas.“

Ingolf Wunder

Von: Marco Frei

Als Ingolf Wunder 2010 nicht den 1. Preis beim Warschauer Chopin-Wettbewerb gewann, war das für viele ein Skandal. Heute ist der Pianist bei der „Deutschen Grammophon“ unter Vertrag. Dabei ist der 1985 geborene Österreicher erst mit 14 Jahren von der Violine zum Klavier gekommen. Seine ersten CDs drehen sich um Chopin, Mitte Mai gastierte er bei den Münchner Symphonikern – mit Chopins Klavierkonzert op. 11.


PIANONews: Herr Wunder, bereuen Sie schon die deutliche Fokussierung auf Chopin?

Ingolf Wunder: Prinzipiell bereue ich nichts. Ich bereue selten etwas, zumindest versuche ich es – und meistens gelingt es mir auch. Wie es gelaufen ist, war es ein Glücksfall – um auch den Status zu bekommen, künstlerisch das machen zu können, was man wirklich in sich hat und selber denkt. Aber natürlich müssen viele Debüts mit Chopin ausgestattet sein, weil es das Publikum will.

PIANONews: Machen Sie alles, was das Publikum will?

Ingolf Wunder: Nein. Chopin ist aber so wundervolle Musik, dass das okay für mich ist. Die zweite Solo-CD, die gerade aufgenommen wird und vermutlich Ende 2012, Anfang 2013 bei der „Deutschen Grammophon“ erscheint, bietet eine große Vielfalt. 300 Jahre Musik, kurze Stücke aus jeder Epoche, von Scarlatti bis John Williams: Das ist das Projekt. Mein Leben wird nicht nur aus Chopin bestehen. Das ist oft, wie Sie sagen, schon eine Gefahr. Wenn man es will, ist es okay.

PIANONews: Julianna Awdejewa, Gewinnerin des Chopin-Wettbewerbs 2010, hat der Sieg eher geschadet. Tut Ihnen das leid?

Ingolf Wunder: Menschlich auf alle Fälle, aber das Leben ist lang. Man weiß nie, was passiert. Man kann vorher nie sagen, was so ein Wettbewerb auslöst. Da gibt es 12 bis 20 Juroren mit 12 bis 20 Meinungen. Es gibt auch eigene Interessen. Und so kommen Ergebnisse zustande, die man manchmal nicht versteht – oder eben doch.

PIANONews: Bereuen Sie, dass Sie damals beim Chopin-Wettbewerb der Siegerin auf der Bühne nicht applaudiert haben – was teilweise als demonstrative Geste wahrgenommen wurde?

Ingolf Wunder: Ehrlich gesagt kann ich mich daran nicht mehr richtig erinnern. Natürlich kochen bei Wettbewerben Emotionen hoch. Aber ich habe kein exaktes Erinnerungsvermögen: Ich kann nicht mehr sagen, wie ich mich gefühlt habe.

PIANONews: Fühlt es sich anders an, wenn man eine CD bei einem Majorlabel macht als bei einem kleinen?

Ingolf Wunder: Natürlich, vor allem beim ersten Mal. Nach dem Chopin-Wettbewerb bekam ich ja auch von anderen extrem guten Labels Angebote, aber ich bin mit Platten der „Deutschen Grammophon“ aufgewachsen: Die ganz großen Künstler waren alle dort. Für mich war das also ganz natürlich, und es war für mich eine ganz große Chance. Die Klavierschule, die mir am nächsten ist, das ist sozusagen die „goldene Zeit“ – von den 1920er bis in die 1970er Jahre. Manche von diesen Größen leben noch länger, aber bei ihnen ist der Klang ein ganz anderer als heutzutage. Das geht verloren. Vom Charakter her suche ich den Kompromiss: Ich habe kein Problem damit, Kleinigkeiten für ein gelungenes Ganzes zu verändern. Aber wenn es um meine prinzipielle Richtung geht, bin ich stur. Bei der „Deutschen Grammophon“ ist die künstlerische Freiheit absolut gegeben. Bis jetzt wurde alles, was ich aufnehmen wollte, ohne Widerrede akzeptiert.

PIANONews: Sie wollten also Ihr erstes großes Recital genauso aufnehmen?

Ingolf Wunder: Absolut, und zwar mit dem ähnlichen Programm wie beim Chopin-Wettbewerb. Weil es mir wichtig war, quasi ein Dokument zu schaffen – wie ich damals gespielt habe.

PIANONews: Obwohl es ein solches Dokument ja schon auf CD gibt. Das „Narodowy Instytut Fryderyka Chopina“ hat Ihre Wettbewerbs-Beiträge auf CD veröffentlicht.

Ingolf Wunder: Das stimmt, aber das waren Live-Aufnahmen vom Wettbewerb mit sehr viel Stress. Das ist etwas ganz anderes. Man hört den Unterschied …

PIANONews: … Und ich weiß nicht so recht, was ich besser finde. Die Studio-Aufnahme wirkt auf mich doch sehr klassisch.

Ingolf Wunder: Prinzipiell wollte ich einen fast schon ultraklassischen Chopin einspielen, als Dokument. Live-Aufnahmen sind immer anders, bei jedem Konzert spiele ich anders – nicht extrem, aber schon sehr viel extremer. Und das ist auch gut so. Schon Gulda hat gesagt, dass Studio-Aufnahmen dazu da sind, etwas Zeitloses zu schaffen. Ich bin ganz neu in diesem Business und musste mich an alles gewöhnen, an die vielen Reisen, wie alles funktioniert. Und weil wir die CD auch gleich nach dem Wettbewerb aufnehmen wollten, was auch ich wollte, war das alles sehr gestaffelt. Ich war vorher gerade in den USA, kam zurück, das war sehr gedrängt. Mir war trotzdem sehr wichtig, genau das aufzunehmen – obwohl es mir selber bewusst ist, dass es sehr klassisch geworden ist. Ich bin da etwas gespalten.

PIANONews: Inwiefern?

Ingolf Wunder: Ich habe sehr extreme Seiten, musikalisch. Schon als Kind und später habe ich oft viel zu schnell gespielt oder zu langsam, zu laut oder zu leise. Bei der ersten großen Chopin-CD war es mir wichtig, eine Mitte zu finden. Alles im Leben hat Vor- und Nachteile.

PIANONews: Wobei auch Richter, Rubinstein und Horowitz, die Ihre drei Klavier-Hausgötter sind, ja auch nicht in jedem Punkt für einen „klassischen Chopin“ stehen – mehr oder weniger.

Ingolf Wunder: Rubinstein schon, aber ja: Richter ist aus meiner Sicht absolut kein Chopin-Interpret und Horowitz auch nicht wirklich. Er hat manche Chopin-Stücke extrem gut interpretiert, aber es ist Horowitz und nicht Chopin. Rubinstein ist meiner Meinung nach einer der wenigen, wenn nicht „der“ Chopin-Interpret schlechthin. Er hat fast alles aufgenommen, und sein Spiel hat alle Attribute, die Chopin haben sollte. Es ist rund, singend, nie übertrieben.
PIANONews: Und Maurizio Pollini?

Ingolf Wunder: Das ist natürlich ein wunderbarer Pianist. Er ist sehr klassisch, nichts ist falsch. Aber sein Spiel hat oft nicht die Spontaneität, die bei Chopin auch zum Tragen kommt. Bei Chopin bleibt immer eine Diskrepanz: Auf der einen Seite muss alles geplant sein. Es darf nicht plötzlich etwas passieren, was nicht vorausgeahnt wurde. Aber es muss dennoch dieses Gefühl von totaler Freiheit bleiben. Eigentlich passt das gar nicht zusammen. Rubinstein schafft das – durch seine Rubati und wie er Phrasen zusammenfasst.

PIANONews: Was hat Ihr Chopin von Ihrem Lehrer Adam Harasiewicz?

Ingolf Wunder: Er ist einer der bedeutendsten Chopin-Interpreten unserer Zeit. Das wird er auch immer bleiben. Er hat sich quasi ausschließlich auf Chopin konzentriert, weil er das wollte. Er hat das Gesamtwerk Chopins aufgenommen. Wenn man alles von Chopin aufnimmt, kann nicht jedes Stück wunderbar sein. Auch bei Rubinstein ist das so: Horowitz spielt manche Mazurken besser. Aber es geht um das Gesamtbild, und da ist auch Harasiewicz sehr stark. Natürlich würde ich einiges anders machen, weil ich auch ein anderer Mensch bin. Ich bin sehr glücklich, dass wir mittlerweile Freunde sind. Er war der erste Lehrer, dem ich bei Chopin vertrauen konnte. Das war mir ganz wichtig.
PIANONews: Weshalb?

Ingolf Wunder: Weil ich einen sehr starken Willen habe. Deswegen war es für mich früher auch sehr schwierig, Lehrern zu vertrauen. Weil ich wusste, dass ich es eigentlich viel besser kann. Warum also? Ich kannte Harasiewicz’ Aufnahmen, deswegen konnte ich erstmals ehrlich an meinem Chopin arbeiten – und arbeiten lassen. Das war kein Unterricht in dem Sinn. Als ich bei ihm anfragte, sagte er mir: „Außer Meisterklassen habe ich nie unterrichtet. Ich weiß nicht, ob das funktioniert.“ Ich habe ihm gesagt: „Kein Problem. Ich brauche keinen Lehrer, sondern jemanden, der die Materie versteht.“ Wir haben uns gegenseitig vorgespielt und sind gemeinsam zu Ergebnissen gekommen.

Das gesamte Interview lesen Sie in PIANONews 4-2012.

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