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Natürliche Musikalität

Marianna Shirinyan

Von: Carsten Dürer

Es war beim Beim ARD-Musikwettbewerb 2006 in der Kategorie Klavier solo, als ich die damals 28-jährige Armenierin Marianna Shirinyan erstmals hörte. Und sie fiel mir auf. Damals schrieb ich über ihre Interpretation eines Mozart-Konzerts: „Herausstechend waren vor allem die Leistungen von Marianna Shirinyan, die sogleich durch ihr lyrisches Gestaltungsgespür auffiel, durch ihre Sensibilität und die Fähigkeit, die Sätze in ihrer dynamisch-dramatischen Struktur zusammenzuhalten. Hier […] wurde nun endlich Musik gemacht.“ Dann spielte sie im Finale des Wettbewerbs Beethovens 4. Klavierkonzert: „Sie gab den Zuhörern das Gefühl, dass da eine Musikerin auf der Bühne am Flügel sitzt, die sich individuelle Gedanken um ein Werk gemacht hat, die weiß, wie sie ganz eigen ein solches Werk wie dieses Konzert zu gestalten hat.“ Zudem war die junge Pianistin damals hochschwanger … Sie erhielt in diesem Wettbewerb den 2. Preis, den Publikumspreis und weitere Sonderpreise. Mittlerweile ist sie also Mutter, lebt seit etlichen Jahren in Dänemark, wo sie sich bereits einen Namen erspielt hat, und bringt nun eine Solo-CD auf den Markt, die mit Werken von Liszt, Alban Berg, Mozart und ihrem Landsmann Tigran Mansurian ein sehr persönliches Programm aufweist. Wir trafen die Pianistin nach einer Probe, in der sie das 1. Klavierkonzert von Dmitri Schostakowitsch spielte.


Es ist immer noch da, das Gefühl, das ich damals beschrieb, wenn man das Spiel von Marianna Shirinyan hört. Perfektes Anschlaggefühl paart sich mit hingebungsvoller Spiellust, individueller Phrasierung, die nie gegen den Strich läuft, aber erkennen lässt, dass diese Pianistin sich Gedanken gemacht hat. Es ist Ende Juli und wir treffen uns in Helmstedt, wo eine Probe innerhalb des „jung.klasse.Klassik“-Festivals mit dem Orchester M18, das ausschließlich junge Musiker in seinen Reihen hat, ansteht. Und dann Schostakowitschs 1. Klavierkonzert. Keine leichte Aufgabe für die Pianistin, den Solo-Trompeter, dessen Rolle hier der versierte und grandiose Jeroen Berwaerts übernimmt, aber auch für das Orchester und den jungen Dirigenten Johannes Klumpp. Doch es läuft ganz gut, wobei klar wird, dass das Werk für das Orchester frisch ist. Shirinyan merkt man das nicht an, obwohl sie uns nachher gesteht, dass sie das Werk erst vor knapp drei Wochen zu lernen begonnen hat und das Gefühl des „Frischen“, des „Grünen“, wie sie sich ausdrückt, einfach hasse.

Die Anfänge

PIANONews: Sie sind in Erivan, der Hauptstadt von Armenien geboren. Das ist nun nicht gerade der Ort, der berühmt dafür ist, eine große Anzahl von klassischen Musikern hervorzubringen. Das Ausbildungssystem war dasselbe wie in allen Staaten der Sowjetunion, richtig?

Marianna Shirinyan: Ja, es gab die Spezialschulen für Musik wie in Russland auch. Ich hatte einfach von Anfang an eine fantastische Klavierlehrerin. Es gab keinerlei Druck, sondern es war ein wunderbares Lernen. Allerdings wollte ich gar nicht Klavierspielen lernen. Meine ganze Familie spielt Geige und so wollte auch ich Geige spielen, ich war absolut darauf eingestellt. Aber als ich die Aufnahmeprüfung in der Spezialschule geschafft hatte und über ein gutes Gehör verfügte, wollte man mich gerne in die Klavierklasse stecken. Meine Mutter sprach mit der Direktorin, die ihr sagte, dass ich unbedingt für das Klavier geeignet sei. Auf der anderen Seite war es dann meine Großmutter, die einfach die Nase voll hatte mit drei Geigern im Haus, also meinem Vater, meiner Mutter und meinem Bruder. Sie sagte meiner Mutter, dass ich dann doch die Geiger begleiten könne. Also begann ich mit sechs Jahren das Klavierspiel. Und natürlich begleitete ich von Anfang an, begann mit meinen Bruder alles zu lernen. Als ich nach Deutschland kam, konnte ich dann mit dem Begleiten meinen Lebensunterhalt finanzieren – und hatte ein halbes Jahr später dann schon eine Stelle als Korrepetitorin.

PIANONews: Haben Sie auch mit Ihren Eltern gespielt? Ihr Vater war ja Volksmusiker.

Marianna Shirinyan: Ja, mit meinem Vater habe ich viel Volksmusik gespielt und er hat mir dabei sehr viel beigebracht. Bei uns zu Hause gab es auch sehr viele „verbotene“ Produkte. Mein Vater interessierte sich auch sehr für die Volksmusik, die in der Sowjetunion nicht erlaubt war. Es gab da eine Gruppe von Enthusiasten, die sich alles besorgte. Und das hat mich unheimlich geprägt. Er hatte ein Repertoire drauf, für das heute Roby Lakatos bekannt ist. Aber zu dieser Zeit war selbst Roby Lakatos’ Vater nicht einmal bekannt in Armenien.
Mein Vater war eine Person, die eigentlich gegen alles war. So sind wir am 1. Mai, wenn alle anderen zur Parade mussten, einfach weggefahren, um nicht daran teilnehmen zu müssen. So auch am 9. Mai, dem Tag des Sieges. [sie lächelt bei der Erinnerung]

PIANONews: Nach dem Zusammenbruch des Sowjetregimes ist Ihr Vater ja dann 1988 nach Frankreich gegangen. Warum?

Marianna Shirinyan: Diese Möglichkeit hat sich einfach eröffnet. Es gab in Armenien einfach keine Möglichkeit mehr, Geld zu verdienen. Es gab einen Armenier, der 10 Jahre zuvor nach Frankreich gegangen war, und er sagte, kommt und ich werde sehen, was ich für euch tun kann. Ich erinnere mich noch an den Tag nach dem Zusammenbruch des Regimes. Ich war damals 12 oder 13 Jahre alt. Mein Vater holte mich aus der Schule und es war ein Weg mit der U-Bahn und mit einem Oberleitungsbus. Zuerst fiel der Strom in der Metro aus und wir steckten eine Stunde lang fest. Aber alle waren darauf vorbereitet und hatten Kerzen dabei. Danach blieb der Bus stecken. Der Rest bis nach Hause waren noch fünf Kilometer. Also liefen wir. Dies schien meinem Vater dann so gegen den Strich gegangen zu sein, dass er beschloss, nach Frankreich zu gehen und Geld zu verdienen.

PIANONews: Wann genau haben Sie entschieden, nach Deutschland zu gehen? Funktionierte das Schulsystem eigentlich nicht mehr?

Marianna Shirinyan: Eigentlich hatten wir nicht wirklich ein funktionierendes Schulsystem. Wir hatten Winter- und Sommerferien, da es im Winter viel zu kalt im Schulgebäude war und im Sommer zu heiß. Nein, ich hatte einfach Glück. Es kam eine Dame nach Armenien, Ursula Linde, eine unglaubliche Frau. Sie repräsentierte eine Gesellschaft, die „Hessische Gesellschaft für Ostbeziehungen“ hieß. Sie hatten bereits viel für Russen wie Natalia Gutman, Gidon Kremer und Yuri Bashmet getan. Gerade diese sagten aber, dass sie weiter in den Kaukasus gehen solle, um sich dort um Kinder zu kümmern, da ihnen selbst schon genug geholfen würde. Und so kam sie an unsere Schule und wollte eine Kammermusikgruppe fördern, da sie verrückt nach Kammermusik war. Also gab es in unserer Schule ein Vorspiel für ein Klaviertrio, das nach Deutschland gehen durfte. Und natürlich wollte jeder. Ich wurde ausgesucht und das war der Lichtpunkt  für mich, das hat mir alles geöffnet – das war 1992, also war ich noch nicht ganz 14 Jahre.
Erst hatten wir als Trio einen intensiven Unterricht bei einem Lehrer für Kammermusik in Armenien, dann kamen wir nach Mainz, um im Haus von Frau Linde zu wohnen. Sie beherbergte uns im Sommer zwei Monate und im Winter zwei Monate. Und so traten wir viel mit diesem Trio in Deutschland auf, wurden von ihr animiert, Deutsch zu lernen, und haben auch Unterricht genommen.

PIANONews: Das bedeutet, Sie sind gependelt?

Marianna Shirinyan: Ja, wir gingen im Frühjahr und im Herbst in die Schule und im Sommer und Winter nach Deutschland. Und natürlich mussten wir auch Instrumentalunterricht haben. So nahm ich jedes Jahr an Meisterkursen von Karlheinz Kämmerling teil, hatten wir immer wieder Meisterkurse bei Menahem Pressler. Ohne Ursula Linde wäre vieles überhaupt nicht möglich gewesen. [sie spricht mit Ehrfurcht von dieser Frau]

Die Ausbildung

PIANONews: Wann ging es dann los mit einem regulären Studium?
Marianna Shirinyan: Das war ein wenig verwirrend: Ich hatte 1996 eine Aufnahmeprüfung für die Klasse von James Tocco in Lübeck bestanden, aber man wusste noch nicht, ob man mir ein Stipendium geben könne. So kam es, dass ich in Hamburg landete, da man mir dort ein Stipendium versprochen hatte. Allerdings erfuhr ich erst, als ich Tocco bereits abgesagt hatte, dass es nicht die Musikhochschule in Hamburg ist, sondern das private Konservatorium, das natürlich noch viel mehr Geld kostet als eine Hochschule. Anderthalb Jahre blieb ich dort, dann wechselte ich endlich in die Klasse von Konrad Elser in Lübeck.

PIANONews: Das war dann Ihre wichtigste Ausbildungsstation?
Marianna Shirinyan: Das war erst einmal eine große Erleichterung für mich und auch fantastisch in Bezug auf den Unterricht. Dann habe ich also versucht, Geld zu verdienen in Lübeck, hatte es auch als Kellnerin versucht, aber ich war zu verträumt und zu langsam. [sie lacht] Also begann ich wieder meine Freunde, die alle Streicher sind, zu begleiten. Das Repertoire hatte ich eh in meinen Fingern. Und dann kam aus heiterem Himmel ein Brief, ob ich für eine ganze Klasse von Geigern die Korrepetitionsstelle in Hamburg annehmen wolle. Ich sagte sofort zu. Da war ich gerade einmal 19 Jahre alt. Das war also ein Jahr vor meiner Aufnahmeprüfung in Lübeck. [sie lacht auf] Also habe ich erst diese Stelle gehabt, bevor ich begann zu studieren.

PIANONews: Bei Konrad Elser haben Sie ja dann auch Ihr Studium ein Jahr nach dem ARD-Wettbewerb 2006 abgeschlossen. War der ARD-Wettbewerb Ihr erster Wettbewerb für Klavier solo?

Marianna Shirinyan: [fast flüsternd] Nein, ich habe viele mitgemacht. Ich habe nie den ersten Preis, aber den zweiten, dritten oder vierten gewonnen. [mit normallauter Stimme fortfahrend] Maria Canals, Lions Wettbewerb in Brüssel und viele andere. Aber man hätte sich mehr darauf konzentrieren müssen. Und irgendwie hatte ich nie die Zeit, denn ich war mit meinem Begleiten immer und immer wieder beschäftigt. Auch in den Sommermonaten habe ich immer mehr Meisterklassen begleitet, es war einfach zu viel! Ich war plötzlich eingesperrt in meiner Begleitposition.

Der ARD-Wettbewerb

PIANONews: Wie war das dann mit dem ARD-Wettbewerb?

Marianna Shirinyan: Ich hatte 2004 eine Stelle bei einem der wenigen staatlichen Ensembles in Dänemark erhalten. Dort habe ich dann richtig Kammermusik gespielt, das war fantastisch, denn es war etwas vollkommen anderes als Geigen-Klavier-Sonaten zu spielen. Mit 27 Jahren dachte ich dann, dass es langsam die letzte Chance sein wird, um einen großen Wettbewerb zu spielen. Also habe ich mich zum ARD-Wettbewerb angemeldet und kurz darauf erfahren, dass ich schwanger bin. [sie lacht] Mein Mann sagte dann: Du liebst zu spielen, du hast die Chance, dich vorzubereiten. Also lass uns dorthin fahren, und hab Spaß. Wenn du weiterkommst, spielst du weiter, wenn nicht, machen wir einfach Ferien.

PIANONews: Dann ging es aber vollkommen gut, Sie haben den zweiten Preis gewonnen. Und noch einige Sonderpreise. War das wirklich ein Wendepunkt für Ihre Solo-Karriere?

Das ganze Interview lesen Sie in PIANONews 6-2012.

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