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Musikalischer Langstreckenläufer

Till Fellner

Von: Anja Renczikowski


Vor einigen Jahren wurde Till Fellner einmal gefragt, was er zurzeit lese. Italo Calvinos Essayband „Gesammelter Sand“, so ließ er damals wissen und fügte hinzu: „Was mich an diesem Buch beeindruckt, ist zunächst die Genauigkeit der Beobachtung, der staunende Blick gerade auf die unscheinbaren Dinge. Dann die Eleganz und Originalität des Denkens, das subtile Umkreisen der Gegenstände, ohne den Anspruch, sie ein für allemal erklären zu wollen.“ Heute antwortet er auf die Frage, inwieweit ihn auch außermusikalische Dinge beeinflussen, zurückhaltend: „Es ist immer schwierig, einen direkten Einfluss festzumachen, aber für mich gehört das Lesen dazu und ich kann mir nicht vorstellen, ohne das zu sein. Wahrscheinlich wird es auch in irgendeiner Weise mein Spiel beeinflussen.“ Liest man Fellners Beschreibungen über Calvinos Buch, lassen sich durchaus Parallelen ziehen. Auch er – so scheint es – liebt die beobachtende, akribische, abwägende und vorsichtige Herangehensweise. Zeit ist ein wichtiger Faktor im Leben des 1972 geborenen Wieners. Im Gegensatz zu den rasanten Karriereverläufen vieler seiner Altersgenossen hat er nichts überstürzt. „Klavierspielen“, so sagt Fellner, „ist eine langfristige Angelegenheit.“ Kontinuierliche Arbeit ist ihm wichtig. „Ich konzentriere mich möglichst auf zwei, drei Programme pro Jahr.“ Dinge wachsen zu lassen, Details zu erkennen und auch immer das Ganze im Blick zu halten, all das hat er von seinem Lehrer Alfred Brendel gelernt.


Vorbild und Mentor – Alfred Brendel

Till Fellner, der bei Helene Sedo-Stadler, Meira Farkas und Oleg Maisenberg studiert hat und 1993 als erster Österreicher den renommierten Concours Clara Haskil in Vevey gewann, war lange Zeit einer der Lieblingsschüler Brendels. Er schätzt Brendels langjährige Erfahrung und zwei wesentliche Dinge: „Da ist zum einen die Einstellung des Interpreten, dass er nicht vor dem Komponisten kommt, sondern im Dienst der Sache tätig ist. Und dann, was das Spiel betrifft – da ist diese Kombination aus der Ausarbeitung eines jeden Details und dem Überblick über ein ganzes Stück. Es gibt Musiker, die ganz genau sind und fast pedantisch Teile ausarbeiten, aber sie verlieren den Überblick über das ganze Stück. Und auf der anderen Seite gibt es sehr schwungvolle Musiker, die in einem Zug ein ganzes Stück spielen, aber sich nicht genug um die Einzelheiten kümmern.“ Vieles verbindet Fellner mit seinem Lehrer Alfred Brendel: der Sinn für Proportionen, eine ausgereifte Artikulation und die stetige Suche nach einem runden Klangbild. Immer geht es darum, einem Werk nicht das Konzept des Interpreten überzustülpen, sondern nach der inneren Notwendigkeit zu suchen, die sich einzig im Notentext findet. In regelmäßigen Abständen, etwa zwei-, dreimal im Jahr trafen sich Schüler und Mentor zu intensiver, manchmal auch mehrtägiger Probenarbeit. Auch wenn es quantitativ nicht viel erscheint, der junge Pianist nahm damals immer wieder entscheidende Anregungen auf. Brendel gilt als der „Denker“ unter den Pianisten, doch wer sich deshalb einen trockenen, didaktischen Unterricht vorstellt, der irrt. „Am liebsten unterrichtet er vom zweiten Flügel aus“, erinnert sich Fellner. „Und er hat diese wunderbare sprachliche Begabung, genau auf den Punkt zu bringen, was er sagen möchte, und teilweise weiß er eben auch sehr witzig zu formulieren. Aber es ist vor allem das, was er vorspielt, vorsingt oder mitdirigiert, wenn man spielt, was einem hilft.“ Die Vorstellung, dass Brendel seine Schüler zum Singen zu ermutigen weiß, mag verwundern. Doch hier wird klar, warum gerade das sangliche Element Fellners Interpretationen auszeichnet, egal ob er Bach, Beethoven oder Schubert spielt. Vor einiger Zeit hat er die zwei- und dreistimmigen Inventionen von Johann Sebastian Bach aufgenommen. Fellner verweist gern auf das Vorwort zu den Inventionen – hier schreibt Bach, die Aufgabe dieser Sammlung sei „zugleich gute inventiones nicht allein zu bekommen, sondern auch selbige wohl durchzuführen, am allermeisten aber eine cantable Art im Spielen zu erlangen“. Im Gegensatz zu puristischen Deutungen und Ansichten der historischen Aufführungspraxis ist es für Fellner kein Hindernis, die Werke Bachs auf einem modernen Flügel zu spielen. „Klarheit ist wichtig. Man muss das Pedal sehr differenziert einsetzen. Für einen atmosphärischen, plastischen und orchestralen Klavierklang ist die Hilfe des Pedals unerlässlich.“

Bach mit Poesie und Sinnlichkeit

Die Einspielung der Inventionen und Suiten kam überraschend, denn zuvor hatte Fellner das erste Buch des „Wohltemperierten Klaviers“ eingespielt. Viele erwarteten nun das zweite Buch. Aber auch hier nimmt Fellner sich Zeit, will die Stücke noch wachsen lassen. „Alfred Brendel sagte mir damals, das Polyphone läge mir, das sollte ich intensivieren. Also bin ich den Kosmos der Bach’schen Mehrstimmigkeit von den überschaubaren Strukturen her angegangen“, begründet er seine Entscheidung. Die Beschäftigung mit den Inventionen stand also schon lange vor der Einspielung des „Wohltemperierten Klaviers“. Einen entscheidenden Impuls, sich intensiver mit Bach auseinanderzusetzen, bekam er durch die Aufnahmen von Edwin Fischer: „Ich hatte als Student immer wieder Bach gespielt und es war immer so eine akademische Angelegenheit. Und dann hörte ich Fischers ‘Wohltemperiertes Klavier’. Er spielt mit viel Poesie und Atmosphäre.“ Neben Fischer und Brendel führte auch der Komponist György Kurtág Fellner zur Musik Bachs. Mit ihm hatte er die Gelegenheit, die dreistimmigen Inventionen zu erarbeiten. Was ist das Besondere an den kurzen, doch eigentlich für den Lehrgebrauch gedachten Stücken? Fellner fasziniert, dass es sich zwar um Übungsstücke handelt, sie aber auch dazu gedacht waren, den Klavierschüler in die Geheimnisse der Gestaltung einzuweihen. Dass sich die Inventionen, an die sich viele Klavierschüler – oft auch mit Schrecken – erinnern, mittlerweile immer weiter von ihrem rein pädagogischen Zusammenhang lösen, ist sicherlich auch das Verdienst von Pianisten wie Till Fellner. „Diese Stücke sind so verschieden im Charakter. Es gibt tanzartige Stücke bis hin zu Passionsmusik. Es gibt Stücke, da denke ich mehr an ein Cembalo und gesangliche Stücke, aber auch kammermusikalische Stücke wie die Nr. 5 der dreistimmigen Inventionen. Ein anderer Reiz ist die Kürze. Mit so wenig Noten und so wenig Zeit, da kommt es wirklich auf jeden Ton an und man muss von der ersten Note den Charakter treffen, sonst ist das Stück schon vorbei. So gesehen sind die zweistimmigen Inventionen noch schwieriger. Auch wenn das paradox klingt, aber da hat man noch weniger in der Hand.“


Ein musikalischer Langstreckenläufer

„Hans von Bülow nannte das ‘Wohltemperierte Klavier‘ und die Beethoven-Sonaten das Alte und Neue Testament des Klavierspiels.“ Für Till Fellner hat das auch heute noch Gültigkeit. „Nachdem ich vor einigen Jahren die 48 Präludien und Fugen von Bach gespielt habe, möchte ich mich nun den 32 Sonaten von Beethoven stellen.“ Im letzten Herbst begann Fellner seinen auf zwei Jahre angelegten Beethoven-Zyklus, der an sieben Konzertabenden das Sonatenschaffen vorstellt. Den gesamten Zyklus spielt er u. a. in New York, Tokio, London, Paris und natürlich in Wien. Dabei kombiniert er Sonaten aus verschiedenen Perioden und mit unterschiedlichen Längen. „Ich wollte die Sonaten nicht chronologisch spielen. Ich finde das ein wenig pedantisch. Ich glaube, man kann interessantere Programme machen, wenn man sich davon löst.“ Auch hier hat das Vorbild Alfred Brendel Spuren hinterlassen, denn Fellner ergänzt, auf die Frage, wie er die Sonaten zusammengestellt hat: „ Ich habe ziemlich lange nachgedacht und bin dann zu Brendels Auswahl gekommen. Ich spiele die Programme jetzt so wie Brendel bei seinem letzten Zyklus der Beethoven-Sonaten. Er hat verschiedene Möglichkeiten ausprobiert und ich dachte mir dann, wenn jemand wie Brendel vierzig Jahre experimentiert hat, nehme ich als Ausgangspunkt ‘his last choice’.“ Auch wenn sich der Pianist darüber im Klaren ist, dass das Publikum immer wieder gerne die großen Klassiker, die „Mondscheinsonate“, die „Appassionata“ oder eben die „Hammerklaviersonate“ hört, für ihn macht das keinen Unterschied und er gesteht: „Mir ist schon klar, dass viele Leute die ‘Mondscheinsonate’ schon tausend Mal gehört haben. Ich nicht. Ehrlich gesagt, ich spiele das Stück erst seit kurzer Zeit. Für mich sind alle Stücke frisch.“ Die „Hammerklaviersonate“ hat aber auch für Fellner nicht ihren Schrecken verloren. „Sie ist immer noch eine enorme Herausforderung für jeden Pianisten.“ Würde man Till Fellner mit einem Sportler vergleichen, so ähnelte er wohl einem Langstreckenläufer. Gerade Projekte, die eine intensive Vorbereitungsphase brauchen, scheinen ihm besonders am Herzen zu liegen. Die intensive Beschäftigung mit der Musik schützt ihn vor unbedachten Schritten und ungewollten interpretatorischen Effekten. Zwei Dinge versucht er in seiner Interpretation der Beethoven-Sonaten besonders hervorzuheben: „Vielseitigkeit, weil Beethoven mit jedem Werk ausdrücklich das Neue sucht, und Entwicklung, weil ihm ja immerhin so viel mehr Schaffenszeit gegeben war als etwa Schubert oder Mozart.“ Hat sich Till Fellner jemals die Frage gestellt, wann die Zeit reif ist für das „Wohltemperierte Klavier“ oder eben die Beethoven-Sonaten? Gerade was Bach betrifft, lassen sich viele Pianisten sehr viel Zeit, warten auf Alter und Weisheit, um ihre letztgültige Interpretation vorzustellen. „Das kann ich nicht verstehen“, wendet Fellner ein. „Auf diese Meisterwerke möchte man immer wieder zurückkommen. Vielleicht ist es ein schiefer Vergleich, aber ein großer Schauspieler, der mit 25 Jahren den ‘Faust’ spielt, warum sollte er den mit 35 Jahren nicht selbstverständlich wieder spielen, vielleicht mit einem größeren Horizont.“ Und der Pianist ergänzt: „Ich habe immer den Standpunkt vertreten, dass man die ganz schwierigen Stücke möglichst ganz früh lernen sollte. Eben weil sie so schwierig sind, braucht es eine lange Zeit, um sich da hineinzuleben. Natürlich werde ich diese Stücke in zehn Jahren anders spielen und hoffentlich noch ein bisschen besser. Ich wusste schon mit zwanzig Jahren, welche Stücke ich studieren und dann auch über meine ganze Laufbahn spielen möchte. Das Klavierrepertoire ist unendlich groß und es gibt viele reizvolle Stücke auf den ersten Blick. Aber ich denke, man sollte sich auf das Wesentliche konzentrieren.“

Leben im Hier und Jetzt

Neben dem Kernrepertoire mit Werken von Bach, Beethoven, Mozart, Schubert und Schumann spielt die zeitgenössische Musik eine große Rolle in Till Fellners Leben. „Ich lebe jetzt und interessiere mich sehr für das, was gerade geschrieben wird, und möchte das auch gerne spielen.“ Vor kurzem hat er zusammen mit dem Cellisten Adrian Brendel und dem Bariton Roderick Williams ein neues Stück von Harrison Birtwistle aufgeführt. „Die Arbeit mit einem Komponisten ist wunderbar“, und Fellner ergänzt mit einem Lächeln: „Man würde sich das bei der alten Musik wünschen, dass man beispielsweise Beethoven fragen könnte, was er sich bei den Metronom-Zahlen der Hammerklaviersonate gedacht hat.“ Ein Porträtkonzert über den Komponisten György Kurtág war Anfang der 1990er Jahre Ausgangspunkt, sich auch immer wieder mit Neuer Musik zu beschäftigen. Werke von Helmut Lachenmann und Heinz Holliger gehören ebenso dazu wie ein Klavierkonzert des österreichischen Komponisten Thomas Larcher, das in einiger Zeit auch auf CD erscheinen wird. Wie so viele Solisten beklagt Fellner, dass ihm wenig Zeit bleibt, Kammermusik zu spielen. Aber auch hier ist der selbstkritische Pianist darauf bedacht, Partner und Zeitpunkt behutsam auszuwählen: „Ich bin nicht sehr flexibel. Ich bin auch kein guter Platzspieler, der dann bei Festivals mit allen möglichen Leuten schnell zusammen spielt. Zurzeit konzentriere ich mich auf mein Trio mit Lisa Batiashvili und Adrian Brendel und auf Liederabende mit Mark Padmore.“
Ernsthaftigkeit strahlt Till Fellner auf der Bühne aus. Im Gespräch wirkt er gelöst, aber auch sehr konzentriert. Es spricht für sein uneitles Wesen und seine Bescheidenheit, dass er weniger über sich selbst, dafür umso lieber von seiner Musik sprechen möchte. Auch hier zeigt sich: Das Sprechen über Musik ist für ihn eine ständige Suche nach Wahrhaftigkeit und eine Möglichkeit der Reflexion. „Ich lese gerne und schreibe auch ein wenig und schaue mir auch gerne Filme an“, antwortet Fellner auf die Frage, was er in seiner freien Zeit macht. „Manchmal“, so gesteht er, „spiele ich auch mal gar nicht. Dann nehme ich mir eine Auszeit, um neue Kräfte zu sammeln. Das ist auch wichtig.“

www.tillfellner.com

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