Kein Blender

Denys Proshayev

Von: Carsten Dürer


Seit er im Jahre 2002 den ARD Musikwettbewerb in der Kategorie Klavier gewonnen hat, ist für Denys Proshayev das Pianistenleben Realität geworden. Er spielte mit zahlreichen großen Orchestern in Deutschland und im Ausland. Doch Proshayev ist dieser Erfolg nicht zu Kopf gestiegen. Dies mag auch an seinem beschwerlichen Werdegang liegen, den er gehen musste, bis er zu diesen Erfolgen kam. Vor kurzem stellte er seine erste CD bei Sony Classical vor, ein Debüt-Album ungewöhnlicherweise mit Werken von Jean Philippe Rameau. Doch was bewegt diesen jungen Pianisten, wie denkt er und wie sieht er seinen Werdegang in Zukunft? Wir trafen uns mit ihm in seiner früheren Ausbildungsstätte, der Hochschule für Musik und Theater in Hannover.



Als ich mich im Foyer der Hochschule für Musik und Theater in Hannover mit Denys Proshayev treffe, kommen bei ihm schnell altheimatliche Gefühle auf. Wir setzen uns in einer der kleinen Übekabinen zusammen, in denen er viele Stunden während seiner Studienzeit verbrachte, als er selbst noch kein Klavier zu Hause hatte. Und er sagt, dass er froh sei, dass diese Zeit hinter ihm liege, denn immerhin sei es heute noch schwieriger geworden, sich einen Überaum zu sichern, da immer mehr Klavierstudenten in der Hochschule studieren würden – auch durch die Zusammenlegungen von Hochschulen. „Heute muss man schon um fünf Uhr morgens hier sein, um sich für einen Raum einzutragen. Damals war es auch immer mit den Räumen eng, aber am Nachmittag bekam man immer irgendeinen Raum. Es ist schon schwieriger geworden.“ Er blickt sich gedankenverloren im Raum um, denkt wohl an die vielen Stunden in dem kleinen stickigen Raum mit einem Klavier.

Doch wir wollen vor allem erfahren, wie Denys Proshayev überhaupt zum Klavier gekommen ist, nachdem er in Brest geboren wurde. „Allein mit der Kindheit und meiner Geburtsstadt war es schon eine komplizierte Sache“, sagt er und lächelt. „In der sowjetischen Zeit wurde ich halt in Brest geboren, einer Grenzstadt, aber die damals zu Weißrussland gehörte. Ganz früher war das allerdings Polen. Meine Eltern kommen aus Russland. Fünf Jahre vor der Wende in der Sowjetunion sind wir dann aber in Kiew gelandet, in der Ukraine. Auf diese Weise bin ich ukrainischer Staatsbürger. Aber ich musste mich natürlich dort einleben, denn es war ja für mich ein vollkommen fremdes Land.“ 1986 kam die Familie Proshayev in Kiew an, zwei Wochen vor der Atomreaktor-Katastrophe von Tschernobyl. „Dort blieb ich bis 1998 und dann kam ich nach Hannover.“ Nun gut, das wäre die Kurzfassung, aber wie kam es zu der ersten Ausbildung in Kiew, und wie war das Gefühl, denn es war ja nicht Moskau und nicht St. Petersburg? Spürte man einen Nachteil? „Moskau war immer am stärksten, in Bezug auf die Lehrer und die Schüler. Dann kam St. Petersburg und mit Abstand dann Kiew. Eine Konkurrenz gab es nicht in der sowjetischen Zeit. Es kamen ja auch die Lehrer aus Moskau und hielten Meisterkurse ab, vielleicht könnte man sagen, dass Moskau alles ein bisschen unter Kontrolle hatte. Es gab einen regen Austausch, so dass alle, die in Kiew unterrichteten, in Moskau ausgebildet, oder teilausgebildet waren. Nach der Wende wurde es natürlich weitaus schwieriger, auch aufgrund der politischen Beziehungen und viele beklagen, dass es heute nicht mehr möglich ist, so einfach nach Moskau zu reisen. Heute liegt Kiew abseits des musikalischen Geschehens, auch selbst verschuldet, da man niemanden hineinlassen möchte. Früher kam jeder nach Kiew, jeder große Musiker, Milstein, Menuhin, van Cliburn und so fort. Heute kommen nur noch selten große Künstlernamen in die ukrainische Hauptstadt, solche wie Wirssaladze, oder mein Lehrer Valdimir Krajnev.“ Die Zeiten haben sich geändert, aber auch für Proshayev selbst. Doch noch einmal einen Schritt zurück.

Anfänge und Ausbildung


Angefangen hat Denys Proshayev seinen Musikunterricht überhaupt mit der Violine, warum eigentlich? „Der Grund war einfach. Damals waren die populärsten Instrumente Klavier und Gitarre. Diese Ausbildungsplätze waren also immer stark begrenzt. Man sagte uns, dass die Plätze für diese Instrumente alle belegt seien, das war noch in einer kleinen Stadt in der Nähe von Kiew, wo es nur eine einzige Musikschule gab. Es gab nur noch in der Violinklasse freie Plätze und so dachte meine Mutter, besser er beginnt überhaupt erst einmal.“ Da war er sechs Jahre alt, doch er kam mit dem Lehrer nicht gut klar: „Ein Jahr später habe ich dann eine Aufnahmeprüfung für Klavier gemacht und konnte dann wechseln.“ Vorkenntnisse hatte der junge Denys keine. Zwar unterrichtete seine Tante Violine und besaß ein Klavier, worauf er als Kind mal rumgeklimpert hatte, wenn er dort seine Sommerferien verbrachte – wie es Kinder nun einmal zu tun pflegen, wenn sie ein Klavier sehen. „Meine Mutter beaufsichtigte mich auch nicht oder das Üben und hatte wohl auch niemals den Anspruch, dass daraus etwas Beruflich-Professionelles werden sollte. Sie wollte nur, dass ihr Kind sich neben der Schule noch mit etwas anderem beschäftigt, es hätte auch Sport, Schwimmen werden können“, lacht er aus heutiger Sicht. Dennoch hatte man einen Zugang zur Musik, sein Vater spielte Akkordeon und hatte starkes Interesse an Musik, war aber kein Berufsmusiker.

Dann tauchen drei Lehrernamen auf, die einem hierzulande nur wenig sagen: Marina Krajsman, Leonid Fundiller und Irina Lipatova. „Meine erste Lehrerin war Frau Krajsman. Mit ihr hatten wir Glück. Sie war noch ganz jung, kam gerade vom Konservatorium und führte mich ganz natürlich an das Instrument heran. Für mich war es eine ganz unheimliche Sache, als ich endlich das erste Mal Klavier spielen durfte. Wir hatten ja selbst kein Instrument zu Hause, was damals auch noch eine schwierige Angelegenheit war. Zuerst lernte ich ja erst einmal Noten – aber dann weiß ich noch ganz genau, wie sehr ich mich freute, als ich dann das erste Mal im Unterricht wirklich spielen durfte. Ich hatte ein Notenheft mit Volksliedern. Und als ich dann spielte, war ich einfach glücklich.“ Drei Jahre lang hatte Denys Proshayev Unterricht bei dieser Lehrerin, ging nachmittags und abends in die Schule („Das war bei uns ab der 2. Klasse üblich.“). Er lernte jedenfalls frei von Repressalien und spielerisch: „Als ich dann später auf die Spezialschule für Musik kam, lernte ich Kinder kennen, die schon ab dem frühesten Alter von den Eltern auf eine berufliche Laufbahn hin trainiert wurden und darunter auch litten und wahrscheinlich bis heute leiden. Das war bei mir gar nicht der Fall.“ Am Beginn lernte er sehr schnell auswendig, wie es bei Kindern üblich ist. 10 bis 20 Minuten am Tag spielte er damals, mit Lust und Spaß, und konnte schon bald alles auswendig. Doch die Leichtigkeit der ersten Jahre sollte sich auch bei ihm ändern: „Auf der Spezialschule wurden die Anforderungen natürlich viel höher und entsprechend auch der Druck, so dass es eine ganz andere Atmosphäre gab“, erinnert er sich.

Die Kritik seiner Lehrerin half ihm. „Bei den kleinen Prüfungen, die wir damals hatten, war meine Lehrerin immer sehr kritisch mit meinem Spiel, niemals böse, sondern sie erklärte mir nur, was ihr nicht so sehr gefallen hatte.“ Wenn er so zufrieden mit der Lehrerin war, warum wechselte er dann? „Meine Lehrerin musste die Musikschule verlassen, da sie ein schwieriges Verhältnis zum Direktor hatte. Zudem zogen wir bald nach Kiew und so musste man dann auch auf eine andere Musikschule gehen. Eine Zeit lang bin ich noch bei ihr geblieben, aber die Strecke war auch sehr weit. Und letztendlich hatte sie mir auch Leonid Fundiller empfohlen.“ Unauffällig hat Marina Krajsman immer das Fortkommen von Proshayev mitverfolgt und durch Hinweise positiv beeinflusst. „Als ich nach einiger Zeit erstmals wieder zu ihr kam, um ihr vorzuspielen, sagte sie deutlich, dass ich etwas unternehmen müsse, um voranzukommen. Sie meinte, ich sollte auf die Spezialmusikschule gehen. Allerdings musste man dort Ukrainisch sprechen.“ Es war eine schwierige Zeit: „Sie müssen sich vorstellen, dass das gesamte System, in dem Sie bislang aufgewachsen sind und gelebt haben, auf einmal zusammenbrach. Auch in Bezug auf die Schulbildung. Wir befanden uns plötzlich wie in einem fremden Land. Ich musste dann Ukrainisch lernen, da dies gefordert wurde. Aber dies war ja für mich wie eine Fremdsprache, denn ich sprach ja nur Russisch. Ich musste einfach eine vollkommen neue Identität finden, und das als Kind. Selbst die Lebensmittel waren ja knapp.“ Entsprechend hatte der kleine Denys das Klavierspiel ein wenig vernachlässigt, es gab alltäglich Dinge, die wichtiger und dringender erschienen. Es kamen viele Faktoren zusammen. Es stellte sich aber mit diesen Problemen, der Sprache, den Anforderungen bald schon für die Eltern die Frage, ob dies überhaupt der richtige Berufsweg sei. „Und meine Mutter sprach sich eigentlich schon dagegen aus, denn sie meinte, die Spezialschule für Sprachen sei viel besser für mich geeignet. In dieser Situation habe ich als ersten wichtigen eigenen Entschluss deutlich gesagt: Nein, ich will weiter Klavier spielen.“ So ging Proshayev auf die Spezialschule und kam in die Klasse von Irina Lipatova. Allerdings war er mit 13 oder 14 Jahren recht alt und entsprach mit seinen doch recht spät aufgebauten Kenntnissen nicht den Anforderungen. Es gab eine große Kluft zwischen seinem Können und dem der anderen Kinder, die bereits mit fünf Jahren intensiv das Klavierspiel begonnen hatten. Auch im Bereich der Harmonielehre und Gehörbildung hatte er Lücken. Dennoch gab man ihm eine Chance, allerdings mit der deutlichen Aussage, dass die Lücken so schnell wie möglich geschlossen werden müssten. „Es war plötzlich ein ganz anderes Niveau, es war eine andere Welt, eine vollkommen andere Atmosphäre, die da auf der Schule plötzlich herrschte. Aber es war ja mein eigener Entschluss gewesen. Die Musik war in mein Leben gekommen und ließ mich nicht mehr los.“ Es war aber auch eine Welt, in der sich alle Menschen um ihn herum mit der „wunderbaren Sache Musik“ beschäftigten, „und das in einer so dunklen Zeit wie damals“.

Proshayev begann stark zu arbeiten, um bald schon zu der Welt derjenigen zu gehören, die schon aufgrund ihrer Erfahrungen eine gewisse weltmännische Haltung hatten. Kontakt zu seiner ersten Lehrerin, die heute in Israel lebt, hat er immer noch, denn immerhin hat sie ihn geleitet und begleitet. „Sie hat die Begeisterung für die Musik bei mir so gut geweckt, dass diese Begeisterung bis heute so geblieben ist“, sagt er nochmals deutlich und dankbar.

Und das Können von Denys Proshayev entwi- ckelte sich schnell, musste sich schnell entwickeln, wollte er die Chance haben, weiterhin die Musik zu seinem Beruf zu machen, denn nur die besten wurden nach den Prüfungen für ein Studium an die Musikhochschule geschickt. Wie schnell er sich entwickelte, zeigte, dass er im Internationalen Wettbewerb für junge Pianisten Ettlingen nach zwei Jahren auf dieser Spezialschule eine Auszeichnung gewinnen konnte. „Wettbewerbe und das Messen aneinander war schon sehr früh auf der Spezialschule eine der zentralen Thematiken. Aber mir war nicht so sehr wichtig, einen Wettbewerb zu spielen oder zu gewinnen, sondern für mich war es viel wichtiger, nach Deutschland zu fahren, das immer schon ein Wunsch für mich war.“ Es war für Denys Proshayev ein Erlebnis, mit allen, was zu solch einem Lebensereignis gehört: der Suche nach einem Sponsor, der einem die Reise bezahlt, und den Vorbereitungen überhaupt: Von Polen ging es mit dem Zug nach Ostberlin und dann nach Karlsruhe – der 14-jährige Proshayev war begeistert. Und noch im gleichen Jahr fuhr man mit der Schule nach Japan und einmal noch mit der Klavierklasse nach Aschaffenburg. Ein erlebnisreiches Jahr. Und was er dabei vor allem lernte, beschreibt er so: „Das Wichtigste war: dass ich bei dem Wettbewerb – so klein mein Programm auch war – lernte, dass man ein Programm vom Anfang bis zum Ende durchstehen musste, einfach durchkommen musste, egal wie, oder ob es da Stellen gab, die vielleicht besser hätten klappen müssen oder können. Und diese Fähigkeit, durchzukommen, die Kraft aufzubringen, durch ein gesamtes Programm zu spielen, das ist eigentlich das Schwierigste überhaupt, auch heute noch.“ Und er lernte vor allem auch, wie er im internationalen Niveau in diesem Alter stand mit seinem Können. „Aus dieser Sicht muss man natürlich Wettbewerbe mitmachen“, meint er auch heute noch. „Dabei sein ist alles, denn ich bin der Ansicht, dass jeder, der an einem Wettbewerb teilnimmt, eigentlich den ersten Preis gewinnen sollte, da sie so viel Arbeit hineingesteckt haben.“ Er betrachtet Wettbewerbe heute entsprechend anders, weiß um den Druck, vor allem auch den psychischen, der seiner Meinung nach mit 14 Jahren längst beginnt.

1998 kam er an die Hochschule für Musik und Theater in Hannover, in die Klasse von Vladimir Krajnev. Wie kam der Kontakt zustande? „Er veranstaltet ja seit längerem einen Wettbewerb für junge Pianisten in der Ukraine, der 1992 erstmals stattfand. 1996 ging also auch ich zu diesem Wettbewerb und spielte dort mit Beethovens 3. Klavierkonzert auch erstmals überhaupt mit einem Orchester zusammen. Daher habe ich zu diesem Werk vielleicht auch eine ganz besondere Beziehung behalten, denn es ist immer noch eines meiner Lieblingskonzerte. Ich gewann einen Preis und als ein paar Jahre später die Frage aufkam, wie es weitergehen sollte, habe ich Kontakt zu Krajnev aufgenommen. Und er bekräftigte mich und meine Mutter, es zu versuchen. Ich bestand dann die Aufnahmeprüfung und kam in die Klasse von ihm.“ Da war er bereits 19 Jahre alt und hatte ein Jahr an der Musikhochschule in Kiew hinter sich. „In Kiew an der Hochschule zu bleiben, schien mir nicht besonders motivierend, denn es gab nicht mehr die guten Lehrer wie früher und die gesamte Situation war recht bedrückend. Und ich glaube, dass es bereits ein Jahr später zu spät für mich gewesen wäre, einen Berufsweg aus dem Klavierspiel zu machen.“ Es war ein riesiger Sprung für den 19-Jährigen, eine neue Sprache, eine Umgebung, in der das gesamte Niveau höher ist.

Es folgte 1999 der Clara Haskil-Wettbewerb, weitere künstlerische Entwicklungen stellten sich ein, die Proshayev heute so resümiert: „Was ich hier in Deutschland und an dieser Hochschule in den letzten acht Jahren erlebt habe und wie ich mich entwickeln konnte, war immens. Man lernt immens viel, wenn man mit solch einem Pianisten und Pädagogen lernt. Ich konnte mir kaum vorstellen, wie eine Umgebung einen Menschen so stark beeinflussen kann. Und ich kann mir heute vorstellen, wie intensiv die Jahre damals in Moskau, mit Neuhaus, mit Namen wie Zak, Ginsburg und Fliere gewesen sein müssen – abgesehen von Gilels und Richter.“

Dann kamen einige andere Wettbewerbe, bei denen er Preise einheimsen konnte. Doch der Sieg beim ARD-Wettbewerb 2002 brachte dann den endgültigen Durchbruch. Die Teilnahme an Wettbewerben überhaupt sieht Proshayev extrem nüchtern und realistisch: „Sehen Sie, man braucht ja immer eine Motivation. Für einen Wettbewerb bereitet man neues Repertoire vor, entwickelt sich also weiter. Als Student hat man ja kaum Auftritte. Und wenn man dann keine Wettbewerbe spielt, dann fragt man sich, für wen man überhaupt arbeitet: Für sich selbst, für seine eigenen vier Wände? Da kommen Sie schnell in eine Sackgasse. Ein Wettbewerb bringt einen weiter.“ Er selbst vergrößerte sein Repertoire und seine „szenische Erfahrung“, wie er es nennt, sammelte also Auftrittserfahrung. Niemals ist er mit dem Anspruch zu einem Wettbewerb gegangen, ihn zu gewinnen: „Es ist doch von so vielen Faktoren abhängig, vor allem bei solch einer großen Konkurrenz. Manches Mal kommt man weiter, manches Mal nicht. Ich bin ja nach Hannover gekommen, um mich als Pianist auszubilden, und da gehören Wettbewerbe für mich einfach dazu.“

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