Klavierkonzerte a la camera

Fumiko Shiraga und und ihr Projekt Piano Concertos in Disguise

Von: Hans-Dieter Grünefeld

 

Die Tradition und der Salon

Ein Sinfonieorchester passte in keinen fürstlichen oder großbürgerlichen Salon. Zumindest wäre kaum Platz fürs Publikum geblieben. Deshalb etablierten sich im 18. und 19. Jahrhundert Konzerte mit Kammerbesetzungen, paradigmatisch in Wien: Klavier, 2 Violinen, Cello sowie Kontrabass und Flöte ad libitum. Um trotzdem sinfonische Werke aufführen zu können, wurden solche von Komponisten für diesen Zweck in verkleinerten Formaten arrangiert. Mäzene und andere potentielle Förderer, Musiker und Zuhörer waren mit diesen Miniaturausgaben zufrieden, denn sie gestatteten eine bequeme Aneignung neuester Klänge ohne erheblichen Aufwand. Die ökonomisch lukrative und sozial attraktive Verbreitung öffentlicher Konzerte seit dem 18. Jahrhundert (1725 Concerts spirituel in Paris) und vor allem seit Anfang des 20. Jahrhunderts die Medien Radio und Schallplatte verdrängten die Aufführungen von Kammerversionen sinfonischer Werke in Bereiche elitärer Privatheit. Seitdem werden die Orchesterpartituren als Idealfassung betrachtet.



Chopins Klavierkonzerte mit Streichquartett

Eine Hypostase, die von der Pianistin Fumiko Shiraga korrigiert wird, indem sie den eigentümlichen ästhetischen Wert etwa der Klavierkonzerte von Frédéric Chopin mit Kammerensemble wieder ins öffentliche Bewusstsein gerückt hat. Fumiko Shiraga ist 1967 in Tokyo geboren und kam im Alter von 6 Jahren mit ihren Eltern nach Deutschland. „Hier habe ich mein Abitur gemacht und an der Folkwang Hochschule in Essen sowie in Detmold und Hannover studiert. Die Kultur in Japan ist mir zwar bekannt, aber Deutschland ist schon meine Heimat. Ich bin europäisch aufgewachsen.

Zu meiner Überraschung hat mich im Jahre 1995 ein Produzent gefragt, ob ich Interesse hätte, das Klavierkonzert e-Moll von Frédéric Chopin mit Streichquartett aufzuführen. Wie mir bis dahin nicht bekannt war, hatte Chopin 1833 parallel zur Orchesterversion ein Particell für Streichquartett – plus Kontrabass ad libitum – beim Verleger Maurice Schlesinger in Paris veröffentlicht, zumindest aber eine solche Version als verkaufsfördernd geduldet. Diese Noten habe ich als Kopie gesehen. Da waren aber nur die Streicherstimmen aus der Orchesterpartitur übernommen, die Bläserstimmen nicht. So konnte Chopin das nicht aufgeführt haben. Allerdings war Improvisation damals üblich, sodass zu vermuten ist, Chopin habe die fehlenden Stimmen am Klavier spontan ergänzt. Im 2. Satz fehlt die Fagottmelodie und die Partie fürs Horn, beide haben wir versucht zu rekonstruieren. Außerdem haben wir einen Kontrabass hinzugefügt, weil sonst der Klang unvollständig gewesen wäre.

Mit Orchester wirkt das Klavierkonzert meist etwas träge, und die Musiker sind nicht so motiviert, weil die Orchestrierung ziemlich langweilig ist. In der Kammerversion sind aber die Streicher solistisch tätig, auch Agogik, Metrum und Dynamik sind dabei ganz anders, haben ein größeres Spektrum und sind somit flexibler. Die Orchesterstimmen sind aufs Quartett (das Fagott ist zum Cello oder zur Bratsche transponiert, die Klarinette zur 1. Violine) verteilt. Um Klangfarbenwechsel zu erreichen, übernehme ich die Bläserstimmen und Tuttistellen, wozu ich selbst den Klaviersatz geschrieben habe. Dadurch entsteht eine intensivere Kommunikation in der Gestaltung, wir müssen alle Parameter ohne Dirigenten selbst regulieren. Die Methode der Interpretation ändert sich also gravierend.“

Fumiko Shiraga hält dieses Konzept, das sie stetig weiterentwickeln möchte, prinzipiell für viele Klavierkonzerte geeignet und würde sogar neue Bearbeitungen in Auftrag geben.

Die Geschichte der Konzertserie

Mit Frédéric Chopins „Piano Concertos in Disguise“ (in Verkleidung) startete Fumiko Shiraga ab 1996 beim schwedischen Label BIS eine Serie, die Kammerversionen prominenter Klavierkonzerte des klassischen und romantischen Repertoires in CD-Weltpremieren vorstellt. Tonmeister rekrutiert die Firma BIS, die sich durch Nischenrepertoire profiliert, meistens in Detmold, wo Fumiko Shiraga studiert hat. So hat sie einen Kontakt hergestellt und die Labelmanager für das Chopinprojekt interessieren können.

Im Jahr 2000 nahm sie Ludwig van Beethovens Klavierkonzerte Nr. 1 & 2 mit Streichquintett in einer Bearbeitung von Uli Schneider auf. Zeitgenossen von Beethoven wie sein Schüler Carl Czerny und der jüngere Kollege Franz Lachner hatten bereits solche Fassungen mit Billigung des Komponisten angefertigt. Sieben Klavierkonzerte von Wolfgang Amadeus Mozart arrangierte dessen Schüler Johann Nepomuk Hummel in authentischer Kenntnis der Werke mit virtuoser Ornamentik, jedoch „sehr maßvoll und stets sinnreich, sodass die Veränderungen wie eingebettet in das vorhandene ‚Gerüst‘ und als Fortführung von Mozarts künstlerischer Absicht bewertet werden können“. Soeben sind die ersten beiden Klavierkonzerte mit den Nummern 20 & 25 in dieser Hummel-Fassung erschienen. Weitere Klavierkonzerte von Mozart in der Bearbeitung von Hummel sollen bis 2006 veröffentlicht werden.

Die Aufführungspraxis

„Diese Transkriptionen waren damals üblich, sie wurden real bei Veranstaltungen verwendet. Ich rekonstruiere also nur eine historisch überlieferte Aufführungspraxis. Dafür braucht man keine musikwissenschaftliche Legitimation, aber eine Erklärung, weil die Kammerversionen der Klavierkonzerte ein starker Kontrast zur gewohnten Orchestertradition sind. Ich biete diese Versionen nun als zeitgemäße Alternative an, auch im Hinblick auf knappe Kulturetats, und als Möglichkeit, diese Musik so wie in den Salons zu hören.“ Zwar ändert sich bei den „Piano Concertos in Disguise“ nicht die Musik – „Ich improvisiere nicht“, versichert Fumiko Shiraga –, aber die Wirkung des Klangs. Einerseits gibt es eine bessere Transparenz, andererseits eine Verlagerung der gewohnten Koordinaten. Etwa wenn am Ende des langsamen Satzes bei Beethovens C-Dur-Konzert das Klarinettensolo vermisst wird, weil diesen Part nun eine Violine spielt. Auch hat Fumiko Shiraga als eigentliche Solistin eine erweiterte Funktion: Sie steuert mit dem 1. Violinisten die Interaktionen des Ensembles und kann durch diese Arbeitsteilung „mehr als sonst von meinen Ideen für eine Interpretation verwirklichen“. Für die Klangbalance haben alle Beteiligten eine größere Verantwortung, weshalb besonders eine gemeinsame künstlerische Frequenz von Bedeutung ist.

Perspektiven

Dennoch hat Fumiko Shiraga kein festes Ensemble, weil dann „die Zusammenarbeit zur Routine werden kann. Verschiedene Ensembles vermitteln mir jeweils andere Impulse und Perspektiven. Diese Abwechslung empfinde ich als positiv für dieses Projekt.“ Der Erfolg, über 12.000 verkaufte CDs und viele Engagements in Europa (Musikhalle Hamburg, Saal des Tschaikowsky Konservatoriums Moskau), Asien (Beirut, Casals Hall Tokyo) und anderswo, bestätigt Fumiko Shiraga in ihrer Prognose für die Zukunft der „Piano Concertos in Disguise“, die in der Fachpresse beste Resonanzen hatten. Auch für ihre Solo-Recitals orientiert sich Fumiko Shiraga am klassischen und romantischen Repertoire. Darüber hinaus präsentiert sie regelmäßig mit dem Schauspieler Ezard Haußmann einer Kombination aus Poesie und Musik. „Ezard Haußmann habe ich 1996 in Bochum, wo ich aufgewachsen bin, zufällig kennen gelernt. Orchestermusiker am Schauspielhaus hatten mich an ihn empfohlen, nachdem die Zusammenarbeit mit seinem ehemaligen Klavierbegleiter nicht mehr funktioniert hatte. Das war für mich eine Herausforderung. Zu seinen Rezitationen deutscher Balladen, die mir sehr gut gefallen, kann ich passende Musik frei auswählen, und mit diesen Programmen sind wir, weil es einen festen Vertrag gab, bis 2000 etwa viermal pro Monat in Bochum aufgetreten. Danach hatten wir auch Gastspiele in anderen Theatern.“ Aktuell ist ein Klavierkonzert, das der Schweizer Daniel Schnyder für Fumiko Shiraga und das „Absolute Ensemble“ mit seinem Dirigenten Kristjan Järvi komponiert. „Das wird sehr interessant, weil Daniel Schnyder sich sowohl in der Klassik als auch im Jazz auskennt. Diese Produktion wird mit einem Jazzhornkonzert für Arkadi Shilkloper gekoppelt und bei BIS erscheinen. Ein tolles Projekt und ein ganz neues Gebiet für mich, darauf freue ich mich sehr.“

Die aktuelle Einspielung

Wolfgang Amadeus Mozart
Klavierkonzerte 20 & 25
Arrangiert von Johann Nepomuk Hummel
Fumiko Shiraga: Klavier / Henrik Wiese: Flöte / Peter Clemente: Violine / Tibor Bényi: Cello
BIS-CD-1147
www.classicdisc.de

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