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Idil Biret

Unentwegt Musik im Kopf

Von: Carsten Dürer

Wenn man eine Pianistin wie Idil Biret trifft, dann trifft man auf gelebte Vergangenheit. Doch die Pianistin, die im vergangenen November ihren 75. Geburtstag feiern konnte, lebt vollkommen im Präsens, jeden Tag, wie sie gesteht. Sie sagt auch, dass sie sich an viele Details nicht immer chronologisch erinnert, da sie sich darauf konzentriert, was an dem neuen Tag ansteht. Und dennoch erinnert sie sich gerne. Denn als kleine Studentin konnte sie noch Unterricht bei Alfred Cortot, bei Nadia Boulanger und bei Wilhelm Kempff nehmen. Doch ihr Lebensweg ist auch gekennzeichnet von einer kaum überschaubaren Anzahl von CD- und Rundfunkaufnahmen, die sie seit Jahren auf ihrem eigenen Label IBA (Idil Biret Archive) veröffentlicht. Wir besuchten die agile türkische Pianistin in Brüssel, ihrem Zuhause neben Istanbul.

Idil Biret wird nicht müde, sich mit neuem Repertoire vor Aufnahmemikrofone zu begeben. Bevor wir uns in der gemütlichen Küche ihrer Brüsseler Wohnung zusammensetzen, war sie soeben damit beschäftigt, die Aufnahme von Alexander Glazunows 2. Klaviersonate abzuhören. Erst vor ein paar Tagen ist sie aus der Türkei zurückgekommen. Doch von Müdigkeit keine Spur. Obwohl die Geschichte der Entwicklung dieser so ungewöhnlichen Pianistin weitläufig bekannt ist und ich mit ihr eigentlich andere Themen anschneiden will, verfällt sie bald schon in die Erzählung, wie es kam, dass sie ein solch großes Repertoire erarbeitet hat und sich zu einer der bemerkenswertesten Pianistinnen unserer Tage entwickelte. „Grundsätzlich erinnere ich mich an vieles, aber nicht immer exakt, da ich zu sehr im Heute lebe. Es ist meine Art des Lebens“, erklärt sie. Und dennoch beginnt sie sich zu erinnern: „Wie Sie wissen begann ich Klavier zu spielen, als ich noch sehr jung war. Meine Mutter spielte Klavier und die gesamte Familie meiner Mutter liebte Musik und spielte Instrumente – aber immer nur als Amateure. Als ich also auf dem Klavier begann meine Mutter nachzuahmen, brachte sie mir einige Grundlagen bei. Zu uns nach Hause kamen viele türkische Komponisten, Pianisten und andere Musiker. Aber es kamen natürlich auch viele ausländische Musiker nach Ankara, wo ich geboren wurde. Und bald hatte ich die Gelegenheit, all diesen Musikern vorzuspielen: Hermann Scherchen, Monique Haas und viele andere.“ Bald schon erhielt die grade einmal fünfjährige Idil Biret die Aufmerksamkeit der Medien, wurde man auf sie auch in der breiteren Öffentlichkeit aufmerksam. Um sie so jung in eine ausländische Ausbildung entsenden zu können, wurde speziell für sie ein Gesetz erlassen, das ihr ermöglichte ein Stipendium vom Staat für ein Studium in Paris zu erhalten.

Paris in jungen Jahren

„Ich ging also mit meinen Eltern nach Paris. Zuerst wollten meine Eltern mich auf das Conservatoire de Paris bringen, aber dort lehnte man ab, da ich zu jung war. Ich war nicht einmal acht Jahre alt. Doch dann traf ich zum ersten Mal Wilhelm Kempff und spielte für ihn und für Wilhelm Backhaus. Allerdings gab es in Ankara eine Kommission, die entscheiden sollte, bei wem ich studiere. Aber in dieser Kommission konnte man sich nicht einigen. Mein erster Klavierlehrer in Ankara, Mithat Fenmen, hatte bereits bei Nadia Boulanger und Alfred Cortot studiert. Er bestand darauf, dass ich ebenfalls bei diesen beiden studiere. Aber Nadia Boulanger wollte keine kleinen Kinder unterrichten. Einer ihrer Studenten, ein türkischer Komponist, fragte sie, ob sie mich nicht wenigstens anhören wollte. Sie akzeptierte und erlaubte mir bei ihr zu studieren.“

Wenn Idil Biret erzählt, ist das nicht nur die Geschichte eines unglaublichen Lebens, sondern auch der Blick in eine längst vergangene Zeit. Die Großenkelin von Franz Liszt, Blandine Ollivier de Prévaux, brachte Biret dann zu Alfred Cortot, dem sie vorspielen durfte. „Aber offiziell hatte ich bei Nadia Boulanger mein Studium begonnen. Wilhelm Kempff wollte mich jedes Mal speilen hören, wenn er nach Paris kam, um zu sehen wie ich mich entwickele. Eines Tages, da war ich 10 Jahre alt, sagte er dann: ‚Ich denke, dass es Zeit ist, gemeinsam ein Konzert zu geben. Ich dachte damals, dass dies vollkommen normal sei, denn wir spielten ohnehin die gesamte Zeit zusammen – improvisierten. Allerdings kam es in diesem Jahr damals nicht zustande. Kempff wollte als Dirigenten Hans Rosbaud gewinnen, doch der war nicht besonders begeistert von Wunderkindern – was ich durchaus verstehen kann, denn man weiß niemals, was passiert“, erklärt Biret lächelnd. „Doch im darauffolgenden Jahr war es Joseph Keilberth, der das Orchester des Conservatoires dirigierte, und so spielten wir ein Konzert in der Sociéte des Concerts du Conservatoire mit Mozarts Doppelkonzert. Ich wusste damals nicht, was das bedeutete, denn ich durfte Kempff ‚Onkel‘ nennen. Anscheinend war es gar nicht so schlecht, wie mir die Tochter von Wilhelm Kempff, Irene Kempff, später erzählte.“ Waren diese Erlebnisse für die junge Idil damals schon wirklich ernst oder nahm sie das ganze Klavierspiel noch spielerisch hin? „Nun, ich nahm die Dinge als selbstverständlich hin, alles entwickelte sich so natürlich. Ich dachte darüber gar nicht nach. Ich begann darüber nachzudenken, was ich tat, als ich auf das Conservatoire kam. Dort hatte ich dann einige Probleme. Dort wollte man mich – zu Recht – disziplinieren. Ich tat einige Dinge, die meine Lehrer wirklich nervten. Ich war in der Klasse von Jean Doyen, ein Student von Marguerite Long. Nadia Boulanger hatte entschieden, dass ich bei ihm Unterricht erhalten sollte. Er war ein ausgezeichneter Pianist, er konnte alles spielen. So sagte er beispielsweise über ein Stück: ‚Oh ja, ich habe das vor 30 Jahren einmal gespielt‘, dann setzte er sich hin und spielte das Stück … Zudem war er einer derjenigen, die die Musik des 19. Jahrhunderts spielten, Werke von Thalberg und anderen – das war zu dieser Zeit überhaupt nicht in Mode. Jeden Sonntag hatte er eine Radiosendung von einer Dreiviertelstunde, in der er diese Art Musik spielte. Er war einer derjenigen, die sehr leicht lernten. Doch trotzdem, dass er ein solch begnadeter Pianist war, hasste er es Konzerte zu geben und zu reisen. Daher ist sein Name wohl nicht so bekannt geworden.“ Man spürt in den Erzählungen Idil Birets die Begeisterung für die Erfahrungen in ihren jungen Jahren, für die Musiker, die sie traf und bei denen sie lernen durfte.

„Ich war also in seiner Klasse – und das war die Zeit, als ich gegen viele Dinge revoltierte. Ich hatte auch meine Probleme mit Nadia Boulanger. Man muss sich vorstellen, dass Boulangers Klasse die Klasse für Tasteninstrumente war, mit vielen komplizierten Dingen: Transponieren, Vomblattspiel, aus einer Partitur spielen – ich verstand aber nicht, wozu ich die Notenschlüssel benötigte, um Dinge zu transponieren, da ich ohnehin alles ganz leicht transponieren konnte. Plötzlich befand ich mich in einer komplizierten Welt, die zuvor für mich ganz natürlich war. Aber nun sagte man mir, dass ich einer bestimmten Methode folgen müsse. Die Jahre auf dem Conservatoire hasste ich mehr als alles andere. Zudem fanden die beiden Klassen, die von Boulanger und die Klavierklasse, parallel statt. Natürlich erwartete man von mir, dass ich an beiden Unterrichten teilnahm. Also war ich immer in einer Klasse zu spät. Und Nadia Boulanger sagte dann zu mir: ‚Du musst Dich entscheiden: Willst du Komponistin werden oder Pianistin.‘“ Es scheint so, dass Idil Biret mit dem System des Conservatoire de Paris nicht zurechtkam. Es fehlte die Natürlichkeit für die junge hochbegabte Pianistin, die – fast alles – mit Leichtigkeit lernte und spielte.

Die Orientierung

Doch dann kam eine Art der Befreiung: „Ich beendete das Conservatoire als ich 15 Jahre alt war, und es war eine große Erleichterung für mich. Ich hatte begonnen, vollkommen uninteressant zu spielen. Wilhelm Kempff kam auf mich zu und sagte mir, dass ich nun bei ihm studieren könnte, obwohl er dies zuvor abgelehnt hatte. Er erklärte: ‚Ich werde dir wahrscheinlich Dinge sagen, die komplett das Gegenteil sind von dem, was man dir bislang beigebracht hat.‘“ Wieder einmal kam das Glück Idil Biret zur Hilfe: Wilhelm Kempff hatte eine bedeutende Agentur in Paris, die nun auch sie vertreten sollte. „Das war wunderbar. Im Alter von 16 Jahren hatte ich eine Agentur, die großartig für mich arbeitete, in aller Welt – mit Kooperationspartnern. Diese Agentur vertrat Musiker wie Cortot, Thibaut oder auch Casals, all diese wunderbaren Musiker.“ So begann Biret Konzerte in aller Welt zu spielen, was ihr zuvor – ein „Gesetz“ des Conservatoires – nicht erlaubt war. „Nadia Boulanger wollte nicht, dass ich überhaupt Konzerte spiele, da ich noch zu jung sei. Mein Vater ging dann zu Wilhelm Backhaus und fragte ihn um Rat. Er sagte ihm: ‚Sie kann spielen, allerdings nicht viel.‘ Es gab also vollkommen unterschiedliche Meinungen. Also begann ich Konzerte zu spielen.“ Ein Konzert ist ihr besonders im Gedächtnis geblieben: Am 22. November 1963 spielte sie in Boston mit dem dortigen Symphony Orchestra ein Klavierkonzert, genau an dem Tag, als der US-amerikanische Präsident John F. Kennedy ermordet wurde. „Wir erhielten die Nachricht während des Konzerts, es war furchtbar“, erinnert sie sich.

Das gesamte Gespräch lesen Sie in der Ausgabe 3-2018 von PIANONews.



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