Das Einfache neben der Hochkultur

Liebe Klavierfans,

es ist schon etwas bedenklich wie erstaunlich, wenn man sich Trends bei den Labels in den vergangenen Monaten anschaut. Wir waren es ja schon gewohnt, dass Ludovico Einaudi als Klassiker bezeichnet wird und dass Ryuichi Sakamoto ein Star besonders in Asien ist. Nichts ist gegen diese Musik zu sagen, aber sie auf die fast gleiche Stufe wie die von Beethoven, Mozart, Rachmaninow oder selbst eines John Adams zu stellen ist doch ein wenig überheblich, oder? Die Einfachheit der Schreibweise scheint ein Phänomen der Zeit zu sein, eines, nach der ein breites Publikum giert. Das man zum einen daran liegen, dass die in Patterns (sich wiederholenden Phrasen) geschriebene Musik eine gewisse Ohrwurm-Eingängigkeit besitzt, zum anderen auch daran, dass man die meist auch sofort als Noten erhältlichen Werke recht leicht selbst nachspielen kann, ohne sie in der Tiefe ausloten zu müssen. Doch ist das klassische Musik. Ist der Begriff der „klassischen Musik“ nicht auch dadurch definiert, dass es Musik ist, die sich über Jahrzehnte hält, die eine gewisse Zeitlosigkeit in ihrer Aussagekraft besitzt?

Doch das Publikum entscheidet letztendlich, was erfolgreich ist und was nicht. Die Einfachheit von Noten und Musik scheint erfolgreich zu sein. Aber welche Art von Publikum und Klaviermusikliebhabern ist dies? Sind es nicht gerade diejenigen, die sich bislang vielleicht nur wenig mit Klaviermusik und ihrer oftmals schönen Komplexität beschäftigt haben? Sind es nicht gerade die Unterstützer dieser Musik, die nach „neuen Zielgruppen“ schielen? Die Idee klassische Musik auch dem Publikum schmackhaft zu machen, das bislang nur Pop-Musik konsumierte, ist nicht gerade neu. Doch muss diese Verwässerung überhaupt sein, nur um ein breiteres Publikum anzusprechen? Auch in früheren Zeiten hat kein breites Publikum die Werke der großen Meister rezipiert, sondern hörte eher die Volksweisen und die Gassenhauser auf der Straße, in Kneipen und an anderen stellen. Allein die Kirchenmusik war allen näher als vielleicht die Musik in den oftmals noch privat organisierten Konzerten.

Nun geht man noch einen Schritt weiter. Die großen Labels schwingen sich auf, die Einfachheit in ihr Portfolio aufzunehmen:
So wird Joep Beving mit seinem Album „Prehension“ bei der Deutschen Grammophon promotet und Riopy unterschreibt bei Warner Classics einen Vertrag. Wenn man sich die Musik dieser „Pianisten“ anhört, ist man erstaunt, dass einer wie Beving überhaupt auf dem Renommee-Label Deutsche Grammophon erscheint, letztendlich neben Künstlern wie Grigory Sokolov, Maurizio Pollini oder auch Daniil Trifonov. Doch auch hier regieren andere Gesetze. Denn Beving hatte es geschafft, dass er in den sogenannten „sozialen Netzwerken“ viele Fans an sich binden konnte. Das bedeutet Publikum und letztendlich auch eine breite Käuferschicht von Aufnahmen. Also springt man seitens der Labels auf diesen Zug auf, um die Aufnahmen breit zu streuen, letztendlich, um mehr Geld machen zu können. Qualität spielt dabei erst einmal eine untergeordnete Rolle. Doch was passiert dadurch? Letztendlich wird einer breiten Masse vorgegaukelt, dass diese Musik und dieses Klavierspiel ebenso viel Bedeutung hat, wie das anderer Komponisten und Pianisten. Das ist dann doch tragisch. Und es hat nichts mit dem Elfenbeinturm-Denken zu tun, gewisse Bereiche der Hochkultur für die zu belassen, auch zu schützen. Neues ist gut – aber nicht immer ist Neues auch leicht konsumierbar. Und es gibt zahlreiche gute junge Komponisten, die wunderbare Klaviermusik schreiben, die nichts mit der Unzugänglichkeit der Nachkriegsjahre zu tun hat, sondern durchaus eingängig ist und dennoch komplexe Tiefe besitzt. Doch diese Musik ist anscheinend nicht publikumswirksam genug, um von den großen Labels berücksichtigt zu werden.

Ohne das Spiel der beiden oben genannten Pianisten zu schmälern, ist es dennoch eine Musik, die schnell vergänglich sein wird, ebenso wie sie schnell geschrieben und erlernt ist. Dieses Wissen ist es, was einen letztendlich dieses Spiel ertragen lässt.

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