Wettbewerbs-Wahn oder Nachholbedürfnis?

Liebe Klavierenthusiastinnen und -enthusiasten,

es nimmt fast wahnhafte Züge an, was in diesem Jahr in der Klavierwettbewerbs-Landschaft alles passiert, möchte man meinen. Da sind die ganz großen und bekannten Wettbewerbe am Start: Chopin in Warschau, Van Cliburn in Texas, ARD in München, Königin-Elisabeth in Brüssel, Beethoven in Wien und Beethoven in Bonn und viele mehr … Und daneben sind die vielen Jugendwettbewerbe: Schumann in Düsseldorf, Brin Herbé in Orléans, Kronberg und viele mehr. Gar nicht von den Amateur-Wettbewerben zu sprechen. Natürlich hat jeder Wettbewerb seinen ganz eigenen Zeitplan, da jeder entweder alle zwei, drei, vier oder fünf Jahre stattfindet (manche auch jährlich). Dennoch könnte man das Gefühl bekommen, dass es kaum genügend gut vorbereitete junge Künstler gibt, die sich bei diesem Super-Jahr der Wettbewerbe 2025 entscheiden können, wo sie sich überhaupt anmelden sollen. Doch weit gefehlt!
Nein, es gibt gerade nach den Jahren der Corona-Pandemie genügend junge Pianisten, die hungrig darauf sind, sich der Welt in einem Wettbewerb zu zeigen, die ihre Chance nutzen wollen, um vielleicht doch noch in einem Alter zu sein, in dem sie an solch einem Wettbewerb teilnehmen können. Jeder Wettbewerb, der nach der Corona-Pandemie wieder live stattfand, hat vermelden können, dass die Anmeldezahlen einen Rekord erreicht haben. Kein Wunder, man denke nur an all die jungen Studenten, die Klavier studieren und sich eigentlich längst einmal bei einem Wettbewerb beweisen wollten, als die Corona-Pandemie die Welt zum Stillstand brachte. Diese wollen nun nachholen, haben zwei bis drei Jahre verloren, sich in ihren jungen Jahren einem breiten Publikum und einer Fachjury vorzustellen. Und da die meisten Wettbewerbe nun einmal Altersbeschränkungen haben, ist dem ein oder anderen auch die Chance vorenthalten worden. Und diejenigen, die noch nicht zu alt sind, müssen sich nun sputen, um den Zeitpunkt nicht zu verpassen, sich noch bei einem der großen Wettbewerbe vorzustellen – und ja vielleicht mit einem Preis die Karriere zu starten, von der so viele träumen.
Allerdings fällt auch momentan wieder auf, dass die ausgewählten Kandidaten, die letztendlich vor Ort dann live spielen dürfen, oftmals diejenigen sind, die längst Wettbewerbsgewinne oder -erfahrungen gesammelt haben. Das ist irgendwie schade, denn es nimmt den vielen anderen die Chance, überhaupt spielen zu können.
Das Grundproblem liegt – schon seit Jahrzehnten – in den immer gleichen Jury-Zusammensetzungen. Diese kennen natürlich die Namen der Bewerber, die sich bereits in anderen Wettbewerben bewiesen haben – viel besser, als die von Unbekannten. Also werden diese eher positiv bewertet von den Jurys, die erst einmal für die Vorauswahl zuständig sind.
Dennoch ist es eine Frage, ob die Wettbewerbe, die ja alle zu den zwei großen existierenden Zusammenschlüssen von Organisation und Verband zählen, sich nicht besser absprechen könnten, um diese Flut in einem Jahr zu entzerren … Zwar werden wir auch wieder Wettbewerbe besuchen, werden zuhören und junge neue Talente entdecken, aber aufgrund der Vielzahl der Wettbewerbe ist dies natürlich nur begrenzt möglich. Und das gilt ebenso für all die Klavier-Aficionados, die vielleicht gerne zu Wettbewerben reisen, um zuzuhören. Nun muss man auswählen – ebenso wie die jungen Pianisten. Das ist schade.

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