Liebe Klavierlieberinnen und -liebhaber,
es gibt wohl kaum ein anderes Instrument, das in der Geschichte der Musik so reich mit Werken von großartigen und weniger bekannten Komponisten bedacht wurde, wie das Klavier. Immer wieder wird klar, dass ei genauerer Betrachtung ein Menschenleben nicht ausreichen kann, um auch nur einen Überblick über die gesamte für Klavier geschriebene Literatur zu erhalten. Und dennoch war es bereits in der Barockzeit groß in Mode gekommen, größer besetzte Werke für Klavier (damals Tasteninstrument) zu bearbeiten. Seither war es eine Art von nicht aufhörender Mode, Werke für Orchester oder andere Soloinstrumente auf die Tasten zu übertragen. Einfach auch deshalb, da es möglich war. Zudem hatten die Tasteninstrumente dann, im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine derartige Verbreitung erreicht, dass es nur logisch erschien, größer besetzte Werke, die man nur selten im Konzert oder in der Kirche hören könnte, für Klavier zu bearbeiten, um ihnen einen leichteren Zugang zu verschaffen. Dies betraf natürlich besonders das beliebte Genre der Oper.
Seither hat sich natürlich vieles getan, sind mittlerweile alle Werke für alle Besetzungen immer und überall über Streaming-Plattformen verfügbar und für die Bearbeitungen auf das Klavier gibt es eigentlich keinen Grund mehr. Und dennoch gibt es mittlerweile eine neue, eine jüngere Generation von Pianisten, die sich der Tradition der Komponisten-Pianisten des 19. Jahrhunderts erinnern, als die Letztgenannten für ihre eigenen Konzerte Werke in Paraphrasen und virtuose Varianten gossen, um das Publikum zu begeistern. Die jungen machen dies nun nach – zum Teil ebenfalls mit Werken früherer Zeiten, aber durchaus auch mit solchen aus anderen Genres, aus der Pop-Musik, aus dem Jazz. Ja, es gibt mittlerweile eine Art von Hype, ausgelöst – wie immer – durch die Erfolge von einigen Pianisten. So hört man oftmals mehr Bearbeitungen von Pianisten als originale Werke. Das ist eine Art von Nachahmungseffekt und ein Mode geworden. Eine nur zum Teil erfolgreiche, denn nicht jeder ist in der Lage Bearbeitungen so überzeugend zu vollführen, dass man damit ein Publikum wirklich begeistern kann. Einiges scheint recht redundant zu sein, anderes einfach ohne viel Geschmack, sondern ausschließlich der Darstellung der eigenen technischen Fähigkeiten zum Ausdruck.
Insgesamt allerdings ist all dies positiv zu sehen, denn die Kreativität als Schöpfer der Pianisten ist damit wieder einmal in der Geschichte auf eine neue Ebene gehoben worden, denn die Trennung von Interpreten und Komponisten ist damit aufgehoben. Das kann nur positiv bewertet werden, denn ein Interpret ist nur bis zu einem gewissen Grad ein Schöpfer. Wenn man sich aber dranmacht und selbst Noten niederschreibt, um sie dann vorzuführen, dann hat dies nochmals eine andere Ausdrucksebene der Persönlichkeit, und des Schöpfens. Allein: es sollte auch geschmackvoll und überzeugend sein.
