Verlorene Generation

Liebe Klavierfreundinnen und -freunde,

es ist schon seltsam, wenn man sich die vergangenen 12 Monate noch einmal in Erinnerung ruft: Online-Konzerte, Klavier-Erinnerungen von Privatiers, die plötzlich das Instrument wieder entdecken, Engpässe in Handelsgeschäften für Digital-Pianos, da diese sich wie „geschnitten Brot“ verkauften. Die Live-Ebene fiel bis auf einen kurzen Zeitraum im Sommer 2020 bislang vollkommen aus. Auch die Wettbewerbe wurden immer wieder verschoben, einige fielen ganz aus und andere wurden zum größten Teil online ausgetragen. Was bedeutet das alles mit den jungen Pianistinnen und Pianisten, die sich noch Hoffnung machen, sich als Künstler etablieren zu können?

Zum einen befinden sich viele dieser jungen Pianisten noch im Studium, wenn sie sich eigentlich auf die internationalen Wettbewerbe vorbereiten. Doch auch schon da gab es große Einschnitte. Online-Unterricht, nur selten direkter Unterricht beim Professor. Die meisten jungen Pianistinnen und Pianisten sind auf sich allein gestellt, versuchen im Studium gerade noch im Online-unterricht einige der Kurse abzuschließen, die sie für ihr Weiterkommen benötigen. Doch bei der Vorbereitung auf ein Wettbewerbs-Programm müssen sie vielfach ihr eigenes Wissen und ihre eigenen Ideen gelten lassen. Und dann? Nun, die meisten Wettbewerbe sind längst in den Herbst 2021 verschoben, unter dem Damoklesschwert, dass es doch keine Lockerungen für die Einreise in bestimmte Länder geben kann. Das bedeutet: Viele haben sich umsonst vorbereitet, werden versuchen in die Zukunft zu schauen, um ihr einmal erarbeitetes Programm bei einem anderen Wettbewerb oder bei einer weiteren Verschiebung den Zuhörern und einer Jury zu offerieren. Das bedeutet für etliche diese jungen Pianisten: Sie erhalten keine Möglichkeit, um sich einem internationalen Publikum vorzustellen. Einige werden bei einer späteren Austragung vielleicht schon über der Altersgrenze sein, andere werden versuchen, sich abseits vom Wettbewerbsgeschehen durchzusetzen – fast aussichtlos ohne die Möglichkeit von Live-Auftritten. Und selbst wenn es wieder Live-konzerte geben wird, wird keiner auf die noch unbekannten jungen Pianisten warten, sondern alle Veranstalter werden versuchen, ihre einmal vor einer Saison bereits angedachten Konzerte durchzuführen – Lücken für die jungen wird es wenige geben.

Wenn man es übertrieben ausdrückt, wird mehreren Jahrgängen von jungen Tastenkünstlern die Möglichkeit genommen, voranzukommen. Das ist tragisch und kaum zu vertreten. In den meisten Ländern wird verständlicherweise über die Öffnungen von allgemeinbildenden Schulen gesprochen. Das ist wichtig, doch auf die Generation der momentan Studierenden wird eigentlich niemals geschaut, ist nicht im Bewusstsein der Öffentlichkeit. Doch auch dies ist ein kaum zu vernachlässigender Faktor unserer zukünftigen Gesellschaft. Viele dieser Studenten sind sehr jung, benötigen die Führung der Ausbildenden, brauchen Anleitung. Da ist der Online-unterricht auch keine Alternative, sondern nur ein Surrogat, mit dem man letztendlich dafür sorgt, dass die Studenten nicht vollends in ein Loch fallen.

Doch die Konzerte und die Wettbewerbe sind die Möglichkeiten der jungen Pianistinnen und Pianisten, sich aus der Masse zu erheben. Das ist seit langem nicht mehr gegeben. Was ist zu tun? Man muss diese jungen Künstler unterstützen, privat und mit der Initiative der nationalen Musikräte. Doch auch diese sind mehr an den großen Playern interessiert, als den noch als Studenten geltenden unter die Arme zu greifen. Das muss sich ändern, ansonsten verlieren wir eine Generation von vielversprechenden Pianistinnen und Pianisten, die es zu Großem bringen könnten.

 

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