Pianonews 02 / 2020

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Martin Stadtfeld

Befreiende Momente

Von: Carsten Dürer

Seit „Der Spiegel“ im Mai 2004 über die Aufnahme der „Goldberg-Variationen“ von Martin Stadtfeld in einem langen Artikel schwärmte, war der Name des Pianisten in Deutschland in aller Munde. Eine CD-Produktion nach der anderen entstand in den kommenden Jahren. Zuletzt Ende vergangenen Jahres mit Klaviertranskriptionen von Werken Georg Friedrich Händels aus der Feder des mittlerweile 39-Jährigen. Martin Stadtfeld hat sich – nach Ausflügen in die Romantik und die Klassik – immer wieder der Barockmusik zugewandt. Warum dies so ist und was der Pianist, den wir 2001 erstmals im Busoni-Wettbewerb in Bozen hörten, denkt, erfuhren wir bei einem Gespräch.

Er ist reifer geworden, auch optisch. Martin Stadtfeld hat ein paar graue Haare bekommen, ist nicht mehr der jugendliche Pianist, der er einmal war, sondern ein gestandener Musiker, der weiß, was er will. Wir wollen mehr von ihm wissen.

PIANONews: Seit wir uns das letzte Mal, 2009, getroffen haben, ist viel bei Ihnen passiert. Sie sind mittlerweile auch Vater geworden …

Martin Stadtfeld: [er lächelt] … eines inzwischen sechsjährigen Schulkindes …

PIANONews: Und Sie sind ja auch wieder zu Bach zurückgekehrt. Kann man das so sagen?

Martin Stadtfeld: Ja.

PIANONews: Nachdem Sie zwischendurch in den Jahren viele andere Komponisten auf der Agenda hatten, war da die Rückkehr zu Bach etwas Natürliches oder eher etwas bewusst Geplantes?

Martin Stadtfeld: Ach, es hat sich eigentlich immer ganz natürlich angefühlt. Die Exkurse, die ich zu anderen Komponisten gemacht habe, haben auch immer irgendwie mit Bach zu tun gehabt. Auch die Chopin-Etüden habe ich mir von Bach hergeleitet, das ist mein Blickpunkt auf diese Werke gewesen. Also weniger der romantische Ansatz, denn Chopin als Strukturalisten zu zeigen, der sich auch die Inspirationen von Bach holt, um auf einem kleinen Raum die Gedanken, meist mit nur einem Thema, auszuarbeiten. Er nennt diese Etüden, er hätte sie aber auch Präludien nennen können. Dann habe ich auch immer wieder einmal die jungen Komponisten gestreift. Mich interessierten der junge Mozart und der junge Beethoven, die ja noch Beeinflussungen zeigen. Ich wollte damit die Komponisten von dem Bild befreien, das wir oft im Kopf haben, das der singulär für sich stehenden Komponisten. Das Bild des Geniekults, bei dem eine Person alles aus sich heraus schafft, wollte ich ein wenig dekonstruieren, mit einem Blick auf die jungen Komponisten, die sich noch in einem Prozess befinden und auch ihre Vorbilder haben, was man auch hört. Gerade auch bei dem jungen Beethoven. Durch mein Händel-Projekt bin ich wieder beim jungen Beethoven gelandet.

PIANONews: Was bedeutet „junger Beethoven“ für Sie genau? Sind das die Kurfürstensonaten?

Martin Stadtfeld: Nein, noch später. Dieser Begriff gilt für mich bis hin zu Werken wie „Pathétique-Sonate“, also Opus 13 – und noch weiter. Aber die Pathétique ist ein schönes Beispiel. Denn der langsame Satz, der ja schon als reiner Beethoven gilt, beginnt mit einem Zitat aus einer Mozart-Sonate, der c-Moll-Sonate, und dann – das habe ich vor einem Jahr wahrgenommen – dass er sich auch bei Händel bediente, aus der Arie „Se Pieta di minuzenti“ aus „Giulio Cesar in Egitto“ ist ganz klar ein Zitat in diese Sonate aufgenommen. Also wenn man denkt, dass Beethoven längst vollkommen typisch ist, ist er immer noch einer, der sich bei anderen bedient. Und dann häutet er sich in der „Eroica“-Sinfonie. Da geht ihm auf, dass er Mozart nicht toppen kann, wenn es um schöne Melodien geht. Klar war ihm auch, dass er nicht gegen Händel wirken kann, wenn es um Harmoniewendungen geht. Also geht er hin und schreibt eine Musik, die reduziert ist aufs Dramatische und Strukturelle – fast ohne Melodie. So etwas wie die Appassionata, die eigentlich komplett ohne Melodie auskommt. Das war sicherlich eine ganz bewusste Entscheidung von Beethoven.

PIANONews: Erst später kommt er wieder zu Melodien zurück.

Martin Stadtfeld: Natürlich, aber da ist er fest im Sattel und sich seiner selbst sehr sicher.

PIANONews: Wo jetzt schon einmal der Name Händel gefallen ist. Händels Musik war zur Zeit Beethovens nicht mehr en vogue.

Martin Stadtfeld: Ja, aber Beethoven kannte sie.

PIANONews: Man hätte ihm zu seiner Zeit nicht nachweisen können, dass er sich irgendwo bedient hätte.

Martin Stadtfeld: Genau, man hätte ihm das Plagiat nicht nachweisen können. Auch Bach war nicht bekannt. Er lernte ihn durch seinen Lehrer Neefe kennen. Aber Händel hat er tatsächlich vergöttert – er war für ihn ein Vorbild. Wodurch der Anknüpfungspunkt zu Händel zustande kam, ist mir nicht bekannt.

PIANONews: Aufgrund der Querverbindungen, die Sie genannt haben, kann man auch das Programm erklären, das Sie hier in Erstein spielen? Denn es ist ein sehr ungewöhnliches …

Martin Stadtfeld: Ja, das kann man. Ich habe das Programm allein für dieses Konzert gestaltet, da man mir sagte, ich solle ein Programm spielen, das unter dem Motto „Humor in der Musik“ stimmig sei. Daher spiele ich dieses Programm auch nur hier. Manchmal benötigt man solche Anstöße, um sich dann mit bestimmten Werken näher auseinanderzusetzen. Eigentlich dachte ich, dass dies eigentlich gar nicht mein Thema ist. Als ich es dann einstudierte, erkannte ich, dass es ein wirklich tolles Programm ist.

PIANONews: Wie genau sind die Verknüpfungen darin zu erklären und was genau spielen Sie in diesem Programm?

Martin Stadtfeld: Es beginnt mit meiner Lieblingssonate von Beethoven, nämlich Opus 2 Nr. 2, dieser herrlichen, sprudelnden A-Dur-Sonate. Die habe ich schon zu Beginn meines Studiums kennengelernt, da war ich 14 Jahre alt. Da ist irgendwie schon alles drin. Nach der Sonate spiele ich dann Bachs „Capriccio über die Abreise des sehr geliebten Bruders“. Darin muss man dann auch einiges improvisieren, da vieles sehr rudimentär notiert ist. Man hat die schöne Passacaglia darin. Da ist Lautmalerei drin, denn er imitiert ja das Posthorn, geht auch soweit, dass er eine Fuge über den Postilione schreibt – eigentlich sehr witzig. Auf der anderen Seite aber auch sehr tragisch. Der Spaß und die Trauer verschmelzen.

PIANONews: Das Humorvolle ist ja eigentlich die Erinnerung an den Bruder.

 

Das gesamte Gespräch lesen Sie in Ausgabe 2-2020 von PIANONews.

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