Liebe Klavierliebhaber(innen),

vor kurzem war ich in einem Konzert mit Kindern, die sich und ihre jüngsten Werke präsentierten – ein

typischer Vorspielabend mit denen, die zwischen einem und mehreren Jahren Klavierunterricht hatten. Neben

den typischen Werken aus Unterrichtsbänden, war vor allem eines festzustellen: Die Schüler, die ein wenig

länger Klavier spielen, waren angetan und anscheinend emotional stark in Werke involviert, die heutzutage zu

den Verkaufsschlagern gehören, solche von Ludovico Einaudi, Yiruma, Clint Mansell und anderen. Wie soll man

dies bewerten, diese Musik, die leicht fließend, mit extrem simplen Bass-Begleitfiguren und harmonisch

vorhersehbaren Wechseln dahinfließen, und kaum mehr als eine leicht kitschige Aussage hervorbringen? Wir

wissen, dass gerade „Komponisten“ wie Einaudi, Giovanni Allevi oder andere mittlerweile zu wahren

Verkaufsschlagern, nicht nur in Bezug auf die Notenwaren, sondern auch bei CD-Einspielungen. Wie ist das

möglich? Denn immerhin handelt es sich hier zum Teil um wirklich wenig engagierte, kaum differenzierte oder

dramatische Musik, wie sie beispielsweise die großen Komponisten der Klassik und Romantik mit all den in

einem Werk vereinten Facetten bieten?
Nun, die Antworten sind sicherlich mannigfaltig – und vielleicht auch ein Abbild der gesellschaftlich-

emotionalen Zustände unserer Jugend und deer jungen Erwachsenen. Ist es nicht eine Sehnsucht nach in neuer

Musik ausgedrückten Gefühlen, die sofort verstanden und rezipiert werden können? Dieses schnelle und

einfache Verständnis für die Inhalte der Musik, die gespielt werden soll, ist wichtig, denke ich, denn

immerhin haben wir es mit einer Generation zu tun, die es gewohnt ist, dass sie – denken wir nur einmal an

die Smartphones, Computer und Tablets, die heute wie selbstverständlich genutzt werden – über Apps und

einfachste Applikationen einen schnellen und einfachen Zugang zu Inhalten erhält. Ein langwieriges

Erarbeiten von Inhalten und ein langer Prozess für ein Verstehen, ist für die meisten Jüngeren kein

Selbstverständnis mehr. Und da kommen nun die Komponisten, die genau dieses Bedürfnis befriedigen, die nicht

wie Beethoven oder Schumann erst nach einer längeren Phase ihre Inhalte dem Nutzer, also dem Klavierspieler

freigeben. Doch bedeutet dies nicht auch ein Aufgeben kultureller historischer Inhalte und Güter?
Nein, ich will hier nicht die Musik von Einaudi und Kollegen verurteilen, sie hat in jedem Fall ihre

Berechtigung! Aber ist sie wirklich dazu geeignet, junge Menschen, die sich mit Musik intensiver gewillt

sind zu beschäftigen, auf längere Sicht für Musik zu interessieren. Letztendlich – wenn man diese Musik ein

wenig analysiert – wird deutlich, dass die Einflüsse aus dem Pop-Bereich in dieser Musik überdeutlich Einzug

gehalten haben. Dies spricht für die Verflachung in der sogenannten Klassik, also der „E-Musik“ und eine Art

von Überschneidung der Genres.
Ein weiterer Grund ist vielleicht auch in der Musik zu finden, die als „Neue Musik“ nach dem Zweiten

Weltkrieg entstanden ist, der Musik, die bei den Darmstädter Ferienkursen oder dem Festival in

Donaueschingen ihre prägnantesten Auswirkungen fand. Es war eine Musik, die allein konstruktiv versuchte

sich von der Musik der Diktatoren der europäischen Länder zu unterscheiden und Neuland zu betreten. Aber sie

war auch stark am Emotionsgehalt des Publikums vorbeigeschrieben. Daher ist die heutige Musik der oben

genannten Musikschaffer, die zumeist ja zudem auch Spieler ihrer eigenen Musik sind, als eine Gegenströmung

zu sehen. Zudem nutzen sie die modernen Marketinginstrumente, um sich in Szene zu setzen. Erstaunlich nur

ist, dass sie – nachdem zuvor vor allem ein Publikum fernab von der Klassik diese Musik als ihre annahm –

nun auch Einzug in den sogenannten „klassischen Klavierunterricht“ hält und auf Bühnen präsentiert wird, auf

denen im selben Atemzug Diabelli, Chopin oder Beethoven erklingt. Ich bin dafür, dass die jungen Spieler

Musik spielen, die sie mögen, die ihnen etwas sagt – immer noch besser, als wenn sie nur murrend ans

Instrument gehen und ungern spielen, was ihnen gesagt wird. Aber es wird schwer sein, sie davon zu

überzeugen, dass die seit Jahrhunderten so geschätzten Komponisten dann doch mehr zu sagen und zu geben

haben mit ihren Werken, wenn sich die Welt von Michael Nyman, Einaudi und Kollegen erst einmal festgesetzt

hat.
Was kann man tun? Nun, man sollte zumindest einmal manifestieren, dass es eine Musik eines anderen Genres

ist, das kurzfristig schön und nett ist, aber über die Jahre leicht austauschbar wird. Das zeigt schon die

Ähnlichkeit der Werke von oben genannten Komponisten. Gerade in Asien gibt es eine riesige Szene von

Komponisten, die in diesem Stil schreiben – kaum mehr in einem Stil, der persönlich genannt werden könnte,

zu unterscheiden.
Ist es eine neuartige und im ursprünglichen Sinne des Begriffs falsch verstandene Romantik, die da bei den

jungen Menschen zum Vorschein kommt? Nun, sicherlich sind die jungen Menschen von heute stärker verunsichert

von Politik, Gesellschaft, Unruhen und so weiter. Sie sehnen sich wieder nach Stabilität und Werten, die

noch von ihren Großeltern oder ihren Urgroßeltern aufrecht erhalten wurden: Familie, Stabilität im Beruf,

etc. Damit einhergehend lässt sich die Hinwendung zu dieser vordergründig so emotionalen Musikverstehen,

denn sie drückt das aus, was man zu finden erhofft: liebliche Aussagen, gekoppelt mit leichten und

eingängigen Themen, die einfachste Gefühle wiedergeben.
Es gibt sicherlich viele andere Erklärungen für die große Verbreitung dieser Art von Musik, die immense

Zunahme von Menschen, die auf diese Weise Musik schreiben. Aber man sollte sie nicht negieren, ihr nicht

leichtfertig das Feld gegen die großen Klassiker und Romantiker überlassen, die uns über Jahrhunderte

emotional zu bewegen in der Lage waren.
Das einzig erfreuliche in dem genannten Konzert mit Kindern: Als dann ein Nocturne von Chopin erklang,

zeigte sich, dass die Zuhörer in dieser Musik eintauchten, sie nachschwingen lassen konnten, ihr sofort

verfielen, ohne vielleicht überhaupt – als Eltern der Auftretenden – einen vorheriges Wissen über diese

Musik zu haben. Man sieht: genau dies macht die Größe, die Bedeutung und die wirkliche emotionale Tiefe der

großen Meister vergangener Zeiten aus. Und diese wird bestehen blieben, das werden auch die jungen

Klavierspieler erkennen müssen, wenn sie denn – nach den Erfahrungen der kurzfristig interessanten Musik der

„neuen Romantik“ – bei dem Klavierspiel blieben werden.

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