3-2014

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Andrei Korobeinikov

Starke Heimatgefühle

Von: Carsten Dürer

Erst 27 Jahre alt ist der russische Pianist Andrei Korobeinikov. Kaum zu glauben, wenn man erfährt, was dieser Pianist schon alles im Leben gelernt und hinter sich gebracht hat. Nicht nur dass er 20 Preise in Klavierwettbewerben erspielen konnte, sondern er hat auch schon ein Jura-Studium absolviert, das ihn 2003 zum Anwalt werden ließ – spezialisiert auf Bürgerrechte. Dennoch ist der am Moskauer Tschaikowsky-Konservatorium bei Andrei Diev und am Royal College of Music in London bei Vanessa Latarche ausgebildete Pianist ein Musiker durch und durch. Und das nicht nur solistisch, auch wenn er darin sein Hauptwirkungsfeld sieht. Auch Kammermusik spielt er mehr und mehr. Wir trafen ihn kurz vor einem Auftritt mit dem Cellisten Johannes Moser im Kammermusiksaal des Beethovenhauses Bonn, um mit ihm zu sprechen.

Ich treffe auf einen enthusiastischen Gesprächspartner, der viel nachgedacht hat und sich bereits in seinen jungen Jahren über vieles klargeworden ist. Doch das allein macht Andrei Korobeinikov nicht aus. Vielmehr ist es die Verbindung seiner Persönlichkeit mit seinem Spiel. Denn am Klavier wirkt er befreit und flexibel, kann mit jeder Nuance des Klangs umgehen, vermag feinste Abstufungen herauszuarbeiten, und das, obwohl er anscheinend zu nah und ein wenig zu tief vor dem Flügel sitzt.


PIANONews: Sie sind ja 1986 geboren, also in eine Zeit hinein, in der in Russland politische Umbruchsstimmung herrschte. Hat Sie das in Ihrer Jugend irgendwie beeinflusst?

Andrei Korobeinikov: Meine Situation war vielleicht etwas besonders, da ich in einem Studentenwohnheim geboren wurde. Meine Eltern waren Physik-Studenten an einem der besten Institute der Sowjetunion für dieses Feld. So wuchs ich in einer sehr speziellen Atmosphäre auf, denn all diese jungen Menschen waren Wissenschaftler. Meine Mutter war die Erste, die aus der Union Junger Kommunisten austrat. Obwohl sie nicht so sehr politisch eingestellt war, fühlte sie sich deplatziert. Es kamen ganze Delegationen, um sie über ihren Austritt zu befragen. Also es gab diese Zeit des Umbruchs. Aber zur gleichen Zeit ging ich in den Kindergarten und ich erinnere mich, dass ich eines Tages nach Hause kam und meiner Mutter sagte, dass ich einen Menschen besonders liebe. Sie dachte natürlich, dass ich nun sie oder meinen Va-ter nennen würde, aber ich sagte: Ich liebe Großvater Lenin. Sie brachten uns also die kommunistische Lehre bei, auch wenn ich nicht weiß, wie sie das machten, aber ich erinnere mich, dass ich wirklich dieses Gefühl von Liebe zu ihm hatte. Meine Mutter fragte mich also: Wer ist er denn? Und ich wusste es nicht. [er lacht] Lenin war aber immer da. Auch noch 1989 oder 1990.
Meine Eltern ließen sich auch scheiden, wegen Boris Jelzin. [er lacht auf] Um über Veränderungen zu sprechen … Es war August 1991 und mein Vater, der sehr politisch eingestellt war, blieb in Moskau und verteidigte die Demokratie dort in den Demonstrationen auf der Straße. Meine Mutter war mit mir in einem Sommercamp und es gab natürlich keine Mobiltelefone oder Sonstiges, um miteinander in Kontakt zu bleiben. Meine Mutter wartete also auf meinen Vater, aber letztendlich sagte sie: Ich denke, du liebst Boris Jelzin mehr als mich. Und so verließ sie ihn. Letztendlich ging mein Vater dann in die Ukraine, und momentan ist er auch auf dem Platz in der Ukraine, um für die Demokratisierung einzutreten.

PIANONews: Das hört sich an, als wären Sie mit den Veränderungen sehr hautnah aufgewachsen …

Andrei Korobeinikov: Ja. Meine Mutter und ich blieben in Moskau, auch nachdem ich schon mit dem Klavierspiel begonnen hatte. Es war halt diese Zeit des Umbruchs, die unterschiedliche Dinge möglich machte. Und wir waren wohnungslos und schliefen in der Musikschule, in der ich Klavierunterricht erhielt. Dort waren wir natürlich illegal. Und dank einer Mäzenin kamen wir nach drei Jahren aus dieser Situation heraus. Denn es kam eine Fernseh-Journalistin, um mit mir nach dem Gewinn eines kleinen Wettbewerbs ein Interview zu machen. Ich erzählte ihr von unserer Situation und sie kaufte uns eine Wohnung in Moskau. Das war also möglich. Auf der einen Seite war alles komplett unorganisiert, speziell die wirtschaftliche Situation, die aber solche Dinge wie die Unterstützung der Journalistin ermöglichte. Zur selben Zeit aber war die Ausbildung immer noch großartig, denn wir hätten ja gar kein Geld gehabt, um solch eine zu bezahlen. Die 90er Jahre waren verwirrend und sehr gefährlich.

PIANONews: So blieb die Ausbildung also auf demselben hohen Stand wie zu Sowjet-Zeiten, richtig?

Andrei Korobeinikov: Ja. Als ich klein war, war ich natürlich auch geschützt durch die Politik der Kommunisten, die ich kennengelernt hatte. Denn als ich klein war und in einer Klasse, in der viele Kinder von reichen Leuten Klavier lernten, machte mich die kommunistische Ideologie, die noch von meiner Großmutter kam, selbstsicher. Ich war stolz darauf, arm zu sein, und nicht neidisch, dass die anderen Früchte hatten, die sie aßen, und ich nicht. Aber natürlich veränderte sich diese politische Sichtweise sehr bald. Ich gründete am Moskauer Konservatorium dann mit Mitstudenten die erste Social-Group auf der russischen Facebook-Site gegen Vladimir Putin – vor über 10 Jahren. Leider gibt es neben den Tätigkeiten, denen ich heute nachgehe, kaum Zeit, mich damit zu beschäftigen.

PIANONews: Sie blieben aber politisch interessiert?

Andrei Korobeinikov: Ja natürlich. Vielleicht kann man sogar sagen, dass meine ganze Generation politisch sehr interessiert ist in Russland. Natürlich besonders die Studierenden und die kulturell Interessierten. Aber insgesamt sind die Menschen, die in den 80er und 90er Jahren geboren wurden, letztendlich politisch interessiert, auch wenn sie das für einige Zeit einmal beiseiteschieben. Wenn man sie aber fragt, dann spürt man, dass sie dabei sind. Und ich denke, dass diese Generation Russland verändern wird. Natürlich ist es immer fraglich, was die Schritte, die der Kreml politisch geht, wirklich bedeuten, denn man sagt das eine und meint etwas anderes. Das war schon immer so, es kommt aus der Zeit der Bolschewiken.

PIANONews: Hatte all dies irgendeinen Einfluss auf Ihre musikalische Ausbildung? Gibt es da irgendeinen Zusammenhang?

Andrei Korobeinikov: Nun, wie soll ich das sagen … Es war Zufall, dass meine Lehrer irgendwie alle Dissidenten oder politisch Verfolgte waren. Meine erste Lehrerin, Natalia Sanovich, die heute in der Nähe von Stuttgart lebt, war sehr politisch. Einem meiner Lehrer in Moskau wurde es verboten, in die Musikschule zu gehen, da sein Vater ein politisch Verfolgter war. Vielleicht aber beeinflusst es dann wirklich mein Spiel, wenn ich beispielsweise Stücke von Schostakowitsch oder Prokofiew spiele, vielleicht auch sehr russische Musik wie Mussorgsky. Das Gefühl dieser Nation ist dort drin. Denn in all dieser Musik fühle ich nicht nur die individuellen Gefühle, sondern auch die gesammelten Emotionen von vielen, was immer das sein kann. Ich liebe beispielsweise das „Präludium und Fuge“ aus dem Zyklus von Schostakowitsch in d-Moll. Die Fuge beginnt so ruhig, wie ein Winter, in dem es nichts gibt. Und dann kommen immer mehr Details hinein, es kommt zu „weinender“ Intonation. Es ist, als würden Menschen sich erheben, als würden die Gefühle eines Volkes sich erheben, das lange geschlafen hat. Und das gibt es auch bei Mussorgsky und dieser Art von Musik. Und da hilft es mir, diese politischen Erfahrungen gemacht zu haben. Ich denke, dass dies sehr speziell in russischer Musik ist, dieses Element eines Volkes. Auch in russischen Opern findet man das. Zwar gibt es dieses Bild eines Volkes auch in anderen Opern wie „Aida“ oder „Nabucco“, aber es kommt mehr aus dem Altertum, also was einmal war. Bei „Boris Godunow“ von Mussorgsky fühlt man ganz genau die aktuelle Situation der Zeit und das ist auch in heutigen Opern der Fall. Man fühlt diese kollektive Emotion – ich weiß nicht, wie ich es anders beschreiben soll, denn das Wort „kollektiv“ mag ich eigentlich nicht, da in der Sowjetunion alles „kollektiv“ war.

Das gesamte Interview mit Andrei Korobeinikov lesen Sie in Ausgabe 3-2014.

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