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Benjamin Grosvenor

Von: Isabel Herzfeld

Wo er auftaucht, schlägt sein Spiel ein wie ein Komet in die Erdatmosphäre. Als „Visionär an den Tasten“ bejubelte man den heute 20-jährigen Benjamin Grosvenor schon vor einigen Jahren. Auch sein Debüt beim 1. Berliner Klavierfestival im vorigen Jahr fand einhelligen Anklang. In seiner Heimat Großbritannien werden seine Auftritte zwar auch heftig beklatscht, aber irgendwie gehören sie auch schon zur Normalität. Denn der junge Pianist ist eigentlich ein „alter Hase“; seinen ersten öffentlichen Auftritt absolvierte er zehnjährig mit Mozarts Klavierkonzert Nr. 21 mit dem Sinfonieorchester von Westcliff, wo er zur Schule ging. Doch fortan fungierte er auch nicht als „Wunderkind“, sondern war ganz einfach „im Geschäft“, das ihn mittlerweile schon um den Erdball in wichtige Musikzentren und zur Zusammenarbeit mit bedeutenden Orchestern und Dirigenten führte. Preise und  Auszeichnungen säumen diesen frühen Karriereweg. Mit elf Jahren gewann er den BBC-Wettbewerb „Young Musician of the Year“, für seine Debüt-CD bei Decca, die ihn als jüngsten britischen Musiker und als ersten britischen Musiker seit 60 Jahren überhaupt unter Vertrag nahm, erhielt er den „Diapason d’Or“ als talentiertester Nachwuchskünstler im Jahre 2012. Eingeschüchtert? Wer Benjamin Grosvenor trifft, spürt nichts von alledem. Wir sprachen vor einem Auftritt in Berlin mit einem äußerst freundlichen und höflichen, aber auch sehr natürlichen jungen Mann.

Erste musikalische Erfahrungen

Doch wie ein Jugendlicher seines Alters wirkt Grosvenor auch nicht. Er ist von feingliedrigem, schmalem Körperbau – unvorstellbar, welche Kräfte er später am Klavier entfesselt! – und gibt sich zwar locker und entspannt, doch sein Temperament scheint eher introvertiert und nachdenklich. Jugend und Reife strahlt er zugleich aus. Er plaudert munter und gibt doch wenig Persönliches preis. Vor allem aber ist er äußerst professionell und hochkonzentriert auf den einzig wichtigen Gegenstand dieses Gesprächs, die Musik, ohne wiederum total abgehoben zu wirken. Ein Interview am Tag des Konzertauftritts selbst ist nicht jedermanns Sache, und es gehört zu seiner großen Disziplin, jetzt noch nicht einmal einen Kaffee trinken zu wollen. Die Standardfrage, die sich so früh Erfolgreiche immer wieder gefallen lassen müssen – „Hatten Sie eine normale Kindheit?“ – kommt ei-nem so überhaupt nicht in den Sinn. Wohl aber erzählt er freimütig von seiner ersten Hinwendung zur Musik: „Meine Mutter war Klavierlehrerin und fand, dass ich irgendein Instrument spielen sollte. Also fing ich mit fünf Jahren an, bei ihr Unterricht zu nehmen.“ Benjamin zeigte zunächst kein großes Interesse, auch die vier älteren Brüder, die mit Trompete, Klarinette, Violine und Gitarre begonnen hatten, gaben die Musik mit ungefähr zehn Jahren wieder auf. War er denn nicht wie andere, die sich als Kinder vom Klavier magisch angezogen fühlten, ebenfalls von seinem Klang fasziniert? „Meine Mutter unterrichtete ja und man hörte das Klavier den ganzen Tag im ganzen Haus. Ich verstehe selbst nicht, warum ich nicht eines Tages Feuer daran gelegt habe“, meint er und lacht verschmitzt. Erst als einige Schulkameraden ebenfalls mit dem Klavierspiel anfingen, erwachte auch Benjamins Ehrgeiz. „Ich wollte einfach besser sein als sie, und so begann ich zu üben.“ Dann versuchte er es auch mit dem Cello-Spiel, aber das war nichts für ihn: „Das Klavier war für mich so viel natürlicher von der Bewegung her, und auch sein Klang kam mir so viel mehr entgegen. Und ab dem elften Lebensjahr war ich auch schon zu beschäftigt mit meinen Klavierstudien.“ Tatsächlich fällte der Junge mit zehn Jahren die Entscheidung, sein Leben als klassischer Pianist verbringen zu wollen. War das denn immer ganz klar, und gab es da nie eine Krise? Grosvenors Antwort zeugt von übergroßer Sensibilität, wie man sie hinter der Sicherheit und Selbstverständlichkeit seines Spiels zunächst gar nicht vermutet: „Als ich jung war“ – er muss lächeln, als ihm klar wird, dass er ja immer noch blutjung ist – „war das Spielen für mich überhaupt kein Problem. Ich war einfach zu jung, um über irgendetwas nachzudenken. Etwa so mit 14 Jahren kam mir zu Bewusstsein, was ich da überhaupt tat. Ich bekam schreckliches Lampenfieber, hatte ständig Angst, die Musik zu vergessen und auch sonst nicht gut genug zu sein.“ Bevor er vor der Situation, auch unter dem wachsenden Schulstress, kapitulierte, entdeckte er ein außergewöhnliches Gegenmittel: „Mich rettete die Kammermusik. Sie ist wunderbar und bis heute meine liebste Musizierform geblieben. Man ist mit dem Klavier nicht so an vorderster Front auf der Bühne, man ist mit Freunden zusammen, in einer warmen, kommunikativen und inspirierenden Atmosphäre. Und natürlich hat man die Noten auf dem Pult stehen.“ Eigentlich verwunderlich für einen Künstler, der mit seinen Soloabenden gerade durch sein besonders persönliches und phantasievolles Spiel, das breiten Raum für seine spontanen, manchmal auch sehr ungewöhnlichen Ideen braucht, Begeisterungsstürme entfacht. Es steht dazu im Widerspruch, dass er eigentlich lieber allein auf der Bühne steht, statt mit Orchester zu spielen, „weil ich dann alles unter Kontrolle habe“. Zwar gibt er zu, dass er auch bei Orchesterkonzerten großartige Musiker trifft, von denen er viel lernen kann; vor allem aber stört ihn die knappe Probenzeit, über deren Einhaltung die britische Orchestergewerkschaft argwöhnisch wacht. „Es ist furchtbar und eigentlich eine Schande, wenn man mitten in der Probenarbeit aufhören muss. Sich kennenzulernen und sich gemeinsam einen Zugang zum Stück zu erarbeiten, das muss doch wichtiger sein als eine Sandwich-Pause zur vorgeschriebenen Zeit.“ Es spricht wiederum für die Kammermusik, dass es bei einem Zusammentreffen von Individuen solche Probleme einfach nicht gibt – hätte er sich da nicht vorrangig für die Kammermusik entscheiden können? Doch klar, letzten Endes geht es immer um die Musik und nicht um die sie ausführende Person. „Was soll ich machen? Ich liebe einfach das Repertoire. Und während Kammermusik immer schön ist, kann es allein auf der Bühne zwar manchmal sehr belastend sein, aber jede Konzertsituation ist auch anders, eine Emotion kann sich während eines anderen Konzerts plötzlich völlig anders darstellen, und so fühle ich mich manchmal auch ganz frei. Und es gibt natürlich auch wundervolle Klavierkonzerte.“ Kann das Publikum dabei helfen, oder übt es überhaupt irgendeinen Einfluss aus? „Natürlich, wenn die Atmosphäre freundlich ist und der Applaus besonders warm klingt, dann spielst du das nächste Stück besser. Aber erst hinterher, beim Verbeugen, kannst du sehen, was für ein Publikum du eigentlich hast. Kürzlich saß da ein Mann in der ersten Reihe und machte ein wirklich unglückliches Gesicht, und ich dachte, er muss die Musik hassen. Oder es geht jemand mittendrin aus dem Saal, natürlich beziehe ich das auf mein Spiel, dabei hatte er vielleicht nur Bauchschmerzen und
musste auf die Toilette.“

Immer noch ein Lernender

Humor und Ernsthaftigkeit, Selbstbewusstsein und Bescheidenheit, unbedingte Eigenständigkeit der Interpretation und akribische Spurensuche in der Partitur, das sind für Grosvenor keine Widersprüche. Vielleicht ermöglicht ihm dies eine gewisse britische Gelassenheit. Individualismus ist das eine oberste Gebot, Vorurteilslosigkeit, Toleranz und absolut flexible Anpassung an die jeweilige Situation das andere. Vielleicht liegt das doch an seiner Jugend, die ihn sich noch immer als Lernenden, niemals Fertigen begreifen lässt, vielleicht ist das aber auch eine allgemeine Haltung, die einfach zu seinem Charakter gehört. So machte er letztes Jahr seinen Studienabschluss an der Royal Academy of Music – „natürlich brauchte ich überhaupt keine formale Bescheinigung, aber es war mir wichtig, in Kontakt zu meinen Lehrern und Studienkollegen zu bleiben“. Zu seinem Lehrer Christopher Elton kommt er auch heute noch zwischen anstrengenden und zeitraubenden Tourneen, um ihm vorzuspielen: „Das hilft mir immer wieder ganz enorm.“ Die Zusammenarbeit mit Orchestern und Dirigenten kann er als Bereicherung empfinden, selbst wenn deren musikalische Auffassungen nicht den seinen entsprechen. „Einmal probten wir das Finale des Schumann-Konzerts, und dem Dirigenten war es wichtig, dass man bestimmte Motive auch im Orchester gut weiterverfolgen kann. Für mich war das Tempo viel zu langsam, aber ich machte es so, wie er es wollte, und letzten Endes war es einfach eine interessante Erfahrung für mich.“ Absolute Offenheit für die Denkweise des anderen, unvoreingenommene Diskussion ist für Grosvenor Voraussetzung für angenehme und inspirierende musikalische Zusammenarbeit. Das Eigene kann sich auf dieser Basis erst richtig entfalten.

Den vollständigen Artikel lesen Sie in PIANONews 4-2013
 

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