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„Ich möchte mich nicht über die Töne stellen.“

Igor Levit

Von: Marco Frei


Obwohl er bislang noch keine CD vorgelegt hat, rechnen viele Igor Levit bereits zu den großen Musikern der Gegenwart. Mit dieser untypischen Karriere wirbelt der 1987 geborene deutsch-russische Pianist den heutigen Klassik-Betrieb gehörig durcheinander. Doch wer ist dieser junge Mann aus Hannover, der sein Studium bei Karl-Heinz Kämmerling begann und der Kritik und Publikum gleichermaßen begeistert? In München ergab sich die Gelegenheit zu einem Gespräch. Kurz zuvor war im Fernsehen ein Porträt ausgestrahlt worden, in dem Igor Levit über „Mein Liszt“ spricht ...


PIANONews: Wie sind Sie ursprünglich auf Franz Liszt gekommen, Igor Levit?

Igor Levit: Über seine „Faust“-Sinfonie. Ich habe Liszt gehasst. Noch vor drei Jahren war es das Letzte, was ich spielen wollte. Mir wäre eher Heinz Rudolf Kunze ins Haus gekommen, der ein ganz toller Liedermacher ist, als Liszt. Was ich immer mit Liszt verbunden habe, war die „Ungarische Rhapsodie“ Nr. 2. Und dann habe ich die „Faust“-Sinfonie kennengelernt, in der Aufnahme mit dem Chicago Symphony Orchestra unter Riccardo Muti. Das war ein Aha-Erlebnis. Das Instrumentarium im Mephisto-Satz ist unglaublich, ich finde das Stück großartig. Wie denken Sie darüber?

PIANONews: Ich habe meine Probleme mit Riccardo Muti.

Igor Levit: Das war meine erste Platte mit Liszt, die ich gut fand. Deswegen finde ich die Platte gut, ich bin da nicht objektiv. Mag sein, dass die Aufnahme mit Leonard Bernstein besser ist, aber das ist mir egal. Emotional verbinde ich mit der Muti-Platte mein erstes Liszt-Erlebnis, und mittlerweile finde ich einige Dinge sehr stark – vor allem in den „Années de pèlerinage“. Warum? Weil – ich würde mich selber als Bekenntnismusiker bezeichnen –  jeder einzelne Ton auf seiner Stufe eine Wichtigkeit hat. Sie sind nicht alle gleich wichtig, aber sie sind wichtig für sich selbst. Wenn ich so an ein Stück herangehe, ist auch Liszt großartig.
PIANONews: Jetzt sagen Sie aber etwas, das ich bei Ihren Konzerten im Rahmen des Schostakowitsch-Festivals 2011 in Gohrisch bei Dresden nicht so gehört habe. Sie sagten, jeder Ton habe eine Wichtigkeit. Als Sie in Gohrisch unter anderem die 24 Präludien op. 34 und das Doppel-Konzert für Klavier und Trompete op. 35 des russisch-sowjetischen Komponisten Dmitri Schostakowitsch spielten, haben Sie auf bedeutungsschwangeres Pathos verzichtet und die Werke aufregend entschlackt.

Igor Levit: Ich rede nicht vom Pathos, ja, das nehme ich zurück. Worüber ich rede: Ich möchte mich nicht über die Töne stellen. Das meine ich. Jedes Detail hat mit Liebe behandelt zu werden. Das hat nichts mit überwichtigem Getue zu tun, nein. Diese Haltung habe ich ganz stark aus der Alten Musik. Wenn man etwa sieht, welche emotionale Explosion jemand wie Josquin des Prés mit nur zwei nackten Tönen erreichen konnte: Wo nur „Kyrie“ steht, und es geht einem das Herz auf – nur mit „Kyrie“. Das meine ich. Man muss nicht ein gewaltiges Brimborium veranstalten, damit es die Essenz trifft, aber eine Konzentration auf das, was geschieht. Welche Musik gibt von sich aus billiges Pathos vor? Die Introduzione aus Beethovens „Waldstein“-Sonate ist ein Intermezzo – kurz und fließend, gefühlt gibt es ein einziges melodisches Motiv. Und die ausgeschriebenen Synkopen sprechen gegen alles, was zu langsam ist. Man muss sich nur die Fraktur angucken. Trotzdem hört man diese Introduzione wie ein Rezitativ, und die Mystiker richten am liebsten noch die Augen gen Himmel. Da ist gar nichts. Entspann dich einfach, möchte man sagen. Aber dazu gehören natürlich Interesse und Kenntnis. Man hat es auch schon bei den Bach-Kantaten, wenn in den Streichern Bögen vorgeschrieben sind, die die Musik ent- oder beschleunigen.

PIANONews: Sie scheinen sich sehr für die historische Aufführungspraxis zu begeistern.

Igor Levit: Ja, das ist total meins. Ich höre gerade häufig Bachs Cellosuiten mit Anner Bylsma, das ist genial. Mein Spiritus Rector ist der aus Ungarn stammende und in Hannover lehrende Cembalist und Organist Lajos Rovatkay. Die Capella Agostino Steffani war sein Ensemble. Er ist mein Nachbar, und wenn ich kann, bin ich fast täglich bei ihm. Er ist ein älterer Herr, ohne ihn wäre ich jetzt nicht hier.

PIANONews: Warum?

Igor Levit: Vor zwei, drei Jahren war ich an einem Punkt, da dachte ich, dass mir das, was ich am Klavier erlebe und mitbekomme, nicht reicht. Ich habe meine Inspiration zu dem, was ich klanglich erreichen möchte, nicht mehr gefunden, wenn ich nach vorne schaute. Also wollte ich nach hinten schauen. Lajos Rovatkay hat mir viel Repertoire gezeigt, das war eine Explosion. Er legte eine Platte auf, und dann hörte ich Josquin des Prés: Ich wusste gar nicht, wer dieser Renaissance-Komponist ist. So habe ich diese Musik für mich kennen und schätzen gelernt. Und dann, Schritt für Schritt, habe ich mich vorgearbeitet, gehört – aus dem Notentext heraus. In die Bibliothek bin ich gelaufen, habe mir Noten kopiert und Aufnahmen gekauft – die sind vielleicht nicht alle gut, aber das war egal. Zu Hause habe ich mich hingesetzt und gehört, von Josquin des Prés bis Bach. Von dieser Richtung aus und nicht von meinem damaligen Stand zurück. Dann hat Lajos Rovatkay mir Johann Caspar von Kerll gezeigt oder Georg Muffat, die ganzen wahnsinnigen Stücke.

PIANONews: Was hat das alles gebracht?

Igor Levit: Irgendwann musste ich Bachs „Französische Ouvertüre“ spielen, in einem Konzert. Ich habe auf einem modernen Klavier gearbeitet, aber ich war nicht glücklich. Ich habe das wieder gelassen für eine Zeit, und dann habe ich mit Lajos Rovatkay an den Kantaten von Bach gearbeitet. Ich bin zu ihm nach Hause gegangen, er zeigte mir eine Kantate, machte mich auf bestimmte Dinge aufmerksam. Plötzlich habe ich festgestellt, was artikulationstechnisch – in der Phrasierung bei den Streichern oder Sängern – passiert. Das war mir alles fremd, und da war mir plötzlich alles klar – zumindest vieles. Übertragen auf die Klaviermusik. Das war wie bei einer Flügeltür: Beide Hälften gehen auf, und es kristallisieren sich unglaubliche Sachen heraus.

PIANONews: Zumal man auch Brahms, Schostakowitsch und andere historisch informiert befreien kann.

Igor Levit: Ja, natürlich. Nehmen Sie die „Zwei Rhapsodien“ op. 79 von Brahms, die alle Kinder spielen: Das ist wie ein Orgelpräludium von Bach. Was lerne ich daraus? Den Gestus, und plötzlich bekommt das alles einen Fluss. Brahms hat Muffat revidiert, das wird häufig vergessen. Wie unglaublich hat Brahms artikuliert! Und dann gibt es „lebende Legenden“, ich nenne keine Namen, die sagen: Die historische Aufführungspraxis sei verantwortlich dafür, dass uns das Legato-Spiel abhandengekommen ist. Ja, wo kommen wir denn da hin?! Das Gegenteil ist doch der Fall. Denn was ist richtiges Legatospiel? Ich muss nicht alles wie blöde binden, sondern es ist das Verhältnis von einem Ton zum nächsten und wieder zum nächsten.

PIANONews: Wie kam der Kontakt zu Lajos Rovatkay zustande?


Das vollständige Interview können Sie in Ausgabe 2-2012 von PIANONews lesen.

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