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Mit Stille und Intuition

Markus Hinterhäuser

Von: Anja Renczikowski

„Grundsätzlich ist es so, dass man die Dinge, die man liebt, auch am besten kommunizieren kann“, so Markus Hinterhäuser und seine Liebe gilt vor allem den Komponisten des 20. Jahrhunderts. Arnold Schönberg, Luigi Nono, Karlheinz Stockhausen, Giacinto Scelsi, Galina Ustwolskaja, Morton Feldman und John Cage hat er zu seinen „Lebenspartnern“ gemacht, deren Musik ihn seit vielen Jahren begleitet, die er selbst spielt und für deren Aufführung er sich auch als Musikveranstalter einsetzt. Statt nur Klassiker wie Mozart, Haydn, Beethoven, Schubert und Schumann aufzuführen, findet Markus Hinterhäuser es viel interessanter, die vermeintlich schwierigere – so genannte Neue Musik – „selbstverständlich zu machen und dem Hörer eine Möglichkeit zu geben, diese Musik mitzudenken, mitzufühlen.“


Das Klavier nahm schon früh einen wichtigen Platz in seinem Leben ein. Das Instrument stand bei der Großmutter und faszinierte Markus Hinterhäuser. Als die Familie in Bonn heimisch wurde, kam auch ein eigenes Klavier ins Haus und der Klavierunterricht war Pflicht: „Das war allerdings eine schöne Pflicht. Man musste mich nicht drängeln“, so der Pianist, „und als wir dann nach Wien zogen – na ja, da hört man mit dem Klavier nicht auf“, ergänzt er. Ab Mitte der 1970er Jahre studierte Markus Hinterhäuser an der Hochschule für Musik in Wien und am Mozarteum in Salzburg bei Peter Lang und besuchte Meisterkurse bei Oleg Maisenberg und Elisabeth Leonskaja. Eine starke Beeinflussung durch seine Lehrer hat Hinterhäuser, der recht früh die pädagogischen Musikhallen verlassen und sich auch weitgehend autodidaktisch weitergebildet hat, aber nicht verspürt. „Ich habe vielleicht immer meinen eigenen Kopf gehabt, der mir in der einen oder anderen Situation auch geholfen hat.“ Dennoch erzählt er herzlich und voller Respekt von seiner ehemaligen Lehrerin. Anfang April 2012 spielte Markus Hinterhäuser gemeinsam mit Elisabeth Leonskaja zur Eröffnung der „Hamburger Ostertöne“ Johannes Brahms Requiem in der Fassung für Soli, Chor und zwei Klaviere. „Sie hat diese schöne Idee gehabt und es ist so viel Zeit vergangen, aber das Lehrer-Schüler-Verhältnis kann man doch nicht ganz ablegen. Sie hat mir viele Tipps gegeben und ich habe mich zurückgehalten. Auf sehr sympathische Weise haben wir dieses Verhältnis fortgesetzt.“
Besonders interessiert ist Markus Hinterhäuser, dessen Vater Literaturwissenschaftler war, am Verhältnis Sprache und Musik, das auf unterschiedliche Weise immer wieder eine wichtige Rolle in seiner künstlerischen Arbeit einnimmt. Zunächst war es die Begeisterung für den Liedgesang. „Es gab eine Zeit, da war ich Dietrich Fischer-Dieskau völlig verfallen und habe immer wieder Aufnahmen von Christa Ludwig und Brigitte Fassbaender gehört. Diese Fähigkeit, in drei, vier, fünf Minuten eine ganze Welt zum Ausdruck zu bringen, das ist etwas, was mich heute noch mitnimmt. Das Lied und das Streichquartett sind die absolut subtilsten Formen des Aufeinander-Hörens. Diese Feinheit, diese Subtilität gibt es nur bei diesen zwei Gattungen im erheblichen Maß. Das ist etwas, was auch wirklich mit Musikhören zu tun hat, mit Sprachehören zu tun hat. Ein Wissen darum, wie lange Konsonanten, wie lange Vokale brauchen, bis sie die Entfaltung finden. Ein Wissen über Agogik, über Zurückhaltung. Das sind schöne Dinge und das habe ich viele Jahre gemacht. Das war gut für mein Leben.“ So widmete sich Hinterhäuser viele Jahre lang selbst der Liedbegleitung, arbeitete mit Brigitte Fassbaender und nahm mit Jochen Kowalski Schuberts „Winterreise“ auf. Später spielten Musiktheater-Produktionen eine wichtige Rolle. Klaus Michael Grüber und Christoph Marthaler waren Regisseure, mit denen er intensiv zusammenarbeitete und deren „Musikalität“ er schätzt. Legendär sind seine Auftritte als singender Pianist in Marthalers „Schöne Müllerin“ und als Pianist, der mit einer Clownsmaske verstörend-berührend in „Schutz vor der Zukunft“ Schostakowitschs b-Moll-Präludium spielt.
Als Kammermusiker arbeitet er mit Cellist Thomas Demenga, Geiger Thomas Zehetmair und dem Arditti String Quartet. Dann nahm er seine erste CD mit Werken der Zweiten Wiener Schule auf: „Das war so eine Abschussrampe, eine Trägerrakete“, erinnert sich Markus Hinterhäuser. Und auch wenn er die Musik des 20. Jahrhunderts keineswegs als Kontrast zu der der Klassik und Romantik verstanden wissen will, so „fordert dies doch eine andere Art der Beschäftigung und manchmal eine Form von ‚Entbehrung‘“, bekennt er. Gemeint ist damit ein Rückzug auf das Wesentliche, das Existenzielle und auf das Unverzichtbare. Wenn Hinterhäuser über Arnold Schönberg, dessen gesamtes Klavierwerk er eingespielt hat, Morton Feldman, John Cage, Luigi Nono und Galina Ustwolskaja spricht, dann paaren sich schwärmerischer Enthusiasmus und verhaltene Zurückhaltung. Und es scheint genau diese konträre wie authentisch und ernsthafte Haltung zu sein, die das Publikum überzeugt. Markus Hinterhäuser will kein dominanter Konzertmanager sein oder als Pianist das Publikum belehren und musikalische Zusammenhänge explizit mit einem pädagogischen Zeigefinger erklären. Er möchte „Hör-Situationen“ schaffen, in denen Dinge erlebbar sind und die zum eigenen Denken animieren. Erst vor kurzem wurde seine 1997 eingespielte und längst vergriffene Aufnahme mit den Klaviersonaten der russischen Komponistin Galina Ustwolskaja wiederveröffentlicht. Gemeißelte Klangkaskaden, fatalistisch gehämmerte Töne, Cluster und akkordische Tontrauben, die vom Pianisten hörbar mit den Knöcheln anzuschlagen sind, prägen diese Musik, die eben nicht nur gehört, sondern regelrecht ausgehalten und ertragen werden muss. Und Hinterhäuser spielt sie, weil sie ihm wichtig ist: „Das ist eine so kompromisslose existenzielle Not, die aus der Musik spricht. Mit der sollte man sich auseinandersetzen.“ Die russische Komponistin hat einmal gesagt, sie habe ihre Musik im „Zustand der Gnade“ geschrieben. Hinterhäuser verweist gerne darauf, denn es hat viel mit dem zu tun, wie er die Musik spielt. „Da passiert etwas mit einem, das kann man nicht steuern. Und das hat viel mit einer physischen Präsenz zu tun, die sich auch auf den Hörer überträgt. Wenn man so aus sich herausgehen muss, dann gibt es keine Schutzzone mehr.“ Das – so betont der Pianist – fällt ihm zunehmend schwerer. Es verwundert nicht, dass er Swjatoslaw Richter, der am Ende seiner Karriere bevorzugt auf verdunkelten Bühnen spielte, und Grigory Sokolov, den er auch gerne immer wieder als Konzertchef nach Salzburg holte, verehrt und bewundert. Auch bei ihnen ist die Diskrepanz zwischen dem Konzertieren als öffentlicher Auftritt und der Scheu, bei diesem Vorgang im Fokus der Beobachtung zu stehen, zu spüren.
Als Musiker und „Ermöglicher von Hör-Situationen“ ist er kein Stratege, sondern folgt einfach dem Prinzip, dass er dem Publikum das nahebringen möchte, was ihn selbst fesselt. „Mich interessiert die Kommunikation von Musik. Ob ich selber spiele oder ob ich jemanden einlade zu spielen, ist dabei sekundär, aber ich muss irgendeine Form der inneren Überzeugung haben.“ Überaus erfolgreich leitete Markus Hinterhäuser gemeinsam mit Tomas Zierhofer-Kin von 1993 bis 2001 das „Zeitfluss“-Festival im Rahmen der Salzburger Festspiele. Fast 20 Jahre ist es her, dass die beiden Musiker die bis heute als legendär geltende Aufführung des „Prometeo“ von Luigi Nono auf die Bühne brachten. „Wir waren jung und in gewisser Art verwegen. Schließlich hatten wir noch nicht einmal einen Kammermusikabend veranstaltet. Aber wir haben den entscheidenden Moment in der Geschichte der Salzburger Festspiele erwischt“, so Hinterhäuser rückblickend. Es war die Ära von Gerard Mortier und Hans Landesmann, die Neues möglich machte und dem ehrwürdigen Festival einen bis dahin ungeahnten Schwung an Produktivität und Kreativität brachte. Mit dem „Prometeo“ begann der Triumphzug der äußerst ambitionierten Spielpläne, die ein extrem heterogenes, aber auch junges Publikum anzogen. Hinterhäuser ging es dabei vor allem darum, Neue Musik nicht als Randerscheinung zum tradierten Festivalrepertoire zu präsentieren. So gab es neben Konzerten mit Sufi-Gesängen, Live-Elektronik, argentinischer Tango-Musik auch asiatische Klänge – oder Überraschungen wie den „Chor der Schreienden Männer“ aus Finnland, die eine Kunst des Brüllens entwickelt haben und in demaskierender Form Nationalhymnen vortrugen. „Das Konzertleben läuft immer noch nach spätbürgerlichen Mustern ab und nach dem Grundsatz, Musik habe als Erfüllungshilfe festgelegter, vor allem emotiver Erwartungen zu funktionieren“, erklärt Hinterhäuser. Diese Erwartungshaltung umzukippen und das Publikum mit den Grenzzuständen der eigenen Wahrnehmung zu konfrontieren, sind wichtige Aspekte seiner Arbeit, die er auch in der Zeit als Konzertdirektor der Salzburger Festspiele unter der Direktion von Jürgen Flimm seit 2007 durchsetzte. Eingebettet in ein traditionsreiches Festival konzipierte Hinterhäuser dort jährlich die Reihe „Kontinente“. Die Werkschauen, die sich jeweils mit einem Komponisten – Giacinto Scelsi, Salvatore Sciarrino, Edgard Varèse und Wolfgang Rihm – auseinandersetzten und neben einer repräsentativen Auswahl einiger Schlüsselwerke auch das künstlerische Umfeld und Vorlieben des Portraitierten präsentierten, brachten neue Perspektiven und schafften neue Zugänge für ein vermeintlich schwieriges Repertoire. Im vergangenen Jahr – in dem er für ein Jahr als Interimsintendant der Festspiele wirkte – ließ Hinterhäuser noch einmal gewichtige Stationen seiner Zeit als Konzert-Erfinder Revue passieren und brachte neben Nonos „Prometeo“ unter anderem auch Morton Feldmans Oper „Neither“ und „Macbeth“ von Salvatore Sciarrino auf die Bühne. Die Stars der Klassik-Szene hatte er mit einem sensiblen Gespür für neue Möglichkeiten eingeladen: „Ich glaube zu wissen, wie Musiker oder Künstler ticken, und intuitiv zu wissen, was sie noch gerne machen würden in diesem merkwürdig gleichgeschalteten Musikbetrieb.“ Hinterhäuser versteht sich in seiner Funktion als Festivalleiter vor allem als Gastgeber, der sein Publikum ernst nimmt, dessen Bedürfnisse und Vorlieben erkennt, aber auch komplexe Situationen schaffen möchte, die aufrichtig und ohne Quotenzwang kommuniziert werden. Das scheint ihm vor allem in dem letzten erfolgreichen Festivaljahr in Salzburg gelungen zu sein. Und wenn er von der stillen Faszination beim Publikum bei der Aufführung von Morton Feldmans doch eher karg anmutender Oper „Neither“ in der Kollegienkirche spricht, dann spürt man Stolz, aber auch schon fast eine stille Demut und Dankbarkeit darüber und vor allem, dass es ihm einzig um die Musik geht. Darüber, dass er nicht – wie so viele gehofft hatten – als Intendant der Salzburger Festspiele ab 2012 berufen wurde und es auch ablehnte, unter neuer Stabsführung von Alexander Pereira wieder zu seinem Amt als Konzertchef zurückzukehren, möchte Markus Hinterhäuser heute nicht mehr reden. „Ich mag etwas nicht in mir spüren, und das ist die Verbitterung. Das würde mich unglaublich einengen in meinem Leben. Das will ich nicht.“

Das ganze Interview lesen Sie in PIANONews 5-2012

 

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