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„Für mich ist es natürlich, immer in Bewegung zu sein.“

Yuja Wang

Von: Isabel Herzfeld


Eine rasantere Karriere ist kaum vorstellbar: Spätestens seit sie 2007 in Boston für Martha Argerich eingesprungen war – da war sie zwanzig und hatte ihr Studium noch nicht beendet – gilt Yuja Wang als neuer Stern am Pianistenhimmel. Von da an tourte sie wie die ganz Großen durch die Welt, mit den bedeutendsten Orchestern und Dirigenten, trat bei den wichtigsten Festivals auf. Ein Debüt jagte das andere: In Europa spielte sie schon 2003 mit dem Tonhalle-Orchester Zürich, zwei Jahre später war sie unter der Leitung von Pinchas Zukerman beim National Arts Center Orchestra in Ottawa zu Gast; sie arbeitete mit fast allen führenden amerikanischen Klangkörpern und ging 2007 mit dem New York Philharmonic unter Lorin Maazel auf Tournee durch Japan und Korea. Auf den Festivals von Aspen, Gilmore, Schleswig-Holstein und Verbier bejubelte man sie als Solistin; darauf holte man sie zu Recitals nach London, Paris und München. Beim London Symphony Orchestra debütierte sie unter Michael Tilson Thomas; mit dem Royal Philharmonic unter Charles Dutoit reiste sie durch Spanien. Ein Höhepunkt ihres bisherigen Künstlerlebens war gewiss, als Claudio Abbado sie ausdrücklich als Solistin für sein Lucerne Festival Orchestra wünschte. Kein Wunder, dass Interview-Termine bei Yuja – so würde sie sich am liebs-ten nennen, da „Wang“ in China ein Allerweltsname ist – knapp und begehrt sind. Wir trafen sie in Berlin kurz vor einer Probe mit den Stimmführern der Berliner Philharmoniker, mit denen sie ein Kammerkonzert in Paris vorbereitete – und das war an diesem Vormittag nicht ihr erster Interview-Termin.


Yuja empfängt mich in einem karg möblierten Probenraum des Berliner Kammermusiksaals; das Gespräch wird mit äußerster Konzentration und Disziplin durchgeführt. Immer wieder blickt sie auf ihr Handy, um die Zeit zu kontrollieren. Eine zierliche Person, die große Kraft ausstrahlt. Dabei ist sie durchaus eine fröhliche junge Frau, der man ansieht, dass sie ihre Jugend genießen will, und die viele ihrer Worte mit einem herzhaften Lachen kommentiert. Es ist, als gebe es zwei Yujas: einmal die Klassikprinzessin, die superprofessionell alle Pflichten absolviert, die das Business ihr auferlegt, die akribisch ihre Partituren studiert und sich in die philosophischen Hintergründe der darzustellenden Werke einliest. Und dann die andere Yuja, 23 Jahre jung, die gerne lacht und Popmusik liebt, Ausschlafen mag und am liebsten ihre Zeit mit Freunden verbringt, die sich auch über ihre Zukunft nicht allzu viele Gedanken machen will …
Dass Yuja Chinesin ist, bringt westliche Hörer immer noch zu bewunderndem Kopfschütteln. Wie kann es sein, dass eine Frau aus dem Fernen Osten ein solches Gespür für die abendländische Musik hat, feiner und sensibler als viele westliche Künstler? Sie ist auch kein Genie der Nachahmung, wie man das manchen anderen Asiaten nachsagen könnte, sondern alles, was sie spielt, ist von tiefs-tem Verständnis durchdrungen. Der 23-Jährigen, 1987 in Peking geboren, ist die Musikalität gewissermaßen in die Wiege gelegt worden. „Ich komme aus einer musikalischen Familie, mein Vater ist Schlagzeuger, meine Mutter Tänzerin im chinesischen Nationalballett.“ Aber es war doch wohl nicht selbstverständlich, sich so intensiv der klassischen Musik zuzuwenden? Yuja lacht. Sie amüsiert sich über die Vorurteile, welche die Bewohner der westlichen Hemisphäre der chinesischen Kultur gegenüber hegen können. – „Die offizielle Musikkultur in China ist total europäisch, das ist inzwischen ähnlich wie in Japan. Die traditionelle chinesische Musik kenne ich kaum und mag sie auch nicht besonders. Die Musikerziehung in der Schule ist europäisch. Und das Erste, was ich zu Hause hörte, waren Tschaikowsky-Ballette, ‚Schwanensee‘ und ‚Nussknacker‘. Da war ich drei oder vier Jahre alt.“ Doch weder mochte sie den Beruf der Mutter ergreifen – „ich war zu faul“ –, noch dem Vater nacheifern, der Jazz und Popmusik spielte. Die Offenheit gegenüber allen Musikrichtungen ist ihr jedenfalls geblieben. Yuja suchte sich das Klavier aus, „!nicht unbedingt, weil ich den Klang des Instruments so besonders mag, sondern weil in ihm einfach alle Instrumente enthalten sind, das ganze Orchester“. Mit sechs Jahren erhielt sie ihren ersten Klavierunterricht und kam schon ein Jahr später an das  Bejing Central Conservatory of Music. „Das Spannende  war, dass meine Lehrerin in Russland studiert hatte. Man muss sich überhaupt vorstellen, dass in Peking alles sehr russisch geprägt ist, wegen der früheren kommunistischen Beziehungen, obwohl man nicht gerade befreundet war. Für mich war das ein Glücksfall, dass ich schon früh so einen intensiven Kontakt zur russischen Klavierliteratur bekam und auch zu der Mentalität, aus der sie entstand …“ Genau gesprochen, die „russische Seele“. Der Unterricht bedeutete künstlerische und menschliche Geborgenheit, wie man sie vielleicht bis zur Pubertät braucht. Und wieder war es ein Glücksfall, dass Yuja mit 14 Jahren für ein Jahr nach Kanada geschickt wurde und dadurch früh ihren eigenen Weg finden konnte. Aber war das nicht ein Kulturschock, so jung ganz allein in ein derartig fremdes Land zu kommen? „Oh ja“, bekräftigt Yuja, „es war einfach alles anders, nicht nur die Kälte. Das Essen, die Sprache, das Land. Alles war so leer, diese riesigen freien Flächen verstörten mich richtig, wo ich doch täglich diese dichtgedrängte Menschenmenge gewöhnt war. Aber das Wichtigste waren die Menschen.“ Was bedeutete das für ihre musikalische Entwicklung? „Meine Lehrerin in Peking war sehr direkt, auch sehr streng. Sie sagte mir immer ganz genau, was ihr nicht gefiel, und ich brauchte es nur so zu machen, wie sie es wollte, damit alles klappte. In Kanada und auch später in USA waren die Leute sehr nett und höflich, aber sie sagten nie genau, was sie wollten. Was man machte und was man lernte, war einem letztlich selbst überlassen.“ Nach einem Jahr kam sie nach Philadelphia an das renommierte Curtis Institute of Music. Ihr Lehrer wurde Gary Graffman, „auch so ein Typ mit einem russisch-jüdischen Hintergrund, das passte zu mir”. Von ihm lässt sie sich heute noch beraten.
Irgendwie lässt mir die Frage nach ihrer chinesischen Herkunft noch keine Ruhe. Welche Beziehung hat sie heute zu China, und spielen ihre chinesischen Wurzeln bei ihrer Kunst irgendeine Rolle? Yuja reagiert etwas ungeduldig. „Diese Frage nervt mich langsam. Für alle bin ich immer noch das Chinagirl, das erstaunlicherweise westliche Musik macht. Lang Lang und Yundi Li sind auch keine Exoten, und ich betrachte es auch eher als Zufall, dass zurzeit so viele chinesische Pianisten auf den Markt kommen. Jedenfalls ist jetzt alles so globalisiert, dass das gar keine Rolle spielt. Ich lebe jetzt in Amerika, wie so viele Menschen asiatischer Herkunft, und ich fühle mich dort zu Hause. Wenn ich nach China komme, ist es für mich wie ein fremdes Land. Alles dort verändert sich so schnell, ein paar Jahre machen da ungeheuer viel aus. Und alte Freunde habe ich dort auch nicht mehr, meine jetzigen Freunde sind alle aus den USA.“
Yujas vorrangiges Streben gilt momentan dem Aufbau eines Repertoires, das sowohl ihren stupenden manuellen Fähigkeiten als auch ihrem Bedürfnis nach Tiefgang gerecht wird. Ihr Geschmack ist unbestechlich; sie spielt emotional, aber wahrt immer eine gewisse Distanz ihres Erkenntnisinteresses, wird nie zu gefühlvoll. Welche Bedeutung haben da mittlerweile für sie die großen Virtuosenkonzerte, mit denen sie Furore machte, etwa von Tschaikowsky und Rachmaninow? „Natürlich ist es viel leichter, mit Orchester zu spielen. Es ist jemand da, der einen unterstützt. Natürlich kann das unterschiedlich gelingen, es gibt ja sehr verschiedene Musiker. Aber wenn es so ist wie mit Claudio und dem Mahler Chamber Orchestra, dann hören alle aufeinander, das ist wie Kammermusik.“ Ihre dritte CD, die bei der Deutschen Grammophon im Mai herausgekommen ist, enthält Rachmaninows 2. Klavierkonzert und seine „Rhapsodie über ein Thema von Paganini“. „Letztere liebe ich besonders. Sie ist so clever geschrieben, rhythmisch, temperamentvoll, etwas für junge Leute.“ Tatsächlich spielt Yuja hier mit pointiertem Witz, den das kammermusikalisch strukturierende Orchester kongenial begleitet.

Das vollständige Porträt lesen Sie in Ausgabe 3-2011 von PIANONews...

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