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Bewegende Musik aus Japan

Gerhard Oppitz ... über seine neueste Einspielung mit japanischen Kompositionen

von: Carsten Dürer


Gerhard Oppitz ist ein nachdenklicher Pianist, einer, der sich Zeit lässt mit Ideen, die reifen müssen. Natürlich gilt er als einer der Brahms-Spieler par excellence. Doch auch seine monumentalen Gesamteinspielungen von Beethovens Klavierkonzerten und Sonaten sowie seine soeben abgeschlossene Aufnahme mit den Schubert-Sonaten weisen ihn als Meister der klassisch-romantischen Periode aus. Doch es wäre vollkommen falsch, Oppitz auf dieses Repertoire zu beschränken, denn er hat ein immenses Spektrum an Wissen um das gesamte Klavierrepertoire. Zudem spielt er Werke wie das Schönberg-Klavierkonzert oder das 2. Klavierkonzert von Guiseppe Martucci, die er in den Tagen unseres Treffens zur Aufführung bringt. Doch nun hat sich Oppitz einem vollkommen anderen Repertoire gewidmet: japanischer Klaviermusik. Im März dieses Jahres ging er wieder in den von ihm seit 20 Jahren als Aufnahmeort bevorzugten Reitstadel in Neumarkt, um vier japanischen Komponisten auch hierzulande stärker Gewicht zu verleihen: Toru Takemitsu (1930–1996), Shin-Ichiro Ikebe (* 1943), Keiko Fujiie (* 1963) und Saburo Moroi (1903–1977).


PIANONews: Wie kam es zu der Idee, Werke von japanischen Komponisten aufzunehmen?

Gerhard Oppitz: Nun, diese Idee ist mir schon lange im Kopf herumgegangen. Ich habe aus der großen Fülle von japanischen Werken dann eine kleine Auswahl getroffen. Ich kenne auch sehr  viele Komponisten aus Japan …

PIANONews: … Sie haben ja sehr früh begonnen, sich mit Japan und seiner Kultur zu beschäftigen …

Gerhard Oppitz: Ja, ich bin 1973 mit meiner späteren Ehefrau zusammengetroffen und bin seither unter dem Einfluss der japanischen Kultur, der japanischen Sprache und der japanischen Lebensart. Natürlich auch durch viele Reisen nach Japan, auch zu Freunden, Verwandten und Bekannten. Ich habe auch viele Studenten aus Japan gehabt und war immer neugierig darauf, so viel wie möglich in mich aufzunehmen, was mit Japan zu tun hat. Auch die Sprache und die Schrift habe ich daher gelernt. Ich glaube, dass ich durch all dies einen fundierten Eindruck von den Besonderheiten der japanischen Kultur habe, dass ich mir zutrauen kann, die Musik der japanischen Komponisten ein wenig bekannter zu machen. Ich habe auch das Gefühl, etwas geben zu können, damit die Musik der japanischen Komponisten auch in anderen Ländern zur Diskussion gestellt wird.
Japanische Pianisten spielen schon immer wieder mal das ein oder andere Werk, aber außerhalb von Japan kennen und spielen nur wenige nicht japanische Pianisten dieses Repertoire. Allein Peter Serkin hat sich stark für die Werke von Toru Takemitsu eingesetzt, da er ihn auch sehr gut kannte.

PIANONews: Ausgerechnet das von Ihnen ausgewählte „Rain Tree Sketch“ von Takemitsu ist ja eines der bekannteren Werke von ihm, das auch immer wieder von Klavierstudenten gespielt wird – zumindest kann man dies in internationalen Klavierwettbewerben feststellen.

Gerhard Oppitz: Das ist sicher das weltweit berühmteste Klavierstück aus japanischer Feder. Ich finde, es ist ein zauberhaftes Stück. Nicht viele Noten, aber sehr viel Musik, viel Poesie und Fragezeichen, die stehen bleiben. Mit diesem Stück wird auch Takemitsus Verbundenheit mit der Musik von Olivier Messiaen dokumentiert.

PIANONews: Takemitsu wie Ikebe haben ja auch für viele bekannte Filme Musik geschrieben. Das hat zumindest Takemitsu geholfen seinen Namen bekannter zu machen, oder?

Gerhard Oppitz: Ja, wobei diese beiden Komponisten – und auch Vorgänger von ihnen, die für Hollywood-Filme Musik komponiert haben – ihre Filmmusik nicht immer als wahre Essenz und den wahren Fokus ihres Schaffens betrachtet haben. Aber natürlich war es für sie immer eine gute Gelegenheit, die ökonomische Basis dafür zu schaffen, dass sie ihre sehr „ernsthaften Ideen“ umsetzen konnten.

PIANONews: Die Komponisten, die Sie nun eingespielt haben, sind in Japan sehr bekannt?

Gerhard Oppitz: Das trifft zumindest auf Takemitsu und Ikebe zu. Die anderen beiden sind nicht so bekannt. Die fabelhafte Musikerin Keiko Fujiie hat schon vielerlei Anerkennung erfahren, aber hat natürlich noch keinen Kultstatus unter den Komponisten wie ihre älteren Kollegen. Ich habe sie vor zwei Jahren kennen gelernt und einige ihrer Partituren gesehen – unter anderem ein fabelhaftes Klavierkonzert, das ich vielleicht auch einmal aufnehmen möchte. Die Suite, die ich ausgewählt habe, die 12-sätzige Suite „On the Water’s Edge“ sind Stücke, die mit Gewässern und dem Verweilen an Gewässern zu tun haben. Wobei das poetische Aufhänger sind, aber keine Vorlagen, die postkartenmäßig ausgemalt werden. Es sind sehr viele Traumbilder in ihnen, die in der Luft zu schweben scheinen. Es ist eine sehr sensitive, poetische und delikate Musik, die mich sehr angesprochen hat. Ich glaube, dass sie sicherlich noch bekannter und noch mehr Anerkennung finden wird.

PIANONews: Das, was Sie da über die Musik von Fujiie sagen, könnte man das – wenn man es verallgeminernd ausdrücken will – über die jüngere japanische Kompositionsweise sagen: dass die Komponisten stärker deskriptiv und mit einem immensen Hang zu einem Harmonieverständnis schrieben? Zumindest in einer Zeit, in der wir in Zentraleuropa besonders Werke von eher experimenteller Art erfahren konnten?

Gerhard Oppitz: Es gibt Beispiele von allem, auch in der japanischen Musik. Aber es gibt auch dieselben interessanten Phänomene, dass Komponisten – ähnlich wie beispielsweise Penderecki in den letzten Jahren – im Alter weg von der Webern-Stockhausen-Nachfolge in Bezug auf die Klanglichkeit zurück zu einem harmonischeren Ausdruck kommen. Aber ich kenne auch eine Menge Werke von japanischen Komponisten, die sehr stark in die Richtung Stockhausens und Berios gegangen sind, vor allem in den 60er und 70er Jahren. Auch Ikebe und Takemitsu. Sie haben dann aber auch einen Altersstil entwickelt, der wesentlich angenehmere Töne anschlägt.
Was deutlich wird, ist, dass die japanischen Komponisten viel offener sind für Anregungen außermusikalischer Art; Anregungen aus der Natur, Anregungen aus der Literatur, vor allem der Poesie. Zum Beispiel hat Ikebe ja das Stück, das ich eingespielt habe, auf ein Gedicht von Paul Eluard geschrieben und es daher nach der Gedichtzeile „La terre est bleue comme une orange“ benannt.
PIANONews: Das ist überhaupt bemerkenswert, dass es bei fast allen diesen Komponisten auch eine Brücke nach Europa gibt. Saburo Moroi hat ab 1932 bei Willy Bardas in Berlin studiert, Ikebe wählt ein Gedicht eines Franzosen …

Gerhard Oppitz: Ja, viele der japanischen Komponisten und Musiker haben natürlich in Europa studiert. Eine japanische Komponiertradition ohne den Einfluss der europäischen Musikszene wäre ja kaum vorstellbar gewesen. Wenn Japan weiterhin so isoliert geblieben wäre, wie es bis vor zirka 150 Jahren war, dann wäre sicherlich etwas ganz anderes als Musikszene entstanden.

PIANONews: Das zentrale Werk der CD ist aber die 2. Klaviersonate von Saburo Moroi mit fast einen halben Stunde Dauer …

Gerhard Oppitz: Bei dieser Sonate, die ich sehr bewundere, höre ich ganz eindeutig Paul Hindemith als großen Schatten und Einfluss seiner Musik durch seine zeitgleiche Anwesenheit in Berlin. Aber auch Elemente aus der Vorstellungswelt von Busoni. Es gab ja seinerzeit in Berlin noch eine ganze Reihe von Schülern Busonis. Ich glaube, vor diesem Hintergrund wurde Moroi sehr stark angeregt. Etwas auszudrücken, was ihm am Herzen lag, und in einer Sprache, die er aufgesogen hatte im Umgang mit anderen Künstlern. Und es ist eine Musik, die sehr bewusst strukturiert ist, geradezu mit klassischer Formstrenge auftritt. Diese Sonate hat in ihrer Ausdehnung schon einmal Dimensionen wie die h-Moll-Sonate von Liszt. Eigenwilligerweise beginnt die Sonate mit einem G-Dur-Akkord und endet mit einem H-Dur-Akkord wie bei Liszt, nur dass es bei Liszt im dreifachen Piano endet und bei Moroi im dreifachen Forte. Dadurch dass er die gesamte Komposition aus ganz wenigen Motiven entwickelt und auch immer wieder zurückgreift auf Elemente der vorangegangenen Sätze, zeigt sich ein geschlossenes Werk, ein zyklisch strukturiertes. Ich habe auch schon in Japan mit Journalisten gesprochen, dass ich der Meinung bin, dass dieses Werk jeder japanische Student einmal gespielt haben sollte. Aber faktisch ist es so, dass dieses Werk kaum jemand kennt und es offenbar auch noch keine Plattenaufnahme davon gibt. Auch das Notenmaterial ist nicht leicht erhältlich, auch ich habe nur eine Kopie erhalten.
Zudem ist es ja ein Werk, das 1940 geschrieben wurde, in einer Zeit also, als der Krieg in Europa schon begonnen hatte, und kurz bevor Japan in den Krieg einbezogen wurde. Und ich höre in diesem Werk – ähnlich wie bei Prokofiew-Sonaten, die aus den Kriegsjahren stammen – ein Abbild und einen Widerhall des Weltgeschehens und der Unsicherheit, der Sorge um die Zukunft.

PIANONews: Auch eine gewisse Wut über diese Situation wie bei Prokofiew …

Gerhard Oppitz: Ja, natürlich. Der wichtigste Aussagepunkt in dieser Sonate ist für mich der dritte Satz. Es ist eine ganz weit ausgesponnene Elegie, sehr düster eingefärbt, mit wenigen tröstenden Momenten. Es ist eine Musik, die mich innerlich sehr bewegt. Und es würde mich natürlich freuen, wenn durch meine Aufnahme diese Musik ein wenig aus der Vergessenheit herausgeholt würde und sich ein paar junge Pianisten in Japan und auch außerhalb von Japan ihr zuwenden würden.

PIANONews: Es scheint ja auch, dass er ein guter Pianist war, oder?

Gerhard Oppitz: Es scheint so, denn wie er dieses Werk schreibt, wusste er genau, was man auf dem Klavier machen kann.
Was ich herausgefunden habe, ist, dass der Einfluss und die Bedeutung der Komponisten in Japan, die unter dem Einfluss der deutschen und österreichischen Musik standen, zurückgegangen ist, – zumindest in den vergangenen 30 bis 40 Jahren. Es haben mehr die Komponisten Aufwind gehabt, die sich an der französischen Musik orientiert haben, die mit Messiaen oder Dutilleux studiert haben. Aber Komponisten wie Moroi, bei denen man noch Prinzipien von Bruckner und auch noch Beethoven erkennen kann, wenn es um die Struktur der Musik geht, sind weniger anerkannt heutzutage.

PIANONews: Aber wenn die Musik von Moroi so schwer zu erhalten ist, dann wird es schwierig sein, eine Bresche für ihn zu schlagen, oder?

Gerhard Oppitz: Ich denke, dass ich es schaffen kann, dass der ehemalige Verlag oder ein neuer Verlag das Werk wieder verlegt.

PIANONews: Vielen Dank für diese Erklärungen, Herr Oppitz.

 

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