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Neue Sicht auf russische Musik

Alexander Melnikov

Von: Manuel Rösler


Berlin, Anfang 2010. Der außergewöhnlich strenge Winter, der seit Wochen über dem ganzen Land liegt, hat auch in der Hauptstadt deutliche Spuren hinterlassen. Der Pianist Alexander Melnikov ist Schlimmeres gewohnt. „Hey, ich komme schließlich aus Moskau. Da sind wir ganz andere Winter gewohnt“, sagt der trotz seiner fünfunddreißig Jahre immer noch jungenhaft wirkende Pianist zur Begrüßung, als ich mich in der Haustür der schweren Stiefel entledige und in typisch russischer Manier in weiche Hausschuhe schlüpfe. Er hat die Wohnung vor kurzem gekauft, weil sie auf halber Strecke zwischen seinen beiden „Heimatorten“ Moskau und Paris liegt – und weil sie im Vergleich zu den Immobilienpreisen der anderen Metropolen unschlagbar billig war.


Die großzügige Altbauwohnung wirkt so, als würde ihr Besitzer nicht allzu viel Zeit in ihr verbringen. Während mein Gastgeber die multifunktionale Kaffeemaschine in Gang setzt, sehe ich mich um: Im Arbeitszimmer ersetzt eine große Holzplatte auf zwei Böcken den Schreibtisch, daneben ein hochwertiges Digitalklavier mit moderner Flügelmechanik und Kopfhörer – nicht jeder Nachbar hat Verständnis dafür, dass auch international gefragte Spitzenpianisten ab und zu üben müssen. In einem abgedunkelten Nebenraum steht ein 130 Jahre alter Bösendorfer-Flügel.
Melnikov lädt mich ein, ihn auszuprobieren, schiebt mir den Klavierstuhl zurecht und beobachtet interessiert meine Reaktionen, als ich ein paar Mendelssohn-Akkorde anschlage. Ich staune über den warmen und dunklen Klang, der an eine Kombination von Bratschen und Violoncelli erinnert, und darüber, wie samtig-schwer und dennoch federleicht sich die Tasten anschlagen lassen.
„Ein wunderbares Instrument, nicht wahr?“, sagt Melnikov. „Man kann eigentlich nur Brahms darauf spielen – aber dafür eignet er sich wie kaum ein anderes Instrument.“ Vor zwei Jahren hat er auf diesem Flügel eine CD eingespielt: das Trio op. 40 von Johannes Brahms, gemeinsam mit dem Hornisten Teunis van der Zwaart und der Geigerin Isabelle Faust. Mit ihr spielt er regelmäßig zusammen, die beiden verbindet eine künstlerische und persönliche Freundschaft, die weit zurückreicht: „Ich kenne Isabelle schon lange, aber wir haben zunächst nicht miteinander musiziert. Wir haben uns das eine oder andere Mal auf Festivals getroffen und ich erinnere mich, dass ich vom ersten Moment an von ihrem Spiel begeistert war. Vor einigen Jahren habe ich in Moskau ein Festival mit Kammermusik von Franz Schubert organisiert: die Violinsonaten etwa oder die Wandererfantasie. Kurz bevor es losgehen sollte, sagte mir ein Geiger nach dem anderen ab. Ich habe dann in einem Anfall höchster Verzweiflung Isabelle angerufen – wir waren uns ja bereits einige Male begegnet und sie hatte mir auf einem Festival in Oxford ihre Telefonnummer gegeben. Ich hätte nie gedacht, dass sie für ein solches Projekt nach Moskau kommen würde, noch dazu ohne Gage. Aber sie hat sofort zugesagt. Seitdem spielen wir regelmäßig zusammen.“
Die Geigerin war es auch, die ihren Kollegen bei ihrer Plattenfirma Harmonia Mundi einführte – das mittlerweile auch das Label von Alexander Melnikov ist. Die gemeinsame Arbeit für das Label begann mit zwei Klaviertrios von Antonín Dvorák, für die sie den Cellisten Jean-Guihen Queyras an Bord holten. Mittlerweile ist die sechste Veröffentlichung des Duos erschienen – eine Gesamteinspielung der Beethoven-Sonaten auf vier CDs und einer DVD. Es scheint, als habe sich hier ein echtes Traumpaar gefunden: Zwei Virtuosen, denen die gesamte Palette technischer Perfektion zur Verfügung steht, die sich davon jedoch nicht zur oberflächlichen Effekthascherei verführen lassen.
Melnikov genießt die grundehrliche und dennoch virtuose Art des Musizierens mit der in Berlin lebenden Geigerin. Genau hinschauen und die richtigen Fragen stellen, das ist auch typisch für den 1973 in Moskau geborenen Musiker. Und wenn es erforderlich ist, wird auch gerne die Löwenpranke des russischen Pianisten ausgepackt. Früher hat Melnikov damit kokettiert, dass er eigentlich gar nicht so gerne vor Publikum auftrete – lieber genieße er die Möglichkeit, Musik in der konzentrierten Ruhe eines Studios aufzunehmen. Das Publikum als Stimulans für das eigene Spiel, das sei ein Konzept, das für ihn nicht funktioniere, hat er in früheren Interviews einmal bekannt. Mittlerweile sieht er die ganze Angelegenheit deutlich entspannter: „Natürlich spiele ich gerne vor Publikum – warum habe ich sonst diesen Beruf gewählt?“
Alexander Melnikov befördert Zucker und Kekse aus dem Schrank und wir reden über Stereotype und Vorurteile in der Musik, die Zwänge des Marktes und die Wahrnehmung des Publikums. Von einem russischen Pianisten wird natürlich erwartet, dass er ein bestimmtes Repertoire bedient: Rachmaninow, Chopin, Tschaikowsky … Und auch Melnikov macht das Spiel mit, schleudert donnernde Oktaven in die Konzertsäle, lässt fingerbrechende Läufe perlen und stellt internationale Geschwindigkeitsrekorde auf. Doch seine Liebe und Leidenschaft gilt der historisch-informierten Spielpraxis, die er ebenso lustvoll wie selbstverständlich auch auf Komponisten wie Rachmaninow oder Schostakowitsch überträgt. Nach seinem Studium in Moskau hat er noch ein Jahr bei Andreas Staier studiert, dem Doyen der historischen Tastenfraktion. Aus dem Lehrer von einst ist längst ein enger Freund geworden – und Melnikov leitet inzwischen selbst eine Klavierklasse an der Musikhochschule von Manchester.
Neben einer Reihe von hochgelobten Kammermusik-CDs hat Alexander Melnikov in den vergangenen Jahren zwei Tonträger mit Klaviermusik von Skrjabin und Rachmaninow eingespielt: Auch hier (wie sollte es anders sein) unter Verzicht auf die Gassenhauer des Betriebs. Von Rachmaninow hat er ausgerechnet die düsteren Corelli-Variationen aufgenommen. In diesen Tagen erscheinen nun die 24 Präludien und Fugen von Dmitri Schostakowitsch – auf zwei CDs und einer DVD.

PIANONews: Herr Melnikov, in diesen Tagen erscheint Ihre Gesamteinspielung der 24 Präludien und Fugen von Dmitri Schostakowitsch. Sie haben sich bereits zweimal auf Ihren Solo-CDs mit russischen Klavierkomponisten beschäftigt – Alexander Skrjabin und Sergej Rachmaninow. Nun Dmitri Schostakowitsch. Drei Komponisten, von denen wir ein starkes Bild zu haben glauben: Schostakowitsch, der tapfere kleine Mann, der unter einem unmenschlichen Regime wunderbare und welterschütternde Musik schreibt; Rachmaninow, der Inbegriff des genialischen Klavierkomponisten, der von Hollywood wie ein Filmheld in Szene gesetzt wird, und schließlich Skrjabin, der merkwürdige Sektierer, der am Totenbett des berüchtigten Satanisten Alastair Crowley Klavier spielt…

Alexander Melnikov: … ich glaube, dass über Rachmaninow sogar noch viel größere Vorurteile existieren. Ich habe manchmal das Gefühl, seine Musik gegen seine Liebhaber verteidigen zu müssen, was völliger Blödsinn ist, denn seine Musik ist ja wirklich sehr bekannt. Aber es gibt eine große tragisch-heroische Aufführungstradition, gegen die man kaum ankommt. Viele Musikliebhaber haben ein Bild von seiner Musik, das sich auf einige wenige Werke reduziert – melodienselig und „dramatisch“, fast schon Kitsch. Er hatte das Unglück, wunderbare Melodien schreiben zu können, so dass die meisten Leute nicht auf die Idee kamen, dass mehr dahinterstecken könnte.

PIANONews: Sie haben für Ihre Rachmaninow-CD ein Bild des Komponisten herausgesucht, auf dem er geradezu gespenstisch abgezehrt und sehr „unheroisch“ aussieht …

Alexander Melnikov: Es freut mich sehr, dass Sie das bemerkt haben! Es ist eigentlich aus einem Film, den ich gesehen habe, als ich einen Freund in Amsterdam besucht habe. Ich mag es sehr, weil es so düster und depressiv ist. Und ich fand es einfach unglaublich – genau so wollte ich, dass diese Musik klingt.

PIANONews: Skrjabin gilt ja als der große Mystiker unter den russischen Komponisten des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Wie haben Sie sich ihm genähert?

Alexander Melnikov: Nachdem ich gefühlte tausend Seiten seiner Gedichte und pseudo-philosophischen Theorien gelesen habe, bin ich zu der Überzeugung gekommen, dass es mehr oder weniger „Quatsch“ ist. Sie können in den mystischen Schriften den einen oder anderen interessanten Gedanken finden, mehr jedoch nicht. Aber seine Musik bleibt bestehen und sie ist fantastisch.

PIANONews: Auch Schostakowitsch gehört zu der Gruppe von Komponisten, von denen wir eine klare Vorstellung zu haben glauben, wie ihre Musik klingt, welche Gedanken den Komponisten angetrieben haben …

Alexander Melnikov: Ich hatte das Gefühl, dass es mit der Aufnahme der 24 Präludien und Fugen von Schostakowitsch möglich sein würde, etwas Neues zu erschaffen, ohne zu versuchen, vorsätzlich etwas Neues zu schaffen. Ich glaube, dass man sich mit dieser Musik einfach noch nicht intensiv genug beschäftigt hat. Vor allem glaube ich, dass es nicht möglich ist, dieses Werk als gelungenes Gesamtkunstwerk zu erfassen, wenn man sich nicht vor Augen führt, wie und wann es entstanden ist.

PIANONews: Schostakowitsch musste seine Tonsprache 1936 unter dramatischen Umständen ändern, nachdem seine Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ in dem berüchtigten Prawda-Artikel vernichtend kritisiert worden war.

Alexander Melnikov: Und obwohl die Vorgaben des Sozialistischen Realismus lächerlich und unsinnig waren, hat er dennoch aus ihnen ein neues musikalisches Idiom entwickelt, das wir etwa in der 5. Sinfonie und den späteren Werken finden. Eine Tonsprache, die perfekt war für eine Musik, die die unglaublichen Gräuel des 20. Jahrhunderts abbildet, wo auch immer sie verübt worden sind. Aus diesem Idiom ist Schostakowitschs Spätstil gewachsen, dem wir auch in den Präludien und Fugen begegnen.

PIANONews: Bei einem solchen Werk aus Präludien und Fugen in verschiedenen Tonarten denkt man natürlich sofort an das „Wohltemperierte Klavier“. Hat sich Schostakowitsch an Bach orientiert oder hat er eigene Wege gesucht?

Alexander Melnikov: Ich denke, dass man diesen 24 Präludien und Fugen vor allem anmerkt, dass sie in unglaublich kurzer Zeit entstanden sind – in nur zweieinhalb Monaten. Wenn man sich das ausrechnet, bedeutet das, dass er fast jeden Tag ein Stück geschrieben haben muss. Und man erkennt eine unglaubliche Dynamik in ihnen. Er hat eines Tages angefangen und irgendwann muss es ihn regelrecht gepackt haben. Die ersten Fugen sind noch relativ kurz und beinahe akademisch und in der zweiten Hälfte werden sie immer ausladender. Es gibt dabei durchaus Verweise auf die Tradition, indem er etwa Zitate verwendet: nicht nur von Bach, sondern auch von Beethoven, Prokofiew – und sogar von sich selbst.
Ich denke, es war für Schostakowitsch sehr wichtig, sich eine sehr strenge Form zu wählen, um zu sehen, zu welcher Meisterschaft man es darin bringen kann. Er hat ein unglaublich kompliziertes und eigenwilliges tonales und modales System entwickelt, das bis heute noch gar nicht richtig beschrieben worden ist. Das ist wie ein künstliches Hindernis, das er aufbaut, um es sich selbst nicht zu leicht zu machen und zu neuen Ergebnissen zu kommen.

PIANONews: Können Sie ein Beispiel nennen?

Alexander Melnikov: Zum Beispiel, indem er ein Fugenthema wählt, das als Fugenthema völlig ungeeignet ist – und damit eine Fuge komponiert. Oder in den Präludien, wo er ständig mit der Form experimentiert. Er nimmt zum Beispiel die klassische Sonatenform und bemüht sich, alle ihre typischen Elemente auf zwei Seiten unterzubringen: Einleitung, Exposition, Durchführung, Reprise, Coda – es ist alles drin.

PIANONews: Und klingt in dieser Häufung fast schon ironisch …

Alexander Melnikov: Ja! Die Vielfalt dieser Präludien ist unglaublich: Nehmen Sie einmal die Nr. 15, die ganz dem 20. Jahrhundert verpflichtet ist und beinahe wie Stummfilmmusik klingt – und mit einer Fuge endet, die ganz deutlich an die Zweite Wiener Schule erinnert. Und das darauf folgende Präludium Nr. 16 ist wieder ganz anders und hat seine Wurzeln im Barock, ja eigentlich sogar in der mittelalterlichen Musik. Auf das feierliche Präludium folgt eine höchst ungewöhnliche Fuge, in der schon das Thema ein einziger siebzehn Zählzeiten langer Takt ist. Jeder Kenner der Alten Musik würde es vielleicht im späten 17. oder frühen 18. Jahrhundert verorten und wahrscheinlich gar nicht glauben, dass es von Schostakowitsch stammt.

PIANONews: Welche Bedeutung hat die Musik von Dmitri Schostakowitsch für die Neue Musik von heute?

Alexander Melnikov: Nun, die drei Jahrzehnte nach seinem Tod haben gezeigt, dass sein Leben und seine Musik immer noch Gegenstand heftiger Kontroversen sind – ähnlich wie bei Richard Wagner. Er war ein vielschichtiger und sicherlich auch schwieriger Mensch, die Welt in der er lebte, war verworren und lebensbedrohlich, oft verzweifelt und er ist einige Male mit dem Tod bedroht worden. Der Musikwissenschaftler Levon Akopian sagt von den Präludien und Fugen, diese Musik sei zweifellos für die Ewigkeit geschrieben. Er hält es für bemerkenswert, dass sie in der finstersten Zeit der Geschichte der Sowjetunion und Schostakowitschs Leben entstanden sind: unmittelbar nach den Schrecknissen des Schdanow-Dekrets von 1948 …

PIANONews: … die eine Ära repressiver Kulturpolitik einleiteten, der auch Schriftsteller wie Pasternak und Soschtschenko oder Regisseure wie Eisenstein zum Opfer fielen …

Alexander Melnikov: … und das ihn zum zweiten Mal beinahe das Leben gekostet hätte. Es muss eine gewaltige Anstrengung gewesen sein, all das zu vergessen und einfach nur diese 24 Präludien und Fugen zu komponieren. Man ist versucht, nach Spuren dieses persönlichen Leids in der Musik zu suchen – aber Antworten findet man immer nur in der Musik selbst.

PIANONews: Herr Melnikov, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

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