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„Er sollte wirklich üben ...“

Gary Graffman

Von: Benjamin Ivry


In diesem Sommer bot das aufstrebende „International Keyboard Institute and Festival“ (IKIF) am New Yorker Mannes College of Music zahlreiche Höhepunkte, zu denen auch eine Ehrung des Pianisten Gary Graffman gehörte, der am 25. Juli auftrat. Der Pianist, der am 14. Oktober 82 Jahre alt wurde, ist Autor der 1981 erschienenen und niemals ins Deutsche übersetzten Memoiren „I Really Should Be Practising“, eine der zauberhaftesten Biografien, die jemals von einem Musiker niedergeschrieben wurden. Graffman wurde in Manhattan in eine russisch-jüdische Familie geboren (sein Vater Vladimir war Student von Leopold Auer). Nachdem er das Klavierspiel im Alter von drei Jahren begonnen hatte, ging er 1936 an das Curtis Institute in Philadelphia, wo er Student der gefürchteten russischstämmigen Pädagogin Isabella Vengerova wurde. Nachdem er 1946 seinen Abschluss gemacht hatte, konnte er sein Debüt unter dem Dirigenten Eugene Ormandy mit dem Philadelphia Orchestra spielen, und 1948 gewann er den renommierten Leventritt Award. Trotz dieser Maßstäbe setzenden Ehrung führte er seine Studien bei Rudolf Serkin beim Marlboro Music Festival fort und – auf weniger formaler Basis – auch bei Vladimir Horowitz. Graffmans Einspielung der Klavierkonzerte von Prokofiew mit dem Cleveland Orchestra unter George Szell von 1966 ist eine vielbeachtete Einspielung, die vor kurzem von Sony Classical wiederveröffentlicht wurde. Zudem wurden vom Label ArkivMusic.com vier weitere Aufnahmen aus den 1950er und 1960er Jahren wiederveröffentlicht, die Brahms- und Chopin-Klavierkonzerte hören lassen, dirigiert von Charles Munch, sowie einige Solo-Recitals mit Werken von Chopin und Liszt. Unglücklicherweise bekam Graffman 1979 Handprobleme, wahrscheinlich Fokale Dystenie als Folge einer Verstauchung der rechten Hand im Jahre 1977, die ihn dazu zwangen, ausschließlich Repertoire für die linke Hand zu spielen. Da er damit seine Konzerttätigkeit drastisch einschränken musste, konzentrierte er sich auf das Schreiben, Fotografieren, das Sammeln asiatischer Kunst und: das Lehren. 1980 wurde er Lehrer des Curtis Institute, das er ab 1986 als Direktor leitete und dessen Präsident er 1995 wurde. 2006 ging er in Ruhestand. Aber Graffman fuhr fort zu unterrichten und unter seinen Studenten finden sich Pianisten wie Yuja Wang, Lang Lang und Haochen Zhang.
An einem munteren und hellen Sommernachmittag beantwortete Gary Graffman in seinem Appartement nahe der Carnegie Hall in New York unsere Fragen nach seinem Leben und seiner Arbeit humorvoll.


PIANONews: Ihre Memoiren „I Really Should Be Practising“ sind Ihrer Mutter gewidmet, die glaubte, dass „das Klavierspiel in der Öffentlichkeit gefährlicher als angenehm sei“, und Ihrem Vater, der das Gegenteil dachte. Was dachte Ihre Mutter, was das Schlimmste sei, was einem auf der Bühne passieren kann?

Gary Graffman: Ich meinte das eher witzig. Sie war absolut keine Musikerin, stammte aus einer sehr wohlhabenden Familie und wurde als Mädchen dazu gezwungen, Klavier zu spielen, obwohl es sie niemals wirklich interessierte. Trotzdem heiratete sie meinen Vater, der ja Musiker war. Sie wusste, dass ich talentiert war, da es ihr jeder sagte, doch davon abgesehen war sie das absolute Gegenteil von einer „Bühnenmutter“. Sie drängte mich, Zeit mit meinen Freunden zu verbringen, die nichts mit Musik zu tun hatten und Baseball spielten und all die Dinge, die junge Pianisten nicht tun sollten.

PIANONews: Ihr Großvater mütterlicherseits, der russisch-jüdische Anwalt und Staatsmann Arnold Margolin, verteidigte erfolgreich 1913 in einem berüchtigten Gerichtsverfahren Mendel Beiliss, in dem Beiliss ein Ritual-Mord an einem 12-jährigen Jungen vorgeworfen wurde. Gibt es eine Art Parallele zwischen der Courage eines auftretenden Virtuosen und der eines sozialpolitischen Aktivisten?

Gary Graffman: Das kann sein. Man sagt, dass ich als Junge sehr stur war, daran festhielt, woran ich glaubte, in einer ausufernden Weise, wie es einige junge Leute halt tun. Ein Psychiater könnte besser erklären, wie Courage für einen Pianisten arbeitet, warum einige Menschen besser spielen, wenn sie auf der Bühne sind, oder andere besser sprechen können, wenn sie ein Publikum haben, während andere geradezu gefrieren. Wir kennen alle Leute, die ein gigantisches musikalisches Talent haben, aber jedes Mal, wenn sie vor einem Publikum auftreten, können sie nicht so spielen, wie es ihre Fähigkeit erlauben würde.

PIANONews: 1964, während der Unruhen um die Bürgerrechte in den Südstaaten der USA, gingen Sie einige Karriere-Risiken ein, da Sie sich weigerten in Sälen zu spielen, die die Rassentrennung aufrechterhielten. Waren Sie sich bewusst, dass Sie in einer Art Familientradition handelten?

Gary Graffman: Das kam mir tatsächlich in den Sinn. Ich war sehr leidenschaftlich in Bezug auf diesen Weg der Bürgerrechte vor 1964, und ich war mehr als gewillt all das zu tun, was ich konnte, um zu helfen. Zu diesem Zeitpunkt war ich aber noch nicht bekannt genug, um wirklich eine große Wirkung zu erzielen, aber ich wollte helfen.

PIANONews: Sie ließen sich von Musikern inspirieren, die andere schrecklich fanden. Sie beschrieben Ihre Kindheitslehrerin Isabella Vengerova als „sehr großzügig, und sie segelte durch ihr Studio wie ein vollbeladenes Kriegsschiff auf der Suche nach dem Feind, die Kanonen geladen und jederzeit bereit zu feiern“. Und dann fügen Sie an: „Für mich war sie ein Kampfschiff, aber ein sehr mütterliches.“ Wie war die mütterliche Seite, als sie andere Studenten anschrie und Möbel nach ihnen warf?

Gary Graffman: Das tat sie mit mir auch, aber ich kannte sie, seit ich geboren wurde. Ich war sehr jung, als ich bei ihr zu studieren begann. Sie war aus einer russischen Kolonie, aus der auch meine Eltern stammten, und mein Großvater Margolin hat mit ihr sogar einige Abende in Kiew getanzt. Ich nannte sie Tante und sprach Russisch mit ihr; sie war ein Teil der Familie. Es war, als ob die Eltern wahnsinnig über einen werden.

PIANONews: Im Alter von sieben Jahren wurden Sie zu Leopold Godowsky gebracht, um ihm vorzuspielen, und Sie traten ihm in den Bauch, wodurch er zurück auf das Sofa fiel. Hat er irgendetwas gesagt?

Gary Graffman: Ich denke, Godowsky war amüsiert erstaunt. Ich bin sicher, dass ich ihn nicht wirklich verletzt habe. Seine Reaktion war so wie die von Josef Hofmann, als ich Hofmann das erste Mal am Curtis Institute sah und ich ihn in der gewöhnlichen russischen Art ansprach, die die einzige war, die ich kannte, wenn ich Russisch sprach. Es ist diese Art von schockierter Verwunderung, die einen fragen lässt: ‚Wer ist dieser kleine Kerl?‘

Das vollständige Interview lesen Sie als E-Paper oder als Print-Version im aktuellen Heft 6-2010.

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