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Poetischer Analytiker am Klavier

Evgeni Koroliov

Von: Anja Renczikowski


Kaum ein Pianist wirkt so introvertiert und scheu wie Evgeni Koroliov und dennoch – oder gerade deshalb – besitzt sein Spiel eine suggestive Sogkraft, wie sie selten zu hören ist. Der 1949 in Moskau geborene Musiker ist kein Mann der Äußerlichkeiten. Große Gesten sind ihm fremd. Still und zurückhaltend stellt er sich ganz in den Dienst der Musik. „In meinem Kopf spielt immer Musik“, so Koroliov und es fällt ihm sichtlich schwer, über diese Musik zu sprechen. Es scheint, als wäre es fast zu trivial, das, was so tief im Inneren sitzt, nach außen zu tragen und in Worte zu fassen. Daher mag sich der Pianist nicht sehr oft den sich häufig wiederholenden Fragen der Musikjournalisten stellen. Doch wenn er es tut, nimmt er sich Zeit und antwortet: langsam, besonnen und mit leiser, geradezu verhaltener Stimme.


Bach als Fixstern

Lange Zeit galt Evgeni Koroliov als Geheimtipp. Erst nach und nach wurde ein immer größer werdendes Publikum vor allem durch seine Bach-Einspielungen auf ihn aufmerksam. Die großen Worte György Ligetis, er würde die CD mit der „Kunst der Fuge“ auf eine einsame Insel mitnehmen und käme es darauf an, sie „verlassen, verhungernd und verdurstend bis zum letzten Atemzug hören“, sind mittlerweile legendär. Johann Sebastian Bach wurde zum musikalischen Fixstern in Koroliovs Leben. „Es ist diese Musik, die mir – obwohl ich sehr viel Musik liebe – am nächsten liegt.“ Bereits als Siebenjähriger war er von seiner Musik fasziniert. Vollends in den Bann des großen Komponisten zog ihn ein Konzert des jungen Glenn Gould, das er 1957 in Moskau miterleben durfte. „Er hat einiges gespielt und wahrscheinlich alles sehr schön“, erinnert sich Koroliov, „aber mich haben die drei Kontrapunkte aus der ‚Kunst der Fuge‘ geprägt. Die Musik und auch wie er sie gespielt hat, das hat mich damals unglaublich fasziniert. Es war gewissermaßen ein Symbol davon, wie ich irgendwann einmal spielen möchte.“ Als Siebzehnjähriger spielt er dann in seiner Heimatstadt Moskau das komplette „Wohltemperierte Klavier“. Seitdem hat Koroliov häufig die großen Klavierwerke Bachs in Zyklen vorgetragen. Seine Einspielungen dieser Werke gelten mittlerweile als unangefochtene Referenzaufnahmen. Koroliovs Repertoire reicht von Bach, über die Wiener Klassik und die Werke von Schubert, Chopin, Debussy bis zur klassischen Moderne, Messiaen und Ligeti. Aber auch hier findet Koroliov Verbindungslinien zu Bach. „Gerade die Musik des 20. Jahrhunderts hat viele Gemeinsamkeiten mit der Musik Bachs. Viele Komponisten hatten den Wunsch und auch das Genie, eine so gute und fest aufgebaute Musik zu schreiben. Da sind die Stücke an sich wichtig, ohne Stimmungsbilder oder ohne dass man an etwas anderes denkt – Schönberg oder Webern gehören dazu und auch Bartók und bestimmt auch Ligeti.“ Muss ein Bach-Interpret religiös sein? Auf diese Frage antwortet Koroliov zögerlich: „Das ist schwer zu sagen. Ich würde es so formulieren: Um diese Musik ganz stark zu lieben, um sehr an ihr zu hängen, braucht man eine gewisse seelische oder geistige Konsistenz. Aber ob man das nun religiös nennen kann? Ja vielleicht, wenn man Religiosität als gesteigertes Lebensgefühl versteht. Weiter möchte ich nicht gehen.“

Eine moderate Karriere

Koroliovs Lehrer waren, neben Anna Artobolewskaya an der Zentralen Musikschule Moskau, auch Heinrich Neuhaus und Maria Yudina. Später studierte er am Staatlichen Tschaikowsky-Konservatorium in Moskau bei Lev Oborin und nach dessen Tod bei Lev Naumow. In den 1970er Jahren gewann er den Grand Prix Clara Haskil und war Preisträger des renommierten Bach-Wettbewerbs in Leipzig und des Van Cliburn-Wettbewerbs. Seit über 30 Jahren unterrichtet der Pianist auch an der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg. Diese Doppelaufgabe als Pianist und Pädagoge war ihm stets sehr wichtig. „Es hat etwas mit meiner praktischen Lebensphilosophie zu tun. Ich bin ein Mensch, der seine Unabhängigkeit sehr mag. Die Tätigkeit in beiden Berufen ermöglicht mir, mich in jeglichem Bereich unabhängig zu fühlen. Ich muss keine Kompromisse eingehen. Und ich habe mich nie einem Diktat unterwerfen müssen und wenn es dann nicht ging, dann verzichtete ich eben auf etwas.“ Koroliov war sich von Anfang an darüber im Klaren, dass sein Auftreten und seine Persönlichkeit den heutigen Vermarktungsstrategien nicht genügen. „Meinen Studenten sage ich immer, dass ich auf diesem Gebiet eine Null bin.“ Dafür hat er sich stets die Freiheit genommen, sich Konzerte und Repertoire aussuchen zu können. „Ich könnte aber auch diese Art von Künstlerexistenz nicht ertragen, in der man an die 100 Konzerte pro Jahr spielen und sich dann zwangsläufig ständig wiederholen muss. Also man muss natürlich Stücke wiederholen, aber dass man ein Programm 20 oder 30 Mal spielt, das könnte ich nicht ertragen. Insofern war ich sozusagen prädestiniert, eine moderate Karriere zu machen.“ Wer bei Koroliov studiert, sucht nicht das Rampenlicht und nicht die flüchtige Bewunderung des Publikums. „Manchmal sage ich, ich möchte meine Schüler für diese Welt verderben“, so Koroliov und fügt lächelnd hinzu: „Nein, so krass meine ich das natürlich nicht. Ich meine nicht, dass sie keine Karriere machen sollen, aber sie sollen einen Ruhepol in sich finden, denn das ist das Wichtigste.“

Gegen die Routine

Dem Klischee des verzopften Papa-Haydn stellte Koroliov vor einigen Jahren seine ganz eigene Überzeugung entgegen. Der vermeintlichen Einfachheit der Sonaten entlockt er die Genialität großer Meisterwerke. Sein überaus sensibles Spiel steckt dabei voller Esprit und geradezu kindlicher Lebensfreude. Im vergangenen Jahr erschienen Aufnahmen mit Händel-Suiten und Bachs „Französischen Suiten“. Egal was er spielt, er tut dies mit einer analytischen Gelassenheit und einer einfühlsamen Ruhe. „Wenn ich ein Stück schon gespielt habe und es dann wieder aufführe, muss ich mir ein wenig Zeit nehmen, damit ich es manuell auffrische und es auch nicht in Routine übergehen lasse. Wenn ich aber drei Konzerte mit drei verschiedenen Programmen – was nicht sehr wünschenswert ist – innerhalb einer Woche spielen muss, dann fange ich mit der Vorbereitung sehr früh an. Aber sonst, im Kopf, da spielt immer Musik, entweder eigene oder fremde, aber es spielt unentwegt und wenn es dann nötig ist, dann schalte ich das ein, was ich spielen muss. Da ist es für mich schon ganz hilfreich, im Geiste zu üben.“ Doch Koroliov ist nicht nur ein Kopfmensch. Er ist eben nicht nur Analytiker, sondern auch Mystiker, dessen Spiel zwischen intellektuellem Begreifen und sinnlichem Erfahren changiert. Hörbar wird dies in fein abgestimmten Anschlagsnuancen, Transparenz und der Liebe zu Details.

Gegen die Einsamkeit

Koroliov gehört zu den unkonventionellen Individualisten der Klavierszene. Doch auch wenn er zurückhaltend und introvertiert auftritt – Koroliov versteht sich nicht als isolierter Musikdenker. Kammermusik ist ein wichtiger Teil seines Lebens. „Es gehört zu dem Schönsten! Man ist zum Beispiel nicht einsam auf der Bühne und kann mit anderen Musikern kommunizieren.“ Koroliov spielte mit Natalia Gutman, Mischa Maisky, dem Auryn und dem Keller Quartett. Mit dem Prazák Quartett ist eine Tournee und eine neue CD-Einspielung geplant. Besonders gern konzertiert er auch mit seiner Ehefrau, der Pianistin Ljupka Hadzigeorgieva. „Leider bleibt mir für die Kammermusik nicht so viel Zeit, wie ich es gerne hätte, und man möchte ja auch einmal ein Buch lesen oder eine Reise machen.“ Besonders intensiv beschäftigt sich Koroliov auch mit Literatur, insbesondere mit Poesie, aber auch mit Malerei und Architektur. „Es ist eine Herzenssache, aber ob es auch mein Klavierspiel beeinflusst, vermag ich nicht zu beurteilen.“ Schnell wird klar, dass die Beschäftigung mit anderen Künsten weit mehr als ein Hobby ist. Auch hier ist Koroliov jemand, der keine Halbheiten mag. Auf die Frage, ob sein Weg bei so vielen Interessen nicht auch in eine andere Richtung hätte gehen können, winkt Koroliov bescheiden ab: „Nein, ich liebe all das, aber ich fühle mich nicht begabt dafür. Vielleicht wäre die Philosophie etwas gewesen. In meiner Kindheit und Jugend habe ich mit großer Begeisterung sehr viel darüber gelesen und mir auch meine eigenen Gedanken gemacht. Vielleicht hätte es in diese Richtung gehen können.“

Mit Spaß und Enthusiasmus – Residency zwischen Rhein und Ruhr

Gerade weil Koroliovs Konzertkalender nicht überladen ist und er die Termine sorgsam auswählt, sind die vier Konzerte, die er innerhalb kurzer Zeit in den kommenden Monaten in Duisburg geben wird, etwas ganz Besonderes. Als „Artist in Residence“ freut er sich auf musikalisch ganz unterschiedlich gestaltete Abende und benutzt überraschenderweise sogar ein Wort, das irgendwie so gar nicht in seinen Wortschatz passen will: „Es macht Spaß“, so Koroliov und fügt dann sogleich zurückhaltend an: „Und es ist eine große Ehre, denn so kann man sich in ganz verschiedenen Bereichen – Recital, Solo mit Orchester, Duo und Kammermusik – zeigen. Ich freue mich sehr darauf.“ Neben Beethovens 4. Klavierkonzert stehen verschiedene Duo-Werke für Klavier auf dem Programm, die Koroliov gemeinsam mit seiner Frau spielen wird. Aber nicht nur das Duisburger Publikum soll die Gelegenheit bekommen, die vielfältigen Facetten des Pianisten kennenzulernen. Ein Kammermusikabend bietet einigen Musikern der Duisburger Philharmoniker die Möglichkeit, auf höchstem Niveau miteinander zu musizieren. Für die gemeinsame Arbeit hat sich Koroliov Kompositionen von Dvorák und Brahms ausgesucht. „Ich bin auf die Zusammenarbeit sehr gespannt. Ich hoffe, dass wir das mit gegenseitigem Enthusiasmus anständig machen werden. Ich werde mir Mühe geben.“

Ein Experiment in Bild und Ton

Zum Abschluss seiner „Artist in Residence“-Reihe kehrt Evgeni Koroliov wieder einmal zu Bach zurück. Dann wird er in der Mercatorhalle die „Goldberg-Variationen“ spielen. Mit diesem Werk war er im vergangenen Sommer im Rahmen des Bachfests in Leipzig zu Gast. Das Konzert im Gewandhaus hat das Klassik Label EuroArts aufgezeichnet und im November 2008 auf DVD veröffentlicht. Es verwundert, dass sich der stille Künstler diesem Medium öffnet, und er gesteht ein: „Ja, ich habe mich ein bisschen überreden lassen. Im Konzert zu spielen oder eine CD aufzunehmen, ist für mich irgendwie natürlicher.“ Der große logistische Aufwand einer Filmproduktion ist eine eigene Welt. Viele Dinge, die vom Eigentlichen ablenken, sind zu beachten. So ging gleich in der Probe ein Scheinwerfer kaputt. Für eine exzentrische Künstlernatur ein Drama. Koroliov nahm es jedoch mit stoischer Gelassenheit hin. Ihn belastete eher der Zeitdruck, mit der so eine Produktion fertiggestellt werden muss. Doch das Ergebnis zeigt: Koroliov bleibt sich treu. Auch hier geht es einzig um die Musik. Außermusikalische Details werden so weit wie möglich ausgespart. Alles ist schlicht und schnörkellos gestaltet. Es gibt keine ausladende Bühnendekoration oder Beleuchtung. Einziger Kontrast zu Flügel und dunklem Hemd Koroliovs ist der blaue Konzerthausvorhang. All das harmoniert mit dem poetischen und unglaublich durchdachten und klaren Spiel Koroliovs.

Stiller Zauber

„In naher Zukunft möchte ich eine CD nur mit Mazurken von Chopin aufnehmen. Das ist ein lang gehegter Traum. Und dann möchte ich irgendwo ein Konzert spielen, in dem ich im Programm die Große Fuge op. 134 von Beethoven vierhändig mit meiner Frau der großen Fuge des Finalsatzes der Hammerklaviersonate gegenüberstelle. Das würde mich interessieren, wie das so wirkt und ob ich das kräftemäßig auch schaffe. Gerne möchte ich auch einmal die Werke alter Meister, dass heißt die vor Bach, vielleicht die Elisabethaner oder Frescobaldi aufnehmen.“ Damit wird Koroliov auch in Zukunft seine Hörer, egal ob mit oder ohne Bild, ob auf CD oder im Konzertsaal in seinen Bann ziehen. „Ich bin keiner, der sein Publikum durch die eigene Erscheinung verzaubert. Das ist kein Trumpf von mir. Ich habe nur einen einzigen Weg: Ich möchte das Publikum da hinziehen, wo ich bin. Wenn es mir gelingt, dann bin ich glücklich und das Publikum möglicherweise auch.“

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