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Leseprobe:

Beethoven spielen, als wäre es eine Uraufführung

Ronald Brautigam

Von: Carsten Dürer

Ronald Brautigam ist ein Pianist, der seit den 80er Jahren weltweit konzertiert – und zwar ständig! Doch der Niederländer ist immer noch eine Art Geheimtipp unter den Klavierkennern. Das verwundert, besieht man sich seine Vita und vor allem seine immense Diskografie, die die komplette Solo-Klaviermusik von Mozart, zahlreiche Sonaten von Haydn, sämtliche Sonaten von Beethoven und vieles mehr umfasst. Oder mag es daran liegen, dass der am Sweelinck Konservatorium seiner Heimatstadt Amsterdam sowie bei Rudolf Serkin ausgebildete Pianist sich stark auf die Interpretation der klassischen Werke auf historischen Instrumenten konzentriert? Wir wollten mehr über diesen faszinierenden Interpreten erfahren und besuchten ihn in Amsterdam.



Wir begegnen einem neugierig und aufgeschlossen dreinblickenden Mann von 54 Jahren, einem Pianisten im besten Alter, fast noch jugendlich wirkend. Seine strahlend blauen Augen sind neugierig und konzentriert. Wir betreten eines der typischen Amsterdamer Häuser: steile Treppen, ein schmales Gebäude mit mehreren Stockwerken. Man muss beim Aufstieg aufpassen, will man nicht fallen, beim Abwärtsgehen ist es noch akrobatischer, das Gleichgewicht zu halten. Ich erklimme mit Ronald Brautigam das Gebäude bis zum Dachgeschoss, wo sich sein Studio befindet. Hier stehen einträchtig nebeneinander ein Steinway Modell D sowie seine beiden von Paul McNulty gefertigten Nachbauten von Hammerflügeln: eine Kopie von einem Anton Gabriel Walter von 1795, die er für seine Haydn- und Mozart-Aufnahmen verwendete, sowie eine Kopie eines Walter & Sohn-Flügels. Mit Blick über einen großen Park setzen wir uns auf ein Sofa und schnell sind wir im Gespräch.

Anfänge und Kammermusik

Ronald Brautigam wirkt recht entspannt, dafür dass er am kommenden Tag die erste Probe für das Klavierkonzert von Bohuslav Martinu zu absolvieren hat, das er noch nie spielte. Im Concertgebouw wird dieses Konzert mit dem Rundfunk-Sinfonie-Orchester stattfinden. Repertoirebeschränkungen, das stellt man schnell fest, gibt es für den Pianisten Ronald Brautigam nur wenig. Aber einer seiner Agenten behauptet in seiner Biografie, dass sein Schwerpunkt die Kammermusik sei. Kann er das so stehen lassen? „Eigentlich nicht“, grinst er, „wenn ich mir meine Konzerte ansehe, dann sind die meisten Orchesterkonzerte, dann kommen die Klavierabende. Aber ich mag die Kammermusik sehr gerne, ich könnte nicht ohne Kammermusik leben. Denn eigentlich haben die Komponisten die schönsten Werke für Klavierquartett oder Klavierquintett und auch für Klaviertrio geschrieben. Wenn man das nicht spielt, wäre das einfach sehr schade.“
Zuerst ging Ronald Brautigam an sein Heimatstadt-Konservatorium, das Sweelinck Konservatorium. Doch es gab weitere Stationen innerhalb seiner Ausbildung: „Zuerst war ich am Sweelinck-Konservatorium, ging dann aber 1981 nach England, um bei Gordon Green, dem Lehrer von John Ogdon zu studieren. Aber er war damals schon krank, so dass ich nur zwei Unterrichtsstunden bei ihm hatte, bevor er verstarb.“ Privat hatte er dann noch Unterricht bei George Bingham: „Es war eigentlich ein Jahr, in dem ich nicht besonders viel gelernt habe, aber es war toll, ein Zimmer in London zu haben und diese Stadt zu erleben“, lächelt er. Allerdings hatte er am Sweelinck-Konservatorium zuvor bereits zwei Diplome erhalten, fünf Jahre Regulärstudium und drei Jahre Aufbaustudium. Nach einem Jahr in England folgte die vielleicht wichtigste Ausbildungsstation in Brautigams Leben: „Ich ging 1982 in die USA, um bei Rudolf Serkin ein Jahr lang Unterricht zu erhalten, bei ihm privat, zu Hause.“ Allerdings reiste Serkin auch in dieser Zeit noch als Pianist sehr viel. So dass der Unterricht immer dort abgehalten wurde, wo Serkin sich gerade befand. „Manchmal haben wir uns auch nur zu einem Frühstück getroffen und haben uns über Musik unterhalten“, erinnert sich Brautigam. Nach diesen Unterrichtsstunden hörte sich der Schüler immer und immer wieder die Einspielungen seines berühmten Lehrers an. „Und ich habe dann natürlich auch sehr viel von ihm imitiert“, gibt er zu. Aber das Spiel von Serkin war ja nicht kritiklos, wurde als oftmals zu perfektioniert und kalt empfunden. „Er spielte einfach rücksichtslos. Wenn er ein Sforzato spielte, dann war es ein echtes Sforzato. Das kann man bei Beethoven vielleicht so machen, aber wenn man Schubert oder Mozart spielt, dann ist es ein bisschen akademisch.“ Aber Brautigam gibt zu, dass er dies damals so faszinierend fand, dass er ähnlich zu spielen versuchte, diese Sicht aber heute doch ein wenig zu streng und nicht der Musik entgegenkommend findet. Dennoch war dies nicht Serkins Selbstüberzeugung, glaubt der Pianist: „Er war immer sehr emotional, wenn er spielte, summte mit, sang sogar. Aber ich denke, dass er sich anders wahrnahm, als was beim Spiel herauskam. Das kenne ich allerdings von mir selbst auch. Mir kommt alles, was ich spiele, langsamer vor, als es klingt.“ Und dennoch hält er es für falsch, sich immer aufzunehmen und zu kontrollieren, denn das sei ja ein Zeitphänomen des 20. Jahrhunderts: „Früher hat man das auch nicht getan, als Beethoven oder Mozart spielten, haben die sich auch nicht selbst gehört. Und man weiß nicht, was man im Kopf hört oder am Ohr. Und ich denke überhaupt, man sollte nicht zu viel darüber nachdenken, ansonsten wird es eine sterile Ausführung.“ Zudem meint er, man könne sehr schnell reagieren, beim Spiel in einer anderen Akustik beispielsweise. „Wenn man es hört, dann machen die Finger es sofort etwas anders.“ Eine wichtige Voraussetzung, vor allem auch im Umgang mit den Hammerflügeln.
Stammt von dem Kammermusikpianisten Serkin seine Liebe zu dieser musikalischen Ausrichtung, der Kammermusik? „Nein, man fand schon auf dem Konservatorium, dass ich sehr gut begleiten kann, schnell lernen und lesen kann. Ich habe sehr viele Geigen, Trompeten, Fagotte, Flöten, einfach alle Instrumente begleitet. Und ich fand das immer ganz toll. Denn neben den Werken für Klavier solo hat mir das sehr viel gegeben. Ich habe in einigen Geigenstunden vielleicht mehr gelernt als in vielen Klavierstunden, in denen ich meist nicht wirklich auf meinen Lehrer hörte, sondern immer nur versuchte, meine eigenen Klangvorstellungen zu verwirklichen.“ Sänger hat er recht wenig begleitet, dabei mag er gerade die Lieder von Schumann und Schubert besonders stark: „Es fehlt sehr stark die konzertante Ebene, wie bei einer Geigensonate. Bei den Liedern ist es sehr schwer, die jeweilige Atmosphäre zu gestalten.“ Irgendwann aber würde er gerne Lieder einmal mit dem Hammerflügel begleiten: „Dann hat man das Problem mit der Balance nicht, denn diese modernen Instrumente muss man immer so vorsichtig spielen.“
Seit vielen Jahren spielt Ronald Brautigam bis zu 90 Konzerte pro Jahr. Dabei lernt er auch immer wieder neue Klavierkonzerte, wie aktuell das Martinu-Konzert. „Aber dies nimmt so unglaublich viel Zeit in Anspruch – für ein 20-Minuten-Werk –, dass ich immer denke: Vielleicht sollte ich diese Zeit lieber mit Beethoven-Sonaten verbringen, die ich ja immer noch einspiele.“

Historische Instrumente

Heute gilt Ronald Brautigam bei vielen Hörern und Veranstaltern als Spezialist für das Spiel auf dem Hammerflügel. Wie überhaupt ist der traditionell ausgebildete Pianist einmal an diese Instrumente geraten? War das vielleicht auch der Einfluss von anderen Musikern in seiner Heimatstadt, die im Bereich der historischen Aufführungspraxis ja immer schon eine Pionierstellung einnahm? „Nein, das war sicherlich nicht der Grund. Ich habe früher mit mehreren Musikern in einem Haus gelebt, unter ihnen auch einem Pionier in Sachen alte Tasteninstrumente. Er hat immer Hauskonzerte auf diesen Instrumenten gespielt – und ich fand das schrecklich, ich mochte das überhaupt nicht. Ich war damals sehr zufrieden mit meinem Bösendorfer.“ Doch mit der Zeit, als er selbst immer mehr Mozart und Haydn aufführte, kam es zu einer einschneidenden Situation: „Es war mit einem Provinzorchester, mit einem russischen Dirigenten, mit denen ich ein Mozart-Klavierkonzert spielte. Und das war so schrecklich, sehr langsam, mit viel Vibrato, so wie im 19. Jahrhundert. Und ich dachte mir: So will ich diese Konzerte nicht bis zu meinem Tod spielen. Ich hatte in meinem Kopf bereits eine andere Klangidee von dieser Musik und fand es auch schwierig auf einem modernen Klavier zu spielen. Besonders die Haydn- und Mozart-Sonaten mit ihren Albertini-Begleitungen. Das klingt auf einem modernen Instrument einfach nicht gut.“ Frustriert und depressiv war er nach der Erfahrung mit dem russischen Dirigenten. Dann sah er plötzlich das Jahresprogramm des Alte Musik-Festivals in seiner Stadt, wo eine Werbung nicht einen modernen Konzertflügel zeigte, sondern ein Instrument von McNulty. Und er bemerkte, dass dieser mitten in Amsterdam arbeitete. Also ging er bei ihm vorbei, probierte einen seiner Hammerflügel und bestellte noch am gleichen Tage einen: „Ich hatte erkannt, dass nicht ich selbst das Problem war, sondern das Instrument.“ Allerdings dauerte es noch ein bis zwei Jahre, bis Brautigam sein Instrument geliefert bekam, immerhin ist McNulty einer der angesagtesten Hammerflügel-Nachbauer, so dass es auf seine Instrumente immer Wartezeiten gibt. „Eigentlich wollte ich gar nicht Konzerte auf diesem Instrument spielen, sondern dachte, dass es für mich eine Möglichkeit sei, Mozart und Haydn wieder auf dem modernen Flügel spielen zu können, über die Erfahrungen mit diesem Instrument. Aber dann habe ich mich in diesen Flügel verliebt, und das war es dann ...“, lächelt er. Das war im Jahre 1988, recht bald nach all seinen Studien. Aber es dauerte noch drei bis vier Jahre, bis er erstmals ein Konzert auf dem Hammerflügel spielte: „Es dauerte lange, bis ich mich auf diesem Instrument überhaupt zu Hause fühlte, vor allem die Leichtigkeit des Spiels, die Leichtigkeit der Triller, die plötzlich möglich war. Der Wechsel ist immer noch schwer. Wenn man viel auf dem modernen Instrument gespielt hat, dauert es einfach zwei bis drei Tage, bis man sich auf dem Hammerflügel wieder ‚normal’ fühlt“, erklärt er mit Sorgenfalten auf dem Gesicht und ergänzt, „und auch andersherum. Und wenn man auf einem modernen Instrument so spielt wie auf einem Fortepiano, klingt es furchtbar.“ Dennoch mag er den Wechsel zwischen diesen Instrumenten nicht missen. Am schwersten fällt ihm beim Wechsel die Artikulation und der kurze Klang des Instruments: „Und gerade bei Haydn, Mozart und Beethoven hat man all diese kleinen Mikro-Artikulationen, die auf einem modernen Instrument mit seinem langen Sustain einfach sehr schwer zu spielen sind. Sobald es klingt, muss man den Klang auch schon wieder stoppen.“ Natürlich gibt es zwischen den Hammerflügeln noch immense Unterschiede: „Ich spiele beispielsweise die Churfürsten-Sonaten von Beethoven ein. Und da gefiel mir meine Walter-Kopie überhaupt nicht, da mir dieses Instrument zu schwergängig vorkam. So benutze ich nun eine Stein-Kopie, bei der der Klang noch kürzer ist – und plötzlich klingt alles viel leichter und ist auch leichter zu artikulieren.“

Repertoire

Bis zu welchem Repertoire sieht er denn ein historisches Instrument überhaupt als sinnvoll an, denn die Entwicklung im Klavierbau machte den Einsatz auch bei den Komponisten ja fließend. „Nun, ich spiele beispielsweise viele Mozart-Konzerte mit einem modernen Orchester auf einem modernen Instrument. Und da stört es mich eigentlich nicht. Die Schreibweise für das Klavier in diesen Konzerten ist so anders, im Vergleich mit den Sonaten, wo die Begleitungen Probleme für den großen modernen Flügel bereiten. Bei Klavierkonzerten, wo man vielfach eine akkordische linke Hand hat und viele Umspielungen in der rechten, kann man ganz gut mit einem modernen Instrument leben.“ So nimmt Brautigam momentan auch die gesamten Klavier-Orchesterwerke von Beethoven (inklusive des Jugendkonzerts, von dem er soeben eine neue Version anfertigt, und des bearbeiteten Violin-Konzerts) auf einem modernen Flügel auf. Und selbst in Bezug auf die späten Beethoven-Sonaten sagt er: „Ich weiß nicht, ob ich diese besser auf einem Hammerflügel finde oder auf einem modernen Flügel. Und wenn man dann in die Romantik geht, steht man einfach vor dem Problem, dass die Originale viele Probleme für die Aufführung bedeuten und es noch kaum Kopien dieser Instrumente wie eines guten Pleyels gibt.“ Paul McNulty allerdings ist gerade dabei, Pleyels nachzubauen, und Brautigam ist gespannt auf das Ergebnis.
Brautigam ist kein Purist, sondern praxisorientierter Klangästhet, könnte man sagen. Er will sich nicht einschränken, auch wenn er als Hammerflügel-Spieler einen Ruf aufbaute: „Das kommt durch die vielen CDs, die es mit Hammerflügel gibt“, erklärt er und sagt, dass die meisten Konzerte von ihm dann doch auf dem modernen Instrument gespielt werden.
Ronald Brautigam spielt auch viele Werke des 20. Jahrhunderts, spielt Ronald Stevenson, spielt Schostakowitsch und viele andere Komponisten. Gibt es in seiner Bandbreite, wo scheinbar die Wiener Klassik einen Vorrang hat und dann eine Lücke zu herrschen scheint, eine Lücke in der Romantik? „Nun, eigentlich spiele ich viel Mendelssohn und Schumann. Ich spiele auch gerne Brahms, aber habe bislang nur wenig seine Konzerte gespielt. Und komischerweise könnte ich mir gerade bei Brahms vorstellen, dass ein Hammerflügel wieder einige Extras bieten würde. Denn normalerweise werden die Klavierkonzerte immer so fett und breit gespielt, wobei er selbst über seine Klavierkonzerte sagte, es sei Kammermusik. Ich habe einmal das Klavierkonzert von Schumann auf einem Steinway von 1870 gespielt, und das war schon beachtlich. Und so denke ich auch, dass die Brahms-Konzerte etwas dadurch gewinnen würden.“

Interpretationsansichten und Einspielungen

Seine Erfahrung mit Dirigenten ist enorm, mit großen wie unbekannteren Namen auf dem Podium. Sind die Unterschiede wirklich so eklatant, wie man es manches Mal sagt? „Ja, schon“, meint er. Und oftmals kommt doch sicher das heute allbekannte Thema auf, dass es zu wenig Probenzeit gibt, oder nicht? „Das eigentlich nicht, denn ich habe das große Glück, oft mit denselben Dirigenten zu spielen. Und das sind auch ganz oft Dirigenten, die aus der Alten Musik-Ebene stammen, solche wie Christopher Hogwood, Philipp Herreweghe, Andrew Parrott und andere. Dann hat man auch dieselbe Idee von Musik, und dann geht es ganz schnell zusammen zu spielen, dann braucht man eigentlich gar keine Proben.“ Mittlerweile kann sich Ronald Brautigam auch aussuchen, mit welchem Dirigenten er spielt. Und da er mittlerweile auch bekannt ist als Hammerflügel-Spieler, ist man vorsichtig, mit welchem Dirigenten man ihn zusammenbringt.
Mittlerweile hat Brautigam alle Werke von Haydn, Mozart und auch Beethoven eingespielt, spielt gerne Schuberts große Sonaten (die späten) und liebt Mendelssohn. Es scheint so, als wolle man seine Fähigkeiten schon in eine besondere Ecke drängen, die ihm als Interpreten eigentlich nicht ganz gerecht würde: „Nun, ich spiele schon sehr gerne die klassischen Werke auf dem Hammerflügel, das stört mich nicht. Es wäre nur schade, wenn ich beispielsweise wie am vergangenen Wochenende nicht mehr solche Werke wie das Klavierquartett von Fauré spielen könnte, das würde mir fehlen.“ Er fühlt sich glücklich, dass er immer wieder beide Instrumente spielen kann. Entsprechende Neugier und Ruhe gleichermaßen strahlt dieser Künstler aus.
Während die Mozart- und die Haydn-Einspielungen recht schnell aufgenommen wurden, hat sich Ronald Brautigam bislang sehr viel Zeit genommen für die Gesamteinspielung der Beethoven-Sonaten. Wieso diese deutliche, zeitliche Diskrepanz? „Nun, die Mozart-Sonaten sind in acht Tagen eingespielt worden. Das war natürlich auch unglaublich“, lacht er in der Erinnerung und meint, dass man so etwas eigentlich nicht machen sollte. „Die frühen Haydn-Sonaten kann man natürlich auch viel leichter an einem Stück spielen als Beethovens Sonaten. Denn jede Beethoven-Sonate ist eine eigene Persönlichkeit.“ Nach den Sonaten kommen dann noch die gesamten anderen Solo-Klavierwerke von Beethoven.
Ist die Idee der Kompletteinspielungen also die Idee der Schallplattenfirma BIS? „Ich habe diese Art der Aufnahmen auch sehr gerne, ich mag keine Aufnahmen, die so aufgebaut sind wie ein Recital, von unterschiedlichen Komponisten etwas. Dann steht der Künstler im Vordergrund. Für mich ist aber das Repertoire wichtiger.“
Beobachtet er selbst denn auch, was seine Kollegen gerade in Bezug auf die Beethoven-Sonaten-Einspielungen machen? „Nein, das mache ich nie. Vielleicht ist das komplett falsch, ich weiß nicht. Aber ich habe gerne die Idee, als würde es eine Erstaufführung sein, wenn ich die ‚Mondschein-Sonate’ spiele. Wenn man all die anderen Interpretationen anhört, bleibt dann doch immer eine kleine Beeinflussung im Hinterkopf hängen. Und ich habe lieber die Idee, dass ich vielleicht der einzige Beethoven-Spieler überhaupt bin, wenn ich auf die Bühne gehe.“ Er gibt zu, dass er – wenn er dann schon mal in Konzerte geht – niemals Klavierkonzerte besucht: „Das ist dann gleich wieder Arbeit für mich, da geht es dann los im Kopf, was ich alles ausprobieren will, sobald ich wieder am Klavier bin. Das ist keine Entspannung. Wenn ich ins Konzert gehe, will ich auch einfach nur Publikum sein.“ Die einzige Beethoven-Aufnahme, die er sich als Genuss immer noch anhört, ist die von Artur Schnabel, gibt er zu. Doch diese Idee, dass er gerne der erste Interpret sein will, bezieht sich nicht nur auf Beethoven, sondern auch auf „Schubert, Chopin oder Rachmaninow“, wie er sagt. „Es muss so sein, als wäre es die Uraufführung. Dabei kann man dann natürlich riesige Fehler machen oder völlig falsch spielen. Aber dann ist es wenigstens vollkommen persönlich empfunden. Das ist mir wichtig.“ Auch in Aufnahmesitzungen will er dieses Gefühl nicht missen, bereitet sich auf diese ebenso vor wie auf ein Konzert, sagt er. „Ich spiele große Abschnitte, meist komplette Sätze. Und wenn ich dann beim Abhören merke, dass der musikalische Schwung mir gefällt, der große Bogen, dann lasse ich auch schon mal einen kleinen Fehler stehen. Nur wenn es zu eindeutig ist, dann muss es verbessert werden, ansonsten hört man genau diesen Fehler immer und immer wieder, erwartet ihn eigentlich schon, so dass er von dem Musikalischen ablenkt.“
Ronald Brautigam ist ein faszinierender Pianist, einer, der das Abenteuer nicht scheut, der neugierig ist, sich auf Neues einzulassen. So spielte er viel Ronald Stevenson-Werke. Und er sagt: „Wenn der Beethoven einmal ganz eingespielt ist, dann kommt vielleicht etwas mit der Musik von Ronald Stevenson, denn diese Musik mag ich ganz besonders.“ Gibt es denn dabei noch Musik, die er gerne erarbeiten will? „Oh ja, die Zeit fehlt nur meistens. Werke von Raff, Heller oder auch Clementi würden mich reizen.“
Immer wieder müssen – mit einigen Ausnahmen – die Walter-Kopien aus dem obersten Stockwerk durchs Fenster über eine Laderampe nach unten transportiert werden, wenn Brautigam wieder einmal ein Konzert auf einem Hammerflügel spielt. „Das ist kein Problem, das dauert mittlerweile nur noch 15 Minuten“, schmunzelt er. Bei all seinen künstlerischen Tiefen, seinem „Der-Musik-auf-den-Grund-Gehen“, das man in all seinen Konzerten und seinen Aufnahmen verspürt, ist Brautigam scheinbar auch ein pragmatischer Mensch, aber einer, der von dem Künstlerischen, von der Faszination Klang und Musik so gefangen worden ist, dass er jung ist, fast verspielt und neugierig, wie er wohl auch schon in seiner Jugend war.

www.ronaldbrautigam.com

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