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„Die Klassiker sind die Wahrheit der Musik.“

Itamar Golan

Von: Cecilia Scalisi

Itamar Golan lebt seit mehreren Jahren in Paris, aber dennoch will er kein Französisch sprechen. Er bevorzugt es, sich auf Englisch auszudrücken. So spricht er langsam und leise, aber klar und fließend. Genauso wie am Klavier äußert er sich überzeugend, ohne unbedeutende Worte bei schwankenden Antworten zu verlieren. Seine Ehrlichkeit und unprätentiöse Art wirken erstaunlich unerwartet und schon von Anfang an strahlt Itamar Golan eine freundliche Bescheidenheit aus. In Buenos Aires hat er (mit dem Star-Geiger Vadim Repin) mehrere Konzertabende für die Saison des Mozarteum Argentino gegeben, und zwar mit großem Publikums- und Presseerfolg. Während einer Probepause am Teatro Coliseo hat der israelitische Pianist in der Hauptstadt Argentiniens mit PIANONews gesprochen.


Das Leben immer woanders

PIANONews: Sie sind in Litauen geboren und in Israel aufgewachsen. Dann haben Sie Musik in Boston studiert ... Warum sind Sie in den früheren Jahren so oft umgezogen?

Itamar Golan: Wir – meine Familie und ich – sind nach Israel aus Identitätsgründen umgezogen. Als Juden in der Sowjetunion war es immer ein großer Traum, in Israel leben zu können. Für andere war es wahrscheinlich Amerika, Kanada, Europa oder Australien, aber für Juden ist Israel die wahre Heimat. In der Zeit des kommunistischen Regimes gab es weder Toleranz noch Freiheit für Religionen.

PIANONews: Wie erinnern Sie sich an diese Erfahrung, von totaler Intoleranz zur gewünschten Freiheit zu gehen?

Itamar Golan: Meine Eltern haben es als ein immenses Glück erlebt. Für mich hingegen war es völlig normal. Ich war viel zu klein, hatte keine Erinnerung an Vilnius und bin einfach in Israel groß geworden. Dann – später – wollte ich weg von Israel, bin durch die ganze Welt gereist, habe in den verschiedensten Orten gelebt und gearbeitet. Ich bin jahrelang weg gewesen. Trotzdem ist Israel immer mein Heimatland gewesen.

PIANONews: Wie wurden Sie von diesem ständigen Wandel, durch Ihre Reisen und Ihr Wohnungswechseln beeinflusst?  

Itamar Golan: In Boston zum Beispiel bin ich nicht sehr lange geblieben. Ich war dort als Student, aber dies war eine sehr schwierige Zeit für mich. Ich war kein guter Student, ich wusste gar nicht, was ich wirklich wollte. Ich fühlte mich völlig verwirrt, hatte meine Richtung verloren und deswegen wollte ich immer weg. Das Musikleben ist in großen Städten immer interessant und reizvoll, aber in Boston hatte ich nur Lust, so schnell wie möglich zu fliehen. Ich wollte keinen Kurs in der High School besuchen und habe mich entschieden, durch die Welt zu reisen. So einfach und wörtlich genommen: durch die Welt zu reisen.

PIANONews: Wohin zum Beispiel?

Itamar Golan: Zum Beispiel nach Alaska ...

PIANONews: Und was haben Sie dort gemacht? Welche Rolle spielte die Musik in dieser Verwirrung?

Itamar Golan: Nichts Konkretes. Ich hatte keinen Plan und die Musik spielte damals kaum eine Rolle. Eigentlich fast keine.

PIANONews: Wann haben Sie denn ein richtiges Musikleben als Pianist angefangen? Wie kamen Sie zu einer disziplinierten Routine?

Itamar Golan: Musik und Klavier sind in mein Leben ganz früh getreten und natürlich viel früher als diese Phase. Als ich 6 war, fing ich mit einer richtigen Musikausbildung an. Dann – zwischen 14 und 18 – wollte ich mich nicht ernsthaft auf ein Studium einlassen. Ich habe dann das Klavierspielen aufgegeben. Als ich nach Israel zurückkam, traf ich alte Freunde aus der Kindheit. Sie haben mir den Mut gegeben, wieder Musik zu machen. Wir spielten viel Kammermusik und ganz langsam habe ich eine neue Phase angefangen. Es war eine innerliche Entwicklung, die Musik wiederzuentdecken, die Freude der Musik wiederzufinden. Für mich war es das Vergnügen, mein Metier endlich zu treffen.

PIANONews: Wie ist die musikalische Ausbildung in Israel? Hat sie irgendeine Besonderheit oder bemerkenswerte Eigenschaften?

Itamar Golan: Ich denke ja. Wie Sie sicher wissen, hat die klassische Musik und die Kunst traditionsmäßig eine besondere Bedeutung für die Juden. In der Geschichte der Interpretation gab es immer großartige Künstler von jüdischer Herkunft. In den jüdischen Familien war es immer eine lange Tradition, Geige, Klavier oder Cello zu spielen. Ein Instrument zu beherrschen, ist sehr wichtig. Obwohl der Staat von Israel relativ jung ist, hat es außergewöhnlich gute Künstler gegeben. Man könnte vielleicht sagen, dass verhältnismäßig nicht so viele Solisten dabei sind, aber sicherlich wunderbare Interpreten für die Kammermusik, für Streichquartette und für das Orchester. Aus den wohlbekannten Gründen gibt es nicht ausreichende Arbeitsmöglichkeiten für alle. Israel ist ein kleines Land mit vielen talentierten Künstlern, und daher ist es nicht leicht, die passende Gelegenheit zu treffen.

PIANONews: Warum ist es innerhalb der jüdischen Gemeinde so wichtig, ein Instrument zu spielen?

Itamar Golan: Die Kultur ist im Allgemeinen bei uns sehr wichtig. Heutzutage gibt es auch viele wunderbare Interpreten aus Asien – wie zum Beispiel Japan, China und Korea. Die Art und Weise, Musik zu machen, ist vielleicht anders. Auch die Klangherstellung ist unterschiedlich, aber das Niveau ist fantastisch. Sie sind hochtalentiert. Wir können uns fragen: warum? Ich würde mit zwei Gründen argumentieren. Erstens: Ein Instrument zu spielen, ist für die asiatischen Familien wichtig. Zweitens: Es gibt große Talente unter ihnen. Und dieselbe Antwort würde ich für Israel geben.

PIANONews: Wie war Ihr Leben als Kind in Israel und wie sind Sie von der Kriegsgefahr geprägt worden?

Itamar Golan: Selbstverständlich habe ich Erinnerungen. Mein Vater ist zum Militär gegangen und ich kann mich sehr genau daran erinnern, als er in der Nacht mit seiner Uniform kam. Er küsste mich und ging wieder weg. Das war 1973 während des „Jom-Kippur“-Kriegs. Außerdem habe ich noch das klare Bild im Kopf, als wir uns vor den Bombenangriffen schützen mussten. Das war der erste „Intifada“ Krieg. Während der schwierigsten Konflikte war ich nicht in Israel. Ich war schon weg. Trotzdem kam ich – unabhängig von der Situation, in der sich das Land befand – immer wieder zurück, denn meine Eltern und meine ganze Familie sind dort geblieben. Natürlich ist die Lage für die Touristen gefährlich und damit beängstigend, aber wenn das die eigene Heimat ist, sieht alles anders aus.

PIANONews: Seit wann leben Sie in Paris?

Itamar Golan: Seit 14 Jahren.

PIANONews: Wie ist heute für Sie die Beziehung zu fernen Ländern? Was ist in Ihrem aktuellen Musikleben davon übrig?

Itamar Golan: Alaska – zum Beispiel – bedeutet für mich die Jugend, eine Zeit, in der ich völlig verwirrt war. Ich wusste gar nicht mehr, was ich machen sollte. Einige Jahre danach kehrte ich für ein Konzert zurück. Es war ein wunderbares Erlebnis, diese Leute zu besuchen und sich dieses Mal zufrieden zu fühlen. Aus künstlerischer Perspektive finde ich es viel interessanter und vitaler, in weit entfernten Ländern zu spielen als immer wieder in denselben europäischen Sälen aufzutreten. Hier in Buenos Aires zum Beispiel fühle ich mich so wohl! Ich bin hier schon mehrmals gewesen. Ich liebe die langjährige musikalische Tradition dieser wunderschönen Stadt, die viele großartige Künstler hat, insbesondere Pianisten und Sänger. Buenos Aires hat eine Identität und eine starke Anziehungskraft, und das gefällt mir sehr. Gestern Abend sind wir – zusammen mit Repin – zum Tangoabend gegangen, und es war fantastisch. Wir waren davon so begeistert! Die Leute hier sind spontan gastfreundlich und Gastfreundschaft ist überall in Europa immer die Ausnahme. Das Essen ist hier auch etwas Feines und außerordentlich gut und für Künstler ist es auch wichtig. Ich liebe argentinisches Steak!! Die Seele, die Atmosphäre der Stadt ... alles ist einfach ein Genuss!

Die Entscheidung, Kammermusiker zu werden

PIANONews: Kehren wir zu Ihrer Biografie zurück? Und zwar zu Ihrer Rückkehr nach Israel und zur Wiederentdeckung der Musik. Wie haben Sie sich entschieden, Kammermusiker zu werden?

Itamar Golan: Es war ein realistisch-praktischer Entschluss. Nach so vielen Jahren Trennung vom Klavier (ganz genau vier Jahren) gab es mehreren Gründe. Erstens: Ich hatte den Mut verloren, erneut an eine Solokarriere zu denken. Es wäre übermäßig kühn gewesen. Ohne ein diszipliniertes Training ist es völlig unmöglich. Zweitens: Ich hatte Probleme, auswendig zu spielen, und das ist eine echte Begrenzung für einen Solisten. Ich fühle mich unsicher, ohne Partitur auf die Bühne zu treten, und das ist eine Tradition, die man respektieren muss. Natürlich ist die Musik immer das Wesentliche, aber ich bin keine wichtige Person, um diese Tradition aufzubrechen. Viele außerordentliche Pianisten haben es gemacht, aber sie waren schon längst als Künstler anerkannt und etabliert. In Wirklichkeit war ich damals sehr jung, um so etwas zu machen.

PIANONews: Sie sind wirklich ehrlich!

Itamar Golan: Ich sage, was ich fühle. Ich kann nichts anderes sagen.

PIANONews: Welche sind die gewünschten Fähigkeiten für die Kammermusik? Gibt es überhaupt etwas Bestimmtes dafür?
Itamar Golan: Die erste Bedingung, egal welche Gattung gespielt wird, ist, ein guter Musiker zu sein. Das heißt: man muss richtig zuhören und eine gewisse Sensibilität dafür haben. Es ist nötig, eine komplette allgemeine Kultur und eine Interpretationskultur zu beherrschen, d.h. Komponisten, Stile, Klangvorstellungen richtig unterscheiden zu können. Ich weiß nicht, ob es anders wäre, ein Solist oder ein Kammermusiker zu sein. Sicherlich muss der Solist schneidig und mutig sein. Er tritt ganz allein auf die Bühne! Niemand ist daneben ... Meiner Meinung nach ist das die entscheidende Haltung.

PIANONews: Nach einer langjährigen kammermusikalischen Karriere haben Sie bestimmt schöne Anekdoten mit berühmten Künstlern zu erzählen, nicht wahr?

Itamar Golan: Ach bestimmt! Ich habe damit ziemlich jung angefangen ... Auf jeden Fall habe ich außergewöhnliche Erfahrungen gemacht, aber im Moment erinnere ich mich an keine! Ich hatte wunderbare Beziehungen zu unterschiedlichen Künstlern. In der Regel sind die Musiker, mit denen man zusammen spielt, so nah wie ein Freund. Bedauerlicherweise war ich nicht in der Lage, diese Freundschaften mit den Künstlern zu behalten. Mit vielen von ihnen habe ich nicht mehr gesprochen und sogar nie wieder Musik gemacht. So ist das Leben, besonders mit Künstlern, denn sie sind keine einfachen Leute. Manchmal ist es sehr kompliziert und ich selber kann die Gründe nicht eindeutig feststellen. Jede Art von Beziehung ist eine schwierige Sache, weil es um etwas sehr Sinnliches geht. Ich habe tolle Erfahrungen gesammelt, aber es gefällt mir nicht, in die Vergangenheit zurückzublicken. Das Leben geht für mich immer weiter.

PIANONews: Ich habe oft gelesen: „Sie sind ein Star- Pianist der Kammermusik.“ Was empfinden Sie dabei?

Itamar Golan: Ich widme solchen Apostrophen gar keine Aufmerksamkeit. Was ist überhaupt ein „Star“? Heutzutage werden die Publicity, Werbung, Image, Multimedia usw. immer stärker fokussiert. Ehrlich gesagt, fühle ich mich als ein totaler „Outsider“. Ich habe kein Problem, wenn jemand es behauptet, aber ich betrachte mich nicht als eine wichtige Person. Ich bin sehr unsicher, doch ich versuche, mein Bestes zu geben. Manchmal klappt es. Manchmal klappt es leider nicht. Wie es auch ist, ich beschäftige mich nie damit, denn das einzige Resultat dieser Gedanken kann nur eine große Frustration sein.

Professor am Pariser Conservatoire de Musique

PIANONews: Genießen Sie Ihre Tätigkeit als Professor? Macht der Unterricht Spaß?

Itamar Golan: Und wie! Ich liebe es ... besonders, wenn hochtalentierte Studenten meine Klasse besuchen, die bereit sind, sehr hart zu arbeiten.

PIANONews: Welche ist für Sie die wesentliche Lehre oder Idee des Musizierens, die man übermitteln sollte?

Itamar Golan: Wahrscheinlich die Art und Weise, wie der Interpret die Partitur lesen muss und was darin gesucht wird, was man mit dieser Musik machen muss und wie es dann gemacht wird. Kurz und bündig: Es geht darum, die Arbeit mit einem musikalischen Stoff beizubringen. Dieser Prozess ist gar nicht einfach und oft suchen die Stundenten einen anderen Klavierlehrer.

PIANONews: Warum?

Itamar Golan: Weil ich es für sehr unangenehm halte, als „komplementär“ betrachtet zu werden. Ich versuche es, aber ich bin nicht sehr höflich, weil ich die Verpflichtung habe, als Lehrer so kritisch wie mit mir zu sein.

PIANONews: Wie bereiten Sie sich für den Unterricht vor und wie planen Sie ihn?

Itamar Golan: Ich bereite mich gar nicht vor. Während der Klasse höre ich zu und dann reagiere ich darauf.

PIANONews: Geben Sie aber weder einen Programm noch Leitlinien für die Studenten?

Itamar Golan: Die Studenten haben absolute Freiheit in meinen Seminaren. Ich kann ihnen dabei helfen, die richtigen Werke auszuwählen. Normalerweise gebe ich ihnen den Mut, mit den Klassikern anzufangen. Sie bevorzugen immer die romantische Musik, sie lieben Rachmaninow, Ravel ... und dafür gibt es fantastische Interpreten. Hingegen ist die klassische Musik wahrscheinlich schwerer zu interpretieren, aber diese Musik ist die allerbeste Schule. Mozart, Beethoven, Schubert ... das ist der Kern der Musik. Das ist die Wahrheit.

PIANONews: Vielen Dank für das offene Gespräch!

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