Neue Klangphilosophie für Flügel

PHOENIX

Von: Carsten Dürer


Es ist eine ungewöhnliche Geschichte, aber dennoch eine spannende. Denn es ist immer wieder spannend, wenn eine Privatperson neue bauartliche Konzepte für die Klangcharakteristik von akustischen Flügeln entwickelt – und diese auch noch umgesetzt bekommt. Zuletzt ist Richard Dain in PIANONews erwähnt worden, da er sich als einziger europäischer Händler für die australische Edelmarke Stuart & Sons einsetzte. Bei unserem damaligen Besuch auf der Hurstwood Farm von Richard Dain präsentierte er uns bereits ein noch nicht vollständiges Instrument, einen Bösendorfer- Konzertflügel, den er verändert hatte, um ihn klanglich zu verbessern. Auf der Seite prangte groß der Name Phoenix, die Eigenmarke von Richard Dain. Nun gibt es die Phoenix-Flügel endgültig auf dem Markt. Allerdings ist Phoenix keine vollständig eigene Marke, sondern ein Klangkonzept, das Richard Dain nun mit dem Bayreuther Traditionsunternehmen Steingraeber & Söhne umgesetzt hat. Wir besuchten das Bayreuther Unternehmen, um uns die beiden Flügelgrößen, in denen die Ideen von Phoenix umgesetzt wurden, einmal selbst anzusehen – und die Flügel anzuspielen..
 
Richard Dain weiß, wovon er spricht, wenn er über die Klangphilosophie spricht. Nicht nur, dass er die Technik des Instrumentenbaus verinnerlicht hat. Auf seiner englischen Farm hat er auch einen kleinen Konzertsaal, in dem immer wieder namhafte Pianisten auftreten und dabei auch mit ihm über die Ideen der Verbesserung von Instrumenten in den Bereichen Klang und Spielgefühl diskutieren. So hat Richard Dain eine genaue Vorstellung, was die Pianistenwelt von einem Konzertinstrument erwartet. Vor einigen Jahren schon trat er mit Udo Schmidt-Steingraeber, dem Inhaber von Steingraeber & Söhne in Bayreuth, in Kontakt, da diese Marke ein neues Flügelmodell anbot, das Dains Vorstellungen von Klangphilosophie recht nahe kam, den Konzertflügel E-272. Schnell kam man überein, gemeinsam die Ideen von Richard Dain in diesem großen und in einem kleineren Flügel der Marke Steingraeber & Söhne zu verwirklichen. Mittlerweile sind beide Modelle, der 205 sowie der E 272 Steingraeber & Söhne mit den Phoenix-Veränderungen fertig gestellt. Doch was ist so besonders an diesen Flügeln, was macht die klanglichen Unterschiede aus?

Die Vorüberlegungen

Richard Dain hat Erfahrung mit den Wünschen von Künstlern und den Möglichkeiten der Klangumsetzung an unterschiedlichsten Instrumenten. In sienem Konzertsaal treten Künstler wie Michael Roll, Stephen Hough oder andere auf. Und er forscht seit langem daran, wie man den Klang eines Flügels verändern, ihn nach seiner Klangvorstellung verbessern kann. Aufgrund dieser Erfahrungen war Richard Dain klar, dass man, um seine Klangphilosophie zu verwirklichen, vor allem bestimmte Faktoren berücksichtigen muss: Man muss die Ausbeute der Energie, die ein Pianist über die Klaviatur auf den Flügel überträgt, verbessern. Die Klangenergie, die dadurch entsteht, so Dains Messungen, liegt bei einem herkömmlichen Flügel bei 4 Prozent Ausbeute. Und er stellte im Vergleich fest, dass selbst die klingende Energieausbeute bei Streichinstrumenten bei 6 Prozent liegt, die von Holzblasinstrumenten sogar bei über 10 Prozent. Doch wie sollte man also ein Instrument, das in seinen wichtigsten Konstruktionsmerkmalen über 300 Jahre alt ist, verbessern, um eine höhere Ausbeute bei einem Flügel zu erhalten? Nun, die Energieausbeute ist das eine Merkmal, bei gleicher Anschlagenergie. Doch Dain wollte zudem, dass der Pianist weniger Energie als bei einem üblichen Flügel einzusetzen hat, um für einen Pianisten dasselbe Ergebnis zu erzielen. Nun, das Ergebnis scheint banal, ist aber dennoch aufgrund von langen Versuchen und Nachforschungen entstanden und hört nun auf den Namen Phoenix..

Die Veränderungen

Im ersten Moment scheinen die Veränderungen, die wir uns anhand der beiden Steingraeber-Phoenix-Flügel angesehen haben, klein zu sein. Als Besonderheit benutzt man bei dem Phoenix-Flügel vor allem Klemmagraffen auf den Stegen, die auf dem Resonanzboden sitzen. Üblicherweise sind in die Rippen, die hersteller- und konstruktionsbedingt an unterschiedlichen Positionen und in unterschiedlicher Form auf dem Resonanzboden eines Flügels sitzen, sogenannte Umlenkstifte eingeschlagen, die die Saiten mit dem Steg verbinden und dadurch die Energie der schwingenden Saiten auf den Resonanzboden übertragen. Doch nach Dains Überlegungen geht schon in diesem Moment eine Menge der Energie, die über die Mechanik auf die Saiten gegeben wird, verloren. Denn die Saite wird ja vom Hammer in vertikaler Richtung angeregt, die Stegstifte allerdings lenken die Saite an zwei Stellen auf dem Steg um, so dass die Saite in eine zusätzliche horizontale Schwingung versetzt wird. Das Ergebnis ist eine runde Amplitudenschwingung. Durch die Klemmagraffen auf dem Steg werden die Saiten dagegen gerade geführt und mit einer nur leichten Biegung auf den Steg gedrückt, so dass die vertikale Schwingungsenergie direkter auf den Resonanzboden übertragen wird. Dadurch ist bemerkenswerterweise auch die Energiegebung in den Flügel weitaus gezielter und direkter durchzuführen, was heißt, dass der Pianist den Flügel in der dynamischen Abstufung hervorragend kontrollieren kann. Der Klang ist brillanter und direkter, mit einem immensen Obertonreichtum und einer faszinierenden Klarheit. Doch nicht allein die Klemmagraffen bewirken das. Dort, wo in einem normalen Flügel die Einhängestifte der Saiten positioniert sind, hat Richard Dain speziell entwickelte Drehstifte erdacht, über die die Saiten der Chöre (denn ein Ton im Flügel hat ja mehrere Saiten zur Verfügung) laufen. Diese sechseckigen Stifte sind stimmbar. Allerdings muss man sich nun nicht vorstellen, dass die Saiten tatsächlich an dieser Stelle gestimmt werden. Wolfgang Schäffler, Betriebsleiter bei Steingraeber & Söhne, sowie der Klavierbauer Alexander Kerstan demonstrieren uns die Vorgehensweise am Steingraeber-Phoenix-Flügel, da diese Feinabstimmung wirklich nur zu zweit vorgenommen werden kann. Der eine Stimmer verstimmt den Ton ein wenig am Stimmnagel wie üblich, während der zweite Stimmer den stimmbaren Umlenkstift dreht, um hörbar den besten Obertonreichtum zu finden. Dann wird der Ton genauestens gestimmt und man erreicht ein Ergebnis, das nochmals den Klang brillanter werden lässt.

Der Klang ist faszinierend klar und hell, ein vollkommen anderer als bei den ebenfalls in der Bayreuther Werkstatt direkt daneben stehenden Steingraeber & Söhne-Originalinstrumenten. Doch vor allem ist der Nachklang, das sogenannte Sustain, das Aushalten des Klanges nach dem Anschlag weitaus länger und obertonreicher. Ein faszinierendes Ergebnis. Allein bei den Basssaiten hat man auf diese Technik verzichtet, da hier ja letztendlich nur für jeden Ton eine Saite ihren Dienst versieht und somit nicht regelbar ist. Daher findet man hier auch n diesen Instrumenten die üblichen Einhängestifte.

Half Blow-Pedal

Schon mehr als ein Hersteller haben sich Gedanken über die Wirkungsweise des sogenannten „Verschiebungspedals“, des auch als „Una-Corda-Pedal“ bezeichneten linken Pedals am Flügel gemacht. Um die Wirkungsweise zu verfeinern und noch differenzierter für den Spieler zu machen, haben Hersteller wie Fazioli oder der Australier Stuart & Sons ein viertes Pedal eingebaut, mit dem eine zusätzliche Wirkung erzielt werden kann, um die leisesten Töne aus den heute so brillant und scharf klingenden Flügeln herauszuholen. Doch Richard Dain weiß um die traditionelle Spielweise der Pianisten und weiß also auch, dass die meisten Pianisten ein Problem damit haben, sich an ein viertes Pedal zu gewöhnen, wenn sie sich an einen Flügel setzen. So entwickelte er eine Mechanik für das linke Pedal, das nach historischem Vorbild als „Half-Blow“-Pedal bezeichnet wird. Die Wirkungsweise ist erstaunlich. Tritt man das Pedal mit normaler Energie, wird die Mechanik wie üblich bei diesem Pedal so verschoben, dass die Hammerköpfe nur mehr einen Teil der Saiten treffen und damit eine schon bekannte leisere Wirkung hervorrufen. Tritt man nun das Pedal ganz durch, wird die gesamte Mechanik gekippt, so dass der Abstand der Hämmer zu den Saiten zusätzlich zur Verschiebung verkürzt wird. Und Richard Dain wollte die gesamte Mechanik gekippt wissen, da damit kein anderes Spielgefühl eintritt, sondern für den Pianisten gleich bleibt. Zudem benötigt diese Technik keine gesonderte und komplizierte Einstellarbeit seitens des Klaviertechnikers. Daneben kann man noch während des Durchtretens des Pedals steuern, wie stark man den Abstand verkürzt, und damit zusätzlich eine individuelle Klangeinstellung vornehmen. Das Ergebnis ist faszinierend: Plötzlich erhält man derartig leise Klänge bei immer noch gleich langem Ausschwingverhalten der Saiten, die ein Spiel ermöglichen, wie man es bei Flügeln ansonsten nicht findet. Wie das Ganze vonstatten geht? Nun, über einen Holzstift, der durch den Stuhlboden unterhalb der Klaviatur vorstößt, wird eine über die gesamte Länge der Mechanik reichende Metallschiene unterhalb des hinteren Teils der Mechanik angehoben, so dass die gesamte Mechanik gekippt wird.

Richard Dain hat mit seinen Ideen und durch die Umsetzung in den Steingraeber & Söhne-Flügeln einen wunderbaren Klang verwirklicht, den man sich anhören muss. Das Interessante daran ist aber, dass fast jeder Flügel mit diesen Details ausgestattet werden kann. Momentan arbeitet Richard Dain an einem Bösendorfer-Flügel, um daraus einen neuen Phoenix-Flügel entstehen zu lassen. Das bisherige Ergebnis kann man auf der Hurstwood Farm Piano Studios von Richard Dain in England anspielen, oder aber bei Steingraeber & Söhne in Bayreuth.

Kontakt

Hurstwood Farm Piano Studios – The Hurst
Crouch Borough Green
Seven Oaks
Kent TN15 8TA
United Kingdom

Tel.: 0044 / 1732 885050
Fax: 0044 / 1732 883030

E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
www.hurstwoodfarmpianos.co.uk

 

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