Über Franz Liszt und anderes ...

LESLIE HOWARD

 

Von: Carsten Dürer


Es ist eigenwillig: Der in Australien geborene und in England lebende Pianist Leslie Howard hat zahlreiche CDs eingespielt, die Preise gewonnen haben. Er ist in England und zahlreichen Ländern wie den USA, in Australien und anderen Staaten ein Star des Klaviers. Doch hierzulande kennen wir ihn hauptsächlich von seinen Aufnahmen für das Label Hyperion. Darunter befindet sich auch die einmalige Einspielung aller Klavierwerke von Franz Liszt. Eine CD-Reihe, die mit den 94 CDs die größte Edition für ein Instrument in der Schallplattengeschichte darstellt. Kein Wunder, denn Leslie Howard ist ein Lisztianer. Warum dies so ist, verriet er uns in einem aufschlussreichen Interview am Rande des „International Keyboard Institute and Festival“ in New York City.

 
PIANONews: Herr Howard, Sie sind Australier. Als Erstes würden wir gerne erfahren, wo genau Sie geboren wurden und wie Sie überhaupt zum Klavierspiel gekommen sind.


Leslie Howard: Ich wurde in Melbourne geboren, und es ist auch kein Geheimnis wann, auch wenn es in meiner offiziellen Biografie nicht erwähnt wird. Es war 1948. Ich ging also in Melbourne zur Schule, und auch wenn ich Australien sehr mag, war das Klima dort einfach zu heiß für mich, was ich nie mochte – und es gab zu viele Fliegen dort.

PIANONews: Wann genau begannen Sie das Klavierspiel?

Leslie Howard: Ich war zwei Jahre alt.

PIANONews: Was? Waren Sie damals schon groß genug, um an die Tastatur zu kommen?

Leslie Howard: Ja ich war sehr groß und hatte lange Finger. Meine Mutter hatte ein Klavier, auch wenn sie nur ein paar Stücke darauf spielen konnte. Mein Vater konnte überhaupt kein Klavier spielen, aber er konnte sehr gut singen. Ich würde also niemals sagen, dass sie Musiker sind. Ich konnte aber schon bald am Klavier sitzen und die Dinge, die ich im Radio hörte, wiedergeben. Ich konnte also schon nach dem Gehör spielen, als ich in den Kindergarten kam, und konnte damit auch alle Lieder spielen, die man dort benötigte. Aber ich lernte Notenlesen erst mit fünf Jahren.

PIANONews: Und wann begannen Sie mit einem Klavierlehrer zu arbeiten?

Leslie Howard: Ich denke, es war kurz bevor ich fünf wurde, dass ich mit regulärem Unterricht begann. Und das allerdings mit einer fantastischen Lehrerin: June McClain, die eine Schülerin von Cortot in Paris war. Doch bald schon war ich begeistert von Englischer Literatur. Und so war es immer ein Herzenswunsch, dorthin zu gehen, wo all diese Autoren, die ich gelesen hatte, lebten. Allerdings habe ich niemals einen Abschluss in Englisch oder in Musik gemacht, da ich niemals auf ein Konservatorium gegangen bin. Ich habe noch im letzten Moment, als ich von der Schule abging, mit mir gerungen, ob ich ein wissenschaftliches Diplom machen sollte, habe mich aber dann für ein künstlerisches entschieden. Ich spürte allerdings, dass ich nach Übersee gehen müsse, um die Dinge zu erfahren, die mich wirklich interessierten. Als Erstes ging ich nach Italien, um bei Guido Agosti zu studieren. Dann ging ich 1972 nach London und studierte bei Noretta Conci.

PIANONews: Wann begann dann Ihre Karriere? Gab es einen besonderen Moment, wann alles auf einem professionellen und öffentlichen Niveau begann?

Leslie Howard: Ich denke, nicht wirklich. Wissen Sie, ich war immer daran interessiert, mein eigenes Repertoire zu finden, als die Werke zu spielen, die man normalerweise von einem Pianisten erwartet. Dadurch war ich auch niemals ein Standard-Wettbewerbs-Spieler, auch wenn ich hier und da einen Preis gewonnen habe. Aber das ist nicht der Grund, warum ich meinen Fuß auf die Karriereleiter bekam.
Es passierte eigentlich an zwei Plätzen gleichermaßen. Zum einen, als ich zurück nach Australien ging, um dort einige Konzerte zu spielen. Und dort fragte man mich, ob ich interessiert daran wäre, einige Werke von Percy Grainger aufzunehmen. Zur selben Zeit wurde ich in London gefragt, ob ich die Sonaten von Glasunow einspielen wolle. Alles, was mir in meiner Karriere widerfahren ist, kam zufällig, durch eine Gelegenheit. Ich selbst bin vollkommen nutzlos, wenn es darum geht, etwas in meinem Leben selbst zu planen. Es muss schon etwas von außen kommen, damit ich in eine bestimmte Richtung gehen kann.

PIANONews: Soll das heißen, dass Sie niemals selbst nach solch einem Repertoire wie Grainger oder Glasunow Ausschau gehalten haben?

Leslie Howard: Doch, das in jedem Fall. Ich wurde ja gefragt, da ich diese Werke in Konzerten gespielt hatte. Gerade Grainger hatte niemals jemand zu dieser Zeit gespielt. Die meisten Stücke waren nicht mehr im Druck erhältlich, das Museum war geschlossen worden. Bei Glasunow kam man auf mich zu, da ich schon immer all die Werke, die er für Klavier geschrieben hatte, spielen wollte. Ich kannte also dieses Repertoire gut.
All dies führte dazu, dass mich ein Mitglied der Arnold Bax-Gesellschaft ansprach und sagte, er habe gehört, dass ich in der Lage sei, eine Orchesterpartitur auf das Klavier zu übertragen. Er wollte, dass ich ein Manuskript von Bax spielte, damit sie einen Eindruck davon erhielten, wie es klingen könnte. Sie hatten gerade eine frühe Sinfonie von Bax entdeckt und so spielte ich dieses Werk. Und so kam es in diesem Gespräch auch zu der Idee, die Glasunow-Sonaten für Pearl einzuspielen. Bald schon begann ich auch Mitte der 70er Jahre Rundfunkaufnahmen für die BBC zu spielen und hatte dann auch mein erstes Wigmore-Hall-Konzert, wo ich seither immer wieder und recht regelmäßig spiele. In Bezug auf die Glasunow-Sonaten gab es noch ein wichtiges Erlebnis. Ich nahm diese Sonaten in der Wigmore-Hall auf. Und als ich Mittagspause machte, erfuhr ich, dass Claudio Abbado meiner Aufnahme zur zweiten Sonate zuhörte und mich dann einlud, ein Recital zu spielen. Ich selbst hätte das niemals selbst organisieren können. Ich könnte niemals jemanden anrufen und ihm sagen, dass ich gerne für ihn spielen würde.

PIANONews: Wie kamen Sie in Kontakt mit Ihrem heutigen Label Hyperion?

Leslie Howard: Das war ebenso ein Zufall. Ich kannte einen Mandolinen-Spieler aus Australien, der 1980 nach London kam, um mit mir in der Wigmore-Hall ein Recital zu spielen. Und irgendwie traf er sich dort auch mit Ted Perry von Hyperion, der daran interessiert war, eine Mandolinen-Aufnahme zu machen. So traf ich Ted Perry. Und wir spielten gemeinsam diese Schallplatte ein. Und Ted Perry fragte mich irgendwann, was ich ansonsten noch spielen würde. Und schon ging es los. Wir nahmen eine Schallplatte mit Zugaben auf, dann die beiden Rubinstein-Sonaten. Und dann spielte ich ein Recital in London, das vielleicht das erfolgreichste Programm überhaupt war, wenn man daran denkt, was durch dieses Konzert passierte. Ich spielte in der ersten Hälfte die Beethoven-Hammerklavier-Sonate und in der zweiten Hälfte die unterschiedlichen Mephisto-Walzer, die Valses Oubliées, das Valse Impromptu, Valse melancolique und Valse de Bravo von Liszt. Wenn ich damals das Programm besser ausgerechnet hätte, hätte ich sicherlich die zweite Hälfte gekürzt, denn diese war 76 Minuten lang [er lacht]. Und das verlangte dem Publikum nach der Hammerklavier-Sonate doch einiges ab – doch alle blieben. Und so spielte ich dieses Programm häufiger, da die Leute sagten: Es ist lang, aber es ist sehr interessant. Einige Male spielte ich es mit einem kürzeren Werk in der ersten Hälfte, aber immer mit Beethoven. Ich denke, dass diese beiden Komponisten einfach gut zusammenpassen – und zudem nimmt man Liszt dann auch ernster als Komponisten. Ich hasse die Leute, die von Liszt als einem verrückten Virtuosenkomponisten denken, oder ihn so spielen, oder Liszt nur als Vehikel benutzen, um sich selbst zu dienen; dies dient Liszt überhaupt nicht. Wie auch immer: Aufgrund dieses Konzertprogramms nahm ich in der Folge alle Liszt-Walzer auf. Und es wurde die erste Aufnahme in der Liszt-Serie, die ich einspielte, auch wenn es zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar war, dass es eine Serie werden würde.
1986 hatte ich 10 Programme entwickelt, die die Final-Versionen aller Liszt-Werke für Klavier enthielten und keinen Bezug zu anderen Besetzungen oder anderen Komponisten hatten. Und so dachten wir, dass wir einige Aufnahmen mehr machen sollten. Wir erhielten einige Preise für diese Aufnahmen und plötzlich sagte Ted Perry: Lass uns den ganzen Liszt aufnehmen. Zu diesem Zeitpunkt wusste er noch nicht, was dies bedeuten würde.

PIANONews: Das bedeutet, dass Ted Perry letztendlich diesen Vorschlag machte?

Leslie Howard: Nein, aber ebenso wenig hatte ich jemals davon geträumt, dass jemand zustimmen könnte, alle Manuskripte, alle Versionen, einfach alles aufnehmen zu wollen. Ich dachte damals an ungefähr 48 CDs. Aber – wie Sie bereits an dem beschriebenen Programm mit Beethoven und Liszt festgestellt haben – bin ich schlecht im Kalkulieren. Insgesamt hatte ich von Ted Perry fast vollkommen freie Hand, was sehr generös war. Und es stellte sich heraus, dass die Leute sehr an Dingen interessiert waren, wo er sich nicht im Klaren darüber war, ob dies notwendig sei. So fragte er zum Beispiel, ob wir wirklich all die Transkriptionen machen müssten, ob dies nötig sei. Aber gerade diese lieben die Hörer.
Natürlich gab es zwischenzeitlich immer wieder die Bedenken von meiner Seite, dass ich nicht genügend Zeit haben würde, das neue Repertoire in die Finger zu bekommen. Und es gab immer wieder Momente, wo ich mich über mein kleines Gehirn ärgerte. Denn öffentlich spiele ich von Liszt nicht alle Versionen oder einfach alles, sondern spiele mit wenigen Ausnahmen immer nur eine besondere Version von einem Werk. Und das mit den unterschiedlichen Versionen ist manches Mal sehr verwirrend. Und ich erinnere mich, dass es mir einmal in meinem Leben passiert ist, dass ich auf der Bühne unterschiedliche Versionen durcheinander gebracht habe. Dabei handelte es sich aber um die beiden Versionen der 2. Sonate von Rachmaninoff.

PIANONews: Und die Liszt-Serie mit ihren 94 CDs wurde tatsächlich die größte CD-Serie aller Zeiten?

Leslie Howard: Die größte Solo-Serie mit Werken eines Komponisten, zudem gespielt von einem Interpreten. Mit großem Abstand die größte ...

PIANONews: Sie haben dann auch alle Manuskripte der nicht veröffentlichten Werke und aller anderen Werke eingesehen. Wie haben Sie das möglich gemacht?

Leslie Howard: Nun, ich war schon viele Jahre zuvor Mitglied der Liszt-Gesellschaft. Und auch meine Doktorarbeit in Musikwissenschaft habe ich über Liszt geschrieben. So wusste ich bereits, wie man mit den Bibliotheken umzugehen hat, wenn es darum geht, an deren Manuskripte zu kommen. Man muss die richtigen Leute fragen, die richtigen Fragen stellen und diese Leute mit großer Vorsicht behandeln, da diese Leute für sehr wertvolle Dokumente verantwortlich sind. Mittlerweile habe ich natürlich etliche Freunde in Dutzenden von Bibliotheken und natürlich auch solche innerhalb der Liszt-Gesellschaft. Und es gibt darunter einfach viele Menschen, die niemals damit Probleme hatten, ihre Forschungen mit anderen zu teilen. Und so habe auch ich keine Probleme damit, meine Erfahrungen auf dem Gebiet von Liszt mit anderen zu teilen, da es so und so sehr schwer ist, Geld aus dem Wissen im Bereich der Musikwissenschaft zu machen. Selbst wenn man eine wissenschaftliche Ausgabe eines Werkes herausbringt, wie ich es mit den Don Giovanni-Transkriptionen gemacht habe, dann erhält man ungefähr 140 US Dollar. Und das in einem Zeitraum von 14 Jahren [lacht]. Das ist nicht allzu aufregend, nicht war.
Speziell in Weimar, wo die meisten Manuskripte liegen, hat man mir immer sehr geholfen. Und es ist jedes Mal sehr aufregend, diese Manuskripte eines Komponisten wie Liszt in seinen Händen zu halten. Und ich hatte insgesamt sicherlich um die 2000 Manuskripte in meinen Händen, und das ist großartig. Wissen Sie, wenn Sie in der British Library sitzen und das Manuskript von „Christus“ von Liszt in Ihren Händen halten, dann ist das ein unbeschreibliches Gefühl.

PIANONews: So haben Sie ja auch Grundlagenforschung betrieben, allein für Ihre Einspielungen.

Leslie Howard: Oh ja, sehr viele. So habe ich beispielsweise entdeckt, dass es viele unterschiedliche Versionen etlicher Werke gibt. Nur so konnte ich eine der Versionen des „Valse melancholique“ vervollständigen. Es gab eine fehlende Passage und ich fand sie auf einer Rückseite der dritten Fassung der Dante-Sonate. Liszt hatte einfach die Rückseite nochmals benutzt. Es gibt zahlreiche Beispiele, die zeigen, dass die Manuskripte auch auseinander genommen wurden, warum auch immer. Und so liegen Teile in Weimar, andere wiederum findet man in St. Petersburg. Man muss natürlich wissen, dass diese Teile zusammengehören.

PIANONews: Warum gibt es eigentlich so viele unterschiedliche Versionen von so vielen Werken von Liszt?

Leslie Howard: Liszt tat dies, da er sehr viele Werke erst einmal niederschrieb und dann in einer Aufführung ausprobierte. So schrieb er Dinge nieder und vergaß dann oftmals bei einer erneuten Niederschrift die letzten Takte hinzuzufügen, weil er noch daran arbeiten wollte. Und manches Mal arbeitete er dann schon an einem anderen Werk und so findet man diese letzten Takte innerhalb anderer Manuskripte. Es gibt auch eine Folge von Stücken, die heißt „Ungarische Romanzeros“, bei denen die Begleitung sehr skizzenhaft ist. Doch wenn man weiß, wie Liszt arbeitete, dann weiß man Folgendes: Wenn er für fünf Takte nichts niederschrieb, dann wollte er damit eigentlich nur sagen, dass die Takte zuvor die Richtung eindeutig angeben. Wenn man das also dann spielt oder ausführt, dann muss man es eigentlich nur einfach halten, nichts hinzufügen oder erfinden, und man stellt fest, dass es so klingt, wie es sich Liszt wohl sehr wahrscheinlich gedacht hat. So habe ich also etliche Werke ediert, bei denen aber klar wird, was von ihm selbst stammt und was ich hinzugefügt habe.

PIANONews: Nun gibt es ja unterschiedlichste Notenausgaben von Liszt-Werken. Welche Edition würden Sie vorschlagen, welche ist die beste?

Leslie Howard: Es kommt darauf an, welche Werke es sind. Es existiert die alte Sammlung von Breitkopf & Härtel, die 1939 gestoppt wurde und die heute von Calmus wiederaufgelegt wurde. Diese ist recht gut. Die Neue Liszt Ausgabe, die nun über 40 Bände hat, ist wohl die beste Edition der Klaviermusik. Aber die alte Edition verfügt auch über die Sinfonien, über die Orchesterwerke. Wenn man an „Christus“ denkt, dann gibt es eine recht gute Ausgabe von Editio Musica Budapest. Die Eulenberg-Taschenpartituren sind recht gut, wenn es um die Orchesterwerke geht. Im Bereich der Kammermusik wurde fast alles sehr gut herausgegeben von der Liszt-Gesellschaft in England.
Es bezieht sich im Prinzip immer auf die letzten Versionen seiner Klavierwerke. Diese sind alle in der Neuen Liszt Ausgabe enthalten und sehr gut ediert. Wenn es um andere Versionen, frühere Versionen geht, dann wird es wirklich schwierig. Allerdings ist die Neue Liszt Ausgabe natürlich sehr teuer, vor allem für Studenten. Aber sie ist fast in allen Bibliotheken verfügbar. Das heißt: Wenn ein Student mutig genug ist, dann geht er mit einem roten Bleistift in die Bibliothek und korrigiert all die schrecklichen Fehler, die in unterschiedlichen Editionen im Umlauf sind, in der eigenen Partitur nach der Neuen Liszt Ausgabe. Dover hat dagegen einige Ausgaben von Breitkopf genutzt, einige von Peters und einige von der recht guten Milstein-Edition aus Russland, die heutzutage im Original sehr schwer zu bekommen ist.
Ich habe eine Art Führer zu Liszt-Editionen auf der Web-Site der Liszt-Gesellschaft in England publiziert.

PIANONews: Wie stellt sich die Kenntnis der Edition heutzutage dar, vor allem unter Studenten?

Leslie Howard: Nun, wenn ich heutzutage Meisterklassen gebe, dann stelle ich immer wieder fest, dass die meisten aus schrecklich schlechten Ausgaben spielen, da sie es nicht besser wissen. Besonders im Fernen Osten ist es schlimm, da es dort natürlich zahlreiche Piraten-Editionen gibt, die viele Fehler aufweisen, da man unterschiedlichste Editionen als Grundlage nimmt, die auch schon Fehler beinhalten. Und das betrifft auch den Mephisto-Walzer Nr. 1, der wohl das meistgespielte Werk von Liszt überhaupt darstellt.

PIANONews: Wie sieht es mit der h-Moll-Sonate aus?

Leslie Howard: Bei der h-Moll-Sonate gibt es einige Fehler. Die Breitkopf-Edition ist immer noch recht gut. Die Henle-Edition, so denke ich, weist sechs oder sieben Fehler auf.

PIANONews: Wann überhaupt startete Ihre so große Liebe und das immense Interesse an Liszt? Kam es durch einen Lehrer zustande?

Leslie Howard: Nein, es passierte, als ich ungefähr 13 Jahre alt war. Ich hörte die Faust-Sinfonie und war wie gefesselt. Ich dachte: Dies ist fantastisch und ich will alles kennen lernen, was dieser Mann jemals geschrieben hat. Und ich hatte bald den Eindruck, dass dies ein Komponist ist, der meine Hilfe gebrauchen könnte. Denn das Erste, was ich feststellte, als ich versuchte all seine Werke anzusehen, war, dass ich nur wenig finden konnte. Wie viele niemals gedruckt wurde wie viele nicht mehr gedruckt wurden ... Oder dass einige Werke in den Katalogen erwähnt wurden, die man aber überhaupt nicht kannte, und die man gedruckt auch nicht finden konnte. Damals war mir noch nicht klar, dass ich selbst einmal einen Katalog erstellen würde.
Wissen Sie, Bach, oder Beethoven und Mozart und auch Wagner haben ganze Armeen von Leuten, die sich um deren Werke kümmern. Zudem haben die nicht so viel geschrieben. Aber Liszt hat so viel geschrieben. Ich allein habe 97 CDs mit der Klaviermusik von Liszt aufgenommen. Das ist eine ganze Menge von Musik. Wenn man all die Klaviermusik von Schubert, Beethoven, Schumann, Chopin, Mendelssohn und Brahms zusammennimmt, wäre dies weniger.

PIANONews: Es gibt nun aber unter all diesen Werken von Liszt einige Werke, die extrem bekannt sind und die man überall auf der Welt spielt. Wäre es nicht viel interessanter, auch all die anderen Werke stärker zu spielen?

Leslie Howard: Nun, es passiert schon. Ich habe da einigen Effekt auf andere Pianisten ausgeübt, denke ich. 90 Prozent der E-Mails, die ich erhalte, sind Fragen darüber, wo man die Noten zu bestimmten Werken findet. So spielen es nun wirklich mehr Leute, und das macht mich sehr glücklich. Auch wenn ein anderer Pianist die gesamten Werke von Liszt einspielen würde, fände ich das sehr gut. Ich würde es sehr begrüßen.

PIANONews: Wenn man zu Klavierwettbewerben geht, die nun nicht auf Liszt spezialisiert sind, dann erkennt man, dass immer viel Liszt gespielt wird ...

Leslie Howard: ... unglücklicherweise immer die gleichen paar Werke. Aber das liegt einfach daran, dass die Studenten immer nur das spielen, was sie im Unterricht kennen gelernt haben. Und die Lehrer kennen keine anderen Werke. Und selbst wenn sie die Werke niemals selbst spielen oder gespielt haben, könnte man ja Mal einen Blick darauf werfen. Das ist ja eigentlich das, was Lehrer tun sollten.

PIANONews: Was stört Sie am meisten, wenn gerade die Studenten diese berühmten Werke von Liszt spielen?

Leslie Howard: Eine Sache ist sicherlich, dass sie gar nicht genug über Liszt selbst wissen, über den Komponisten überhaupt. Um zu wissen, was man mit einer der Consolations, einer der Ungarischen Rhapsodien, der Etüden oder – leider muss ich das auch erwähnen – der h-Moll-Sonate, sollte man viel über Liszt wissen. Wenn man die Sonate als das erste Werk von Liszt spielt, dann ist das eigentlich unmöglich. Man spielt ja auch nicht Opus 106 als erstes Werk von Beethoven. Es sollten zuvor etliche Schritte genommen worden sein. Die Liszt-Sonate ist sicherlich ein attraktives Werk. Und wenn man es als Kind das erste Mal hört, dann ist man erschlagen. Und es gibt nur wenige Werke wie dieses im gesamten Klavierrepertoire.
Sie sollten auf das „Große Konzertsolo“ schauen, was auch ein wunderbares Werk ist und einem beim Spiel der Sonate helfen würde.

PIANONews: Ich habe oftmals den Eindruck, dass die Sonate kaum von sehr jungen Spielern bewältigt werden kann, da in ihr doch so viel Menschenerfahrung drinsteckt.

Leslie Howard: Es ist unmöglich, dieses Werk in jungen Jahren gut zu spielen. Es ist eine sehr lange Geschichte, die an einem Stück erzählt wird. Und diese Geschichte umfasst alle Leidenschaften eines menschlichen Wesens, in einer Art, wie man es ansonsten nirgends in einem Satz finden kann. Liszt schaffte es, all das zu sagen, was er mit 52 Jahren an Erfahrung hatte. Er hatte noch sehr viel danach zu sagen, doch er veränderte sich. Und daher sollte man auch nicht bei diesem Werk aufhören, Liszt zu spielen. Er war ein sehr weiser Mann, und so versuchte er auch nicht, eine weitere Klaviersonate zu schreiben. Und er war auch in der Lage, immer wieder neue, programmatische und lyrische Titel für seine Werke zu erfinden, die die Musik bestens beschreiben. Und war er einmal nicht so sicher, wie er ein Stück komplett nennen sollte, dann fügte er in der Mitte oder irgendwo weitere Titel oder Verszeilen hinzu.

PIANONews: Sie komponieren ja auch selbst. Bemerkenswerterweise sind die meisten Werke allerdings nicht für Klavier geschrieben, sondern eher für Kammermusik ...

Leslie Howard: ... das ist wahr. Ich habe Werke mit Klavier, aber keine Solo-Klavier-Werke geschrieben.

PIANONews: Einige wohl schon, wie die Klaviersonate?

Leslie Howard: Ja, aber das ist ein ganz kurzes Stück, es ist kürzer als die Weber-Variationen. Ich denke, es liegt daran, dass ich diese Art meiner Arbeit von der des Pianisten trenne. Momentan habe ich den Auftrag, ein Werk, ein Konzert für Marimbaphon zu schreiben. Es ist für Marimba und Orchester, kein großes Sinfonieorchester, aber größer als ein Kammerorchester. Zudem wurde ich auf Grundlage desselben Materials ein Konzertstück für Marimba und Klavier schreiben. Daneben gibt es noch einiges an Kammermusik und einiges an Kirchenmusik, wie beispielsweise zwei Messen.

PIANONews: Gibt es Aufnahmen von diesen Werken?

Leslie Howard: Nein, ich versuche jemanden zu finden, der diese Werke aufnimmt. Aber ich werde es weiterhin versuchen.

PIANONews: Aufgrund Ihres Wissens um Liszt und das Spiel der vielen Liszt-Werke sind Sie immer wieder als eine Art von Pianist in der Tradition des Virtuosenstils gesehen worden. Sehen Sie sich selbst auch in dieser Art und Weise?

Leslie Howard: Für mich bedeutet der Begriff Virtuose eigentlich vor allem, dass man sich auf der Höhe des pianistischen Berufs befindet. Und ich hasse es, wenn ich Pianisten höre, die anscheinend ein unglaubliches Problem dabei haben, bestimmte Werke zu spielen. Ich bin sehr sicher, dass einige Zuhörer, die mich bestimmte Passagen spielen sehen, sich fragen: Wie macht er das nur? Das ist vollkommen in Ordnung, das ist Teil des Berufes. Und ich bin mir sicher, dass die Zuhörer auf der Stuhlkante gesessen haben, als Beethoven erstmals die Waldstein-Sonate gespielt hat, da niemals zuvor jemand das Klavier so gespielt hat wie er. Aber das ist niemals, absolut niemals die erste Intention als Künstler.
Wissen Sie, ich werde sehr unglücklich, wenn Leute auf mich zukommen und mich fragen: Nun haben Sie alle Werke von Liszt eingespielt, werden Sie jetzt auch alle Werke von Gottschalk einspielen? Und ich denke: Die haben gar nichts verstanden. [lacht] Und es gibt Leute, die wollen mich dazu bewegen, Thalberg zu spielen. Aber ich mag Thalberg nicht spielen, ich bin nicht interessiert daran. Er war sicherlich phänomenal und war sicherlich ein großartiger, netter Typ ... aber das ist es auch. Ich bin an der Musik von Alkan interessiert, aber ich werde diese Werke niemals in der Weise spielen, wie ich Liszt spiele. Es gibt zudem viele andere, die seine Musik hervorragend spielen. Diese Musik ist sicherlich extrem schwierig zu spielen, so schwierig, dass viele es nicht spielen können. Und das ist Liszts Musik nicht. Und wenn man sagt, dass diese Musik die schwierigste in der Welt ist, dann nicht wegen der technischen Schwierigkeiten. Sicherlich ist es nicht leicht, aber die Schwierigkeiten liegen in der Darstellung. Die Sonaten von Schubert sind viel schwieriger. Bei Liszt liegt vieles einfach gut in der Hand, er wusste um alle Schwierigkeiten am Klavier und wusste diese auch zu vermeiden.
Letztendlich sind mehr Stücke von Liszt langsam und nicht schnell zu spielen, und ich denke, dass es mindestens 200 Stücke von ihm gibt, die für einen guten Klavierspieler schon zu schaffen sind.

PIANONews: Vielen Dank für dieses interessante Gespräch.

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