Zur Verbesserung der Instrumentenpflege

Ein Tag in der Steinway-Academy mit Georges Ammann

Von: Carsten Dürer


Es ist eine ganz besondere Einrichtung, die das Unternehmen Steinway & Sons da in Hamburg vor vielen Jahren ins Leben gerufen hat: die Steinway-Academy. Was genau das ist? Nun, eine von Steinway & Sons in der Hamburger Fabrik betriebene Weiterbildungseinrichtung auf höchstem Niveau. Hier werden Konzerttechniker, die bereits über Erfahrung verfügen, nochmals intensiv auf die Feinheiten im Konzertbetrieb vorbereitet und in die technischen Besonderheiten eines Steinway-Flügels eingeweiht. Kein Wunder, dass diese Academy beliebt bei den Technikern in der Welt ist. Doch immer nur drei werden für zwei Wochen von Georges Ammann, dem Chef-Konzerttechniker von Steinway & Sons, unterrichtet. Wir durften an einem Tag in der Academy zusehen und -hören, als Georges Ammann sein Wissen weitergab.



Die Atmosphäre ist ruhig und konzentriert. Der Stress, der manches Mal in den Konzertsälen herrscht, hat hier keinen Zugang. Die Techniker, dieses Mal aus Holland und der Schweiz, sollen hier vor allem erkennen, dass die kniffligen Dinge an einem Flügel auch Ruhe benötigen. Um sie zu lernen, benötigt man die richtige Zeit, die Ruhe, damit das Ergebnis entsprechend gut ist. Das weiß auch Georges Ammann zu berichten, der gerne sagt: „Ich kenne viele Techniker, die ganz schnell sind, wenn es um komplexere Aufgaben geht, aber das erkennt man dann auch am Ergebnis.“ Dies ist kein Schuldzuspruch, sondern eher als Aufforderung zu verstehen, dass man sich für bestimmte Aufgaben an einem Instrument einfach Zeit zu nehmen hat, damit sie auch entsprechend den Anforderungen an einen Konzertflügel und den Pianisten gelingen.

Doch was konkret wird denn von Georges Ammann in der Steinway-Academy gelehrt? „Man baut hier neue Hämmer in einen Konzertflügel innerhalb von zwei Wochen“, lautet die lakonische Antwort von Georges Ammann. Nachdem wir ein fragendes Gesicht aufsetzen, ob das denn alles sei, fährt er fort: „Dann kommt natürlich das Stimmen. Nicht das Stimmen als eigentliches Thema, sondern eher die Philosophie des Stimmens, da es ja eine sehr persönliche Sache ist. Wissen Sie, für mich ist das Klangbild dominierend – wie klingt der Flügel am Schluss der Arbeit? Da gibt es einfach bestimmte Prinzipien, die man einhalten sollte: Wie man einen Stimmwirbel bewegt, was für einen Stimmhammer man hat, ob der Aufsatz auf den Stimmwirbel passt – da habe ich schon die komischsten Sachen gesehen. Dann ist ja auch wichtig, ob die Stimmung hält. Auch wenn eine Stimmung vielleicht sehr schön klingt, dann hilft es einem nicht, wenn nach einem lauten Stück der gesamte Klang schon wieder schwimmt.“ Diese Thematik bietet immer wieder Anlass zu Diskussionen zwischen Stimmern und Pianisten. Und Ammann sagt ganz klar: „Wenn ich als Stimmer schon fast vor Angst sterbe, wenn ich eine Konzertstimmung machen muss, da ich weiß, meine Stimmung hält nicht lange, dann muss ich da in jedem Fall etwas gegen unternehmen.“ Während wir an dem gemütlichen Kaffeepausen-Tisch in dem Akademieraum sitzen und uns unterhalten, arbeiten die Techniker ruhig an ihrem halbfertigen, im Rohholzzustand befindlichen Konzertflügel Model D weiter, sind konzentriert auf die Ausrichtung der bereits eingeleimten Stimmhämmer. Kurz zuvor hatte Ammann ihnen gezeigt, welche Handgriffe wichtig dabei sind: Wie die zum Anwärmen des Hammerstils benutzte Öllampe richtig gehalten wird, wie man den dadurch flexibel gewordenen Hammerstil dann in die richtige Ausrichtung bringt und dann die Ausrichtung der Hammerauslösungen zueinander vornimmt. Eine Geduldsarbeit, denn immerhin muss man diese Arbeit für alle 88 Hämmer vornehmen. Georges Ammann fährt fort: „Wenn man aber weiß, dass eine Konzertstimmung hält, und der Flügel auch noch schön klingt, dann ist es mir doch egal, wie er das erreicht hat, dann muss er ja nichts ändern. Ich werde doch nicht auf Prinzipien beharren, wenn das Ergebnis gut ist. Und nur das Ergebnis zählt.“ Kann man denn die in der Steinway-Academy gelernten Detaillösungen leicht auf andere Instrumente übertragen, oder sind dies markentypische Dinge? „Nein, die lassen sich schon übertragen.“ Neben dem großen „Unterrichtsraum“ in der Academy sind auch drei akustisch voneinander unabhängige Intonier- und Stimmkabinen vorhanden, wo dann die weitere Arbeit stattfindet. Letztendlich sollen die Techniker so weit kommen, dass sie eine Konzertstimmung und -intonation mit neuen Hammerköpfen vorgenommen haben, die sich im Vergleich mit den fertig gestellten Instrumenten im Auswahlsaal der Fabrik in Hamburg messen lassen können. Das ist das Ziel. „Es ist interessant, wenn man den Vergleich antritt: Was man da gemacht hat und wie in unserem Haus der Standard ist. Da kann man wirklich Enttäuschungen erleben oder auch positiv überrascht sein.“ Und selbstkritisch gibt er zu, dass er früher Techniker, die eine „Fantasievorstellung von Klang“ hatten, einfach hat machen lassen, so dass sie bei dem Vergleich schwer enttäuscht wurden. „Das mache ich heute nicht mehr, das ist unklug und das habe ich gelernt. Heute helfe ich sehr viel während des Prozesses, um die Techniker auf eine Linie zu bringen, die einfach hilfreich ist.“ Doch er gibt auch Folgendes zu bedenken: „Wir machen hier ja nur eine Intonationsgrundlage, die gut ist, aber bei der im Hammerkopf noch viel drinsteckt. Und das ist gut so, denn die Flügel kommen ja später an die unterschiedlichsten Orte. Und der dortige Techniker muss ja immer noch Möglichkeiten haben, den Klang mittels der Intonation zu verändern. Wenn wir den Hammer aber schon vollkommen ausintoniert hätten, dann hat man fast keine Möglichkeiten mehr.“ Unter Intonieren versteht man das Stechen des Hammerkopfes nach bestimmten Kriterien, um den Filz härter oder weicher zu machen und damit den Klang zu verändern.

Ammann hat lange Erfahrungen mit Steinway und Pianisten, hat für viele der größten Pianisten Konzertstimmungen vorgenommen. Und er hat viel Verständnis für die Pianisten: „Es ist ja eine irrsinnige Stresssituation für die Pianisten vor einem Konzert, da werden dann viele Unstimmigkeiten ausgetauscht. Aber als Techniker muss man dafür Verständnis haben. Nach dem Konzert sieht dann ja auch meis-tens alles viel entspannter aus.“ Seit 1979 arbeitet Ammann bei Steinway, kam als Volontär in die Fabrik und blieb gleich zwei Jahre lang, durchlief alle Abteilungen.

Die Idee der Akademie

Seit 1993 besteht die Steinway & Sons Academy in Hamburg. Und seither leitet Georges Ammann auch die Kurse an dieser Akademie. „Hartwig Kalb, der Manager Product Services, und Thomas Kurrer, der Managing Director, hatten diese Idee schon länger im Kopf. Und ich habe immer gesagt, dass die Instrumente vor Ort nicht gut genug gewartet werden.“ Doch die ersten Anfragen nach einer Weiterbildung kamen von der Händlerseite für die Techniker. Hartwig Kalb sagt: „Damals war das alles noch etwas unstrukturiert, wenn man das Gefühl hatte, ein Techniker benötigt etwas mehr Hilfe, blieb er halt länger.“ Erst Ende der 80er Jahre wurde die Struktur dann etwas geändert und führte dann letztendlich zur Steinway-Academy. Und seit es die Akademie gibt, so meint Ammann, wäre der Zustand der Instrumente vor Ort in den Konzertsälen deutlich besser geworden: „Das hören wir ja auch von den Pianisten“, meint er dazu. Und von der Ausbildung in Hamburg profitieren letztendlich auch alle anderen Firmen, da die jeweiligen Techniker ja auch andere Marken betreuen.

Die Idee – so Georges Ammann – ist natürlich auch, dass das Unternehmen Steinway & Sons von der Akademie profitiert: „Uns hilft es ja nichts, wenn wir gute Instrumente bauen, die aber nicht richtig gepflegt werden von den Technikern.“ In dieser Form betreibt kein anderes Klavierbau-Unternehmen ein Ausbildungssystem. Zwar gibt es immer wieder Kurse, zu denen aber Ammann aufgrund eigener Erfahrungen aus früheren Tagen eine ganz klare Meinung hat: „Da standen dann immer 10 bis 20 Techniker um einen herum, aber keiner hat praktisch gearbeitet.“ Das macht dann allerdings keinen Sinn, denn „selbst wenn Sie einem Meisterkoch zuschauen, dann können Sie noch lange nicht so kochen wie er, wenn Sie nach Hause kommen“. Ansonsten kommen in die Hamburger Academy Techniker aus aller Welt. Hartwig Kalb, der als administrativer Leiter (intern nennt sich das halt „Manager Product Services“) die Academy betreut, sagt: „Wir achten allerdings darauf, dass wir zumindest gleichsprachige Techniker zusammen einladen. Denn ansonsten gibt es bei so einer intensiven Arbeit und einem so langen Aufenthalt Probleme mit Abgrenzungen.“

Die Techniker wohnen direkt am Betriebsgelände in einem Einfamilienhaus, das in früheren Zeiten einmal dem Personal der Geschäftsführung vorbehalten war. So sitzen die Techniker dann auch abends noch gemütlich zusammen und diskutieren über die Branche und alles, was man über den Tag gelernt hat.

Fünf Kurse leitet Georges Ammann pro Jahr in der Steinway-Academy in Hamburg, vier weitere Kurse in Japan. „Gerade in Japan ist das Niveau extrem gestiegen“, meint er. Die Auswahl findet nach einem einfachen System statt. Es gibt vierwöchige Volontariate, die die Techniker in der Akademie durchlaufen müssen, bevor sie zum eigentlichen Akademie-Kurs eingeladen werden. In diesem Volontariat muss man eine Dämpfung einbauen, muss eine Regulierung der Mechanik vornehmen und eine Vorintonation, erklärt uns Georges Ammann. Dies auch an kleinen Flügeln. „In diesen Volontariaten sehen wir dann schon, wie die Leute arbeiten und ob sie gut für die Akademie-Kurse sind.“ Früher gab es Volontariate in der Fabrik selbst. Doch da die Arbeitszeit nur bis nachmittags geht, langweilten sich die Volontäre dann im Haus nebenan den Rest des Tages. „Zum Teil wurden dann früher die Volontäre einfach wieder eingeladen, um an der Akademie teilzunehmen, und waren zum Teil heillos überfordert“, erinnert sich Ammann. Grundsätzlich werden auch freie Techniker eingeladen, die Konzerthäuser betreuen und nicht bei einem Steinway-Händler arbeiten. Am Ende der Akademie-Zeit gibt es ein Diplom, das mit unterschiedlichen Auszeichnungsabstufungen vergeben wird: „Ein Absolvierungs-Diplom erhält jeder, aber ich finde, die Techniker, die selbstständig nicht in der Lage sind zu arbeiten, sollen auch nicht dafür belohnt werden. Aber es gibt einfach Leute, die gut sind, und solche, die einfach noch nicht so weit sind.“ Diese können allerdings wiederkommen. Insgesamt gibt es viele Techniker, die mehrfach die Akademie besucht haben. „Es geht ja auch nicht, dass Sie im Laden eine solche Urkunde von uns hängen haben und dann eine Flasche sind“, sagt Ammann direkt und frei heraus und fügt hinzu: „Den Kunden interessiert allerdings nur das Ergebnis.“ Die Kosten für das zweiwöchige Seminar liegen bei 1000 Euro. Nicht viel, wenn man bedenkt, dass Unterbringung und Verpflegung inklusive sind. Es ist mehr eine Umlage der entstehenden Kosten als eine Bezahlung für die Leistung, die man hier erhält. Mittlerweile sind mehr als 250 Techniker durch die Akademie geschult worden.

Es ist sicherlich eine großartige Einrichtung, diese Steinway-Akademie. Und man fragt sich, warum nicht auch andere Unternehmen in irgendeiner Art solche Fortbildungen anbieten. Denn letztendlich hilft dies vor allem dem Standard auf dem Markt und dem Kunden, der häufiger zufrieden mit einem Techniker sein dürfte.

Informationen

Steinway & Sons
Rondenbarg 10
22525 Hamburg
Tel.: 040 / 40 85 39 11 47
Fax: 040 / 40 85 39 12 00
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