Politik und Freiheit mit Musik

Anton Kuerti

Von: Carsten Dürer


Er wurde 1938 in Österreich geboren, wuchs aber in den USA auf und lebt heute in Kanada. Anton Kuerti ist ein Ausnahmepianist, der hierzulande viel zu wenig im Bewusstsein ist, selbst der Insider. Und dies, obwohl er extrem viele CDs auf dem Markt hat: komplette Einspielungen aller Schubert-Sonaten, aller Beethoven-Sonaten, aller Werke von Czerny und Skrjabin – neben zahlreichen anderen Komponisten. Doch Kuerti ist kein Pianist, der sich in den Vordergrund drängt, keiner, der auf Publicity aus ist. Er ist Musiker von ganzem Herzen. Das spürte man auch bei seinem Konzert, das er im Otto-Braun-Saal in der Staatsbibliothek in Berlin im März dieses Jahres gab und in dem er drei der bekanntesten Beethoven-Sonaten spielte, „Les Adieux“ Es-Dur Op. 81a, die Sonate G-Dur Op. 14 Nr. 2 und die „Mondscheinsonate“ cis-Moll Op. 27 Nr. 2. Aufgekratzt trafen wir ihn nach dem Konzert zu einem Gespräch.



Dadurch dass Anton Kuerti seit mehr als 35 Jahren im kanadischen Toronto lebt, spricht er selbstverständlich als Muttersprache Englisch, aber auch fließend Französisch. Dennoch ist sein Deutsch perfekt. Wann überhaupt hat er Österreich verlassen? Er grinst und sagt: „Da war ich noch ein Baby.“ Dann ging er in die USA, wo er später auch seine Ausbildung in der Musik erhalten sollte. Doch da hat er sich dann nicht allein auf das Klavier konzentriert, sondern auch Komposition studiert. Und schnell erfahren wir, dass er bereits mit 12 Jahren seine ersten kompositorischen Gehversuche machte. Ist es für einen Pianisten wichtig, auch komponieren zu können, hilft es? „Ich denke, jeder sollte sich einmal als Komponist versuchen. Und wenn es nur dafür ist, um mehr Respekt vor den Kompositionen zu bekommen, die man beständig spielt.“ Anton Kuerti findet es „natürlich“, dass jeder einmal versucht selbst Musik zu schreiben, „wenn man ein Leben mit der Musik verbringt“, wie er sagt und fügt hinzu: „Egal, wie schlecht man es dann macht.“ Er selbst hat etliche Werke komponiert – die auch aufgeführt werden, muss man bei einem zeitgenössischen Komponisten noch direkt hinzufügen. Auch Werke für Klavier sind darunter: „Es gibt eine Suite, die so genannte ‚PianoMan-Suite’. Das kam so: Der kanadische Rundfunk hatte die vier führenden Pianisten aus Toronto und aus unterschiedlichen Genres eingeladen, um gemeinsam eine Version des Piano-Man-Motivs zu spielen. Da waren also ich, Oscar Petersen, ein Rockpianist und noch ein Vierter. Und da habe ich dann gedacht, dass ich auch vier eigene solcher Variationen auf dieses Motiv schreiben kann“, erklärt er über eines der Werke. Doch es gibt durchaus weitere, eine Suite, einzelne Solowerke und etliche mehr.

Nachdem er nun in Österreich geboren wurde, in den USA erzogen wurde und sehr lange schon in Kanada lebt: Gibt es bei ihm eine Art von musikalischer Heimat, die eine Grundlage für sein Leben bildet? „Nun ja, die österreichische, oder genauer die deutsch-österreichische Musik ist schon meine Heimat. Ob es da auch einen genetischen Zusammenhang gibt, kann ich nicht beurteilen“, erklärt er schmunzelnd und ist sich sicher, dass es nicht der Fall ist. „Aber es ist nun einmal die Musik, die mir am nächsten liegt.“ Und er sagt auch gleich, dass dies einfach schon immer der Fall war. Seine Lehrer, sehr unterschiedliche in Cambridge, am Peabody Institute, in Cleveland und am Curtis Institute in Philadelphia, haben ihn nicht beeinflusst, in diese Richtung zu tendieren, meint er. Seine bekanntesten Lehrer waren allem Arthur Loesser und Rudolf Serkin. Über Loesser zeigt er sich auch heute noch begeistert: „Er war mein wichtigster Lehrer in Cleveland, er war ein unglaublich gebildeter Mensch, auch belesen. Er sprach auch etliche Sprachen, unter anderem Japanisch. Und zudem verstand und wusste er in der bildenden Kunst und in der Geschichte so viel ...!“ Er also war sein stärkster Einfluss. Und Serkin? „Nun, Serkin war kein guter Lehrer, er hat die Schüler immer sehr aggressiv und dabei psychologisch angegriffen. Das hat letztendlich vielen der Studenten wirklich Probleme bereitet – vor allem auch bei seinem Sohn.“ Deutliche Worte über eine Ikone – eine Pianistenikone zwar, aber auch einen Lehrer, der berühmt wurde.

Begonnen hat das professionelle Leben Anton Kuertis so richtig, nachdem er 1958 den Leventritt-Wettbewerb gewonnen hatte. „Das hat wirklich etwas bewirkt, denn man spielte dann mit den großen Orchestern in den USA, mit New York Philharmonic, mit Cleveland Orchestra, mit Detroit, mit Pittsburg und etlichen anderen.“ Das würde auch heute helfen, 1958 allerdings bedeutete es den Startpunkt einer Karriere. Allerdings half es ausschließlich dazu, den Namen Kuerti in den USA bekannt werden zu lassen. Erst in den 80er Jahren war dann plötzlich der Name Anton Kuerti auch in Deutschland präsent. Doch dann verschwand er auch wieder aus dem Bewusstsein. Woran lag das? „Nun, ich hatte immer viel in der DDR gespielt, und die bestand dann nicht mehr. In den frühen 60er Jahren habe ich beim Rias in Westberlin das Brahms d-Moll-Konzert gespielt. Darauf kamen tolle Kritiken und ich hatte dann auch schnell eine Agentur, aber nichts passierte. Wo ich wirklich viel spielte, war in der DDR.“ Er ist in Europa aber nie wirklich stark präsent gewesen, auch wenn er sich wünschen würde, dass er häufiger in Deutschland konzertieren könnte. Doch seine Karriere machte er in den USA und in Kanada, zwei Länder, die ausreichend Möglichkeiten bieten, um zu konzertieren, oder nicht? „In den USA ist es natürlich noch weit mehr, da es einfach viel mehr Möglichkeiten für Auftritte gibt.“

Warum verließ er nach seiner Ausbildung dann überhaupt die USA, die ja die finanzielle Grundlage für ihn darstellten? „Tja, es war einfach güns-tig“, versucht er es herunterzuspielen, sagt aber dann, nachdem wir nachhaken: „Ich wollte nicht in einem Land leben, in dem Kernwaffen als normal angesehen werden. Kanada ist ein viel vernünftigeres Land. Auch kulturell war Kanada damals sehr interessant. Besonders CBC, also Canadian Broadcasting, war extrem stark, für viele Künstler. Diese Art existierte in den USA überhaupt nicht. Heute gibt es in den USA etwas Ähnliches, Public Broadcasting Services, PBS. Doch wenn ich für diesen Radiosender ein Konzert aufnehme, dann erhalte ich 60 Dollar. Die sende ich dann einfach zurück, da ich es nicht einsehe, dass meine Arbeit dem Sender so wenig wert ist wie das Tonbandmaterial, auf dem das Spiel aufgezeichnet wird.“ Überhaupt ist Kuerti ein politisch aktiver, ein überzeugter Mensch, engagiert sich – auch finanziell – für Menschenrechtsorganisationen. Wie sieht er das Zusammenspiel von Politik und Kultur? „Die Regierung entscheidet natürlich, für was das Geld ausgegeben wird. Somit ist der Einfluss direkt.“ Und wie sieht er es, wenn es über längere Zeiträume eine bestimmte politische Ausrichtung in einem Land gibt, die ja auch die Menschen in dem Land beeinflusst? Spiegelt sich dies im Interesse und in der Art von Kultur wider, an der diese Menschen dann interessiert sind? „Ja bestimmt. Musik und Kultur im Allgemeinen verändert die Menschen, gibt ihnen andere gute Gründe zum Leben.“ Richtig gesagt. Doch warum hat er die USA verlassen, gibt es doch gerade dort eine Menge an interessanten Musikaktivitäten? „Ja natürlich, das kann man nicht leugnen. Wenn man aber durch die USA mit dem Auto fährt, dann kann man in den Radiosendern quer durch das Land Sport und Popmusik hören. Da könnte man aufwachsen, ohne jemals ein Werk von Mozart und Beethoven durch Zufall gehört zu haben. Es gibt natürlich auch Ausnahmen. So gab es den Gouverneur von Georgia, den ich ansonsten nicht sehr schätze, aber er hat durchgesetzt, dass jede schwangere Frau eine CD von Mozart erhält, da sich herausgestellt hätte, dass diese Musik gesund für die Kinder wäre.“ Eine Idee, die man überall einführen sollte.

Anton Kuerti liebt es, Zyklen aufzuführen, die Sonaten von Schubert oder Beethoven, oder andere. Warum ist ihm diese zyklische Darstellung eines Komponisten so wichtig? „Warum ist es interessant, in ein Museum zu gehen und viele verschiedene Werke eines Künstlers an einem Ort zu sehen? Es ist faszinierend, die Entwicklung zu sehen, die Facetten des Künstlers zu erkennen. Und ich gebe zu, diese Idee ist nicht gut für Komponisten, deren Musik eher einseitig ist. Aber für vielseitige Komponisten ist es sehr interessant, dem Publikum diese Facetten darzulegen, beispielsweise die Beethoven-Sonaten. Denn eigentlich ist keine der 32 Klaviersonaten ähnlich einer anderen.“ Zudem gibt es auch zahlreiche Konzerte, vor denen er – ebenso wie in Berlin – Einführungen in die Stücke, die er spielt, gibt. Ist das wichtig? „Ja, für Menschen, die diese Werke niemals zuvor gehört haben, ist es schon eine Hilfe.“ Bildliche Beschreibungen helfen ihm dabei, die Werke anschaulich zu machen. So hebt er in Berlin die verschiedenen humorvollen Seiten in den von ihm gespielten Sonaten hervor, will zeigen, dass Beethoven kein beständig schlecht gelaunter Mensch war. Sein Spiel dann ist geprägt von einem recht freien Umgang mit den Noten, einer Nuancierungskunst, die immer wieder Dinge erkennen lässt, die einen aufhorchen lassen, da sie vollkommen anders klingen als bei seinen Kollegen. Ist es nicht wichtig, sich genau an den Notentext zu halten? „Es ist kein Ziel, so zu spielen, aber ich glaube, es ist historisch richtig, so zu spielen, denke ich. Die orthografischen Möglichkeiten für einen Komponisten sind sehr beschränkt. Und der Komponist will auch nicht zu viel Tempoänderungen angeben, denn dann werden sie übertrieben und das Ganze klingt nicht so, wie er es sich vorstellt. Er muss davon ausgehen, dass ein Musiker, der seine Musik versteht, nicht nach dem Metronom spielt. Man kann auch viele Beweise dafür finden. Auch der Bericht beispielsweise von Anton Schindler über das Spiel Beethovens – ich weiß, ich weiß: Schindler war ein Lügner und hat sogar Notentexte von Beethoven verändert. Und dennoch: Er war Musiker und es klingt absolut richtig, was er da erzählt. Und dann findet man in der Sonate Op. 109 im zweiten Satz eine Bezeichnung „un poco espressivo“. Und acht Takte später steht dann „a tempo“. Daraus kann man ersehen, dass die Bezeichnung un poco esressivo manches Mal auch schon zur Tempoänderung geführt haben wird. Die wichtige Sache ist: nicht pedantisch und diktatorisch mit der Musik umzugehen, sondern sie intelligent und verstehbar zu gestalten.“ Ein wichtiger und extrem richtiger Satz, denke ich. „Ich erlaube mir vielleicht mehr Freiheiten als andere Interpreten, und ich erlaube mir sogar in den 32 Sonaten von Beethoven bis zu sechs Noten zu korrigieren ... ich könnte Unrecht haben, aber letztendlich kann man sagen – auch wenn es arrogant klingt: Ich kenne diese Sonaten viel besser, als Beethoven sie gekannt hat. Denn er hat sie geschrieben und ist zur nächsten übergegangen. Ich spiele diese Sonaten aber zum Teil schon 50 Jahre lang“, grinst er und fügt noch hinzu: „Natürlich kann man sich irren, vor allem, wenn man zu sehr an sein Wissen glaubt.“ Zudem weist er aber auch noch darauf hin, dass viele der großen und angesehenen Pianisten vergangener Zeiten sehr frei mit den Werken umgingen, „zum Teil vielleicht zu frei“, sagt er noch zusätzlich und nachdenklich. „Die Idee der Komponisten ist ja nicht visuell, sondern akustisch. Daher sollte man aus der Musik herauslesen, die Musik sprechen lassen, manches Mal bedeutet dies Schwankungen in den Tempi, manches Mal aber auch genaue Strenge im Tempo.“ Einigen Tempi seiner früheren Aufnahmen, die stark verlangsamt sind, findet er auch heute nicht mehr gut. „Beispielsweise der zweite Satz der ‚Mondschein’-Sonate, den habe ich damals einfach zu langsam gespielt“, sagt er und ist dabei weder unpathetisch noch stolz.

Vorsicht sollte man also in jedem Fall walten lassen, aber Kuerti ist kein Drauflos-Pianist, der sich überschätzt, kein Pianist, der schnelle Wirkung erzielen will, auch nicht mit seinem Wissen. Er ist fast schon ein intimer Pianist, er vermeidet es sogar, in großen Sälen zu spielen. „Ich finde Klavierabende für 3000 Menschen nicht richtig, auch keine Kammermusik.“ Aber ein Konzertflügel ist heutzutage doch in der Lage, einen Konzertsaal mit 2000 Plätzen klanglich zu füllen, oder nicht? „Die meisten Säle haben so viele Geräusche von der Klimaanlage, den Lüftungen oder dem Licht, dass ich finde, dass es stört. Es kommt sicherlich aber auch auf das Repertoire an, wenn man hauptsächlich Rachmaninoff spielt, dann funktioniert das vielleicht besser in den großen Sälen.“ Kuerti spielt dagegen recht intim. „Es kommt auf das Stück an“, erwidert er, wohl nicht sehr glücklich mit dieser Einschätzung. „Wenn man ein großes Spektrum von Lautstärkegraden spielen will, dann muss man aufpassen. Denn man kann das Lautspielen nicht bis ins Unendliche ausbauen. Aber wenn das Klavier gut genug eingestellt ist, dann kann man fast unendlich leise werden.“ Kuerti ist einer der Pianisten, die sich hervorragend mit der Klaviertechnik auskennen, die immer auch mit dem Equipment zum Intonieren und Stimmen reisen. Wenn er kann, reist er mit seinem eigenen Flügel, der sich über die vielen Jahre immer wieder geändert hat. Heute ist es ein Steinway & Sons. Fixiert ist er nicht auf eine bestimmte Marke: „Ich finde, man sollte diesen ganzen Bereich nicht kommerzialisieren. Man sollte nicht die Musik verwenden, um Klaviere zu verkaufen, sondern man sollte die Klaviere verwenden, um Musik zu verkaufen. Und andere Instrumente können sehr gut sein, es kommt auf die Regulierung und die Intonation an.“

Eine Zeit lang hat er in Toronto unterrichtet, hat dies aber nach ein paar Jahren aufgegeben, da er bei seinen Reisen nicht die Verantwortung behalten wollte, wenn er keine Zeit dafür hat. Und er sträubte sich davor, die jungen Menschen, die den besten Teil ihres Lebens für die Musik aufgeben, dann aber doch keine Chance auf eine Karriere haben, enttäuschen zu müssen. Nun allerdings hat er sich bereit dazu erklärt, in Montreal eine Klasse zu unterrichten, die er aber innerhalb eines Tages unterrichten kann – eine kleine Klasse also.

Anton Kuerti, ein Ausnahmepianist, aber auch ein Ausnahmemensch. Bei ihm steht die Musik tatsächlich an oberster Stelle, lässt sich nicht kommerzialisieren und kommerzialisiert auch nicht seine Tätigkeit.

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