Ehrlichkeit in der Musik

Elisso Wirssaladze

Von: Carsten Dürer


Auch wenn Tiflis, die Hauptstadt Georgiens, sicherlich schon seit langem zu den kulturell interessantesten Städten der östlichen Welt gehört, haben es doch nur wenige Musiker aus dieser Stadt geschafft, sich einen weltweiten Ruf zu erspielen. Zu diesen wenigen gehört die Pianistin Elisso Wirssaladze, die schon früh in ihrem Elternhaus ans Klavierspiel geführt wurde und bei Pädagogen wie Heinrich Neuhaus und Yakov Zak in Moskau studierte. Seit vielen Jahren unterrichtet Elisso Wirssaladze an der Hochschule für Musik in München und parallel am Tschaikowsky Konservatorium in Moskau. Wir trafen diese meist sehr introvertiert wirkende Musikerin während einer Unterrichtspause in München und unterhielten uns mit ihr über ihre Ansichten, ihre Biografie und ihre Gedanken zum Unterrichten.



PIANONews: Sie sind in Tiflis in Georgien geboren. Wie war das Niveau der Ausbildung damals? War es dasselbe System wie in Russland?

Elisso Wirssaladze: Absolut dasselbe System. Die Zentrale Musikschule am Konservatorium existierte ja schon. Und Goldenweiser hatte die Zentrale Musikschule in Moskau eingeführt. Und dann wurde dieses System ja auch in allen anderen Teilen von der damaligen Sowjetunion übernommen. Moskau war das Muster und wurde übernommen.

PIANONews: Das bedeutet, Sie haben auch Ihre ersten Schritte auf einer dieser Zentralen Musikschulen gemacht?

Elisso Wirssaladze: Ja, dort unterrichtete auch meine Großmutter, Anastasia Wirssaladze.

PIANONews: Sie war eine sehr bekannte Pianistin, richtig?

Elisso Wirssaladze: Sie spielte sehr gut Klavier. Sie hatte aber immer Probleme mit den Händen, vielleicht weil sie als Kind nicht die richtige Ausbildung erhalten hat. Sie studierte dann aber in St. Petersburg und hatte damals eine großartige Karriere und war wahrscheinlich die erste russische Pianistin, die in den USA auftrat. Dort lernte sie auch die amerikanischen Komponisten kennen und spielte diese immer mehr. Sie war nicht wirklich eine reisende Konzertpianistin, wie man es heute kennt, denn das war in dem Maße damals auch gar nicht möglich.

PIANONews: Waren Ihre Eltern auch Musiker?

Elisso Wirssaladze: Nein, aber große Musikliebhaber. Meine Mutter hat zwar eine Mittelschule absolviert und mein Vater hat auch in der zentralen Musikschule gelernt. Doch dann wurde er Arzt – und hatte mehr Kenntnisse von Musik als viele Musiker, würde ich sagen. Er hat mir schon sehr früh meine Programmauswahl empfohlen. Aber letztendlich waren sie keine Musiker.

PIANONews: Wann genau haben Sie mit dem Klavierspiel begonnen?

Elisso Wirssaladze: Erst mit acht Jahren. Meine Großmutter wollte mich eigentlich nicht unterrichten, da sie meinte, dass es zu schwer sei, Verwandte zu unterrichten. Und sie wollte auch, dass innerhalb der Familie Ruhe herrscht und keine Konflikte aufgrund der Beziehung Lehrer-Schüler aufkommen.

PIANONews: Wie lange hat sie Sie letztendlich unterrichtet?

Elisso Wirssaladze: Ich würde sagen, intensiv unterrichtete sie mich bis zu meinem 14. Lebensjahr. Dann hatte sie sich die Hüfte gebrochen und konnte mich daher niemals im Konzert hören. Und sie wollte nicht an Krücken laufen – das war etwas tragisch, aber eine Operation war zu der damaligen Zeit in Georgien nicht möglich.

PIANONews: Sie lebten alle zusammen?

Elisso Wirssaladze: Ja, meine Eltern, meine Großmutter und ich mit meinem Bruder. Das kam, da mein Großvater Chefarzt von dem Krankenhaus war, in dem ich aufgewachsen bin. Das Haus gehörte zu dem Krankenhaus dazu.

PIANONews: Durch Ihre Großmutter und die vielen Freundschaften, die sie pflegte, auch zu Heinrich Neuhaus, kam dann für Sie auch die Entscheidung, nach Moskau zu gehen?

Elisso Wirssaladze: Das kam ganz natürlich. Letztendlich habe ich das Konservatorium bei meiner Großmutter abgeschlossen, da ich sie auch nicht im Stich lassen wollte. Und das, obwohl sie wollte, dass ich weggehe. Aber ich war schon in Moskau, auch bei Neuhaus. Begonnen habe ich in Moskau allerdings als Assistentin von Lev Oborin.

PIANONews: Wann haben Sie dann bei Neuhaus Unterricht erhalten?

Elisso Wirssaladze: Das war erstmalig mit neun Jahren. Er kam fast jedes Jahr zu uns und ich habe ihm immer vorgespielt. Und ein Jahr, bevor ich den Tschaikowsky-Wettbewerb in Moskau spielte, habe ich dann intensiv bei ihm Unterricht erhalten, wenn er die Gelegenheit hatte.

PIANONews: Als Sie mit 20 Jahren am Tschaikowsky-Wettbewerb teilnahmen, gab es eine Sensation, sagt man. Dabei haben Sie nur den dritten Preis gewonnen. Warum also war dieser Wettbewerb eine Sensation für Ihre Karriere?

Elisso Wirssaladze: Als ich zum Wettbewerb fuhr, hat mein Vater mir gesagt: Das Höchste, was du erreichen kannst, ist der dritte Preis. Denn wenn du den dritten Preis gewinnst, hast du mehr erreicht, als du eigentlich erreichen kannst. Und so hat er es wirklich schon prophezeit. Die Sensation war, dass das Publikum für mich war. Ich selbst hätte es ungerecht gefunden, hätte ich den ersten Preis gewonnen, denn ich war noch nicht reif für einen ersten Preis. Ich habe gut gespielt, da ich keinen Druck hatte. Aber das Publikum liebt Sensationen.

PIANONews: Seither hat sich in der Wettbewerbswelt ja auch viel geändert. Damals galt ein dritter Preis im Tschaikowsky-Wettbewerb ja noch deutlich mehr als heutzutage. So war dies der Startpunkt für mehr Konzerte und Ihre professionelle Karriere?

Elisso Wirssaladze: Ja, sicher. Ich hatte dann zwar schon etliche Konzerte in Russland, aber im Ausland nur selten. Das betraf allerdings nicht nur mich, sondern alle Künstler, daher will ich darüber gar nicht gerne reden. Es war normal und sehr schwierig, aus der Sowjetunion rauszukommen. Und wenn man in den wunderbaren Sälen in der Sowjetunion auftreten konnte wie ich, dann war das alles ja gar nicht schlimm, es waren wunderbare Konzerte und Gelegenheiten.

PIANONews: Und vielleicht war das Publikum dort auch besser, aufmerksamer für Klaviermusik als in vielen anderen Ländern, oder nicht?

Elisso Wirssaladze: Ja natürlich. Wissen Sie, es gab nur das Gefühl, dass man ins Ausland müsste. Da gab es halt den Zentral-Impresario in Moskau, der entschied: Ihr spielt in den kapitalistischen Ländern und ihr seid die Sklaven, die in den kommunistischen Ländern auftreten dürfen. Und dieses Gefühl war das Schlimme. Und man kann leicht darüber reden, aber um es zu begreifen, muss man das erlebt haben.

PIANONews: Und man konnte mit Konzerten im Ausland auch mehr Geld verdienen.

Elisso Wirssaladze: Darüber hat niemand nachgedacht. Das war kein wichtiger Punkt. Wir sind in einer Atmosphäre aufgewachsen, in der die Frage nach dem Geld keine Rolle spielte. Ich habe geübt und konnte konzertieren, das war das Wichtige. Als ich dann 1966 den Schumann-Wettbewerb in Zwickau gewonnen habe, konnte ich in der ehemaligen DDR auftreten. Aber auch dieses Land war herrlich. Ich habe dort mit Sawallisch und sehr oft mit Kurt Masur konzertiert, mit hervorragenden Orchestern. Ich kann jetzt nicht einmal alle Namen sagen, aber es waren hervorragende Dirigenten, mit denen ich arbeitete. Bis Anfang der 70er Jahre, als ich das erste Mal ins westliche Ausland kam.

PIANONews: Wo war das dann?

Elisso Wirssaladze: Ich kam nach Amsterdam aufgrund einer Empfehlung meiner Kollegin Bella Davidovich. Und dann bin ich mit Kirill Kondraschin auf Tour gegangen. Und langsam, ganz langsam entwickelte sich immer mehr daraus.

PIANONews: Aber man hatte in den letzten zehn bis 20 Jahren den Eindruck, dass Sie versucht haben, Karriere zu machen.

Elisso Wirssaladze: Aber was heißt Karriere, das ist solch ein Ausdruck. Ich verstehe, was Sie meinen, weil man auch bei uns in der Sowjetunion Karriere machte. Und diejenigen, die heute mit Karriere gleichgesetzt werden, haben ja auch damals in der Sowjetunion noch begonnen ihre Karriere auszubauen.
Ich habe nichts gegen Karriere, da es mein Beruf ist. Und ich möchte, dass man mich kennt. Aber vor allem möchte ich spielen, das ist das Wichtigste für mich – und das ist wahr! Wenn ich nicht spielen könnte oder gedurft hätte, dann wäre es viel schlimmer für mich gewesen. Aber ich hatte das Glück, dass ich niemals irgendjemanden um Konzertauftritte bitten musste. Ein Beispiel: Nach dem Tschaikowsky-Wettbewerb kam ein amerikanischer Agent auf mich zu und bot mir an, ich sollte Anfang November 1963 in der Carnegie Hall spielen. Ich habe dieses Konzert nicht gespielt ...

PIANONews: ... warum nicht ...?

Elisso Wirssaladze: Ich weiß nicht, fragen Sie mich nicht so! Es sind solche Dinge, die ich nicht wirklich erklären kann. Es gab noch eine andere Situation: Mein Professor Yakov Zak fragte mich einmal, warum ich nicht einen bestimmten Komponisten spielen würde, dessen Namen ich jetzt nicht nennen will. Ich hatte keine Wohnung in Moskau und er sagte, wenn ich diesen Komponisten einmal spielen würde, würde es für mich kein Problem mehr sein, eine zu bekommen. Ich habe es nicht getan. Und ich sage es nicht aus Stolz, sondern es ist so, wie es ist: Der eine kann diese Dinge tun, der andere nicht.

PIANONews: Sie sind also sich selbst gegenüber immer ganz ehrlich geblieben.

Elisso Wirssaladze: Ja, genau. Ich habe nichts gegen die jungen Leute heute, die versuchen, mit Ellbogen Karriere zu machen. Aber wissen Sie, was mich kränkt und nervt: dass diese Leute, die mit Ellbogen leben, dabei noch Engel spielen wollen – und das ist schlimm. Wenn sich jemand mit Ellbogen durchsetzt, soll er das offen machen – aber nicht so tun, als würde er nicht wissen, wie er sich verhält. Und das hört man auch im Spiel – die Unehrlichkeit.

PIANONews: Wählen Sie danach auch Ihr Repertoire aus? Es scheint so, dass es einige Komponisten gibt, die Ihnen besonders am Herzen liegen: Chopin beispielsweise und Schumann. Und dann fallen einem bald Namen von Komponisten ein, bei denen man sich fragt: Warum spielt sie den nicht auch?

Elisso Wirssaladze: Aber ich habe auch sehr viel Mozart gespielt. In der Realität gibt es etliche Komponisten, die ich gerne gespielt hätte, aber es nicht habe. Als ich jung war, dachte ich, ich bin zu jung für diese Werke. Und als ich alt genug war, war ich immer mit den Programmen, die ich spielte, überlastet. So habe ich in zwei Saisons alle Klavierkonzerte von Mozart gespielt. Da blieb nicht mehr viel Zeit für andere Komponisten. Und als ich dann intensiv angefangen habe zu unterrichten, blieb noch weniger Zeit. Und entweder unterrichtet man ernsthaft oder man lässt es. Das gehört auch zu meinem Credo, man kann es nicht halb und halb machen. Es ist eine zu große Verantwortung.
Und die jungen Pianisten tun mir auch Leid, denn die Welt ist heutzutage überlastet mit guten jungen Pianisten. Ich sage bewusst nicht gute Musiker, sondern ich meine Leute, die gut Klavier spielen, was natürlich noch nicht ausreicht. Und es ist das Wichtige, diejenigen zu finden, die mehr als nur gut Klavier spielen können. Das ist auch der Unterschied zu früheren Zeiten. Auch damals gab es nur wenige gute Musiker, aber die Quantität von Pianisten war deutlich geringer.

PIANONews: Woran, glauben Sie, liegt das eigentlich, dass es heute so viel mehr gute Pianisten gibt?

Elisso Wirssaladze: Weil das Klavierspiel ein Massenprodukt geworden ist. Und das Instrument spielen lernen kann eigentlich jeder. Ich sage immer: Affen können fast alles machen, und selbst Bären können Fahrrad fahren, Tiger und Löwen können im Zirkus alles machen. Und warum soll ein junger Mensch nicht Klavier spielen lernen, wenn er ab sechs Jahren von ehrgeizigen Eltern dazu gebracht wird, zu üben. Und dann spielen diese Pianisten, physiologisch jedenfalls. Sie wollen nicht spielen, aber sie tun es. Das vergeht irgendwann, aber am Anfang ist es genug.

PIANONews: Aber lag es in früheren Zeiten nicht auch daran, dass beispielsweise in Moskau auch hervorragende Musiker hervorragende Lehrer geworden sind und dann wiederum Pianisten unterrichteten, die wiederum hervorragende Lehrer geworden sind wie Sie? Und dass diese heute über die ganze Welt verstreut sind? Also wird man heute überall in der Welt eine gute Ausbildung finden.

Elisso Wirssaladze: Ich denke nicht, dass es deswegen ist. Wenn Sie beispielsweise ein so großes Land wie China nehmen: Es gibt sehr viele gute Musiker dort, mehr als in Japan. Man kennt sie nur nicht. Aber es fehlt neben einer guten Ausbildung etwas, was ich Bestimmung nenne. Entweder man ist für diesen Beruf bestimmt oder nicht. Das hat nichts mit Begabung oder Karriere zu tun, die will jeder haben. Und die wenigen, die bestimmt für diesen Beruf sind, die sollen spielen. Und ich frage mich manches Mal, was passieren würde, würden nicht so hohe Gagen für Konzerte gezahlt. Wie viele würden dann weiter spielen? Nur die, die spielen wollen, die bestimmt sind, Musik zu machen.
Abgesehen davon bin ich der Meinung, dass eine wirklich gute Ausbildung überall fehlt, das Niveau insgesamt ist sehr gesunken, auf der ganzen Welt. Und diejenigen, die sehr gut unterrichten können, sind sehr unbekannt. Bekannt sind in der Regel die Professoren, die auch bekannte Interpreten sind. Aber es sind nicht zwangsläufig auch gute Pädagogen, da es zwei vollkommen unterschiedliche Berufe sind.

PIANONews: Aber Sie können beides.

Elisso Wirssaladze: Das liegt vielleicht daran, dass ich immer beides geliebt habe, zu spielen und zu unterrichten.

PIANONews: Gibt es nicht auch zwei unterschiedliche Arten von Musikern: Auf der einen Seite diejenigen, die durch ihre Interpretationen dem Publikum etwas geben können, auf der anderen Seite diejenigen, die zwar auch auf der Bühne etwas erzählen können, aber vor allem aus dem Unterricht schöpfen? Denn ein Lehrer gibt ja nicht nur, sondern erhält ja auch viel für seine Interpretationen.

Elisso Wirssaladze: Ja natürlich, im Prinzip ist das richtig. Aber wenn wir über mich sprechen, ich unterrichte schon ein wenig zu viel.

PIANONews: Sie unterrichten ja in München und in Moskau. Wie machen Sie das?

Elisso Wirssaladze: Tja, das ist sehr schwierig. Fragen Sie mich lieber nicht, wie das geht.

PIANONews: Aber Sie leben doch offiziell in Moskau, oder?

Elisso Wirssaladze: Ja, mit einem Zweitwohnsitz in München.

PIANONews: Dann sind Sie eine der wenigen, die als Lehrerin in Moskau geblieben sind.

Elisso Wirssaladze: Na, es sind schon sehr viele dort geblieben, vor allem Jüngere, als ich es bin.

PIANONews: Aber nicht viele, die wie Sie eine Bühnenkarriere gemacht haben. Und wenn man nun den Begriff der Russischen Klavierschule ins Gespräch bringt, aus deren direkter Linie mit Goldenweiser und Neuhaus Sie ja stammen: Empfinden Sie das immer noch als etwas Besonderes?

Elisso Wirssaladze: Nein. Aber im Vergleich mit anderen Ländern ist es auch heute noch so. Im Vergleich zu früher ist es wesentlich weniger deutlich und wichtig geworden. Denn damals hatte man dort geniale Pädagogen.

PIANONews: Und diese waren immer vor Ort.

Elisso Wirssaladze: Ja, sie waren wie Eltern, und niemand verlangte extra Geld für eine Stunde Unterricht, wie es heute ja sehr weit verbreitet ist.

PIANONews: Aber Sie selbst haben niemals den Wunsch verspürt, Moskau zu verlassen?

Elisso Wirssaladze: Nein, weil ich immer gereist bin. Dann hat man dieses Bedürfnis nicht.

PIANONews: Wann haben Sie begonnen, in München zu unterrichten?

Elisso Wirssaladze: Ich weiß es nicht, da müsste ich nachschauen. Die Zeit vergeht so schnell ... aber es müssten bestimmt schon zehn Jahre sein.

PIANONews: Was ist für Sie persönlich das wichtigs-te Kriterium, auf das Sie bei einem Studenten achten, wenn er zu Ihnen in die Klasse kommen will?

Elisso Wirssaladze: Ich bereue es, wenn ich sehr viel Zeit mit jemandem über technische Dinge sprechen und diese erklären muss. Wir sprechen und reden zwar immer über Technik, aber es gibt unterschiedliche Stufen von Technik. Wenn es die erste Stufe ist, dann nervt mich das. Ich habe leider auch solche Studenten ... Aber das macht mich wirklich krank. Für mich ist es umsonst, ich bekomme dann kein Interesse an diesem Studenten. Und das auch, obwohl ich in Moskau zwei Assistenten habe, im Gegensatz zu München.
Ich denke, dass es falsch ist, diese Institution von Assistenten nicht zu haben. Ich war selbst bei Oborin und Zak Assistentin und ich habe dort viel gelernt. Und ich verstehe nicht, warum man es nicht einführt, denn letztendlich übernimmt der Professor die Verantwortung für seine Studenten. Und ich traue es mich kaum zu sagen: Aber ich unterrichte schon seit 1967.

PIANONews: Wie viele Studenten haben Sie heute?

Elisso Wirssaladze: Zusammen mit Moskau so ungefähr 14 oder 15. Das ist schon sehr viel. Aber es gab und gibt nur sehr wenige meiner ehemaligen Studenten, mit denen ich mich ständig unterhalten möchte, zu denen ich immer den Kontakt halte. Am Anfang ist das immer sehr schön, aber dann fehlt es oft an der menschlichen Seite. Und dann spürt man: Man hat alles gesagt und dann interessiert einen der Student nicht mehr. Am Anfang muss er Begabung haben und spielen können. Aber dann kommt das Wichtige: die Intelligenz, das Herz, die Sensibilität, das Feine. Und das gehört zu dieser Welt, denn man kann nicht Musiker sein, wenn man nicht ein feiner Mensch ist.

PIANONews: Lernen Ihre Studenten bei Ihnen auch den direkten Kontakt zur Kammermusik? Sie selbst haben ja immens viel Kammermusik gespielt.

Elisso Wirssaladze: Ja, ich versuche das natürlich. In Moskau gibt es das schon sehr lange. Und hier in München gibt es nun auch einen Aufbau-Studienbereich für Kammermusik. Und ich denke, Kammermusik muss man auch spielen. Aber da müssen die richtigen Pädagogen unterrichten. Das ist vielleicht noch schwieriger, als ein Instrument zu unterrichten. Allein schon, da die genialsten Werke aller Komponisten im Bereich der Kammermusik geschrieben wurden. Die tiefsten, die ehrlichsten Werke.

PIANONews: Spielen Sie noch viel Kammermusik?

Elisso Wirssaladze: Ja, mit Natalia Gutman. Mit dem Borodin Quartett habe ich sehr viel gespielt. Seit dem Tod von Oleg Kagan, mit dem wir ein festes Trio hatten, spiele ich mit Natalia immer wieder mit Musikern zusammen. Aber ein festes Ensemble haben wir nicht mehr. Dafür reicht oft auch die Zeit nicht.

PIANONews: Fast alle Ihre Schallplatten sind Live-Aufnahmen. Mögen Sie es nicht, ins Studio zu gehen?

Elisso Wirssaladze: Nun, im Studio fühlt man sich ganz anders. Wenn man viel Zeit hat, dann kann das funktionieren. Ich denke, man muss mindes-tens eine Woche Zeit haben, um sich auf die Studio-Atmosphäre einzustellen. Und wenn man so viel reist wie ich, dann bleibt diese Zeit nicht übrig. Live ist aber auch eine ganz andere Stimmung, mit allen negativen Dingen. Aber letztendlich finde ich Live-Aufnahmen interessanter als Studioaufnahmen.

PIANONews: Vielen Dank für dieses offene und interessante Gespräch.

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