Im Gespräch

Stephen Kovacevich

 

Von: Carsten Dürer


Als Schüler von Dame Myra Hess ist es klar, dass Stephen Kovachevich schon lange auf den Podien dieser Welt zu Hause ist. Allerdings war der in Los Angeles geborene Kovachevich noch jung, als er nach London kam, um bei der großen britischen Dame des Klaviers zu studieren. Seither ist er in London geblieben, spielte weltweit mit allen namhaften Orchestern, kammermusikalischen Partnern und auf allen bekannten Podien. Vor allem das Spiel der Kompositionen der Klassik und Romantik scheins sein innerstes Wesen zu berühren. Warum dies so ist und wie seine Entwicklung insgesamt verlief, verriet uns der sympathische Pianist in einem Gespräch.



PIANONews: Herr Kovacevich, dass Sie bei Dame Myra Hess in London studiert haben, ist allgemein bekannt. Doch wie, wann und bei wem haben Sie überhaupt begonnen, Klavier zu spielen?

Stephen Kovacevich: Ich habe ungefähr mit sieben Jahren begonnen, Klavier zu spielen. Ich hatte einen Klavierlehrer in Los Angeles für kurze Zeit. Dann ging ich bald nach San Francisco, um dort bis zu meinem 18. Lebensjahr bei Lev Shor, einem Russen, zu studieren. Er hat auch Leon Fleisher unterrichtet. Und dann ging ich halt nach London, um bei Myra Hess zu lernen. Und das ist es schon gewesen.

PIANONews: Können Sie die Besonderheit im Unterricht von Myra Hess benennen?

Stephen Kovacevich: Als ich in London ankam, hatte ich eine gute Technik. Aber die war monochrom. Sie zeigte mir eine ganze Welt der Virtuosität im Bereich des Klangs. Und daneben war sie so großartig in ihrem Verständnis für Brahms und Beethoven, besonders den späten Beethoven. Dieses Wort „innig“, das so reich im Ausdruck ist und das nur wenige Menschen verstehen, das konnte sie besonders. Dieses Fundamentale war ihr so eigen. Wissen Sie, diese Musik Beethovens, also speziell der späte Beethoven, ist voll von Explosionen, aber das ist nicht alles – und sie war eine derjenigen, die diese ganze Welt verstanden. Ihr Spiel war sehr langsam, aber auch Klemperers Dirigat – ihn halte ich überhaupt für den größten Beethoven-Interpreten – war ebenfalls sehr langsam in den Tempi. Heute ist das nicht mehr politisch korrekt, aber dieses Spiel ist weitaus großartiger als diese politische Korrektheit.

PIANONews: Und diese Besonderheiten gerade von Myra Hess’ Verständnis für diese Art von Musik legte dann wohl auch bei Ihnen den Grundstein für das besondere Interesse an den Kompositionen der klassischen Periode und der Romantik?

Stephen Kovacevich: Ja. Denn zuvor liebte ich Chopin und Wagner mehr als irgendeinen anderen Komponisten. Ich mag beide immer noch sehr. Aber ich verliebte mich in die Diabelli-Variationen anhand der Einspielung, die Rudolf Serkin von diesem Zyklus aufnahm. Das war so ungefähr, als ich 18 war. Und dann war es halt vor allem der späte Beethoven, der mich faszinierte; danach dann der mittlere Beethoven und zuletzt erst der frühe Beethoven. [lacht] So bin ich ein wenig von oben nach unten.

PIANONews: Also haben Sie sich ganz bewusst spezialisiert aufgrund dieser Vorliebe?

Stephen Kovacevich: Ja, ganz bewusst. Und ich habe auch viel Bartók gespielt, ich hatte eine Bartók-Periode. Er hat etwas mit Beethoven gemeinsam, diesen Ausdruck von Wut und Sturm. Bartók vielleicht dadurch, was er in Europa erlebte und gesehen hat – und Beethoven ... ich weiß nicht wodurch. Aber diese Wut hing vielleicht damit zusammen, dass er sich nicht einverstanden mit dem Standard der Gesellschaft fühlen konnte. Das jedenfalls lese ich bei Beethovens Werken heraus. Und zudem war er ein immens religiöser Mann. Er ging nicht zur Kirche, aber das ist auch etwas, was man aus der Art seiner Musik herausfühlen kann.

PIANONews: Waren Ihre Eltern eigentlich auch Musiker?

Stephen Kovacevich: Nein, sie liebten die Musik. Meine Mutter hatte eine wunderbare Stimme und mein Vater verehrte vor allem Wagner. Aber sie haben keine Instrumente gespielt.

PIANONews: Warum sind Sie eigentlich in England geblieben und nicht zurück in die USA gegangen?

Stephen Kovacevich: Ich vermisse tatsächlich besonders Kalifornien. Ich vermisse allerdings die USA in diesen Zeiten nicht besonders stark [lächelt hintergründig]. Aber Kalifornien schon.

PIANONews: Wegen des Wetters?

Stephen Kovacevich: Besonders deswegen, und wegen der Art des Lebens dort. Als ich nach London kam, heiratete ich bald, mit 20 Jahren. Und so entschied ich erst einmal, dort zu bleiben. Und das ist, wie sich das Leben halt entwickelt.

PIANONews: Gab es denn jemals so etwas wie einen wirklichen Startpunkt für Ihre Karriere in London?

Stephen Kovacevich: Oh ja, absolut! Und das war vor allem möglich, da London damals wie heute ein absolut lebendiges Musikleben hat. Klemperer war dort, und alle großen Pianisten und Geiger kamen nach London. Zudem war es nicht so teuer, dort zu leben – damals. [grinst] Ich lebte in meiner damaligen Wohnung von dem Geld zweier Unterrichtsstunden, die ich gab. Insgesamt konnte ich damals – inklusive meiner Miete – von 70 Pfund leben. [lacht selbst bei diesen Gedanken auf]

PIANONews: Das hat sich ja stark geändert. Haben Sie eigentlich jemals an einem Wettbewerb teilgenommen?

Stephen Kovacevich: Ich war niemals erfolgreich bei Wettbewerben. Als ich in England ankam, schaffte ich es, dort irgendwie zu leben, kleine Konzerte zu geben. Es war nicht viel, aber es reichte aus. Dann kamen die frühen Aufnahmen für EMI dazu, dann wechselte ich ja zu Philipps Classics und dann wieder zu EMI. Ich hatte einfach Glück.

PIANONews: Aber gab es denn irgendeinen Dirigenten, oder eine andere Person, die Sie besonders gefördert hat?

Stephen Kovacevich: Ja, das war Colin Davis, für mich einer der überhaupt größten Dirigenten. Er half mir viel, als ich jung war.

PIANONews: Haben Sie eigentlich jemals unterrichtet?

Stephen Kovacevich: Ich unterrichte immer. Aber ich habe nur eine reguläre Studentin, die aus Kroatien stammt und in Deutschland lebt. Sie kommt einmal im Monat zu mir. Aber natürlich klingelt immer wieder das Telefon mit der Frage, ob ich unterrichten könnte – und ich sage irgendwie immer ja. Und nicht nur Pianisten rufen an, sondern auch Streicher. Und das ist wirklich großartig, ich genieße es sehr, diese anderen Instrumentalisten in Kammermusik zu unterrichten.

PIANONews: Auch, weil es Ihnen selbst geholfen hat, sich zu entwickeln?

Stephen Kovacevich: Nein. Nur weil ich es genieße. Ich weiß, man sollte sagen, dass man sehr viel lernt, wenn man unterrichtet. Ich denke aber, dass das nicht wahr ist. Man lernt manches Mal. Aber wenn die Person talentiert ist, dann ist es richtig spannend. Im Sommer gebe ich natürlich immer auch Meisterklassen. Und das genieße ich besonders, dieses direkte Verhältnis zu den Schülern, wenn die Eltern nicht dabei sind [grinst], die sich Sorgen um ihr kleines „Genie“ machen.

PIANONews: Es hat 10 Jahre gedauert, bis Sie alle Beethoven-Sonaten für EMI eingespielt haben ...

Stephen Kovacevich: ... mehr. Es waren 11 oder 12 Jahre. Als EMI mich fragte, ob ich dazu Lust hätte, kannte ich noch nicht alle Sonaten. Das habe ich der Schallplattenfirma allerdings nicht gesagt. [lacht] Wir dachten dennoch, dass wir es in fünf Jahren schaffen könnten – aber es dauerte 12 Jahre. EMI war sehr geduldig, die Verantwortlichen hatten viel Vertrauen und eine Menge Humor. Und die Aufnahmen sind recht gut geworden, also waren sie sehr zufrieden mit dem, was dabei herausgekommen ist. Ich bin sehr glücklich über diese Angelegenheit, denn es brachte mich dazu, die Hammerklaviersonate zu lernen und öffentlich zu spielen. Es hat mich zwar ein halbes Jahr gekostet, aber für diese gigantische Sonate ist es in Ordnung gewesen. Diese Sonate ist einfach extrem schwierig, schwierig zu spielen, schwierig zu hören ...

PIANONews: War es für Sie wichtig, dass Sie genügend Zeit hatten, diese Sonaten für sich zu entwickeln?

Stephen Kovacevich: Ja, wir machten beispielsweise Opus 111 zwei Mal. Ganz am Anfang der Serie und dann noch einmal am Schluss. Und sie ist anders, ja. Aber was ich als Künstler besonders mag, ist, dass man sich ganz natürlich entwickelt, man muss es überhaupt nicht forcieren. Man muss nur immer weiterarbeiten, Konzerte geben, verschiedene Musiker treffen – und so bleibt es ein natürlicher Prozess. Und wenn ich meine alten Aufnahmen höre, dann denke ich: Guter Junge [lacht]. Sogar ein sehr guter Junge, aber halt ein Junge. Manches Mal erkenne ich mein Spiel auch gar nicht. Manches Mal höre ich etwas und denke, das ist ja schrecklich – und dann erfahre ich, dass es eine meiner Einspielungen ist. Und manches Mal, wenn ich im Auto sitze und Radio höre, denke ich: Oh mein Gott, ich wünschte, ich könnte so spielen wie dieser Pianist da – und dann bin ich es selbst [lacht wieder].

PIANONews: Gäbe es für Sie einen anderen Komponisten, bei dem Sie wie bei Beethoven daran interessiert wären, einen gesamten Zyklus einzuspielen, oder vielleicht das Gesamtwerk für Klavier?

Stephen Kovacevich: Nein, ich bin soundso nicht besonders an Zyklen interessiert. Davon abgesehen sind für mich der große Zyklus überhaupt die Beethoven-Sonaten. Ich würde gerne mehr Rachmaninoff lernen – und für mich ist er wie für viele andere der größte Pianist aller Zeiten. Und mehr Kammermusik. Oder die Brahms-Konzerte, die sich in den vergangenen drei bis vier Jahren vollkommen geändert haben in meiner Sichtweise und Interpretation. Ich habe mich einfach verändert. Wenn ich irgendetwas komplett spielen wollte, dann sind es die Mazurkas von Chopin.

PIANONews: Sie dirigieren ja auch. Wie viel Ihrer Zeit nimmt das in Anspruch?

Stephen Kovacevich: Ich dirigiere gerne und werde bald 10 Aufführungen von Mozarts „Cosi fan tutte“ leiten. Aber ich möchte höchstens 10 bis 20 Konzerte im Jahr dirigieren – nicht mehr. Eigentlich sind 10 wunderbar, und eine Oper. Allerdings ist auch nicht viel mehr Zeit übrig. Das liegt auch daran, dass ich ein Musiker bin, der immens viel Zeit zum Üben benötigt, selbst für Werke, die ich schon kenne – nicht an die Werke zu denken, die ich nicht kenne. Ich spiele beispielsweise das fünfte Klavierkonzert von Beethoven, seit ich 23 Jahre alt bin. Aber es kostet mich jedes Mal Wochen, um es wieder wirklich zu lernen – dabei meine ich, um wieder wirklich in dieses Werk einzutauchen. Soeben habe ich mit dem d-Moll-Konzert von Bach begonnen und ich dachte, ich könnte es innerhalb von zwei Wochen lernen – aber Entschuldigung – ich brauche wesentlich länger [lacht]. Es ist etwas Eigenwilliges im Zusammenhang mit diesem d-Moll-Konzert. Ich dachte, dass das Tempo recht schnell ist [singt das Anfangsthema des ersten Satzes]. Aber je häufiger man diese Musik hört, umso mehr merkt man, dass es nicht natürlich ist, so zu spielen, es ist ein Konvolut ... Die Linien bei Bach sind wie ein Baum mit Knoten im Geäst. Und das bedeutet, dass die Musik relativ langsam gespielt werden muss, um alles zu erkennen. Zuerst habe ich das gar nicht wahrgenommen. Es ist nicht leicht, es in die Finger zu bekommen. Zudem versuche ich bei diesem Konzert kein Pedal zu benutzen – es ist wirklich schwierig, aber möglich.

PIANONews: Ich verstehe, schließlich ist es ja auch für das Cembalo und nicht für den modernen Konzertflügel geschrieben worden.

Stephen Kovacevich: Ja, und manches Mal, bei schnellen Repetitionen, funktioniert dieser moderne Konzertflügel einfach nicht, es geht nicht, sondern man muss Tricks anwenden, um es zu ermöglichen.

PIANONews: Das hat ja auch etwas mit der Art der Einstellung der Mechanik des Flügels zu tun.

Stephen Kovacevich: Ja, und ich denke, dass ich am liebsten einen großartigen alten, amerikanischen Steinway-Flügel für dieses d-Moll-Konzert von Bach hätte. Die waren fantastisch.

PIANONews: Ihre aktuelle Aufnahme ist mit Chopin-Walzern. Warum nicht die Mazurken?

Stephen Kovacevich: Nein, bislang kenne ich nur 30 der Mazurkas und es gibt ja 54. Und ich will sie wenn, dann alle spielen. Aber die Walzer sind wunderschön, aber nicht tiefgründig. Und normalerweise spiele ich all dies tiefgründige Zeug [lacht auf]. Aber nun ist es Zeit für den Salon, darum die Walzer.

PIANONews: Spielen Sie diese dann auch im Konzert?

Stephen Kovacevich: Nein, nur als Zugaben. Ich würde sie auch nicht alle hören wollen, wenn ich ins Konzert ginge.

PIANONews: Welche Werke spielen Sie momentan am häufigsten in Konzerten?

Stephen Kovacevich: Beethoven-Sonaten, in diesem Jahr viel Opus 101 und Hammerklaviersonate. Und oft kombiniere ich es mit Schubert. Ich weiß nicht genau warum, aber es passt und das Publikum mag es auch. Wissen Sie, diese beiden Komponisten werden niemals langweilig, ihre Werke sind immer lebendig in mir.

PIANONews: Für Beethoven kann ich uneingeschränkt zustimmen, aber kann Schubert nicht manches Mal langweilig werden?

Stephen Kovacevich: Nicht, wenn man wirklich gut vorbereitet ist. Wenn man eine Schubert-Sonate wieder lernt, die man schon einmal gespielt hat, dann kann es langweilig sein. Aber wenn man dann tief eintaucht in die Musik, dann wird es niemals langweilig. Schubert klingt nicht gut, solange es nicht absolut gut gespielt wird. Wenn also ein junger Pianist bei Beethoven mal nicht ganz so exakt spielt, beispielsweise in Opus 101, dann klingt es immer noch gut, wenn er spielen kann. Aber das funktioniert nicht bei Schubert.

PIANONews: Bemerkenswert ist es ja auch, dass gerade die jungen Pianisten immer wieder vor allem die späten Beethoven-Sonaten spielen und die frühen kaum.

Stephen Kovacevich: Und die frühen sind mörderisch. Sie sind virtuos, denn Beethoven war ein großartiger Pianist zu dieser Zeit – ein absolut unsauberer Spieler mit vielen Fehlern, aber ein großartiger Virtuose. Man kann sie also virtuos spielen, oder explosiv wie ein junger Mann, aber dann müssen die Finger fantastisch funktionieren.

PIANONews: Sie spielen Klavier, Sie unterrichten, Sie dirigieren ...

Stephen Kovacevich: ... und ich spiele Tennis, mehrmals in der Woche!

PIANONews: Gut, aber es scheint nur noch ein Feld zu fehlen, um nach alten Ideen einen kompletten Musiker darzustellen: das Komponieren.

Stephen Kovacevich: Dafür habe ich überhaupt kein Talent – das ist nicht in mir [lacht], da bin ich sicher. Gerade in Deutschland sprechen die sno-bistischen Leute immer über Genies. Die sagen, dass beispielsweise „La Valse“ nicht so großartig wie die „Missa Solemnis“ ist. Was soll das? Ich hasse jede Art von Snobismus. Und wenn ein Stück Musik gut ist, dann sollten wir auf Knien dafür danken und den Mund halten. Man kann Ravel nicht mit Beethoven vergleichen, es ist etwas vollkommen anderes. Und können Sie sich eine Welt vorstellen, in der es nur Beethovens Musik gäbe? Es wäre schrecklich langweilig.

PIANONews: Ihr Beethoven-Spiel wurde immer wieder mit dem von Wilhelm Kempff verglichen. Stört Sie das?

Stephen Kovacevich: Nein, aber mein Favorit der alten Pianisten ist Artur Schnabel. Aber ich kann Ihnen erzählen, dass ich vor ein paar Tagen in der Küche war und Radio hörte, eine Beethoven-Sonate wurde gespielt. Und ich dachte: Diese Art von Spiel, mit der Ruhe und dem Raum für die Möglichkeiten, haben wir heute leider verloren. Und ich dachte: Das ist bestimmt Wilhelm Kempff. Und der Radiosprecher sagte: Sie hörten Stephen Kovacevich. [lacht herzlich] Ich liebe Kempff, aber Schnabel hat diese Wildheit, die ich so sehr mag.

PIANONews: Vielen Dank für dieses Gespräch.

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