„Ich bin immer ich selbst geblieben.“

Dinorah Varsi

 

Von: Carsten Dürer


Als sie Anfang der siebziger Jahre ihre Schallplatte mit den Klavierkonzerten von Chopin auf den Markt brachte, stand fest: Da ist eine große Pianistin auf der Bildfläche erschienen, zudem eine brillante Chopin-Interpretin. Dinorah Varsi, geboren in Montevideo, Uruguay, gilt heute noch als faszinierende Pianistin, auch wenn sie sich immer wieder von der Bühne zurückzog, um sich Pausen zu gönnen. Warum dies so war, wie sie über die Klavierwelt denkt und was ihr bei ihrem Spiel besonders wichtig ist, verriet sie uns in einem Gespräch nach einem Konzert in der Düsseldorfer Tonhalle im Frühjahr dieses Jahres.



In Düsseldorf spielte sie das 1. Klavierkonzert von Chopin, ein Konzert, von dem sie gar nicht mehr weiß, wie oft sie es schon gespielt hat. Was sofort auffiel: Sie drosselt die Tempi, sie lauscht dem Klang, versucht die Nuancen feinsinnig aufleuchten zu lassen. Dass das Konzert nur mit Streicherbesetzung gespielt wurde, hat sie ein wenig verwirrt, auch wenn Chopin gerade in diesem Konzert die Bläser nur wenig zur Geltung bringt: „Aber er hat mit Farben gearbeitet, und diese Farben müssen stimmen. Und das – obwohl Chopin es wohl ohne Bläser mehrfach aufführte – ist schon wichtig. Es ist nicht Brahms oder ein anderer Komponist, aber diese Farben im Lyrischen müssen einfach stimmen – es ist herrliche Musik.“ Man spürt, dass ihr Herz für Chopin schlägt. „Ich spiele Chopin sehr gerne, liebe eigentlich aber alles ab Bach und bis Debussy. Manches Mal spiele ich auch Bartók.“ Mit neuer Musik kann sie nicht viel anfangen: „Ich habe es versucht, aber es sagt mir zu wenig. Es ist einfacher“, meint sie, „denn man muss nur lernen, was da geschrieben steht. Bei der romantischen oder klassischen Musik muss man forschen: Was will der Komponist da ausdrücken, Trauer, Freude, Tragik? Man muss zuhören, wieder und wieder versuchen. Das hat man ab der Mitte des 20. Jahrhunderts nicht.“ Und sie sagt, dass mehr Hintergrundwissen über einen Komponisten auch nicht viel mehr hilft, denn: „Man weiß vielleicht etwas mehr. Aber dadurch weiß man noch lange nicht, wie eine Phrase klingen muss, wie es ausgedrückt werden muss.“ Letztendlich steht alles in den Noten, muss man also forschen im Klang, meint sie. „Viel wichtiger ist es, so viel wie möglich von einem Komponisten zu hören oder zu spielen. Dann versteht man plötzlich ein bestimmtes Werk viel besser, weiß – wenn man beispielsweise Mozart spielen will – was er tat, wenn er in seinen Opern Freude oder etwas anderes ausdrücken wollte. Das kann man dann auf die Klaviermusik übertragen, erkennt ähnliche Kompositionsweisen. Es hilft, aber nicht unbedingt, wenn man weiß, was Mozart wann seinem Vater geschrieben hat. Das ist gut, wenn man es weiß, aber es hilft einem nicht beim Spiel, beim Interpretieren.“ Zudem hat sie den Eindruck, dass die Menschen in der romantischen Periode Gott verloren haben: „Vor der Romantik waren die meis-ten Menschen gottgläubig. Dann aber, in der Romantik, kommt auf einmal eine immense Unsicherheit auf. Und dieses Erhabene versuchen sie in ihrer Musik dennoch auszudrücken. Und so versuche ich auch, diese Erhabenheit auf meine Zuhörer zu übertragen, um ihnen ein gutes Gefühl zu geben.“

Über Instrumente sagt sie aus der jüngeren Erfahrung: „Ich bin begeistert von den japanischen Technikern, die mit wahnsinnig viel Liebe und Genauigkeit die Instrumente regulieren und vorbereiten.“ Diese Erfahrung machte sie vor kurzem in Yokohama und Tokio. Und auch in Düsseldorf war sie begeistert von dem japanischen Techniker des Steinway-Hauses vor Ort.

Erste Schritte und Paris

Uruguay in Südamerika, die Heimat von Dinorah Varsi, ist nicht gerade berühmt für eine hochkarätige Ausbildung – heutzutage. Doch damals, als Dinorah Varsi zur Schule ging, war das ganz anders. Mit drei Jahren hat sie begonnen: „Ich habe mit drei Jahren angefangen nachzuspielen. Meine Mutter und meine Tante spielten alle ein biss-chen Klavier. Und so imitierte ich sie. Dann als meine Mutter mich zu einer Lehrerin brachte, sagte diese, ich solle warten, bis ich vier Jahre alt bin. Aber immerhin konnte ich mit drei Jahren schon die ersten Hanon-Etüden spielen“, lacht sie über diese Vorstellung. „Es wurde einfach viel Musik gemacht, vor allem waren es damals alles Opern-Liebhaber. Und damals kamen nach Montevideo auch die ganz Großen, wie Caruso und alle anderen. Ich habe also schon Musik gehört, bevor ich geboren wurde ...“ Sie grinst. Ihr Bruder spielte auch Klavier. Doch bei ihr war es mehr als nur das Spiel, das andere auch spielten, sie war begeistert von dem Instrument. In Montevideo war sie bis zu ihrem Abitur, lernte bei unterschiedlichen Lehrern. „Doch dann erhielt ich ein Stipendium nach Paris und ich dachte mir, vielleicht bin ich ja gar nicht gut genug, aber ausprobieren wollte ich es schon. Also ging ich nach Paris. Damals dachten wir in Südamerika noch, alle in Europa spielen so wie Backhaus, Rubinstein oder Horowitz. Es kamen zwar große Stars nach Südamerika – damals konnten sich die Länder es sich noch leisten. Aber wir hatten keine genaue Vorstellung davon, wie die jungen Leute in Europa spielten.“ Sie gehört zu der Generation von Bruno Leonardo Gelber, Martha Argerich, Nelson Freire, Daniel Barenboim – zu einer Generation, die damals in den kulturell und finanziell besseren Zeiten des südamerikanischen Kontinents aufwuchs. „Damals spielten alle sehr ernst und vor allem Klavier. Es lag an den Lehrern, die entweder aus Europa kamen, oder aber dort studiert hatten. Und es war die Zeit der Bildungs-Bourgeoisie. Damals wurde noch weit mehr Musik gemacht und alles war extrem europäisch geprägt; die USA spielte damals keine Rolle.“

Doch auch wenn die Presse immer wieder von einem Wunderkind sprach, hat Dinorah Varsi dies niemals bemerkt: „Man wuchs vollkommen bescheiden auf, darauf legten meine Eltern großen Wert. So haben sie mir erst als ich 15 Jahre alt war, eine Kritik gezeigt. Damals hatte ich das zweite Klavierkonzert von Rachmaninoff gespielt.“ Zudem hatte sie die Schule wie jeder andere besucht, nur dass sie einfach Klavier spielte. Ernst genommen hat sie dieses Klavierspiel allerdings schon immer, seit sie mit vier Jahren erstmals auf der Bühne saß, mit acht schon erstmals mit Orchester auftrat.

Mit 20 Jahren ging sie dann allein nach Paris: „Da wir damals doch sehr im Schutz der Familie aufwuchsen, war Paris natürlich ein extremer Wechsel. Faszinierend auf der einen Seite, aber auch ein biss-chen beängstigend“, erinnert sich Dinorah Varsi. Doch sie sprach schon Französisch, was natürlich half, „aber es war viel härter als in Uruguay“. In Montevideo hatte sie Unterricht bei einer Cortot-Schülerin. So ging auch Varsi zu deren Lehrerin nach Paris. Doch der Wechsel blieb nicht aus: „Dann ging ich zu Géza Anda in die Schweiz. Dort hielt er Kurse ab, aber dann bin ich immer wieder zu ihm gefahren.“ Zwischenzeitig war sie aber noch ein Jahr in New York. Doch daran erinnert sie sich nicht gerne: „Das war schrecklich. Ich wollte eigentlich bei Rudolf Serkin Unterricht haben, aber er verließ gerade die Stadt und kam erst ein Jahr später zurück. Also ging ich zu Leonard Schuh, einem Schüler von Schnabel. Ich habe dort gelernt, was ich nicht wollte. Es war alles intellektuell, es war alles vorbestimmt. Ich konnte irgendwann gar nicht mehr spielen. Als ich damals zurückkam zu Géza Anda, fragte er mich: Was ist los mit dir, wie spielst du denn? Dieses emotionsfreie Spiel, das dort gelehrt wurde, ist nichts für mich. Ich jedenfalls kann so nicht spielen.“ Und sie sagt als Erfahrung: „Man muss wissen und erkennen, was man nicht will. Und das habe ich gelernt.“ Das emotionale Spiel steht also bei ihr im Vordergrund? „Nun, wenn das Spiel instinktfrei ist, dann ist es nicht wirklich Klavierspiel, denke ich. Man erreicht zwar nie das Ideal, das man anstrebt. Zuerst muss man zwar die Noten, die Partitur lernen, aber dann muss es immer natürlicher werden, immer verständlicher, so wie man es selbst versteht.“

Klang und Physis

Sie raucht viel, während unseres Gesprächs. Heute lebt sie in Davos in der Schweiz und in Berlin: „Ich pendle also zwischen Natur und Großstadt“, sagt sie lächelnd. Was bei ihrem Spiel auffällt, sind der Klang und die Klangfarben. Kommt das von Géza Anda? „Ich habe mir selbst viel Gedanken darüber gemacht. Jede Hand ist anders. Die Beziehung des Physischen zum Flügel ist innerlich – man kann sie nicht sehen. Wissen Sie, ich habe einige Jahre in Karlsruhe an der Hochschule unterrichtet. Und ich konnte bis zu einem gewissen Grad sicherlich auch helfen. Aber dann musste ich sagen: Du musst innerlich eine Vorstellung davon haben, wie es klingen soll, und dann versuchen, diese Klangvorstellung zu realisieren. Und es ist faszinierend: Wenn man auch nur eine kleine Vorstellung davon hat, wie es klingen soll, dann funktioniert es meistens – ohne dass man wirklich weiß, wie man es gemacht hat. Ich kann niemals sagen, ob ich ein wenig mehr Druck ausgeübt habe oder nicht. Man muss es innerlich hören, dann funktioniert es.“ Sie selbst hat eine immens ruhige Haltung am Klavier, vollkommen relaxt wirkt ihr Spiel. Dazu sagt sie: „Gut ist es, wenn alles in der Wirbelsäule ist, denn diese stützt ja den gesamten Körper. Und dann erst, wenn man diese erkennt, dann wird das Spiel wirklich frei. Die Technik sollte einfach nur da sein, und nicht stören. Und dies Lockerheit ist wichtig für den Klang. Denn wenn man sich im Arm oder in den Schultern verspannt, dann ist auch der Klang nicht so schön. Dann ist er nicht so elastisch und dann kommen auch die Obertöne von den anderen Saiten nicht so gut heraus. Wenn man aber entspannt ist, dann ist die Klaviatur bis hin zur Mechanik eine natürliche Verlängerung des Arms. Dann blüht der Klang und der Flügel auf. Auch die Schnelligkeit wird einfacher erreicht ...“ Eine einleuchtende und immer wieder zu beobachtende Tatsache, die Dinorah Varsi perfekt beherrscht. Doch sie gibt zu, dass Géza Anda ihr in dieser Richtung Hinweise gegeben hat. Und sie sagt: „Diese Lockerheit, die kann man lernen. Das, was in einem drin sein sollte, die Musikalität, da kann man nur helfen, das herauszuholen, was in einem jungen Musiker drin steckt. Aber wenn nichts drin ist, dann kann man es auch nicht hineintun.“ Wahre Worte und ein wichtiger Hinweis für junge Studenten.

In Karlsruhe hat sie zwischen 1990 und 1996 unterrichtet. Als alle in ihrer Klasse dann irgendwann das Konzertexamen absolviert hatten, wollte sie nicht mit neuen Studenten von vorne beginnen. Zudem war ihr die Reiserei zwischen ihren Wohnungen und Karlsruhe zu lästig. Aber sie sagt: „Ich habe mit allen meinen Ex-Studenten noch eine intensive und schöne Beziehung.“ Dass ihr das Lehren dennoch viel selbst geholfen hat, gibt sie zu; und dass sie viel Spaß dabei hatte. Heute gibt sie ab und zu Meisterkurse.

1967 stellte der Gewinn des Clara Haskil-Wettbewerbs in der Schweiz stellte den eigentlichen Start ihrer Karriere dar. „Damals war es noch etwas bedeutender, wenn man einen Wettbewerb gewonnen hat. Und zudem gab es bei vielen Wettbewerben nur ein Preisgeld und keine Konzerte danach. Das war beim Clara Haskil-Wettbewerb anders. Und zudem gab es eine Schallplattenaufnahme mit Philips. Und daraus ergaben sich bei mir dann weitere Schallplattenaufnahmen. Das hat natürlich geholfen.“ Zudem war der Wettbewerb damals extrem schwierig: „Man musste vier komplette Recitals können und vier Klavierkonzerte. Und man musste alles parat haben, denn man wusste nicht, was dran kam. Daher hatte dieser Wettbewerb ein enormes Prestige.“ Auch die Jury war beachtlich: Unter anderem waren dort Nikita Magaloff, Arthur Grumiaux, Géza Anda und Charles Dutoit, als sie gewann. Auch Dinorah Varsi sitzt von Zeit zu Zeit in Jurys von Wettbewerben, doch sie sagt: „Nun, eigentlich mag ich es nicht. Aber ich denke, dass es meine Pflicht ist, da es auch andere für mich getan haben.“

Die Auszeiten

Immer wieder hat Dinorah Varsi Auszeiten von der Konzertbühne genommen. Wie oft? „Zwei oder drei Mal. Das erste Mal, Anfang der Achtziger, wollte ich vor allem an meinem Klang arbeiten, ich war mit mir selbst unzufrieden. Das andere Mal war ich ein wenig des Konzertbetriebs überdrüssig. Ich dachte, wenn ich denke: ‘Ach, jetzt muss ich schon wieder üben’, dann sollte ich eine Pause machen. Denn ich meine, man sollte immer begeistert sein, wenn man auf die Bühne geht. Ansonsten kommt nichts Gutes dabei heraus. Wenn man aber ein paar Monate nichts tut, dann bekommt man auf einmal wieder Lust zu arbeiten, bekommt neue Impulse.“ Es war fast immer eine komplette Saison Pause. Die Veranstalter reagierten unterschiedlich, als Varsi plötzlich nicht mehr so präsent war: „Ich hatte und habe heute auch weniger Chancen aufzutreten als früher“, gibt sie zu, „aber ich wollte eigentlich niemals zu viel spielen, so wie viele andere meiner Kollegen. Musik machen sollte immer ein Fest sein und das kann man nicht jeden Tag haben. Ich schaffe das auch emotional nicht.“ So hat sie heute circa 20 bis 25 Konzerte im Jahr. „Ich finde, es reicht. Ich freue mich auf diese Konzerte dann sehr.“

„Am Anfang, wenn man länger nicht gearbeitet hat am Klavier, dann ist es sehr frustrierend, da die Finger nicht so gut funktionieren. Aber dann kommt man wieder rein, bekommt eine immense Lust zu spielen und hat auch neue Ideen. Ich mache das immer wieder, dass ich einige Wochen gar nicht am Instrument sitze.“ Überhaupt sagt sie – auch im Hinblick auf die jüngere Generation von Pianisten: „Es ist sicherlich sehr schwierig, immer so zu bleiben, wie man selbst ist und sein will. Viele schauen heute auf andere Pianisten und beginnen dann auch zu imitieren. Ich war immer ich selbst, das war nicht einfach, aber nur so konnte ich spielen.“

Und genau diese Ehrlichkeit, gepaart mit der Hingabe und der Lust auf die Musik, hört man immer in Dinorah Varsis Spiel.

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