Schnelle Veränderungen

Die Klavierabteilung des Konservatoriums in Shanghai


Von: Carsten Dürer


Es ist eine Mega-Stadt, die da an der Ostküste Chinas über Jahrtausende herangewachsen ist: Shanghai. Und heute macht sich diese Stadt mehr denn je auf, eines der weltweit wichtigsten Handelszentren überhaupt zu werden. Seit circa 20 Jahren stehen hier die Zeichen auf Offenheit und Innovation. Das spürt man überall: Hightech gepaart mit Arbeitskraft und dem eisernen Willen, so schnell wie möglich die Kluft zwischen Asien und den westlichen Industrieländern zu schließen. Und mit den großen Investitionen ausländischer Firmen muss auch die kulturelle Seite offener werden, muss etwas in westlicher Hinsicht bieten, damit die Arbeitskräfte aus Amerika und Europa sich zu Hause fühlen. So wurde erst vor knappen fünf Jahren das Große Konzert- und Theatergebäude mitten in der Stadt neu errichtet. Und selbstverständlich treten hier mittlerweile auch die Stars der klassischen Musikszene immer häufiger auf. Wie aber sieht es mit der gehobenen Ausbildung für klassische Musik in diesem Bereich aus? Wie, genauer gesagt, stellt sich die Situation für einen Klavierstudenten dar, der an der westlich orientierten Musik interessiert ist? Wir besuchten das Shanghai Konservatorium und sprachen mit Liqing Yang, dem Direktor dieser Hochschule. Er war der erste chinesische Musikstudent, der nach der Kulturrevolution in China ins Ausland geschickt wurde.
 
Bislang war es üblich, dass die westlichen Akademien, Hochschulen und Konservatorien die Ziele für asiatische Klavierstudenten waren. Und zum großen Teil ist dies auch heute noch so. Aber in den vergangenen Jahren sind immer häufiger Klaviertalente auf den Bühnen anzutreffen, die ihre Ausbildung fast ausschließlich in Asien erhielten. Entsprechend hoch muss der Standard dort sein. Das Konservatorium von Shanghai ist mit seinen knapp 1000 Studenten nicht nur eines der größten in China (es gibt insgesamt ca. 10 Konservatorien mit einer Hochschulausbildung für Musik), sondern es ist auch das älteste der Volksrepublik. 1927 wurde es von dem Minister für Erziehung gegründet. Danach kam ein Rektor, der schon in Leipzig studiert hatte und nach Shanghai zurückkam. Seither hat sich vieles verändert. Liqing Yang, der heute der Direktor dieses Instituts ist, hat nicht nur in China studiert, sondern auch in Deutschland. So auch in Hannover. Er ist Komponist und Pianist und erhielt eine der klassischen Ausbildungen westlichen Standards. Diese Erfahrungen halfen ihm bei einigen der wichtigsten Veränderungen in den vergangenen Jahren. Und diese Veränderungen sind in China in jeder Hinsicht schnell. Immer wieder stellt man fest, dass man über längst vergangene Zeiten spricht, dabei aber tatsächlich Zeiträume von 10 oder 15 Jahren meint, die in Europa fast nichts bedeuten. „Seit den 30er Jahren hat sich die Ausbildung hier nach dem westlichen System ausgerichtet und hat auch einige Besonderheiten. So haben wir nicht nur Klavier und Orchesterinstrumente, sondern auch Gesang, Komposition, auch für traditionelle chinesische Instrumente“, sagt Yang. Zu dieser Zeit waren circa 30 Professoren am Konservatorium tätig. Einige davon, so erklärt Yang, hatten damals schon ein besonders hohes Niveau, da sie oftmals aus dem Ausland stammten. So kamen in früheren Zeiten oftmals Weißrussen nach Shanghai, um dort zu lehren. Kein Wunder, dass es in Shanghai auch das älteste Sinfonieorchester Chinas gab. Zudem waren etliche Lehrer aus Deutschland gekommen, da sie während des Nazi-Regimes verfolgt wurden.

Dabei darf man nicht vergessen, dass Shanghai das Paris des Ostens genannt wird, was so viel bedeuten soll, dass Shanghai immer schon sehr selbstständig war und in dieser Stadt der freiere Umgang von der Zentralregierung gepflegt wurde. Während der 60er Jahre wurden die politischen Beziehungen speziell zum Ostblock verstärkt. Und so waren auch immer wieder Lehrer aus Polen, Ungarn, der Tschechoslowakei und Russland am Konservatorium tätig. Schüler von Schönberg und Hindemith unterrichteten hier.

Heute zählt das Konservatorium mehr als 1000 Studenten. 80 davon studieren Klavier. Jeder Professor hat dabei eine Klasse von nur sieben bis acht Studenten. Kleine Klassen, verglichen mit europäischen Verhältnissen. Die stärkste Entwicklung war in den 50er und 60er Jahren zu spüren. Und das zeigte sich auch schnell in den Erfolgen, die vor allem auch die Klavierstudenten dieser Ausbildungsstätte betrafen. So gewann beispielsweise Lin-shi Kun 1958 den zweiten Preis beim Tschaikowsky Wettbewerb in Moskau, als der legendäre Van Cliburn den ersten Preis erhielt.

Die Organisation

„Wir haben nicht nur das Konservatorium, sondern wir haben auch Grund- und Mittelschulen, die als Vorstufe zum Konservatorium als Spezialschulen tätig sind“, erklärt uns der Direktor. Doch allein in die Grundschule aufgenommen zu werden, bedeutet eine große Hürde. „Allein in Shanghai lernen mehr als 100.000 Kinder Klavier spielen.“ Die Konkurrenz ist sehr groß, vor allem da die Grundschule nur circa fünf Plätze pro Jahr zur Verfügung stellt. Das Gleiche gilt auch für die sich anschließende Mittelschule, bei der es nicht mehr als acht Plätze im Jahr sind. In diese Mittelschule kommt man mit 12 Jahren und lernt dort weitere drei Jahre intensiv das Instrument neben allen anderen Fächern. Ein wenig erinnert dieses System an die Spezialschulen in Russland. Die besten Schüler der Mittelschule können direkt auf das Konservatorium wechseln, alle anderen müssen sich – wie die Abschlusskandidaten anderer Musik-Mittelschulen Chinas – einer strengen Prüfung unterziehen. „Jedes Jahr nehmen wir circa 10 Studenten auf. Allerdings sagt man, dass die Aufnahme in der Grundschule aufgrund der großen Anzahl an Bewerbern noch schwieriger ist, als im Konservatorium“, fügt Yang lachend hinzu.

Die Jahre sind ebenfalls in zwei Semester unterteilt, wobei die semesterfreie Zeit deutlich kürzer ausfällt als in Deutschland. Wie sieht es mit unterschiedlichen Fachbereichen aus? Yang: „Für uns ist es sehr problematisch, den Klavierstudenten unterschiedliche Fächer anzubieten, da die Lehrer in der Regel Solisten heranziehen möchten. Wir haben aber gerade seit einem Jahr mit einer ehemaligen Studentin aus Deutschland einen neuen Fachbereich aufgebaut, der sich mit der Kammermusik beschäftigt.“ Bislang war Kammermusik eine Diaspora in China. Dies soll sich auch durch das neue Institut nun ändern. Jeder Klavierstudent und jeder Streicher muss nun – neben den zwei Stunden pro Woche im Fach Hauptinstrument (doppelt so viel wie in Deutschland) – auch zwei Mal pro Woche Kammermusik spielen. Das Interesse dafür, so erzählt uns Yinjia Yu, die diesen Fachbereich leitet, ist noch recht gering. Doch immer mehr Studenten und auch Lehrer zeigen Interesse. Auch an Liedbegleitung denkt man in Shanghai: „Allerdings haben wir noch nicht den passenden Lehrer dafür gefunden“, erklärt Yang. Und damit spricht er ein anderes Problem an, das sich zeigt: Die Studenten, die sich im Ausland bestens haben ausbilden lassen, kehren in der Regel nicht zurück. Waren es früher nur fünf Prozent, so bessert sich die Situation heute etwas. Dabei ist es heute schwieriger eine Stelle am Konservatorium zu erhalten, als dies noch vor dreißig oder vierzig Jahren der Fall war. Selbstverständlich ist der Anteil der ausländischen Studenten noch recht gering. „Momentan sind es vielleicht 50 Studenten, die aus dem Ausland kommen, um bei uns zu studieren“, erklärt Yang. "Dabei sind die meisten aus Macau, aus Singapur, aus Korea oder Japan. Dabei studieren die meisten von ihnen traditionelle chinesische Musik oder Musikgeschichte. „Einige Studenten aus Taiwan kommen aber tatsächlich zu uns, um Klavier zu studieren.“ Auch für Shanghai wird die Internationalität größer, bei Studenten und Lehrern.

Campus und Lehrinhalte

Die Situation für die Studenten ist gut. Im Hauptgebäude des Konservatoriums, dessen Campus sich im unmittelbaren Zentrum Shanghais befindet, im ehemaligen französischen Quartier, findet man zahlreiche Übungs- und Unterrichtsräume. Sind die Unterrichtsräume meist mit zwei Flügeln unterschiedlicher guter Marken wie Yamaha oder Steinway & Sons ausgestattet, so findet man in den Übungsräumen zwar ebenfalls häufig zwei Klaviere, aber: „Man weiß im Moment nicht, wo man die alten Klaviere lagern soll. Meist ist nur eines der Klaviere gut“, sagt Yinjia Yu, die uns durch das Gebäude führt. Immerhin sind alle Übungsräume mit Fenstern ausgestattet, und jedem Studenten stehen viele Stunden des Übens zu, in denen er diese nutzen darf.

Das Repertoire, das hauptsächlich gelehrt wird, ist die Musik der klassischen und romantischen Periode. Daran herrscht das größte Interesse. „Wir haben da eine Art Tradition für die Klassik und Romantik sowie einige Werke des Impressionismus. Doch langsam ändert sich das Verhältnis zu auch modernen Werken. Um auf internationalem Niveau mithalten zu können, ist dies auch immens wichtig“, weiß Yang aus eigener Erfahrung. „Wir streben seit vielen Jahren an, dass auch die chinesische Klaviermusik, also die moderner Komponisten aus China mehr Beachtung findet.“ Mittlerweile gibt es sogar einen Wettbewerb, der sich ausschließlich mit der Klaviermusik Chinas beschäftigt. Eine eigene Identität wird gesucht, man forciert, dass Musik nicht nur gespielt wird, sondern auch entsteht. „Mittlerweile haben wir es auch zum Unterrichtsinhalt gemacht, dass die Studenten zumindest in den jährlichen Prüfungen ein chinesisches Klavierstück spielen müssen.“ Restriktive Methoden, die das Bewusstsein für die eigene sich ständig weiterentwickelnde Musikkultur schärfen. Dennoch: Das Verständnis für die moderne europäische Musik liegt noch im Argen.

Drei Säle stehen für Konzerte zur Verfügung. Zwei kleinere für die Klassenvorspiele und ein neuer Kammermusiksaal mit ca. 800 Plätzen, der erst im November eröffnet wurde und eine hervorragende Akustik aufweist. Auftritte gibt es ständig.

Kosten und Abschlüsse

Ein Student, der in Shanghai Musik studieren darf, muss selbstverständlich bezahlen. Die Internationalität zeigt ihre Auswirkung. Dieses Semestergeld wird erst seit circa 15 Jahren erhoben. Zuvor war die auch heute noch staatliche Einrichtung kostenfrei. „Von Jahr zu Jahr erhöhen sich die Kosten auch ein wenig“, erklärt Yang. Momentan liegen die Kosten bei circa 1200,- US$. Allerdings gibt es auch Stipendien. „In diesem Jahr haben wir erst eine neue Politik für Studenten. Für die besten acht Studenten gibt es ein recht hohes Stipendium, das höher liegt als das Studiengeld“, erklärt Liqing Yang und ist stolz auf diese Entwicklung. Weitere Stipendien gibt es als Kredit bei den Banken für die Mittellosen. Dies ist in Deutschland undenkbar und folgt mehr dem amerikanischen System. Die Studenten gehen zwar mit Schulden aus dem Studium heraus, können sich die gute Ausbildung aber überhaupt erst einmal leisten.

Auch die Abschlüsse folgen dem amerikanischen System. Dem Bachelor Degree folgt nach fünf Jahren ein dreijähriges Programm für das Master Degree. Zudem wurde vor einigen Jahren auch ein Doctor Degree eingerichtet. Dies betrifft momentan aber nur die Komposition und Musikwissenschaft.

Die Chancen für Absolventen des Shanghai Konservatoriums sind nach einem Master Degree gut, um an anderen Musikschulen zu unterrichten. Aber Liqing Yang weiß auch: „Die meisten Absolventen wollen nicht in andere Städte gehen, sondern am liebsten in Shanghai bleiben.“ Kein Wunder, ist diese Stadt nicht nur die größte Chinas, sondern auch die mit dem offensten Umgang und Angebot. „So werden die meisten private Klavierlehrer und können davon sehr gut leben“, erklärt der Direktor anschließend. Kein Wunder: China erlebt momentan einen Klavierboom, wie dieser vielleicht noch vor 30 Jahren in Japan und vor 20 Jahren in Korea stattfand.

Kontakt:

Shanghai Conservatory
20 Fen Yang Rd.
Shanghai 200031 ROC Cina
Tel.: 0086 / 21 / 64 370 137
Fax: 0086 / 21 / 64 330 325
E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

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