Flügelauswahl mit Boris Bloch

Auf der Suche nach dem Universalinstrument mit Charakter

 

Von: Carsten Dürer


Wie sucht man einen Konzertflügel für einen neuen Konzertsaal aus, der noch nicht fertig gestellt ist? Gemeinsam mit dem russischen und in Essen lebenden Pianisten Boris Bloch machten wir uns auf den Weg zur Hamburger Fabrik von Steinway & Sons. Michael Kaufmann, Intendant der neuen Philharmonie Essen, hatte Bloch gebeten, gleich zwei Steinway D-Modelle, also zwei der renommierten Konzertflügel für seinen Konzertsaal auszuwählen. Mit von der Partie war der Steinway & Sons-Händler Marc Heinersdorff vom Steinway & Sons-Haus Heinersdorff in Düsseldorf, der den Kauf betreut.



Der Auswahlsaal in der Hamburger Fabrik hat schon alle berühmten Pianisten zu Gesicht bekommen. Und das schon seit vielen Jahrzehnten, angefangen bei Rubinstein, bis hin zu den jüngsten Berühmten wie Lang Lang. Hier begrüßt uns Gerrit Glaner, zuständig für die Künstlerbetreuung im Haus Steinway & Sons. Und man ist selbstverständlich vorbereitet, hat gleich neun Steinway D-Modelle in Reihe gebracht, um sie dem Pianisten und dem Käufer, Michael Kaufmann, zu präsentieren. Und Bloch lässt sich nicht lange bitten, setzt sich und spielt an: Tschaikowskys 1. Klavierkonzert ertönt, will er doch direkt wissen, ob dieser Flügel für einen Saal von 1800 Zuhörern auch trägt, genug Volumen hat. Doch schnell steht fest, der ist es nicht. „Es ist natürlich ein Traum, gleich zwei Flügel für einen Konzertsaal aussuchen zu dürfen, und das aus einer Auswahl, die natürlich ein immens hohes Niveau darstellt“, sagt Bloch. Der in Odessa geborene Pianist will damit zum Ausdruck bringen, dass auch die Flügel, die er schnell von der Auswahl ausschließt, hervorragende Instrumente sind.

Dennoch wechselt Bloch mehrfach zwischen einigen Instrumenten, will nochmals anspielen, bevor er den Deckel eines bestimmten D-Flügels entweder endgültig schließt oder aber zur weiteren Begutachtung offen stehen lässt. Die gesamte Repertoirebreite wird getestet: Chopin, Scarlatti, Prokofieff ebenso wie der dritte Satz des „Ägyptischen Konzerts“ von Camille Saint-Saens, das Bloch kurz nach der Eröffnung im Haus spielte. Letztendlich bleiben von den neun Flügeln vier in der engeren Auswahl. Doch nach fast über einer Stunde ist klar: Nun muss man erst einmal die Ohren frei bekommen, muss eine Pause einlegen, damit man mit unverbrauchtem Eindruck an diese verbliebenen vier Instrumente herangehen kann.

In der Pause wollen wir von Boris Bloch erfahren, wie er über Instrumente im Allgemeinen und speziell über solch eine Auswahl für einen Konzertsaal denkt. Steinway & Sons spielt er schon seit seiner Ausbildung in Odessa: „Dort hatten wir schon in der Philharmonie einen Steinway stehen, nie allerdings in der Spezialschule, in der ich unterrichtet wurde. Dort hatten wir Förster, Blüthner, Petrof und viele andere Marken. Und dann, als ich nach Moskau ging, fand ich natürlich in allen Konzertsälen Steinways aus Hamburg. Auch in einigen Unterrichtsräumen standen schon Steinways und Bechstein-Flügel. In Zimmer 42, das weiß ich noch genau, da ich dort mein ganzes Studium über von Tatjana Nikolayeva und Dmitri Bashkirov unterrichtet wurde: Es war der frühere Raum von Goldenweiser. Und seine Schüler, Nikolayeva und Bashkirov, durften auch in seinem Raum unterrichten. Dort stand ein alter Steinway, der unverwüstlich war.“ Seit er in Deutschland ist, besitzt er selbst auch einen Steinway: „Zunächst habe ich ja in New York gelebt. Dort hatte ich den Steinway aus Hamburg schon, der aus dem Steinway-Haus in Wien kam. Diesen habe ich nun auch in Essen.“ Dass ausgerechnet er nun zur Auswahl der Flügel für die neue Philharmonie Essen ausgewählt wurde, scheint eine logische Konsequenz seiner langjährigen Tätigkeit (seit 1985) an der Folkwang Hochschule in Essen als Professor mit etlichen erfolgreichen Klavierstudenten bei Wettbewerben. Bloch, der selbst beispielsweise Preisträger des Busoni Wettbewerbs ist, gilt gerade in Essen als pianistische Institution.

Worauf achtet er nun bei der Auswahl: „Ich denke natürlich daran: Mit welchem Instrument werden all meine Kollegen wohl am besten klarkommen, womit werden sie zufrieden sein? Da kann ich selbstverständlich mich selbst am wenigsten in den Vordergrund drängen“, gesteht er. „Ich habe ja schon für unterschiedlichste Institutionen einen Flügel hier in Hamburg ausgesucht, aber es ist das erste Mal, dass es gleich zwei sein sollen. Es ist gewaltig, dies zu tun.“ Als Erstes aber steht doch wohl der Klang im Vordergrund. Doch wie sieht es mit der Spielart aus: „Ich glaube, dass eine gewisse Schwergängigkeit des Instruments ja später von den Technikern verändert werden kann, wenn ein Pianist es nun leichtgängiger mag. Aber was diese Spielart betrifft, so versuche ich immer im Hinterkopf meine Kollegen zu haben. Der Flügel – und das ist das Wichtigste für einen großen Saal wie der Philharmonie Essen – muss tragfähig sein. Man muss also bedenken, dass dieser Flügel oft mit Orchester gespielt wird, dass diese Konzerte mit Solisten sogar überwiegen werden. Und nun einmal unabhängig davon, ob der eine Pianist nun einen dunkleren oder helleren Klang bevorzugt: Die Möglichkeit der Durchsetzung gegen ein Orchester muss gegeben sein. Und dabei muss man auch bedenken, dass man nicht nur Mozart und Beethoven spielt, sondern auch Rachmaninoff, Tschaikowsky, Bartók oder Prokofieff, also Konzerte mit riesiger Orchesterbesetzung. Also muss solch ein Flügel Tragfähigkeit und Reserven haben. Und diese Reserven haben Steinway-Flügel fast immer. Wenn man denkt, man ist schon an der Grenze des Machbaren, da muss sich das Instrument noch einmal im Klang – in der Dynamik ebenso wie in der Klangentfaltung – öffnen können.“ Und ein Instrument zu finden, das durchsetzungsfähig ist und gleichzeitig lyrisch für ein Solo-Recital, ist das wohl schwieriger? „Meiner Erfahrung nach ist es so, dass ein Instrument, das großes Volumen hergibt und Tragfähigkeit besitzt, auch in der Lage ist, ein lyrisches Spiel bestens wiederzugeben. Dagegen besitzen die Instrumente, die vor allem für lyrisches Spiel gut geeignet sind, keinen großen Klang für anderes Repertoire.“ Das ist eines der wichtigsten Kriterien: Man braucht ein Universal-Instrument, eines das für jegliche Art von Repertoire aus allen Jahrhunderten geeignet ist, das von den meisten Pianisten aus aller Welt akzeptiert wird. Bloch ist sich der Verantwortung bewusst, die man ihm hier auferlegt hat: „Ich suche nach Instrumenten, die nicht hart sind, sondern auch singen können, und das mit Volumen: Dann stimmt eigentlich schon fast alles.“

Bloch hat schon häufig in Hamburg ausgewählt: Hat sich über die vielen Jahre die Qualität der Instrumente verändert? „Ja, ich denke schon. Ich kann nur vermuten: Die Tendenz bei Steinway ist, dass man schon stärker in die Universalisierung geht. Das soll heißen, dass das Individuelle eines jeden Instrumentes nicht mehr so drastisch vorhanden ist wie früher einmal. Die Klanglichkeit der Instrumente wird immer ähnlicher. Ich weiß nicht, woran das liegt. Die Unterschiede zwischen den einzelnen Instrumenten sind kleiner geworden.“ Im Sinne des Unternehmens von Steinway & Sons ist dies sicherlich auch als Fortschritt zu bewerten, denn man will ja weltweit den Pianisten das gleiche Niveau und einen ähnlichen Zugang zum Instrument gewährleisten, ein Instrument präsentieren, was man einschätzen kann. Zudem spricht dies auch für die präzise Ausarbeitung der Instrumente. „Ich will aber ein Universalinstrument, das seinen eigenen Charakter besitzt und nicht verliert“, sagt Bloch. Sucht er denn jetzt nach zwei unterschiedlichen Instrumenten, um unterschiedliche Geschmäcker, die ja in jedem Fall in der Philharmonie Essen zu Gast sein werden, zufrieden stellen zu können? „Nein, das wäre zu brutal. Ich versuche zwei Individuen zu finden, die Ähnlichkeiten, oder besser gesagt, einige gemeinsame Nenner haben: Volumen, Noblesse, Tragfähigkeit, Reserve, große Bässe, einen schönen Diskant. Das muss gegeben sein. Und darüber hinaus müssen sie halt einen eigenen Charakter aufweisen.“

Und wieder geht es in den Saal: Michael Kaufmann, Intendant der Philharmonie Essen, hört nun noch genauer zu. Bislang war die Vorauswahl – so könnte man das Gefühl bekommen – eine Art Präludium für die volle Ernsthaftigkeit der Entscheidung. Doch nach weiteren 40 Minuten steht das Ergebnis fest, sind alle einhellig derselben Meinung: Die Seriennummern 566994 und 568071 der beiden je 101.210,- Euro teuren Steinway-D-Flügel werden den Pianisten demnächst in Essen zur Verfügung stehen.

Warum sollen es überhaupt zwei Flügel sein? Michael Kaufmann und die Philharmonie Essen haben Glück: Zum einen will man der anstehenden Pianisten-Elite im Haus mit den beiden gewählten Instrumenten eine Auswahl anbieten können. Zum anderen wird der zweite Flügel von der als Schuh-Fabrikanten bekannten Firma Deichmann gesponsert. Glück für die Pianistenwelt und die Zuhörer im Saal.

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