Wissensdurstiger Individualist

FOU TS'ONG im Gespräch

Von: Carsten Dürer


Wir treffen den chinesischen Pianisten Fou Ts’ong in Como, innerhalb einer seit mehr als 10 Jahren stattfindenden Meisterkurswoche, die er an der Internationalen Klavierakademie dort gibt. Pfeife rauchend und Tee trinkend lauscht er dem extrem hohen Niveau der Studenten. Er wirkt jung, ist der 1934 in Shanghai geborene Pianist doch bereits 70 Jahre. Doch wenn er dann Schumanns „Davidsbündlertänze“ oder eine der Haydn-Sonaten mit den Studenten durchgeht, nachdem er dem jeweiligen Spiel ohne Unterbrechung mit Interesse und voller Emphase gelauscht hat, dirigiert er, springt schon mal auf – lobt das Spiel. Er wirkt durchweg motivierend, fordert aber zugleich, mit einem überzeugenden Lächeln, Perfektion, das Fühlen der Musik durch Phrasierung, die dem Ausdruck mehr Intensität verleiht. Weltweit ist der seit den 60er Jahren in London lebende Pianist eine Institution. Nicht nur aufgrund seiner Lehrtätigkeit, sondern vor allem auch aufgrund seiner von ihm begründeten chinesischen Tradition des Klavierspiels und des Denkens über Musik, die es in dieser Art vor seiner Zeit nicht gab. Doch dazu muss man mehr über ihn erfahren, muss mehr mit ihm sprechen, sein Denken, seine Ansichten über Musik verstehen.



Fou Ts’ongs Werdegang ist ebenso faszinierend wie tragisch zu nennen. Und dieser Weg hat aus dem Menschen Fou Ts’ong einen unvergleichlichen Musiker, ja einen Künstler werden lassen, wie es ihn vielleicht kein zweites Mal auf dieser Welt gibt.

Seinen ersten Kontakt zur Musik erhielt er durch seinen Vater Fou Lei (1908–1966). Und dieser Kontakt hieß westliche, klassische Musik. „Wissen Sie, wenn Sie meinen Vater ansprechen: Er war eine absolut ungewöhnliche und einmalige Gestalt. Er war für fünf Jahre in Frankreich und kam mit einer großen Anzahl an Schallplatten zurück. Und das waren alles Aufnahmen aus dem ‚goldenen Zeitalter’ der Musik, aus der Zeit der großen Namen. Und so wuchs ich mit dieser Musik auf“, erzählt er vollkommen überzeugt und fügt hinzu, dass dies tatsächlich seine erste Erfahrung in seinem Leben mit Musik war. Und wie war es mit der traditionellen chinesischen Musik? „Die westliche klassische Musik, so wie wir sie kennen, ist etwas vollkommen Anderes, eine einmalige Entwicklung seit der Renaissance. Meiner Meinung nach kann man keine andere Musik mit dieser klassischen Musik vergleichen. Für mich ist diese Musik ein Resultat, nicht einfach nur eine Musik. Sie repräsentiert etwas Anderes, es ist eine Art von geistiger Entwicklung des Menschen. Natürlich haben wir traditionelle Musik in China, aber sie kann nicht die gleichen Bedürfnisse erfüllen. Die klassische Musik dagegen befriedigt die menschliche Seele überall in der Welt. Keine andere ethnische oder folkloristische Musik hat dieses Bedürfnis jemals stillen können. Daher meine ich, wenn ich von Musik im Allgemeinen spreche, immer die westliche klassische Musik.“ Er ist ständig begeistert, Wissen anzureichern, Dinge zu hinterfragen, sich Gedanken zu machen. Das ist die Besonderheit an der Person und dem Künstler Fou Ts’ong. Doch wie wurde diese Art des Interesses an geschichtlich-Kulturellem geweckt? Denn letztendlich sagt er bald, dass gerade das kommunistische Regime in China das absolute Aus jeglicher Musik bedeutete: „In China musste jede Idee dem politischen Willen folgen. In Maos Zeit gab es also keine Musik, die man erwähnen könnte, denn es war nichts Anderes als Propaganda. Das was da entstand, war lächerlich. Erst seit den 80er Jahren, als einiges etwas leichter wurde, entstand erstmals etwas Neues. Allerdings sind einige der erfolgreichsten chinesischen Komponisten so schnell reich geworden, dass das, was sie schreiben, nicht gerade wertvoll oder gut ist. Dabei ist das Potential immens groß, das die Komponisten dort vorweisen können. Und das betrifft nicht nur die Rückbesinnung auf folkloristische Dinge, sondern auch die traditionelle chinesische Theatermusik. Und wenn die chinesischen Komponisten diese Wurzeln erkennen und absorbieren und nicht nur etwas schreiben, um neu zu sein, dann wird es eine extrem interessante Entwicklung im Bereich der klassischen Musik geben.“ Fou Ts’ong ist überzeugt von den Möglichkeiten seines Heimatlandes, mag er auch noch so kritisch sein.

1958 verließ Fou Ts’ong seine Heimat. Doch das lag nicht nur daran, dass er für die Musik in dieser Zeit keine Möglichkeit der Entwicklung sah: „Es war sicherlich ein Grund, dass es eigentlich keine wirkliche Musik unter Mao gab. Aber es hatte auch andere Gründe, so beispielsweise, dass ich dort nicht hätte überleben können. Meine ganze Familie war ja verschwunden. Meine Eltern hatten unter dem Druck der politisch-gesellschaftlichen Verhältnisse Selbstmord begangen, und ich dachte, ich würde das auch nicht überleben.“ Um die Verhältnisse genauer zu erläutern, gibt uns Fou Ts’ong einige Einblicke in die Entwicklung seines Charakters: „Mein Vater und ich waren typische Vertreter der sogenannten ‚May Force Generation’. Das bedeutete Folgendes: 1919 war die erste wirkliche Renaissance in China. Diese startete auf politischer Ebene, war aber bald schon ein Element der Gesellschaft und auch der Kultur. Es war ein Erwachen. So gehörten wir zu einer Generation, die die europäische Idee des Humanismus übernahm und den Glauben an die Wichtigkeit des Individuums. Für diejenigen von uns, die wirklich an diese Dinge glaubten, war der Kommunismus eine Art des Denkens, in dem man absolut nicht überleben konnte. Denn schon zuvor war es nicht einfach, in China mit diesem Denken zu leben.“ Fou T’song studierte bis 1958 in Polen. Eine Folge des Sieges beim Warschauer Chopin-Wettbewerb im Jahre 1954. Als er nach einigen Jahren wieder in seine Heimat zurückkehren musste, war es eine Tortur für ihn: „Allein schon die Idee, nur noch diese sinnlose Propagandamusik spielen zu müssen, war Folter genug.“ Er erregt sich, wenn er über diese Dinge spricht, er ist ein Überzeugungstäter, immer und beständig an die Freiheit des Geistes glaubend. Dies hat er auch seinem Vater zu verdanken, den er auch heute noch sehr verehrt und der mit seinen Briefgedanken, die er zu Papier brachte, in China einer der wichtigsten Autoren geworden ist. Zudem übersetzte er die Bücher Romain Rollands nach seinem Aufenthalt in Frankreich ins Chinesische, ebenso wie Bücher über Beethoven und andere Musiker und Schriftsteller. Entsprechend war der Einfluss des Vaters mit seinen Gedanken und Büchern. Und dieses Denken wollte er auf seinen Sohn übertragen: „Mein Vater nahm mich schon in der Grundschule aus dem Bildungssystem, da er meinte, dass dies nicht wirklich gut sei. Ich war gerade in der dritten Klasse. Mein Vater war ein sehr origineller Mensch, mit sehr originellem Denken und einem entsprechend originellem Charakter. Er sagt: In der Schule werden nur Jasager produziert. So wollte er mich also selbst unterrichten. Auf der einen Seite war er stark beeinflusst von den humanistischen Gedanken Europas, auf der anderen Seite aber war er bestens in der traditionellen Denkweise Chinas ausgebildet und erzogen. Das bedeutet, dass die chinesischen Klassiker in ihm einen großen Stellenwert hatten. Und das war ungewöhnlich, da selbst die Generation von meinem Vater eigentlich nur wenig in Bezug auf die chinesischen Klassiker wusste. Und dabei ist die chinesische Kultur ja immens reich und Jahrtausende alt und birgt einen immensen Wissensfundus. Sehen Sie, Musiker in Europa müssen die Geschichte der Musik seit Palestrina oder Monteverdi kennen. Aber in China ist die Tradition viel älter.

Mein Vater meinte, dass in der Erziehung beides vorhanden sein sollte, das moderne Europa und das traditionelle China. Er unterrichtete mich also als erstes in der Dialektik von Konfuzius. Er unterrichtete auf eine eigenwillige Art und Weise: Er erklärte mir niemals irgend etwas. Er brachte mich immer darauf, die Dinge selbst zu verstehen, er gab mit niemals Antworten, sondern brachte mich dazu, die Antworten selbst zu finden. Er brachte mich dazu, wie man denkt, nicht dass man etwas weiß. Und das macht mich heute auch als Musiker aus. Sehen Sie, ich habe keine musikalisch traditionsreiche Erziehung. Ich habe alles von Anfang an in Bezug auf individuelles Denken erlernt.“

Das macht Fou T’songs erfolgreiches Lehren heute aus: Er versucht den Studenten beizubringen, warum sie etwas auf eine gewisse Weise spielen sollen, nicht aber wie. Auch sein polnischer Lehrer Zbigniew Drzewicki erkannte dieses individuelle Denken seines Schülers Fou T’song: „Er sagte zu mir: Du brauchst nicht jede Woche kommen, sondern nur einmal im Monat, denn deine Denkweise ist so individuell, dass Du nach einiger Zeit selbst den Weg zu deiner persönlichen Ausdrucksweise gefunden hast.“ Nur wenn etwas zu sehr außerhalb der Bahn lief, korrigierte er seinen Schüler. Während der vier Jahre Unterricht in Polen hatte Fou T’song entsprechend selten Unterricht. Und vor allem war das eine große Auszeichnung, da Drzewicki ansonsten ein mehr als strenger Lehrer für seine Studenten war.

Die Karriere startete durch, zahlreiche Konzerte in Osteuropa folgten dieser Zeit. Doch dann führte ihn sein Weg nach England, nach London. Sein Londoner Debüt unter Guilini war dann der eigentliche Durchbruch für seine Karriere. Seither ist London seine Wahlheimat.

Zu unterrichten begann er – er muss darüber nachdenken – bereits in Polen: „Nach dem Gewinn des Spezialpreises für die beste Mazurka-Interpretation kamen immer wieder polnische Pianisten zu mir und sagten: Spielen Sie eine Mazurka für mich, denn so habe ich es noch niemals gehört. Und so begann ich, ihnen mein Spiel beizubringen. Meine Art des Spiel war nun einmal sehr originell, sehr ungewöhnlich und individuell.“ Doch ernsthaft zu unterrichten begann er in den frühen 80er Jahren. Zu dieser Zeit ging er erstmals wieder in seine Heimat, nach China, um dort zu unterrichten: „Ich habe dort sehr viel unterrichtet. Nun, auch zuvor habe ich schon unterrichtet, aber ich würde es gar nicht als solches bezeichnen. Aber beispielsweise habe ich vor der Wettbewerbsteilnahme von Martha Argerich in Warschau drei Monate lang mit ihr gearbeitet. Aber ich würde das nicht unterrichten nennen.“ In China unterrichtet er an den Konservatorien in Peking und Shanghai. Allerdings unterrichtet er lieber in Shanghai: „Das Denken dieser Menschen ist offener, und so ist es angenehmer, dort zu unterrichten“, sagt er. Die Fähigkeiten und das natürlich musikalische Talent und Verständnis erkennt er bei seinen Studenten in China überall: „Aber sie müssen die Tradition ihrer Kultur verinnerlichen, müssen lernen damit zu leben, ebenso wie mit dem modernen Europa. Dann können sie sich weiter entwickeln, denn letztendlich ist Musik machen eine Sache der Kultur und deren Traditionen.“

Seit letztem Jahr nun hat er auch einen Vertrag, um jedes Jahr in Shanghai zu unterrichten. „Doch ich werde sicherlich häufiger dorthin reisen“, sagt er noch. So ist Fou T’song der eigentliche Urvater einer neuen Klaviertradition in China. Doch er sieht das etwas gespalten und sagt lächelnd: „Ich weiß nicht wirklich, wie man Klavier unterrichtet. Ich habe niemals gelernt, das Klavier so zu spielen, wie man es sollte. Ich habe niemals Basis-Unterricht bekommen. Und so habe ich im Vergleich zu den jungen Chinesen, die immense technische Fähigkeiten aufweisen, etliche Lücken. Aber wie man über Musik denkt, das habe ich gelernt und das versuche ich den Studenten beizubringen. Ich habe also keine vorgegebene Formel, wie man Musik spielt. Aber wenn ich darüber nachdenke, dann finde ich einen guten Weg, Musik zu realisieren.“ Allerdings fügt er hinzu: „Manchmal allerdings gehe ich einen komplizierten und weiten Weg zum Ziel, das vielleicht leichter hätte erreicht werden können.“

Sein Spiel gilt als absolut emotionsgeladen, auch wenn er im Gespräch wie jemand erscheint, der beständig über die Musik nachdenkt. Doch davon hört man in seinem Spiel nichts. In Bezug auf Repertoire sind die Komponisten aus Barock, Klassik und Romantik seine persönlichen Favoriten. Aber das sieht er nicht einschränkend, sondern sagt: „Unser Leben ist so kurz und da ist allein die Musik dieser Epochen so immens weit, dass man es niemals ganz erfassen kann.“ Heute gibt er immer noch 30 bis 40 Konzerte im Jahr. Und ansonsten unterrichtet er? „Nun, ich unterrichte und übe. Ich mag das Üben am Klavier, immer schon. Ich übe jeden Tag, denn wenn ich nicht übe, habe ich das Gefühl, dass ich nicht unterrichten kann. Ich muss immer direkt wissen, wie ich etwas zeigen kann, wie ich dem Studenten auf den Tasten vermitteln kann, wie etwas ausgedrückt werden sollte.“ Heute unterrichtet er neben den Studenten in China nicht nur auf dem Studenten-Niveau, sondern auch in der Vor- und Mittelschule.

Beeinflussen lässt er sich gerne von den traditionellen und jüngeren chinesischen Malern. Schon sein Vater sammelte viele Bilder und Fou T’song führte diese Liebe fort, da er an den direkten Zusammenhang zwischen Malerei, dem Denken über die dargestellte Natur glaubt. Und an das Erlernen der Werte der Vergangenheit: „Ich selbst bin zwar noch nicht Vergangenheit, da ich noch nicht tot bin. Aber ich bin junge Vergangenheit. Und ich glaube es wäre manches Mal besser, wenn die Studenten von der Vergangenheit lernen würden, von Schnabel, von Cortot oder Richter. Aber was tun sie, sie hören Zimerman, Pollini und so weiter. Das ist nicht schlimm. Aber als Erstes müssen sie in die Noten schauen, und sich ihre eigenen Gedanken machen, anstatt einem Vorbild von heute zu folgen, was man immer wieder in ihrem Spiel hört.“ Und abschließend fügt er hinzu: „Das wichtige ist die Proportion im Spiel, und diese Proportion kommt aus der Natur, die der Komponist mit seinem Genius festlegte.“

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