Originale – keine Kopien

Die Klavierkonzerte von Charles Camille Saint-Saëns

 

Von: Carsten Dürer


Der am 9. Oktober 1835 in Algier geborene Komponist Charles Camille Saint-Saëns war sicherlich eine Ausnahmeerscheinung unter den Komponisten des 19. Jahrhunderts. Bereits mit zweieinhalb Jahren begann er das Klavierspiel mit seiner Großtante (der Vater war im Jahre seiner Geburt verstorben) und bereits mit drei Jahren brachte er seine ersten musikalischen Ideen zu Papier. Mit 13 Jahren ging er bereits an das Pariser Conservatoire und studierte dort Orgel und Komposition. Und schon mit 18 Jahren wurde er Organist an St. Merry. Zudem unterrichtete er in den Jahren von 1861–65 eine Klavierklasse an der École Niedermeyer. Ab 1877 allerdings widmete er sich nur mehr ausschließlich seinem eigenen Schaffen, unternahm ausgedehnte Konzertreisen als Pianist und Dirigent. Neben etlichen kleineren Solo-Klavierwerken schrieb Saint-Saëns gleich fünf großartige Klavierkonzerte zwischen 1858 und 1896. Doch im Vergleich mit den Konzerten seiner Altersgenossen und Vorgänger werden seine Konzerte doch nur recht selten aufgeführt oder eingespielt. Nun kommt eine neue Kompletteinspielung aller fünf Konzerte mit der russischen Pianistin Anna Malikowa auf den Markt. Grund genug für uns, uns mit ihr über die Idee einer neuen Kompletteinspielung zu unterhalten und den Plattenmarkt einmal genauer zu betrachten.



Die Konzerte

Selbstverständlich sind es die Franzosen, die sich intensiv der Werke Saint-Saëns’ angenommen haben. Der Erste, der wohl eine Kompletteinspielung lieferte, war der Pianist Philippe Entremont, der bereits in den 60er Jahren Einspielungen der Klavierkonzerte vornahm (unter Eugene Ormandy, Philadephia Orchestra / Sony Classical SBK 48 276). Und er war es, der in den 70er Jahren bereits eine vollständige Einspielung unter Michel Passon begleitet von dem L’orchestre du Capitole de Toulouse vorlegte. Seither sind diese Konzerte immerhin einem Kennerpublikum bekannt.

Warum aber war es Saint-Saëns nicht gelungen eine breite Bekanntheit mit seinen fünf Konzerten zu erreichen? Sicherlich lag es daran, dass der Komponist in jedem Fall die französische Tradition aufrechterhalten wollte, ja sogar ein vehementer Gegner der neuen Linie eines Debussy im eigenen Land war. Ihm wurde daher eine Art von Konservatismus vorgeworfen, dem er in vielen seiner Werke auch durchaus entsprach. In seinen Klavierkonzerten wollte er ebenso an seine Vorbilder Liszt, Chopin auf der einen, Mendelssohn und Moscheles auf der anderen Seite anknüpfen. So sucht man vergeblich nach Neuerungen in Form von Effekten oder der formalen Anlage. Und doch, das 2. Klavierkonzert – heute das mit Abstand beliebteste der fünf – zeigt eine deutliche Abwandlung von der im 20. Jahrhundert traditionellen Struktur. So ist die Satzfolge langsam–schnell– schnell. Dieses Konzert entstand im Frühjahr 1868 innerhalb von nur drei Wochen und wurde vom Komponisten unter der Leitung seines Freundes Anton Rubinstein in Paris uraufgeführt. Doch selbst mit diesem Konzert erntete er Spott; der Pianist Stojowski sagte: „Es beginnt mit Bach und hört mit Offenbach auf.“ Und tatsächlich kann man Anleihen in Struktur, Art und Instrumentation feststellen, die dieses eher rüde Urteil nicht ganz als falsch erkennen lassen.

War das erste Konzert aus dem Jahre 1858 noch vollkommen der traditionellen Anlage im Wechselspiel von Solo und Tutti verhaftet, so erkennt man auch im dritten von 1869, fast nie gespielten Konzert, eine ähnliche klassizistische Haltung. Anders dagegen das Konzert Nr. 4 von 1875. Hier nun die Abwandlung hin zu einer zweisätzigen Form, die an die Konzertform-Idee von Franz Liszt erinnert: Themenverwandlungen durch veränderte Rhythmisierung und Harmonisierung sind hier die schlüssig umgesetzten Ideen.

Dann das fünfte Konzert, das den griffigen Beinamen „Ägyptisches Konzert“ erhielt. Entstanden war es 1896 während eines Urlaubsaufenthaltes im Niltal Ägyptens. Und nun endlich – wahrscheinlich ebenso wie bei seinen französischen Kollegen auch unter dem Einfluss der während der Pariser Weltausstellung 1889 dargebotenen außereuropäischen Musik –, geht Saint-Saëns auch neue Wege. Erstmals sind nicht nur die Traditionslinien für ihn wichtig, verarbeitet er nicht etwa die Volksmusik Europas in diesem Konzert, wie seine Kollegen es lange vor ihm schon getan hatten, sondern außereuropäische. So geht das Thema des Mittelsatzes auf ein nubisches Hochzeitslied zurück. Zudem verarbeitet er auch pentatonische Gamelanmusik. Und dann noch eine Hinwendung zur lautmalerischen Maschinenmusik im Finalsatz: die Darstellung der Schiffsmotoren des rückreisenden Schiffes von Ägypten (ein Vorgriff auf die Maschinenmusik eines Georges Antheil?).

Die Gesamteinspielungen

So viel ist sicher: Das zweite Klavierkonzert ist mit Sicherheit das beliebteste und meistgespielte. Von diesem 2. liegen etliche Einzeleinspielungen vor. Zudem ist das 5. aufgrund seiner innovativen Ideen das zweitbeliebteste. Allerdings verlangt es dem Pianisten mehr virtuose Technik ab. Svjatoslav Richter beispielsweise spielte es mit Kirill Kondraschin ein. Doch Gesamteinspielungen? Sind da wirklich viele vorhanden? Nun, auf den ersten Blick sind es nur wenige, verglichen mit den Gesamteinspielungen anderer Komponisten, wobei nicht unbedingt die von Beethoven, Mozart oder Chopin, Brahms und Liszt als Maßstab gelten sollen. Aber selbst die eines Belá Bartók oder eines Felix Mendelssohn trifft man häufiger an.

Doch es gibt sie, die Gesamteinspielungen. Und in einer Zeit, in der viele Interpreten nach interessantem, weniger einspieltem Repertoire schauen, häufen sich die Aufnahmen. Wie erwähnt, ist die älteste noch auf dem Markt befindliche Einspielung die von Philippe Entremont. 1995 ist es dann wieder ein Franzose, der sich dieses Repertoires annimmt: Pascal Rogé spielt unter Charles Dutoit alle fünf Konzerte (Decca, Universal Classics 443865). Und auch die folgende Gesamteinspielung wird von einem Franzosen bestritten: Jean-Philippe Collard spielt mit dem Royal Philharmonic Orchestra unter André Previn (1985/87 EMI Classics). Eine der weiteren angesehenen Einspielungen aller Konzerte stammt von Aldo Ciccolini, der diese unter Serge Baudo (Orchestre de Paris) einspielte und damit erstmals als Italiener die Vorherrschaft der Gesamteinspielungen französischer Pianisten durchbrach. Auch die historische Aufnahme mit Jeanne-Marie Darré (die am 6. Januar 1999 verstarb) sei hier erwähnt, die die bekannte französische Pianistin seinerzeit mit dem Orchestre National de Radiodifussion Franciase unter Louis Forestíer einspielte (EMI France).

Doch mittlerweile sind weitere, jüngere Pianisten zu der Ansicht gelangt, dass sich diese Klavierkonzerte von Saint-Saëns durchaus für eine Neueinspielung eignen. So ist eine Box mit dem italienischen Pianisten Gabriel Tacchino (Orchestre de Radio Luxembourg unter Louis de Froment, Brillant Classics 99524) erschienen. Und da sind weitere aus dem Jahr 2001. So hat die Engländerin Angela Brownridge mit dem Halle Orchester unter Paul Murphy bei ASV eine Gesamteinspielung vorgelegt (ASV, Codaex CD QSS 262). Eine sicherlich beachtenswerte Einspielung dann mit dem hervorragenden Stephen Hough, der diese Konzerte ebenfalls 2001 spielte, unter Sakari Oramo (City of Birmingham Orchestra / Hyperion, Codaex 67331/2). Seither allerdings ruhte der See im Bereich der Gesamteinspielungen. Bis zum vergangenen Jahr, in dem nun erstmals eine russische Pianistin sich dieser Konzerte des Franzosen annahm. Anna Malikova, ehemalige Gewinnerin des ARD-Wettbewerbs, hat nun mit dem WDR Sinfonieorchester Köln unter Thomas Sanderling für Audite die Klavierkonzerte eingespielt, die jetzt auf den Markt kommen.

Die neue Gesamteinspielung

Wir wollten einmal wissen, was dazu führte, dass ausgerechnet Saint-Saëns sie so gereizt hat. „Das war ein Zusammenspiel unterschiedlicher Dinge. Zum einen hatte ich ein Konzert mit dem WDR Sinfonieorchester gespielt und man überlegte, wieder einmal etwas zusammen zu machen. Daneben versucht heute fast jeder Pianist Werke zu spielen, die noch nicht zu häufig eingespielt wurden.“ Anna Malikova macht noch einen Witz: „Ein Musikschüler wird gefragt, wie viele Sinfonien Beethoven geschrieben hat. Er antwortet: Drei, nämlich die 3., 5. und 9. Und ähnlich ergeht es einem auch bei Saint-Saëns. Die Antwort da würde wahrscheinlich lauten: Zwei, das 2. und das 5. Konzert. Aber wenn es ein fünftes gibt, dann gibt es da ja noch einige andere.“ Für sie war es daher ebenfalls interessant, sich stärker mit diesen Konzerten zu beschäftigen, auch wenn sie selbst keines dieser Konzerte jemals live aufgeführt hatte: „Das war allerdings insgesamt auch gut so, ebenfalls dass ich diese Konzerte so gut wie nie live gehört hatte. Daher gab es keine Art von Hör- oder Aufführungstradition. Ich konnte ganz frisch an diese Werke herangehen.“ Auf die Frage, welches das schwerste Konzert ist, wie sich die Konzerte überhaupt spielen lassen, sagt sie: „Nun, das ist sehr schwer zu beurteilen. Das 2. Konzert habe ich als letztes aufgenommen. Für mich war es am leichtesten, da es pianistisch sehr gut in der Hand liegt, das 4. ist sehr schwierig zu handhaben. Im 1. gibt es viele pianistisch unbequeme Passagen und zudem spielt man stark mit dem Orchester zusammen, so dass man sein Spiel nicht so stark herausarbeiten kann, sondern fast schon das Orchester begleitet.“

Nach der ganzen Erfahrung mit allen fünf Konzerten, gibt es nun für Malikova eines der Konzerte, das eine Art Lieblingskonzert geworden ist? „Ich muss gleich vier nennen: das 2., 3., 4. und das 5. Konzert. Das 1. Konzert gefällt mit weniger.“ Auch die russische Pianistin konnte die Entwicklung der kompositorischen Ideen Saint-Saëns’ feststellen: „Das 3. Konzert ist schon ein Sprung zu etwas Neuem, denn es ist vollkommen anders und weit pianistischer komponiert als das 2. Konzert, viel moderner auch. Ich kann einfach nicht verstehen, warum gerade dieses 3. Konzert damals, nach seiner Entstehung so negativ vom Publikum aufgenommen wurde.“ Liegt dies nicht vielleicht wirklich an den vielen epigonal wirkenden Anleihen in der thematischen Bearbeitung bei Saint-Saëns? „Nun ja, man denkt immer wieder einmal bei einigen Stellen: Oh, das klingt wie Chopin, oder wie Liszt. Aber es sind nur Momente, da sie pianistisch ähnlich sind, nicht aber wirklich abgeschrieben wirken. Saint-Saëns ist letztendlich sehr originell und original in seiner Schreibweise“, sagt Malikova überzeugt. Andererseits erwähnt sie auch, dass einige Stellen wie Ravel klingen, und da müsste man dann sagen, dass wohl Ravel von Saint-Saëns abgeschrieben hätte. Nach den Aufnahmeerfahrungen: Ist sie nun der Meinung, dass man diese Konzerte in ihrer Bedeutung unbedenklich neben die von Chopin, Brahms, Liszt und anderen stellen sollte? „Nach all der Beschäftigung mit der Musik, und nach dem jetzt schon wieder etwas zeitlichen Abstand zu den Aufnahmen, zu dem tiefen Eindringen in diese Musik, muss ich dennoch sagen, dass ich mich in diese Konzerte verliebt habe. Bei der Beschäftigung kam es zu dieser Liebe, gerade wenn es um das 3. und 4. Konzert geht.“ Gehört hatte sie im Vorfeld etliche der Gesamteinspielungen. Und selbstverständlich hatte sie eigene Ideen, ließ sich nicht davon beeinflussen. Zudem sagt sie: „Wenn das Orchester schlecht ist, dann kann man diese Konzerte nicht gut spielen, denn die Verbindung von harmonischen Farben, Instrumentierung ist zu intensiv, das ist anders als bei den Chopin-Klavierkonzerten. Da hatte ich wirklich das Glück, dass ich mit diesem hervorragenden WDR-Orchester aufnehmen konnte.“ Dass man Franzose sein muss, um diese Konzerte tiefer zu verstehen, glaubt sie nicht, denn „alle Franzosen klingen doch sehr unterschiedlich. Ich denke, dass Pianisten zu individuell sind, um ausschließlich in einer gesellschaftlich-sozialen Tradition zu spielen.“ Bei der Aufnahme empfand sie am schwierigsten, die Frische zu erhalten: „Es ist eine große Orchesterbesetzung. Und ich wollte nicht, dass es zu vielen Wiederholungen kommt. Denn letztendlich war ein Teil der Konzerte auch für das Orchester neu. Und bei 100 Musikern auf der Bühne gibt es immer die Unbekannte, ob alles gut zusammenkommt. Ich hatte aber Angst, dass dabei die Frische der Interpretation verloren geht.“ Mit dem Ergebnis ist sie rundum zufrieden und sagt, dass sie glaubt, dass sie einige Aspekte gefunden hat, die vielleicht bislang so nicht klanglich umgesetzt wurden.

Die Klavierkonzerte von Camille Saint-Saëns sind in jedem Fall einer näheren Betrachtung wert, das glaubt nicht nur Anna Malikova nach ihren Erfahrungen. Es sind Konzerte, die ihre Individualität bewahren, auch wenn ihnen in der Geschichte anderes vorgeworfen wurde. Bleibt zu hoffen, dass diese Konzerte eine noch stärkere Akzeptanz finden als bislang. Es würde sich lohnen.

Die aktuelle Gesamteinspielung

Camille Saint-Saëns

Klavierkonzert Vol. I

Klavierkonzerte 1, 2 und 4
Audite 92.509 (SACD)

Klavierkonzert Vol. II

Klavierkonzerte 3 & 5
Audite 92.510 (SACD)

Anna Malikova, Klavier
WDR Sinfonieorchester Köln Ltg.: Thomas Sanderling
(Vertrieb: Naxos)

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