"Musik ist in meiner Natur"

Mihaela Ursuleasa im Portrait

 

Von: Carsten Dürer


Sie ist erst 24 Jahre alt. Schon früh galt die gebürtige Rumänin Mihaela Ursuleasa als Wunderkind, spielte bereits mit acht Jahren eine Schallplatte ein und gewann kurz darauf schon beim Internationalen Klavierwettbewerb im italienischen Senigallia den 2. Preis. Doch bald schon war sie frühzeitig überlastet, nahm eine Pause, in der sie sich in Wien wieder unterrichten ließ und ihr Repertoire erweiterte. Als sie dann 1995 - mit nur 16 Jahren - den renommierten Clara-Haskil-Wettbewerb gewann, startete sie eine Karriere auf einem Niveau, das sprichwörtlich hoch war. Wir trafen die sympathische Pianistin in ihrer Wahlheimat Wien, um mit ihr in einem traditionellen Wiener Kaffeehaus über Vergangenes und Zukünftiges zu plaudern.



Sie wirkt überhaupt nicht nervös oder angespannt. Vielmehr scheint es so, als ob Mihaela Ursuleasa sich beständig konzentriert, auch für dieses eher lockere Gespräch in der eher turbulenten Atmosphäre eines Wiener Kaffeehauses. Dennoch ist sie fröhlich, lacht oft und strahlt eine bestechende Zuversicht aus. Vielleicht ist dies letztendlich auch eine Auswirkung davon, dass sie bereits mit den größten Orchestern und Dirigenten arbeitete. So trat sie schon in der Carnegie Hall in New York auf, in der Kölner Philharmonie, im Amsterdamer Concertgebouw; Säle, von denen andere Pianistinnen und Pianisten in ihrem Alter nur träumen. Und in diesen wichtigen Sälen des Konzertlebens arbeitete sie mit Hugh Wolff, mit Kurt Sanderling, mit Sir Neville Marriner oder Claudio Abbado.

Soeben hat sie eine Tournee mit den Göteborgern Symphonikern unter Neeme Järvi gespielt, mit Chopins 2. und Griegs Klavierkonzert im Wechsel. Warum innerhalb einer Tour mit acht Konzerten zwei Werke? "Auf Tourneen besteht die Gefahr, dass man nach dem dritten oder vierten Abend sagt: Das war jetzt am besten. Und dann fängt man an und versucht, dieses Beste immer wieder zu spielen, ohne etwas Neues auszuprobieren. Dann wird einem auch schnell langweilig und das Risiko, die Spannung auf das Publikum übertragen zu können, ist groß", sagt sie. Schnell wird deutlich, dass diese junge Pianistin sich über vieles in ihrem Leben bereits Gedanken gemacht hat. Wahrscheinlich eine Folge ihres frühen Aufstiegs als Kind. Äußerlich wirkt sie noch jung, in ihren Aussagen aber bereits extrem reif. Wie denkt sie heute über das auch in ihrer Biografie auftauchende Wort "Wunderkind"? "Diesen Terminus habe ich oft analysiert und mich immer wieder gefragt, was heißt das eigentlich, wenn ein Kind etwas tut, oder tun kann, was andere Kinder in diesem Alter vielleicht noch nicht tun oder tun können. Ich glaube heute, dass es eher damit zusammen hängt, dass man als Individuum - gleichgültig ob als Kind oder als Erwachsener - bestimmte Fähigkeiten hat, irgendwelche Bereiche, die einen mehr anziehen als andere. Meine Mutter sagte mir einmal: Wir haben dir damals alles in die Hand gelegt, ein Buch, einen Stift, ein Instrument. Es stimmt also schon, dass ich selbst entschieden habe. Und so glaube ich, dass es eine Fähigkeit ist, die in einem drin steckt, nicht eine anerzogene Sache. Es ist Intuition, die das Besondere ausmacht. Ich habe Beethovens Klavierkonzert Nr. 3 mit neun Jahren gespielt und alle waren begeistert; aber es war nur Intuition, nicht wirkliches Wissen. Natürlich gehört die Musik irgendwie zu meiner Natur, sonst hätte ich das nicht machen können, oder würde es heute nicht mehr machen."

Begonnen hat Mihaela Ursuleasa ihren Unterricht bei ihrem Vater, einem guten Jazz-Pianisten. Ihre Mutter war Sängerin. Dennoch haben die Eltern ihr immer wieder gesagt, dass sie nicht Klavier spielen müsse, dass diese Entscheidung später mit sehr viel Arbeit verbunden sei und man schon als Kind stundenlang am Klavier sitzen würde, anstatt auf dem Spielplatz zu sein. Wie war es bei ihr selbst, wie sah die Kindheit am Klavier aus? "Ich habe überhaupt nicht gerne vor dem Klavier gesessen. Oder, anders gesagt: Ich habe nicht gerne geübt. Ich war von Natur aus faul. Später hat man dann glücklicherweise diese Faulheit bei mir blockiert." Nach den ersten Erfahrungen des Unterrichts mit ihrem Vater, erhielt die kleine Mihaela Unterricht bei einer strengen Lehrerin, "ein wenig so wie in der russischen Schule", wie sie selbst sagt. Acht Stunden sollte sie damals, zwischen sechs und sieben Jahren täglich üben. "Das war natürlich zu viel für mich. Aber dennoch hat es sich gelohnt", sagt sie nachsinnend. Eine harte Schule, die sich lohnt? "Ja, ich sehe heute die guten Seiten. Ich weiß nicht wie ich mich entwickelt hätte, wenn es anders gewesen wäre."

Mit 12 Jahren, bereits nach Wien übersiedelt, trifft sie auf Claudio Abbado. Der rät ihr, nicht mehr so viel Konzerte zu spielen, sondern eine Pause einzulegen. "Ich bin heute froh, dass er mir dazu geraten hat. Denn ich spielte seit ich sechs war beständig Konzerte. Und es blieb einfach keine Zeit mehr, um etwas gründlich zu üben, etwas zu erarbeiten, hinter die Werke zu blicken." Ihre Lehrerin wollte sie nur aufs Podium hieven, wollte ihr schnell immer mehr Werke beibringen. "Das funktionierte nur mit vielen Tricks, aber nicht mit lang anhaltendem Erarbeiten, was ein Leben lang gut für einen ist", sagt sie rückblickend. "Ich war mit 11, 12 Jahren bereits ziemlich kaputt. Dann sollte ich Abbado vorspielen, natürlich mit dem Hintergedanken, dass er mit mir arbeiten möchte, dass er mich fördert. Aber er denkt ganz anders. Er sagte: "Ja, sie ist talentiert, aber sie steht auf einem wackeligen Grund." Ihre Mutter traf dann letztendlich die Entscheidung, sie aus dem Kreislauf der Konzertauftritte zu reißen. Sie erkannte, dass ihre Tochter bereits mit 11 Jahren so müde nach Hause kam, wie eine ältere Frau. "Es war wie eine Rettung", sagt sie dankbar. Dann der endgültige Wechsel nach Wien. Mit einem Stipendium, das sie auf Empfehlung von Abbado erhielt, begann sie an der Wiener Musikhochschule bei Heinz Medjimorec, dem Pianisten des Haydn-Trios. "Viele Leute fragen mich, ob die Umstellung nicht sehr schwer war. Dass ich auf einmal nicht mehr Auftritte hatte. Nein, es war wunderbar. Ich war froh, nicht mehr diesen Druck zu haben." Verständlich für ein Mädchen von 11 oder 12 Jahren. Medjimorec war ein "wunderbarer Pädagoge", sagt sie, der ihr half, selbstständig zu denken. "Er stellte Fragen, die ich nicht beantworten konnte, die mich aber zum Nachdenken anregten. Und dieses Nachdenken hilft einem dann selbst die Antworten zu finden. Und plötzlich versteht man, warum man gewisse Dinge so und so macht. Er war ein warmer Mensch, motivierend. Und er nahm mir die Angst, denn ich war extrem schüchtern, wusste gar nicht, was diese ganzen Leute von mir wollten."

Dennoch hat sie heute ihre ganz eigenen Ansichten, wenn es um die frühe Erziehung von begabten Kindern geht: "Ich bin in jedem Fall dafür, dass Wunderkinder, oder sehr talentierte Kinder, früh ein großes Repertoire erlernen. Warum auch nicht Stücke spielen, die schwieriger sind. Denn in diesem Alter arbeitet das Gehirn einfach am effektivsten. Und das, was in diesem Alter erlernt wird, das bleibt für das ganze Leben haften. Später, wenn man 15, 16 oder 18 ist, hat man dann die Flexibilität, sich mit einem Stück intensiver auseinander zu setzen, weil man es so früh kennen gelernt hat. Wenn man den anderen Weg geht, langsam an alles heran geführt wird, und soll dann mit 20 ein Liszt-Konzert lernen, dann fragt man sich schnell: Wie soll ich das denn schaffen?" Die Angst sei weggenommen, meint sie. Auch sie weiß, dass man für bestimmte Werke eine gewisse Reife benötigt, aber warum soll man erst mit 40 Jahren Beethoven Sonate Opus 111 überhaupt erst lesen, fragt sie sich. "Je früher man mit einem Stück vertraut ist, um so mehr und um so schneller kann man diese Reife erlangen."

Irgendwie hört sich das alles sehr weise an, trotz des Alters von 24 Jahren. "Nein, es ist nur die Art wie ich denke", sagt sie lachend. "Und vielleicht liegt es gerade an dem Alter, in dem ich bin. Momentan bin ich einfach für alles offen, für jede Richtung in der Musik. Wenn ich Zeit habe, dann lerne ich gerne Neues. Später kann ich dann auswählen, welches Repertoire ich mehr mag oder welches weniger." Soll das etwa heißen, dass es keine Abgrenzung gibt, kein Repertoire, das sie lieber nicht spielt? "Doch, das gibt es schon. Ich fühle mich sehr wohl bei Mozart- und Beethoven-Konzerten. Und warum eigentlich frage ich mich. Ich denke, weil ich damit so früh in Kontakt gekommen bin. Oder auch bei Chopin und Schumann, wobei ich mich bei Schumann noch wohler fühle." Seit ein paar Monaten beschäftigt sie sich mehr mit impressionistischem Repertoire, findet es spannend, auch wenn man "einen ganz anderen Anschlag" lernen muss.

Mihaela Ursuleasa geht emotional an die Musik heran, tatsächlich immer noch intuitiv. Allerdings heute mit einem größeren Rückhalt aus allem, was sie in den vergangenen Jahren über die Musik gelernt hat. Erst 1999 schloss sie ihr Konzertexamen in Wien ab, mit summa cum laude - und mit einer Konzerterfahrung, einer Erfahrung mit dem Publikum, die ihr niemand mehr nehmen konnte. Vielleicht ist dies eines der "Geheimnisse", warum diese junge Pianistin so erfolgreich spielt, mit anderen Musikern zusammen arbeitet. Mehrfach hat sie dem rumänischen Pianisten Radu Lupu vorgespielt: "Er hat mir sehr geholfen, einfacher zu denken. Zu erkennen, wie man nur im Sinne des Komponisten spielt, wo man sich selbst in die Gefahr begibt, sich wichtiger zu nehmen als das Werk oder den Komponisten." Nachdem sie in den vergangenen Jahren deutlich mehr Klavierkonzerte spielte als Solo-Recitals, hält sich mittlerweile die Waage zwischen Solo-Auftritten, Konzerten und Kammermusik. "Ich möchte von allem etwas haben, denn dann verliert man sich nicht so in eine bestimmte Richtung." Sie sagt, dass die eine Form der Musik ihr bei der anderen hilft. "Gerade das Zusammenspiel mit anderen ist so wichtig. Wir sind ja als Pianisten von Kind an mit uns selbst beschäftigt. Unser Instrument ist ja auf den ersten Blick so einfach. Wenn man eine Taste anschlägt, dann hat man den richtigen Ton. Ein Streicher muss erst einmal lange üben, um überhaupt einen guten Klang oder einen richtigen Ton zu erzeugen. Dabei ist gerade auf dem Klavier der Klang so wichtig. Und da hilft es von anderen Instrumentalisten zu lernen. Mein Lehrer und auch Radu Lupu sagten mir: Spiel nicht Klavier, sondern singe oder spiele ein anderes Instrument. Denn letztendlich ist das Klavier für mich auch ein Saiteninstrument, bei dem eine Saite schwingt." Die weißen und schwarzen Tasten bringen letztendlich nicht den Ton, sondern die Saiten, meint sie.

Unterricht hat sie momentan nicht mehr. Aber sie lernt beständig. "Im vergangenen Sommer war ich das erste Mal - und dort werde ich auch in diesem Sommer wieder sein - beim Marlboro Music Festival, das momentan von Mitsuko Uchida und Richard Goode geleitet wird. Dort kann man viel lernen, da man die Zeit hat, ein Stück bis zum letzten zu proben. Kein Druck für eine Aufführung. Es ist herrlich." Mit der Cellistin Tanja Tetzlaff und der aus Moldavien stammenden Geigerin Patrizia Kopatchinskaja spielt sie - neben anderen Partnern - häufig Kammermusik. Ist in diesem Jahr auch beim von Lars Vogt geleiteten Festival "Spannungen" in Heimbach dabei. Auch in diesem Spiel lernt sie. Und sie versucht beständig, sich mit namhaften Pianisten zu treffen, mit ihnen zu sprechen, ihnen vorzuspielen. "Diese Pianisten haben eine andere Sicht auf Dinge, da auch sie diese Erfahrungen haben, die ich noch machen möchte oder schon gemacht habe. Das hilft mir sehr."

Bislang hat Mihaela Ursuleasa zwei CDs eingespielt. Eine bei Claves als flankierende Maßnahme des Clara-Haskil-Wettbewerb-Gewinns, und eine zu Promotion-Zwecken.

Aufgrund aller dieser Erfahrungen aus ihrer Kindheit und Jugend, ist bei Mihaela Ursuleasa eine Idee gereift, die sie zukünftig in die Tat umsetzen will: "Ich möchte gerne eine Institution oder ein Festival gründen, wo junge begabte Musiker Rat und Unterstützung erhalten. Wo sie vor bestimmten negativen Einflüssen dieser Szene geschützt werden. Ich suche also eine Gruppe von Menschen, die diese Idee mit unterstützen."

Nähere Informationen unter www.ursuleasa.com

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