"Ich will den jungen Menschen die klassische Musik näher bringen."

Der Pianist Lang Lang

 

Von: Carsten Dürer


Als „aufgehenden Stern“ hatte ihn schon 1999 die Chicagoer Presse gefeiert: Der damals gerade 16-jährige Chinese Lang Lang war für den angekündigten André Watts beim Rivinia-Festival eingesprungen. Der Startpunkt einer großartigen Karriere, deren Grundstock der heute 20-Jährige bereits mit drei Jahren legte, als er mit dem Klavierspiel begann. Nach vielen Konzerten, vor allem in den USA und in Asien, macht sich Lang Lang nun auf, auch in Europa bekannter zu werden. Und dies sollte ihm nun zudem dadurch gelingen, dass er soeben einen exklusiven 5-Jahresvertrag mit der Deutschen Grammophon geschlossen hat. Und schon im Juli wird die erste CD aus diesem Vertrag veröffentlicht, mit Tschaikowskys Klavierkonzert Nr. 1 und Mendelssohns Klavierkonzert g-Moll, begleitet vom Chicago Symphony Orchestra unter der Leitung von Daniel Barenboim. Wir trafen Lang Lang am Rande eines Konzertes in Braunschweig, um uns mit ihm über seine Ausbildung, seine steile Karriere, seine Ideen und seine Zukunftsansichten zu unterhalten.



PIANONews: Im vergangenen Jahr sind Sie von dem amerikanischen Magazin „Teen People“ zu einem von 20 Teen-Stars gewählt worden, die in der Lage sein werden, die Welt zu verändern. Fühlen Sie sich heute wie ein Star?

Lang Lang: [grinst und überlegt nur kurz] Ich denke – ja, irgendwie. Aber natürlich sind wir klassische Musiker, verstehen Sie. Es ist zwar gut, ein Star zu sein, aber wir dürfen nicht vergessen, dass wir Klavier und klassische Musik spielen. Wir müssen aber die klassische Musik gerade der jüngeren Generation näher bringen. Das ist eines meiner Ziele – und die chinesische Kultur in den Westen zu bringen.

PIANONews: Wie versuchen Sie das: die klassische Musik dem jungen Publikum näher zu bringen? Wir beide wissen, dass die größte Anzahl des Publikums wohl weltweit über 50 Jahre alt ist.

Lang Lang: Nun, wir versuchen gerade – vor allem in Amerika und in Asien, dass ich in mehr angesagten Fernseh-Shows auftrete. Es ist auch wichtig, etwas zu spielen, das für die meisten Zuhörer erst einmal leichter anzuhören ist. So wie jetzt auf der neuesten CD das Tschaikowsky Konzert und das von Mendelssohn. Ich meine nicht, dass diese Stücke leichter zu spielen sind, aber mit ihnen findet man den schnelleren Kontakt zu einem größeren Publikum. Daneben gehe ich immer häufiger in Schulen und in Universitäten, um mit den Kindern und Jugendlichen zu sprechen und zu spielen. Es ist wichtig, dass man ihre Emotionalität schneller erreicht, dann beginnen sie auch Verständnis für diese Musik zu entwickeln. Ich versuche also für die Musik Bilder zu finden, um ihnen die Aussage stärker zu verdeutlichen. Und auf einmal, wenn sie das Stück dann hören, erkennen sie etwas, können sich etwas vorstellen und werden emotional bewegt. Das ist wichtig. Einige Werke haben natürlich auch Titel, die helfen. Wir müssen versuchen, die klassische Musik ganz frisch darzustellen, so als ob sie gerade entsteht. Viele sagen immer, warum soll ich diese Musik hören, die Komponisten sind schon seit 200 Jahren tot, wir benötigen etwas Neues, etwas Frisches. Also müssen wir zeigen, dass diese großartigen Werke immer wieder spannend und neu sind, ihnen das Gefühl zeigen, dass diese Musik so groß und spannend ist.

PIANONews: Der Gang in die öffentlichen Schulen vor Konzerten ist in den USA sicherlich heutzutage mehr normal als in Deutschland, oder?

Lang Lang: Ja, aber ich will auf Dauer auch versuchen, dieses System in Deutschland durchzuführen. Allerdings muss ich dafür erst noch die deutsche Sprache lernen, denke ich. Aber diese Art ist sehr wichtig, wir müssen die klassische Musik ganz nahe zu ihnen bringen, zu den Kindern, wir müssen mit ihnen sprechen und ihnen zeigen, dass wir genauso sind wie sie auch, dass wir dieselben Interessen haben wie sie, auch wenn wir klassische Musik spielen.

PIANONews: Das fällt Ihnen sicherlich leichter als anderen, da Sie selbst noch recht jung sind.

Lang Lang: Ja, und es liegt sicherlich auch an meiner sehr lockeren Art. Auch mit dem Vertrag mit der Deutschen Grammophon. Werden wir hoffentlich jetzt mehr in diesem Bereich erreichen, stärker sein als bisher. Es ist ja nichts Falsches daran, das auch die älteren Menschen die klassische Musik lieben, aber diese Musik wird aussterben, wenn wir nichts für die Jüngeren tun.

PIANONews: Sie begannen tatsächlich schon mit drei Jahren das Klavierspiel? Das kommt mir doch recht früh vor.

Lang Lang: Nun, mit zwei Jahren habe ich bereits begonnen, auf dem Klavier zu improvisieren und das nachzuspielen, was ich an klassischer Musik oder an traditioneller chinesischer Volksmusik gehört hatte. Ernsthaft begann ich allerdings dann erst mit drei Jahren mit dem Unterricht. Der erste Lehrer, den ich hatte, war mein Vater. Er ist selbst Musiker und spielt traditionelle Volksmusik und spielt Arho, ein traditionelles chinesisches Saiteninstrument.

PIANONews: Also hatten Sie bei sich zu Hause bereits ein Klavier stehen?

Lang Lang: Ja, es war sicherlich eine besondere Situation, da meine Eltern Volksmusik spielten und die klassische Musik des Westens liebten. So erhielt ich ja schon sehr früh Zugang zu diesen beiden Musikrichtungen. Dann ging es aber bald weiter. Mit fünf Jahren habe ich den ersten Wettbewerb gewonnen und mein erstes Solokonzert gespielt. Und damals wurde der Traum geboren, ein professioneller Pianist zu werden.

PIANONews: Tatsächlich schon mit fünf Jahren?

Lang Lang: Ja, ich fühlte mich einfach wohl, da oben auf der Bühne, es kam mir sehr natürlich vor, für ein Publikum zu spielen und ihm Freude zu bereiten.

PIANONews: Danach haben Sie ja noch einige Kinder- und Jugendwettbewerbe gespielt und gewonnen. Mussten Sie niemals an einem internationalen Wettbewerb teilnehmen, um sich mit Älteren zu messen?

Lang Lang: Nein, ich hatte Glück, da meine Karriere bereits nach dem Sieg des letzten Wettbewerbs begann.

PIANONews: Ihre Heimat ist ja sehr bekannt dafür, dass dort das Ausbildungssystem – und auch das im Bereich der Musik – für Kinder hervorragend ist. Denken Sie, dass China auch für ein Studium des Klaviers interessant ist?

Lang Lang: Ja, sehr interessant sogar. Für das Erlernen der Grundsätze ist dieses Land sehr interessant. Zum einen lernen die chinesischen Studenten viel disziplinierter als beispielsweise in den USA oder in Deutschland. Sie denken von Anfang an mehr, dass das Klavierspiel ihr Beruf ist – auch während des Studiums – und nicht, dass sie Spaß haben wollen beim Spiel. Sie arbeiten einfach mit mehr Regelmäßigkeit. Das Lehrsystem in Asien ist auch wesentlich strikter, es ist alles sehr ernsthaft.

PIANONews: Ja, wenn man heute die Wettbewerbe auf internationalem Niveau ansieht, sind immer mehr Chinesen auf den vorderen Plätzen zu finden. Zum Teil mehr als Japaner oder Koreaner, die eine Zeit lang die Szene zu beherrschen schienen. Technisch sind alle sehr gut, aber die Chinesen scheinen mehr Emotionalität ins Spiel zu legen.

Lang Lang: [stürmisch zustimmend] Ja, die Chinesen haben mehr Gefühl im Spiel! Letztendlich ist es natürlich sehr individuell. Es gibt ein hohes technisches Niveau, aber es gibt so viele Menschen, die das Klavier studieren. Und so gibt es immer einen extrem starken Wettbewerb. Ich befand mich immer in einer Art Wettbewerb mit meinen Nachbarn, die alle Klavier spielten, auch wenn sie ein oder zwei Jahre älter waren als ich. Und da fällt mir gerade eine unglaubliche Geschichte ein. Heute Morgen war ich auf dem Frankfurter Bahnhof, ging mit meinem Vater ins Reisezentrum, um eine Fahrkarte zu kaufen. Und plötzlich sehe ich meine alte Nachbarin, die ich seit acht Jahren nicht mehr gesehen habe und die jetzt – sie ist zwei Jahre älter als ich – in Frankfurt Klavier studiert. Das war ein unglaubliches Erlebnis. Sie müssen sich das vorstellen: Frankfurt, Bahnhof, am Fahrkartenschalter und ich treffe meine ehemalige Nachbarin, genau an dem Ort, an dem ich erstmals eintraf, als ich meine Heimat verlassen habe ... Die Welt ist irgendwie doch sehr klein. Ich war natürlich glücklich sie zu sehen.

PIANONews: Später, im Jahre 1997, gingen Sie ja dann an das berühmte Curtis Institute for Music in Philadelphia in den USA. Mussten Sie da erst einmal etlichen Leuten vorspielen, um aufgenommen zu werden?

Lang Lang: Nun ja, eigentlich schon. Ich gewann in diesem Jahr 1997 den Tschaikowsky-Wettbewerb für junge Musiker in Moskau. Zudem war ich bereits in Asien schon recht bekannt, als ich 13 Jahre alt war. Damals spielte ich mit 13 Jahren schon die kompletten Chopin-Etüden im Konzertsaal in Peking. Also schlugen mir schon damals viele Leute vor, dass ich China verlassen sollte, um in Europa oder in Amerika zu studieren. Damals ging ich dann nach Amerika, um einige Konzerte zu geben. Und es gab ein Video von dem Konzert, das ich in Moskau mit den Moskauer Philharmonikern gespielt hatte, das 2. Chopin-Konzert. Und dieses Konzert wurde weltweit im Fernsehen gezeigt. Und so sah es auch der Direktor des Curtis Institute, Gary Graffmann, der sagte: Dieser Junge soll hier studieren. Er fragte mich nach mehr Aufnahmen, und so schickte ich ihm auch das Tape mit den Chopin-Etüden. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich dann auch schon Angebote mit Stipendien, um an fast allen wichtigen amerikanischen Hochschulen zu studieren. Aber ich entschied mich für Curtis: Es ist sehr ruhig dort, hat ein unglaublich hohes Niveau und – es ist unglaublich –: Jeder Klavierstudent erhält dort einen Steinway-Flügel nach Hause. Und zudem muss ich sagen: Gary Graffman, dessen Namen ich kannte und der in den USA ein wahnsinnig berühmter Pianist ist, hat mich absolut fasziniert. Zudem ist Horowitz mein großes Vorbild und Graffman ist Horowitz-Schüler, verstehen Sie?

PIANONews: Ja, ich verstehe. Was war denn der größte Unterschied im Bereich des Unterrichts, als Sie in Amerika bei Graffman begannen?

Lang Lang: Nun, ich muss dazu sagen, dass ich auch in China schon hervorragende Lehrer hatte. Meine erste Lehrerin, die eine Bach-Spezialistin ist, studierte in Europa und hat ein wenig das Spiel und die Methode der älteren deutschen Klavierschule. Mein zweiter Lehrer studierte in St. Petersburg. Und so war es sehr hilfsreich, den Einfluss anderer Länder zu haben. Auch während meiner Wettbewerbe habe ich immer die Gelegenheit genutzt, den Jury-Mitgliedern aus aller Welt vorzuspielen. Das hat mir sehr geholfen. Natürlich gab es dennoch einen Unterschied, da Herr Graffman selbst ein hervorragender Pianist ist. Als ich bei ihm begann, schien alles sehr schnell zu gehen. In den ersten drei Jahren lernte ich 37 Klavierkonzerte und 10 unterschiedliche Solo-Programme – das war wirklich eine riesige Anzahl an neuer Literatur. Jeden Tag gab es etwas Neues zu lernen. So konnte ich mir ein immenses Repertoire aneignen.

PIANONews: Wie viele Stunden haben Sie da geübt?

Lang Lang: Damals meistens fünf Stunden täglich oder auch schon einmal mehr. Dann wurde es allerdings immer weniger pro Tag, da meine Karriere sich zu entwickeln begann und ich immer mehr auf Reisen war. Aber zu Beginn einer Karriere ist es sehr wichtig, viel Repertoire zu lernen und viel zu üben. Und ich hatte natürlich immenses Glück: Denn als ich nach Amerika ging, wurde ich von der großen Agentur IMG übernommen, die mir natürlich sehr geholfen haben, dass die Karriere sich so schnell entwickelte.

PIANONews: Deshalb hatten Sie auch die Chance als Einspringer in Chicago gewählt zu werden? Lang Lang: Ja, die Agenturen bereiten einem natürlich diese Chancen vor. Es kam dazu, dass ich für einige berühmte Dirigenten vorspielen sollte – wie das immer gemacht wird –, um später möglicherweise ein Engagement mit dem Orchester und diesem Dirigenten zu erhalten. Ich hatte zwar schon Konzerte mit großen amerikanischen Orchestern gespielt, aber es waren halt noch nicht die so genannten „Big Five“, die fünf besten. So spielte ich eines Tages für Christoph Eschenbach und für das Chicago Symphony Orchestra vor. Christoph Eschenbach hatte mich gebeten, 20 Minuten für ihn zu spielen. Ich spielte also eine Haydn-Sonate 10 Minuten lang. Dann sagte er: Machen Sie weiter. Ich spielte also die Brahms-Intermezzi Opus 118. Allein diese sind schon 30 Minuten lang. Dann sollte ich immer noch weiterspielen. So spielte ich noch eine Chopin-Sonate und eine von Rachmaninoff , dann Beethoven-Konzert und Skrjabin und so weiter. Am Ende waren es zwei Stunden. Plötzlich schaut er auf seine Uhr und ist bestürzt, wie viel Zeit vergangen ist, und eilt hinaus, da das gesamte Chicago Symphony Orchestra auf ihn wartete.

PIANONews: Das war natürlich ein großes Kompliment für Ihr Spiel.

Lang Lang: Dann kam es zu dem Vorspiel für den Rivinia Festival-Direktor Zarin Metha. Und er sagte: Wenn du etwas für uns spielen willst, dann spiel jetzt. Ich war gerade 17 Jahre alt und überlegte, welches Konzert ich aussuchen sollte. Also spielte ich das Tschaikowsky-Konzert. Als ich wieder zu Hause in Philadelphia war, rief mich meine Agentur ganz frühmorgens an und weckte mich. Normalerweise rufen die nie so frühmorgens bei mir an, und ich wollte schon sagen, dass sie sich später noch einmal melden sollten. Und sie sagten: Ok. Willst du berühmt werden, dann steh direkt auf, oder du kannst in Zukunft sehr viel schlafen. Ich sagte: Natürlich will ich berühmt werden. Also sagten sie: Kannst du das Tschaikowsky Konzert spielen? Jetzt, in Chicago? Und ich sagte ja. Es war das „Gala-Konzert des Jahrhunderts“, so wurde es genannt. Und es spielten an diesem Abend alle berühmten Musiker, wie Alicia de Larrocha, Isaac Stern und viele mehr. Es gab also eine Probe, und dann holte mich Isaac Stern auf die Bühne und hat eine wunderbare Ansprache auf mich gehalten. Das hat meine Energie beflügelt. Und damit begann alles, dort in Chicago.

PIANONews: Wie ging es weiter?

Lang Lang: Nun, da gab es ja noch diese Nachfeier nach diesem Konzert. Und alle hatten schon ein wenig getrunken, und Zarin Methy sagte, dass ich wirklich gut gespielt hätte und fragte, ob ich noch etwas spielen wolle, während der Feier. Und ich überlegte nicht lange und sagte ja – es war bereits zwei Uhr nachts. Und dann fragten sie, ob ich Bachs Goldberg-Variationen spielen könne. Eine harte Aufgabe, denn ich hatte diese Variationen zwei Jahre lang nicht mehr gespielt. Also setzte ich mich an den Flügel und spielte aus dem Gedächtnis, die kompletten Variationen aus dem Gedächtnis. Und ich spielte so gut wie niemals zuvor diese Variationen. Es war auch für mich selbst unglaublich, dass ich das hinbekam. Und so war es ein doppelter Erfolg.

PIANONews: Seither geht Ihre Karriere steil aufwärts?

Lang Lang: Ja. Mittlerweile habe ich mit allen großen amerikanischen und englischen Orchestern gespielt, auch mit einigen in Deutschland.

PIANONews: Wie viele Konzerte geben Sie mittlerweile im Jahr?

Lang Lang: Ungefähr 150 Konzerte.

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